Lorenzenit kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem und entwickelt meist prismatische Kristalle mit dicktafeligem bis nadeligem Habitus, kommt aber auch in Form faseriger bis filziger oder lamellenförmiger Mineral-Aggregate vor. In reiner Form ist Lorenzenit farblos und durchsichtig. Durch vielfache Lichtbrechung aufgrund von Gitterbaufehlern oder polykristalliner Ausbildung kann er aber auch weiß erscheinen und durch Fremdbeimengungen eine hellbraunviolette, hellrosa bis malvenähnliche oder auch braune bis schwarze Farbe annehmen, wobei die Transparenz entsprechend bis zur völligen Undurchsichtigkeit abnehmen kann.
Erstmals entdeckt wurde Lorenzenit nahe der ehemaligen Siedlung Narsarsuaq (auch Narssârssuk) im Nordwesten von Grönland und beschrieben 1897 durch Gustaf Flink, der das Mineral nach dem dänischen Mineralogen Johannes Theodor Lorenzen (1855–1884) benannte. Die chemische Analyse nahm R. Mauzelius vor.
1922 fand eine Expedition unter Alexander Jewgenjewitsch Fersman im Nephelin-Syenit auf der russischen Halbinsel Kola ein verwandtes Mineral, das erstmals von E. Kostyleva beschrieben (veröffentlicht 1923) und nach dem finnischen Geologen Wilhelm Ramsay als Ramsayit bezeichnet wurde. Kostyleva bemerkte allerdings bereits bei seiner Erstbeschreibung die große Ähnlichkeit mit Lorenzenit in Bezug auf chemische Zusammensetzung und Kristallform und vermutete, dass die beiden Minerale identisch sein könnten. Mithilfe weiterer Analysen durch Barth und Berman 1930 sowie durch Kraus und Mussgnuga 1941 konnten die Strukturdaten von Lorenzenit korrigiert und damit belegt werden, dass Ramsayit und Lorenzenit praktisch identisch waren. Lediglich die Zusammensetzung unterschied sich geringfügig dahingehend, dass die von Mauzelius analysierte Lorenzenit-Probe einen signifikanten Anteil Zirconium (11,92% in Form von ZrO2[9]) enthielt.
Die erneute Analyse einer sehr reinen Probe des Lorenzenit-Typmaterials durch Thure Georg Sahama ergab allerdings, dass der Zirconiumanteil ebenso wie beim Ramsayit verschwindend gering war. Selbst die ebenfalls in beiden Proben festgestellte Fremdbeimengung von Niob war höher.[8] Da jedoch zum einen das von Mauzelius analysierte Originalmaterial nicht mehr zur Verfügung stand und zum anderen der Beschreibung von Flink eine detaillierte Angabe der Analysemethode fehlte, konnte Sahama nicht mit letzter Sicherheit klären, ob Mauzelius’ Analyse fehlerhaft war oder der Zirconiumanteil einfach eine Verunreinigung der Probe darstellte. Im Hinblick auf die Höhe des Anteils von fast 12% ist allerdings zweifelhaft, ob Mauzelius’ Probe so unrein gewesen sein konnte. Die Möglichkeit besteht zwar aufgrund der an der Typlokalität Narsaarsuk vorgefundenen Vergesellschaftung mit dem Natrium-Zirconium-Silikat Elpidit, jedoch lässt sich dieses Mineral sehr leicht vom Lorenzenit trennen.[10]
Im deutschsprachigen bzw. westlichen internationalen Sprachraum, gestützt durch die International Mineralogical Association (IMA), setzte sich inzwischen die Bezeichnung Lorenzenit (englisch Lorenzenite) durch[3], während im russischen Sprachraum die Bezeichnung Ramsayit noch weit verbreitet ist. Der finnische Mineraloge Wilhelm Ramsay erhielt allerdings 2004 durch das neu entdeckte Mineral Wilhelmramsayit doch noch eine international anerkannte Ehrung.
In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Lorenzenit die System- und Mineralnummer 65.01.06.01. Auch dies entspricht der Klasse der „Silikate“ und der Abteilung der „Kettensilikatminerale“. Hier ist er als Namensgeber der „Lorenzenitgruppe“ mit der Systemnummer 65.01.06 und den weiteren Mitgliedern Kukisvumit, Lintisit, Manganokukisvumit und Punkaruaivit innerhalb der Unterabteilung „Kettensilikate: Einfache unverzweigte Ketten, W=1 mit Ketten P=2“ zu finden.
Als seltene Mineralbildung konnte Lorenzenit nur an wenigen Orten nachgewiesen werden, wobei weltweit bisher rund 100 Vorkommen dokumentiert sind (Stand: 2024).[12] Außer an seiner Typlokalität Narsaarsuk in Grönland konnte das Mineral in Grönland bisher nur noch am „Gardinerkomplex“ nahe Kangerlussuaq und im Ilimmaasaq-Komplex bei Narsaq gefunden werden.[13]
Bekannte Fundorte in Deutschland sind der Steinbruch „Michelsberg“ am Katzenbuckel in Baden-Württemberg und der Steinbruch „Caspar“ am Ettringer Bellerberg bei Ettringen in der nordrhein-westfälischen Eifel.
In Russland wurde aufgrund der komplexen Fundgeschichte des Minerals vor allem die Halbinsel Kola als Fundgebiet bekannt, wobei die meisten Lorenzenitfunde aus den Gebirgsmassiven der Chibinen und der Lowosero-Tundra stammen. Erwähnenswert im Einzelnen ist unter anderem der Berg Flora im Lowosero-Tundra-Massiv, wo Kristalle von bis zu acht Zentimetern gefunden wurden.[14]
Weitere Fundorte liegen unter anderem in Kanada, Libyen, Marokko, Norwegen, Spanien, Südafrika sowie Arkansas und New Mexico in den Vereinigten Staaten von Amerika.[13]
Markku R. Sundberg, Martti Lehtinen, Raikko Kivekäs:Refinement of the crystal structure of ramsayite (lorenzenite). In: American Mineralogist. Band72, 1987, S.173–177 (englisch, rruff.info[PDF; 520kB; abgerufen am 25.Oktober 2024]).
Th. G. Sahama:Analysis of ramsayite and lorenzenite. In: American Mineralogist. Band32, 1947, S.59–63 (englisch, rruff.info[PDF; 303kB; abgerufen am 25.Oktober 2024]).
Gustaf Flink:Undersøgelser af mineraler fra Julianehaab indsamlede - 27. Lorenzenite. In: On the minerals from Narsarsuk on the Firth of Tunugdliarfik in Southern Greenland, Meddelelser om Grønland. Band24, 1899, S.9–180 (englisch, rruff.info[PDF; 4,7MB; abgerufen am 25.Oktober 2024]).
Lorenzenite search results.In:rruff.info.Database of Raman spectroscopy, X-ray diffraction and chemistry of minerals (RRUFF);abgerufen am 25.Oktober 2024(englisch).
123456Hugo Strunz, Ernest H. Nickel:Strunz Mineralogical Tables. Chemical-structural Mineral Classification System. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S.622 (englisch).
12Stefan Weiß:Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
12345678
Lorenzenite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (englisch, handbookofmineralogy.org[PDF; 76kB; abgerufen am 25.Oktober 2024]).
1234Lorenzenite.In:mindat.org.Hudson Institute of Mineralogy,abgerufen am 25.Oktober 2024(englisch).
12Th. G. Sahama:Analysis of ramsayite and lorenzenite. In: American Mineralogist. Band32, 1947, S.61 (englisch, rruff.info[PDF; 303kB; abgerufen am 25.Oktober 2024]).
↑Th. G. Sahama:Analysis of ramsayite and lorenzenite. In: American Mineralogist. Band32, 1947, S.59 (englisch, rruff.info[PDF; 303kB; abgerufen am 25.Oktober 2024]).
↑Th. G. Sahama:Analysis of ramsayite and lorenzenite. In: American Mineralogist. Band32, 1947, S.63 (englisch, rruff.info[PDF; 303kB; abgerufen am 25.Oktober 2024]).