Radialstrahlige Tirolitbüschel auf Matrix aus der Centennial Eureka Mine (Blue Rock), östliche Tintic Mountains, Juab County, Utah (Gesamtgröße: 6,5 cm × 44,7 cm × 4,4 cm)
Tirolit kristallisiert im monoklinen Kristallsystem und entwickelt schuppige bis leistenförmige Kristalle von etwa drei Millimeter Größe, die typischerweise zu blättrigen bis faserigen, fächerförmigen bis radialstrahligen Mineral-Aggregaten verbunden sind oder krustige Überzüge bilden. Auch Pseudomorphose von Tirolit nach Fahlerz sind bekannt.[9] Das durchscheinende Mineral ist von hellgrüner bis hellblauer Farbe mit einem glasähnlichen Glanz auf den Oberflächen. Die Kristalle zeigen eine vollkommene, glimmerähnlicheSpaltbarkeit mit einem perlmuttähnlichen Glanz auf den Spaltflächen.
Die Erstbeschreibung des Minerals erfolgte durch Abraham Gottlob Werner und wurde 1817 postum veröffentlicht. Dessen Bezeichnung als Kupferschaum bezog er sich auf das „schaumige“ Aussehen der untersuchten Proben. Werners Beschreibung zufolge war Kupferschaum zwar schon länger bekannt, wurde aber oft für Chalkophyllit (auch Kupferglimmer) oder Malachit gehalten, obwohl „er sich doch von beiden sehr wesentlich und leicht unterscheiden lässt“. Die von ihm untersuchten Proben waren vom äußeren Erscheinungsbild her der KobaltblüteErythrin ähnlich, jedoch aufgrund der spangrünen Farbe nach, die teilweise ins Himmelblaue überging, unverwechselbar. Als Fundorte für das Mineral gab Werner das Bannat (korrekt wohl Banat) und Libethen (heute Ľubietová) in Ungarn, Sa(a)lfeld (Grube „In fröhlicher Hoffnung“) in Thüringen und Schwaz in Tirol (Österreich) an.[2]
In seinem 1845 veröffentlichten Werk Handbuch der Bestimmenden Mineralogie bemüht sich Wilhelm von Haidinger um eine systematische Aufstellung der bis dahin bekannten Malachite (IV. Ordnung). Neben dem rhomboedrischen Chalkophyllit und dem pyramidalen Uranit (heute Torbernit) führt er auch das hier als Tirolit (Synonyme Kupferschaum und Kupaphrit) bezeichnete Mineral unter dem Oberbegriff Euchlormalachit in der VII. Abteilung.[10] Der von Haidinger geprägte Name nimmt Bezug auf den von Werner genannten Fundort in Tirol und setzt sich schließlich in der Mineralogischen Fachwelt durch.
Die von Charles Upham Shepard 1835 verwendete Bezeichnung Kupaphrit[3] verbreitete sich dagegen nicht und ist heute ungebräuchlich.
Ein Aufbewahrungsort für das Typmaterial von Tirolit ist nicht bekannt.[11]
Da der Tirolit bereits lange vor der Gründung der International Mineralogical Association (IMA) bekannt und als eigenständige Mineralart anerkannt war, wurde dies von ihrer Commission on New Minerals, Nomenclature and Classification (CNMNC) übernommen und bezeichnet den Tirolit als sogenanntes „grandfathered“ (G) Mineral.[4] Die seit 2021 ebenfalls von der IMA/CNMNC anerkannte Kurzbezeichnung (auch Mineral-Symbol) von Tirolit lautet „Tyl“.[1]
In der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, erhielt das Mineral die System- und Mineral-Nr. VII/D.54-020. Dies entspricht ebenfalls der Abteilung „Wasserhaltige Phosphate, mit fremden Anionen“, wobei in den Gruppen VII/D.25 bis 57 die Minerale mit mittelgroßen bis sehr großen Kationen (Al-Mg und Ca-Na-K) eingeordnet sind. Tirolit bildet zusammen mit Bleasdaleit, Richelsdorfit, Tangdanit (ehemals Klinotirolit) eine unbenannte Gruppe mit der Systemnummer VII/D.54.[5]
Die vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchliche Systematik der Minerale nach Dana ordnet den Tirolit ebenfalls in die Klasse der „Phosphate, Arsenate und Vanadate“ und dort in die Abteilung der „Wasserhaltige Phosphate etc., mit Hydroxyl oder Halogen“ ein. Hier ist er als einziges Mitglied in der unbenannten Gruppe 42.04.03 innerhalb der Unterabteilung „Wasserhaltige Phosphate etc., mit Hydroxyl oder Halogen mit (AB)5(XO4)2Zq×x(H2O)“ zu finden.
Von Tirolit sind bisher zwei Polytype bekannt, die beide im monoklinen Kristallsystem, jedoch in verschiedenen Raumgruppen mit abweichenden Gitterparametern kristallisieren:
Himmelblauer Tyrolit, grüner Cornwallit und nachtblauer Klinoklas auf Matrix aus dem Bergbaugebiet Bartolomej, Novoveská Huta, Bezirk Spišská Nová Ves, Ostslowakei (Größe: 95 mm × 48 mm × 52 mm)
Als eher seltene Mineralbildung kann Tirolit an verschiedenen Fundorten zum Teil zwar reichlich vorhanden sein, insgesamt ist er aber wenig verbreitet. Weltweit sind bisher rund 300 Vorkommen dokumentiert (Stand 2024).[14] Als Typlokalität für Tirolit gilt das Bergbaurevier Falkenstein, wo das Mineral im Antonistollen, Bründlstollen, Wilhelm-Erbstollen und auf den Halden vom Kogelmoos entdeckt wurde. Des Weiteren kennt man Tirolit im Bezirk Schwaz noch bei Burgstall, im heutigen Besucher-Silberbergwerk Schwaz und im Revier Ringenwechsel (Roggland, Martinstollen). Weitere bekannte Fundorte in Österreich liegen unter anderem in den ebenfalls in Tirol befindlichen Bezirken Kufstein (Brixlegg, Scheffau am Wilden Kaiser, Wildschönau) und Landeck sowie verschiedene Fundstätten in Kärnten, Niederösterreich, Salzburg, der Steiermark, Oberösterreich und Vorarlberg.
In der Schweiz wurde das Mineral bisher im Bergwerk Grosses Chalttal und in der Grube Hochmättli auf der Mürtschenalp im Kanton Glarus, in den Bergwerken Surmin (auch Surminer Rüfe) bei Filisur und Ursera bei Andeer sowie am Tieftobel bei Schmitten im Kanton Graubünden und in der Grube Six-Blanc im Val de Bagnes, den Alpinen Klüften im Gebiet Wannigletscher-Scherbadung und einigen Gruben in der Gemeinde Anniviers im Kanton Wallis gefunden.
Bekannt aufgrund reichhaltiger Tirolitfunde in Aggregaten sind auch die Majuba-Hill-Mine im Bergbaubezirk Antelope des Pershing Countys in Nevada und der Bergbaubezirk Tintic im Juab County in Utah, USA.[15]
Weltweit kennt man Tirolit noch aus Bulgarien, Chile, China, Frankreich, Griechenland, Iran, Irland, Italien, Japan, Kanada, Kasachstan, Kirgisistan, Mexiko, Polen, Portugal, Rumänien, Russland, der Slowakei, Spanien, Tschechien, Ungarn, im Vereinigten Königreich (England, Schottland, Wales) und einigen weiteren Staaten in den USA.[16]
A. G. Werner:Abraham Gottlob Werner's letztes Mineral-System. Aus dessen Nachlasse auf oberbergamtliche Anordnung herausgegeben und mit Erläuterungen versehen. Craz, Gerlach and Gerold, Freiberg 1817, S.50–51 (rruff.info[PDF; 375kB] 51) Kupferschaum).
Wilhelm Haidinger:Handbuch der Bestimmenden Mineralogie. Braumüller und Seidel, Wien 1845, S.506–511 (rruff.info[PDF; 342kB] Zweite Klasse: Geogenide. IV. Ordnung. Malachite. VII. Euchlormalachit. Tirolit).
Sergey V. Krivovichev, Dimitrii Yu. Chernyshov, Nicola Döbelin, Thomas Armbruster, Volker Kahlenberg, Reinhard Kaindl, Giovanni Ferraris, Richard Tessadri, Gerard Kaltenhauser:Crystal chemistry and polytypism of tyrolite. In: American Mineralogist. Band91, 2006, S.1378–1384 (englisch, rruff.info[PDF; 209kB]).
Petr Korbel, Milan Novák:Mineralien-Enzyklopädie (=Dörfler Natur). Edition Dörfler im Nebel-Verlag, Eggolsheim 2002, ISBN 978-3-89555-076-8, S.184.
Tyrolite search results.In:rruff.info.Database of Raman spectroscopy, X-ray diffraction and chemistry of minerals (RRUFF);abgerufen am 24.April 2022(englisch).
12A. G. Werner:Abraham Gottlob Werner's letztes Mineral-System. Aus dessen Nachlasse auf oberbergamtliche Anordnung herausgegeben und mit Erläuterungen versehen. Craz, Gerlach and Gerold, Freiberg 1817, S.50–51 (rruff.info[PDF; 375kB; abgerufen am 24.April 2022] 51) Kupferschaum).
12Albert Huntington Chester:A dictionary of the names of minerals including their history and etymology. John Wiley & Sons, New York 1896, S.148 (englisch, online verfügbar bei archive.org– Internet Archive[abgerufen am 24.April 2022]).
123Stefan Weiß:Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
↑Hugo Strunz, Ernest H. Nickel:Strunz Mineralogical Tables. Chemical-structural Mineral Classification System. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S.518 (englisch).
123456789
Tyrolite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (englisch, handbookofmineralogy.org[PDF; 67kB; abgerufen am 24.April 2022]).
12345Tyrolite.In:mindat.org.Hudson Institute of Mineralogy,abgerufen am 18.Juni 2024(englisch).
↑Wilhelm Haidinger:Handbuch der Bestimmenden Mineralogie. Braumüller und Seidel, Wien 1845, S.506–511 (rruff.info[PDF; 342kB; abgerufen am 24.April 2022] Zweite Klasse: Geogenide. IV. Ordnung. Malachite. VII. Euchlormalachit. Tirolit).
12Sergey V. Krivovichev, Dimitrii Yu. Chernyshov, Nicola Döbelin, Thomas Armbruster, Volker Kahlenberg, Reinhard Kaindl, Giovanni Ferraris, Richard Tessadri, Gerard Kaltenhauser:Crystal chemistry and polytypism of tyrolite. In: American Mineralogist. Band91, 2006, S.1379 (englisch, rruff.info[PDF; 209kB; abgerufen am 24.April 2022]).