Niobhaltige Perowskite wurden bereits im 19. Jahrhundert in Kalksteinen des Kaiserstuhls bei Schelingen gefunden und als Dysanalyt beschrieben. A. Knop hatte "...im laufe der Zeit beträchtliche Quantitäten jener Gesteine in Salzsäure aufgelöst...",[9] um an die kleinen, würfelförmigen Kristalle zu kommen, doch viele seiner Ergebnisse erwiesen sich als unzutreffend. Die Eigenständigkeit des Dysanalyt war schon damals umstritten. Otto Hauser löste weitere 10 kg Vogtsburger Kalkstein in Säure auf und berichtete 1908, dass die Niobgehalte Einschlüssen zuzuschreiben sind und das Mineral folgerichtig als Perowskit angesprochen werden muss.[10] Spätere chemische Analysen durch E. Hugel (1912) belegten die Niobgehalte des Minerals und der Name Dysanalyt blieb weiter in Gebrauch. J. Söllner aus Freiburg beschrieb 1912 die optischen Eigenschaften des Dysanalyt als durchscheinend, von nelkenbrauner bis grünlicher Farbe, doppelbrechend mit komplexer Zwillingsbildung. Die pseudokubischen Kristalle sind ihm zufolge Durchdringungs-Sechslinge orthorhombischer Kristalle, die zudem eine feinlamellare, polysynthetische Verzwillingung parallel zu den Würfelflächen aufweisen.[5]
1963 beschrieben Ernest Henry Nickel und R. C. McAdam niobreiche Perowskite aus dem Oka Karbonatit westlich von Montreal in der Provinz Québec, Kanada. Entsprechend ihres Klassifikationssystems, das die Perowskite nur nach der Besetzung der 12-fach koordinierten A-Position klassifiziert (Calcium in diesem Fall), vergaben sie für diese Minerale der Perowskitgruppe zunächst keinen eigenen Namen.[6][7] Schon im Jahr darauf überdachte Nickel diese Benennung, bezog die Besetzung der oktaedrischen B-Position mit ein (mehr Niob als Titan) und führte den Namen Latrappit für Perowskite mit vorwiegend Calcium auf der A-Position und vorwiegend Niob auf der B-Position ein. Die Benennung erfolgte nach dem Kloster La Trappe, das eine halbe Meile vom Fundort entfernt liegt.[12][13]
Die Oka-Latrappite unterscheiden sich von anderen Niob-reichen Perowskiten durch niedrigere Na-Gehalte und signifikante Fe3+-Gehalte. Ca2NbFeO6 ist eine wesentliche Komponente dieser Mischkristalle und Roger H. Mitchell wählte daher 1996 diese Zusammensetzung als Endgliedzusammensetzung von Latrappit. Eine erneute Untersuchung verschiedener Latrappite aus unterschiedlichen Fundorten bestätigte, dass alle natürlichen Latrappite komplexe Mischkristalle sind, mit Ca2Nb2O7 als dominantem Endglied vieler Oka-Latrappite. Daher wurde auch in Erwägung gezogen, den älteren Namen Dysanalyt mit der Endgliedzusammensetzung des Calciumniobats für diese Perowskite zu verwenden.[14]
Im Jahr 2017 publizierten Mitchell, Welch und Chakhmouradian eine Klassifikation der Minerale mit Perowskitstruktur und legten darin die Endgliedzusammensetzung von Latrappit auf Ca2NbFeO6 fest.[15]
Die strukturelle Klassifikation der IMA zählt den Latappit zur Gruppe der stöchiometrischen Doppelerowskite in der Perowskit-Supergruppe. Hier bildet er zusammen mit Vapnikit die Vapnikit-Untergruppe.[15]
In der veralteten 8. Auflage der Mineralsystematik nach Strunz gehörte der Latappit zur Mineralklasse der „Oxide und Hydroxide“ und dort zur Abteilung „M2O3- und verwandte Verbindungen“, wo er zusammen mit Loparit-(Ce) (ehemals Loparit), Lueshit, Perowskit und Zirkelit sowie den inzwischen diskreditierten Mitgliedern Dysanalyt (Varietät von Perowskit), Nioboloparit (Varietät von Loparit-(Ce)) und Uhligit die „Perowskit-Gruppe“ mit der System-Nr. IV/C.07 bildete.
Die von der International Mineralogical Association (IMA) zuletzt 2009 aktualisierte 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Latappit in die erweiterte Abteilung „Metall:Sauerstoff=2:3, 3:5 und vergleichbare“ ein. Diese ist weiter unterteilt nach der relativen Größe der beteiligten Kationen. Hier ist das Mineral in der Unterabteilung „Mit großen und mittelgroßen Kationen“ zu finden, wo es zusammen mit Barioperowskit, Lakargiit, Lueshit, Natroniobit und Perowskit die „Perowskit-Lueshit-Gruppe“ mit der System-Nr. 4.CC.30 bildet.[3]
In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Latrappit die System- und Mineralnummer 04.03.03.02. Das entspricht ebenfalls der Klasse der „Oxide und Hydroxide“ und dort der Abteilung „Oxide“. Hier findet er sich innerhalb der Unterabteilung „Einfache Oxide mit einer Kationenladung von 3+ (A2O3)“ in der „Perowskit-Gruppe“, in der auch Perowskit, Loparit, Lueshit, Isolueshit, Lakargiit, Barioperowskit und Tausonit eingeordnet sind.
Die Natur der dominanten Calciumniobat-Komponente ist unklar. In Analogie zu synthetischem Calciumniobat wird dessen Zusammensetzung mit Ca2Nb2O7 angegeben. Diese Stöchiometrie passt nicht zur Perowskitstruktur. Synthetisches Ca2Nb2O7 ist eine Verbindung der Polysomatischen Reihe AnBnX3n+2 mit n=4. Strukturell gehören diese Verbindungen zu den Kristallographischen Scherstrukturen. Schichten mit Perowskitstruktur und einer Dicke von 4 NbO6-Oktaedern sind gegeneinander versetzt angeordnet, wodurch Platz für ein zusätzliches Anion entsteht. Diese Scherstruktur konnte aber in natürlichem Latrappit nicht beobachtet werden. Eine weitere Möglichkeit sind Leerstellen auf den A- und B-Positionen, aber eine endgültige Klärung steht noch aus.[14][15]
Roger H. Mitchell, Jin Beom Choi, Frank C. Hawthorne, Catherine A. McCammon, Peter Burns:Latrappite: A Re-Investigation. In: The Canadian Mineralogist. Band107, 1998, S.107–116 (englisch, rruff.net[PDF; 830kB; abgerufen am 3.Februar 2026]).
Latrappite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (englisch, handbookofmineralogy.org[PDF; 55kB; abgerufen am 3.Februar 2026]).
12Stefan Weiß:Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
123Jin Beom Choi, Frank C. Hawthorne:Chemistry and Rietveld Structure Refinement of Nb-rich Perovskite, Ca2NbFe3+O6. In: Journal of the Mineralogical Society of Korea. Band15, Nr.1, 2002, S.59–68 (koreanisch, koreascience.kr[PDF; 501kB; abgerufen am 14.April 2026]).
123456789J. Soellner:Die optischen Eigenschaften des Dysanalyts von Vogtsburg und von Schelingen im Kaiserstuhl. In: Centralblatt für Mineralogie, Geologie und Paleontologie. 1912, S.310–318 (zobodat.at[PDF; 1,2MB; abgerufen am 19.April 2026]).
123456E. H. Nickel, R. C. McAdam:Niobian perovskite from Oka, Quebec; a new classification for minerals of the perovskite group. In: The Canadian Mineralogist. Band7, Nr.5, 1963, S.683–697 (englisch, Digitalisat bei rruff.info (Memento vom 6. November 2023 im Internet Archive) [PDF; 1,3MB; abgerufen am 19.April 2026]).
12345Michael Fleischer:New mineral names. In: American Mineralogist. Band49, 1964, S.819, Perovskit group (englisch, minsocam.org[PDF; 449kB; abgerufen am 14.April 2026]).
12
Fundortliste für Latrappit beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat (englisch), abgerufen am 10. April 2026.
↑A. Knop:Dysanalyt, ein pyrochlorartiges Mineral. In: Zeitschrift für Kristallographie. Band1, 1877, S.284–296, doi:10.1524/zkri.1877.1.1.284.
↑Otto Hauser:Über den sogenannten Dysanalyt von Vogtsburg im Kaiserstuhl. In: Zeitschrift für anorganische Chemie. Band60, Nr.1, 1908, S.237–241, doi:10.1002/zaac.19080600118.
↑Tom Barth:Die Kristallstruktur von Perovskit und verwandten Verbindugen. In: Norsk Geologisk Tidskrift. Band8, Nr.3, 1925, S.201–216 (njg.geologi.no[PDF; 817kB; abgerufen am 14.April 2026]).
12E. H. Nickel:Latrappite; a proposed new name for the perovskite-type calcium niobate mineral from the Oka area of Quebec. In: The Canadian Mineralogist. Band8, Nr.1, 1964, S.121–122 (englisch, geoscienceworld.org[abgerufen am 19.April 2026]zweite Seite als Digitalisat bei archive.org).
↑Michael Fleischer:New mineral names. In: American Mineralogist. Band50, 1965, S.265, Latrappite (englisch, minsocam.org[PDF; 571kB; abgerufen am 14.April 2026]).
123Roger H. Mitchell, Jin Beom Choi, Frank C. Hawthorne, Catherine A. McCammon, Peter Burns:Latrappite: A Re-Investigation. In: The Canadian Mineralogist. Band107, 1998, S.107–116 (englisch, rruff.net[PDF; 830kB; abgerufen am 8.April 2026]).
1234Roger H. Mitchell, Mark D. Welch and Anton R. Chakhmouradian:Nomenclature of the perovskite supergroup: A hierarchical system of classification based on crystal structure and composition. In: Mineralogical Magazine. Band81, Nr.3, 2017, S.411–461, doi:10.1180/minmag.2016.080.156 (englisch, cambridge.org[PDF; 2,2MB; abgerufen am 10.April 2026]).
↑Anton R. Chakhmouradian, Roger H. Mitchell:A Structural Study of the Perovskite Series CaTi1−2xFexNbxO3. In: Journal of Solid State Chemistry. Band138, Nr.2, 1998, S.272–277, doi:10.1006/jssc.1998.7803 (englisch).