Cotunnit
| Cotunnit | |
|---|---|
| Allgemeines und Klassifikation | |
| IMA-Symbol |
Cot[1] |
| Andere Namen | |
| Chemische Formel | PbCl2[2] |
| Mineralklasse (und ggf. Abteilung) |
Halogenide |
| System-Nummer nach Strunz (8. Aufl.) Lapis-Systematik (nach Strunz und Weiß) Strunz (9. Aufl.) Dana |
III/C.05 III/D.08-010 3.DC.85 09.02.07.01 |
| Kristallographische Daten | |
| Kristallsystem | orthorhombisch |
| Kristallklasse; Symbol | orthorhombisch-dipyramidal; 2/m2/m2/m[3] |
| Raumgruppe | Pnam (Nr. 62, Stellung 6)[2] |
| Gitterparameter | a = 7,62 Å; b = 9,04 Å; c = 4,53 Å[2] |
| Formeleinheiten | Z = 4[2] |
| Zwillingsbildung | entlang {120} |
| Physikalische Eigenschaften | |
| Mohshärte | 2,5[4] |
| Dichte (g/cm3) | gemessen: 5,80 (synthetisch); berechnet: 5,91[4] |
| Spaltbarkeit | vollkommen nach {010}[4] |
| Bruch; Tenazität | schwach muschelig; leicht schneidbar[4] |
| Farbe | farblos bis weiß, hellgrün, hellgelb |
| Strichfarbe | weiß |
| Transparenz | durchsichtig bis undurchsichtig |
| Glanz | Diamantglanz, seidig bis perlenartig |
| Kristalloptik | |
| Brechungsindizes | nα = 2,199[5] nβ = 2,217[5] nγ = 2,260[5] |
| Doppelbrechung | δ = 0,061[5] |
| Optischer Charakter | zweiachsig positiv |
| Achsenwinkel | 2V = 67° (gemessen); 68° (berechnet)[5] |
Cotunnit (IMA-Symbol Cot[1]) ist ein selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der Halogenide mit der chemischen Zusammensetzung PbCl2 und ist damit chemisch gesehen Blei(II)-chlorid.
Cotunnit kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem und entwickelt prismatische, entlang der a-Achse [100] nadelige oder tafelige Kristalle[6] bis etwa 2 mm[4] Größe mit einem diamantähnlichen Glanz auf den Oberflächen. Bekannt sind auch zepterförmige oder skelettartige Kristalle sowie radialstrahlige, büschelige, körnige bis derbe Mineral-Aggregate und krustige Überzüge, die dann eher seiden- oder perlmuttähnlich schimmern. In reiner Form ist Cotunnit farblos und durchsichtig. Durch vielfache Lichtbrechung aufgrund von Gitterfehlern oder polykristalliner Ausbildung kann er aber auch durchscheinend weiß sein und durch Fremdbeimengungen eine hellgrüne bis hellgelbe Farbe annehmen.
Etymologie und Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Cotunnit wurde erstmals am Vesuv bei Neapel in Italien entdeckt. Analysiert und erstbeschrieben wurde das Mineral 1825 von Teodoro Monticelli (1759–1845) und Nicola Covelli[7], die es nach dem italienischen Anatomie-Professor Domenico Cotugno (auch Cotunnius, 1736–1822) benannten.[8]
Da der Cotunnit bereits lange vor der Gründung der International Mineralogical Association (IMA) bekannt und als eigenständige Mineralart anerkannt war, wurde dies von ihrer Commission on New Minerals, Nomenclature and Classification (CNMNC) übernommen und bezeichnet den Cotunnit als sogenanntes „grandfathered“ (G) Mineral.[9] Die seit 2021 ebenfalls von der IMA/CNMNC anerkannte Kurzbezeichnung (auch Mineral-Symbol) von Cotunnit lautet „Cot“.[1]
Ein Aufbewahrungsort für das Typmaterial des Minerals ist nicht dokumentiert.[10]
Klassifikation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bereits in der veralteten 8. Auflage der Mineralsystematik nach Strunz gehörte der Cotunnit zur Mineralklasse der „Halogenide“ und dort zur Abteilung der „Oxihalogenide“, wo er zusammen mit Bismoclit, Daubréeit, Fiedlerit, Laurionit, Matlockit, Paralaurionit, Pseudocotunnit und Zavaritskit die „Fiedlerit-Laurionit-Matlockit-Gruppe“ mit der Systemnummer III/C.05 bildete.
In der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, erhielt das Mineral die System- und Mineralnummer III/D.08-10. Dies entspricht ebenfalls der Abteilung „Oxihalogenide“, wo Cotunnit zusammen mit Brontesit, Challacolloit, Fiedlerit, Hephaistosit, Laurionit, Paralaurionit, Pseudocotunnit und Steropesit eine unbenannte Gruppe mit der Systemnummer III/D.08 bildet.[11]
Die von der International Mineralogical Association (IMA) zuletzt 2009 aktualisierte[12] 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Cotunnit in die erweiterte Abteilung der „Oxihalogenide, Hydroxyhalogenide und verwandte Doppel-Halogenide“ ein. Diese ist weiter unterteilt nach den in der Verbindung vorherrschenden Metallen. Das Mineral ist hier entsprechend seiner Zusammensetzung in der Unterabteilung „Mit Pb (As, Sb, Bi) ohne Cu“ zu finden, wo es als einziges Mitglied eine unbenannte Gruppe mit der Systemnummer 3.DC.85 bildet.
In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat MineralName die System- und Mineralnummer 09.02.07.01. Dies entspricht der Klasse und gleichnamigen Abteilung der „Halogenide“. Hier ist er als Namensgeber der „Cotunnitgruppe“ mit der Systemnummer 09.02.07 und den weiteren Mitgliedern Hydrophilit (diskreditiert 2006) und Coccinit innerhalb der Unterabteilung „Wasserfreie und wasserhaltige Halogenide mit der Formel AX2“ zu finden.
Kristallstruktur
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Cotunnit kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem in der Raumgruppe Pnam (Raumgruppen-Nr. 62, Stellung 6) mit den Gitterparametern a = 7,62 Å, b = 9,04 Å und c = 4,53 Å sowie vier Formeleinheiten pro Elementarzelle.[2]
In der Kristallstruktur ist jedes Bleiatom von insgesamt neun Chlorid-Anionen in Form eines dreifach überkappten trigonalen Prismas koordiniert. Diese Prismen bilden Stränge entlang der c-Achse. Im Koordinationspolyeder um die Chlorid-Anionen sind sowohl quadratische Pyramiden, als auch Tetraeder aus Blei-Kationen.[13]
Cotunnit ist namensgebend für die Cotunnit-Struktur, in der neben Blei(II)-chlorid weitere Salze wie Bariumchlorid, Calciumhydrid oder Blei(II)-bromid kristallisieren.
Bildung und Fundorte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Cotunnit kann sich auf mehrere Arten bilden. In Vulkanen ist es ein Sublimationsprodukt. Daneben bildet es sich durch Verwitterung von Galenit, bleihaltigen archäologischen Fundstücken oder Schlacken unter salzhaltigen Bedingungen. Es ist je nach Fundort vergesellschaftet mit Galenit, Cerussit, Anglesit und Matlockit (Caracoles in Chile) bzw. Tenorit, Ponomarevit, Sophiit, Burnsit, Ilinskit, Georgbokiit, Chloromenit, Halit, Sylvin und Gold (Vulkan Tolbachnik, Russland).
Neben der Typlokalität sind eine Reihe weitere Fundorte bekannt. Zu diesen zählen die Hohe Tauern in Österreich, Caracoles und Challacollo in Chile, Sainte-Marie-aux-Mines in Frankreich, Röhrnbach, Richelsdorf, Essen, Recklinghausen und Helbra in Deutschland, Laurion in Griechenland, die Toskana in Italien, der Tolbatschik in Russland, Wanlockhead, Leadhills und weitere Fundorte in Großbritannien sowie die US-Bundesstaaten Arizona, Massachusetts und Utah.[14]
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- T. Monticelli, N. Covelli: Cotunnia (Piombo muriato). In: Prodromo della Mineralogia Vesuviana. Band 1, 1825, S. 47–52 (rruff.info [PDF; 204 kB; abgerufen am 4. November 2025]).
- Y. Z. Nozik, L. E. Fykin, L. A. Muradyan: Crystal structure of contunnite PbCl2 determined more precisely by application of the neutron diffraction method. In: Soviet Physics – Crystallography. Band 21, 1976, S. 38–40.
- Martine Lumbreras, J. Schram, Joop Schoonman, E. J. L. Schouler: Electrical conductivity of mixed lead halides PbCl2xBr2(1−x). In: Solid State Ionics. Band 28–30, Nr. 2, 1988, S. 1305–1309, doi:10.1016/0167-2738(88)90376-1.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Cotunnit. In: Mineralienatlas Lexikon. Geolitho Stiftung
- Cotunnite search results. In: rruff.info. Database of Raman spectroscopy, X-ray diffraction and chemistry of minerals (RRUFF) (englisch).
- American-Mineralogist-Crystal-Structure-Database – Cotunnite. In: rruff.geo.arizona.edu. (englisch).
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ a b c Laurence N. Warr: IMA–CNMNC approved mineral symbols. In: Mineralogical Magazine. Band 85, 2021, S. 291–320, doi:10.1180/mgm.2021.43 (englisch, cambridge.org [PDF; 351 kB; abgerufen am 4. November 2025]).
- ↑ a b c d Hugo Strunz, Ernest H. Nickel: Strunz Mineralogical Tables. Chemical-structural Mineral Classification System. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S. 179.
- ↑ David Barthelmy: Cotunnite Mineral Data. In: webmineral.com. Abgerufen am 4. November 2025 (englisch).
- ↑ a b c d e Cotunnite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (handbookofmineralogy.org [PDF; 70 kB; abgerufen am 4. November 2025]).
- ↑ a b c d e Cotunnite. In: mindat.org. Hudson Institute of Mineralogy, abgerufen am 27. Oktober 2022 (englisch).
- ↑ Helmut Schröcke, Karl-Ludwig Weiner: Mineralogie. Ein Lehrbuch auf systematischer Grundlage. de Gruyter, Berlin; New York 1981, ISBN 3-11-006823-0, S. 327.
- ↑ Biographie von Teodoro Monticelli. In: www.minerbook.it. Abgerufen am 4. November 2025.
- ↑ Marco E. Ciriotti, Lorenza Fascio, Marco Pasero: Italian Type Minerals. 1. Auflage. Edizioni Plus - Università di Pisa, Pisa 2009, ISBN 978-88-8492-592-3, S. 92.
- ↑ Malcolm Back, Cristian Biagioni, William D. Birch, Michel Blondieau, Hans-Peter Boja und andere: The New IMA List of Minerals – A Work in Progress – Updated: September 2025. (PDF; 3,2 MB) In: cnmnc.units.it. IMA/CNMNC, Marco Pasero, September 2025, abgerufen am 4. November 2025 (englisch).
- ↑ Catalogue of Type Mineral Specimens – C. (PDF 312 kB) Commission on Museums (IMA), 9. Februar 2021, abgerufen am 4. November 2025 (Gesamtkatalog der IMA).
- ↑ Stefan Weiß: Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
- ↑ Ernest H. Nickel, Monte C. Nichols: IMA/CNMNC List of Minerals 2009. (PDF; 1,9 MB) In: cnmnc.units.it. IMA/CNMNC, Januar 2009, archiviert vom am 29. Juli 2024; abgerufen am 30. Juli 2024 (englisch).
- ↑ H. Braekken: Die Kristallstruktur von Bleichlorid, PbCl2. In: Zeitschrift für Kristallographie. Band 83, 1932, S. 222–226, doi:10.1524/zkri.1932.83.1.222.
- ↑ Fundortliste für Cotunnit beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat (englisch), abgerufen am 28. November 2022.
