Paragonit kristallisiert je nach Polytyp im monoklinen oder trigonalen Kristallsystem, entwickelt jedoch nur selten dünntafelige Kristalle. Meist findet er sich in Form feinschuppiger oder kompakter und derber Mineral-Aggregate mit einem perlmuttähnlichen Glanz auf den Oberflächen. In reiner Form ist Paragonit farblos und durchsichtig. Durch vielfache Lichtbrechung aufgrund von Gitterfehlern oder polykristalliner Ausbildung kann er aber auch durchscheinend weiß sein und durch Fremdbeimengungen eine grauweiße bis graue, blassgelbe oder grünliche bis apfelgrüne Farbe annehmen. Seine Strichfarbe ist jedoch immer weiß.
Die wissenschaftliche Erstbeschreibung erfolgte 1843 durch Karl Emil von Schafhäutl. Er betonte allerdings, dass das Mineral schon lange vorher unter den Bezeichnungen Talkschiefer, verhärteter Talk und Glimmerschiefer aus dem Gotthardmassiv bekannt gewesen sei, wo es oft als Matrix für die dort gefundenen Kyanite (auch Disthen), Staurolithe, Quarze und Glimmer auftrete.[3] Es wurde jedoch bis zu seinen Untersuchungen nicht als eigene Mineralart erkannt. Schaffhäutl benannte das Mineral daher nach dem altgriechischen Wort παράγειν(paragein) für „in die Irre führen“ aufgrund der Leichtigkeit, mit der der Mineraloge ohne chemische Hilfe in seiner Diagnose in die Irre geführt wird. Da Paragonit zwar dem Talk sehr ähnlich sieht und sich auch so anfühlt, wird er leicht mit diesem verwechselt, enthält aber im Gegensatz zu diesem kein Magnesium.
Als genaue Typlokalität von Paragonit gilt inzwischen Alpe Sponda (auch Sponda Alp) am Pizzo Forno nahe Dalpe im Val Chironico (Bezirk Leventina) des Schweizer Kantons Tessin.[10] Schafhäutl nennt zwar das Gotthardmassiv als Fundort für den Paragonit. Die genannte Paragenese mit den „schönen blauen Disthenkristallen und Staurolith“ macht das Gebiet Pizzo Forno– Alpe Sponda jedoch viel wahrscheinlicher.[11] Ein Aufbewahrungsort für das Typmaterial des Minerals ist allerdings nicht dokumentiert.[12]
Paragonit war bereits lange vor der Gründung der International Mineralogical Association (IMA) bekannt und als eigenständige Mineralart anerkannt. Damit hätte Paragonit theoretisch den Status eines grandfathered Mineral. In der 1998 erfolgten Publikation Nomenclature of the micas durch den „Glimmer-Unterausschuss“ (engl.: Mica Subcommitte) der IMA/CNMNC wurden die Mitglieder der Glimmergruppe, zu denen auch Paragonit gehört, in Bezug Zusammensetzung und Benennung teilweise neu definiert.[5] Paragonit wurde hier als „Nicht-Kaliumglimmer“ (Na-Glimmer) in die Gruppe der echten Glimmer mit dioktaedrischer Struktur eingeordnet. Da dies automatisch eine nachträgliche Ankerkennung für den Paragonit bedeutete, wird das Mineral seitdem in der „Liste der Minerale und Mineralnamen“ der IMA unter der Summenanerkennung „IMA 1998 s.p.“ (special procedure) geführt.[1]
Im zuletzt 2018 überarbeiteten und aktualisierten Lapis-Mineralienverzeichnis nach Stefan Weiß, das sich aus Rücksicht auf private Sammler und institutionelle Sammlungen noch nach dieser alten Form der Systematik von Karl Hugo Strunz richtet, erhielt das Mineral die System- und Mineral-Nr. VIII/H.10-050. In der „Lapis-Systematik“ entspricht dies ebenfalls der Abteilung „Schichtsilikate“, wo Paragonit zusammen mit Aluminoseladonit, Boromuskovit, Chromphyllit, Chromseladonit, Ferroaluminoseladonit, Ferroseladonit, Ganterit, Muskovit, Nanpingit, Roscoelith, Seladonit und Tobelith die „Seladonit-Muskovit-Reihe (Phengite)“ mit der System-Nr. VIII/H.10 innerhalb der Glimmergruppe bildet.[7]
Die vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchliche Systematik der Minerale nach Dana ordnet den Paragonit ebenfalls in die Klasse der „Silikate und Germanate“ und dort in die Abteilung der „Schichtsilikatminerale“ ein. Hier ist er zusammen mit Aluminoseladonit, Boromuskovit, Chernykhit, Chromphyllit, Chromseladonit, Ferroaluminoseladonit, Ferroseladonit, Glaukonit, Montdorit, Muskovit, Nanpingit, Roscoelith, Seladonit, Shirokshinit und Tobelith in der „Glimmergruppe (Muskovit-Untergruppe)“ mit der System-Nr. 71.02.02a innerhalb der Unterabteilung „Schichtsilikate: Schichten von sechsgliedrigen Ringen mit 2:1-Lagen“ zu finden.
Von Paragonit sind zwei Polytypen bekannt, das heißt, er besteht aus zwei Kombinationen schichtartiger Struktureinheiten, die als Paragonit-2M1 und Paragonit-3T bezeichnet werden.
Als eher seltene Mineralbildung kann Paragonit an verschiedenen Fundorten zum Teil zwar reichlich vorhanden sein, insgesamt ist er aber wenig verbreitet. Weltweit sind bisher rund 350 Fundorte dokumentiert (Stand 2023).[14] In der Schweiz konnte das Mineral außer an seiner Typlokalität im Gebiet Pizzo Forno – Alpe Sponda noch am Monte Gridone im Kanton Tessin, an mehreren Orten in der Gemeinde Mesocco, bei Lumnezia, Lohn GR und Rongellen im Kanton Graubünden sowie im Steinbruch Lengenbach, im Turtmanntal, bei Tête des Econduits am Mont Chemin und an mehreren Stellen im Bezirk Visp im Kanton Wallis entdeckt werden.
Weitere Fundorte liegen unter anderem in Australien, Belgien, Brasilien, Burkina Faso, China, der Dominikanischen Republik, Ecuador, auf der Fidschi-Insel Viti Levu, in Finnland, Frankreich, Ghana, Griechenland, Grönland, Guatemala, Indien, Indonesien, im Iran, in Irland, Italien, Japan, Kanada, Kolumbien, Kuba, Namibia, Nepal, Norwegen, Polen, Portugal, Rumänien, Russland, Ruanda, Schweden, der Slowakei, Spanien, Südafrika, Simbabwe, Taiwan, Tansania, der Türkei, Tschechien, Ungarn, in vielen Staaten der USA, Venezuela, im Vereinigten Königreich (England, Schottland, Wales) und in Vietnam.[15]
Auch in Mineralproben aus dem Hydrothermalfeld der transatlantischen Geotraverse (engl.: Trans-Atlantic Geotraverse hydrothermal field, TAG mound Koordinaten des Fundpunktes26.139444444444-44.831666666667) konnte Paragonit nachgewiesen werden.[16]
Carl Schaffhäutl:Chemisch-mineralogische Untersuchungen: Untersuchung einiger talkartigen Mineralien. Paragonit. In: Annalen der Chemie und Pharmacie. Band46, 1843, S.325–347 (rruff.info[PDF; 863kB; abgerufen am 3.Juni 2023]).
Cheng-Yi Lin, S. W. Bailey:The crystal structure of paragonite-2M1. In: American Mineralogist. Band69, 1984, S.122–127 (englisch, rruff.info[PDF; 657kB; abgerufen am 3.Juni 2023]).
Philippe Roth:Minerals first discovered in Switzerland and minerals named after Swiss individuals. 1. Auflage. Kristallografik Verlag, Achberg 2007, ISBN 3-9807561-8-1, S.116–117.
Paragonite search results.In:rruff.info.Database of Raman spectroscopy, X-ray diffraction and chemistry of minerals (RRUFF);abgerufen am 3.Juni 2023(englisch).
12345Carl Schaffhäutl:Chemisch-mineralogische Untersuchungen: Untersuchung einiger talkartigen Mineralien. Paragonit. In: Annalen der Chemie und Pharmacie. Band46, 1843, S.325–347 (rruff.info[PDF; 863kB; abgerufen am 2.Juni 2023]).
↑Hans Jürgen Rösler:Lehrbuch der Mineralogie. 4. durchgesehene und erweiterte Auflage. Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie (VEB), Leipzig 1987, ISBN 3-342-00288-3, S.584.
12Milan Rieder, Giancarlo Cavazzini, Yurii S. D’Yakonov, Viktor A. Frank-Kamenetskii, Glauco Gottardt, Stephen Guggenheim, Pavel V. Koval, Georg Müller, Ana M. R. Neiva, Edward W. Radoslovich, Jean-Louis Robert, Francesco P. Sassi, Hiroshi Takeda, Zdeněk Weiss, David R. Wones:Nomenclature of the micas. In: The Canadian Mineralogist. Band36, 1998, S.905–912 (englisch, rruff.info[PDF; 588kB; abgerufen am 3.Juni 2023]).
12345Hugo Strunz, Ernest H. Nickel:Strunz Mineralogical Tables. Chemical-structural Mineral Classification System. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S.664 (englisch).
123Stefan Weiß:Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
1234
Paragonite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (englisch, handbookofmineralogy.org[PDF; 83kB; abgerufen am 3.Juni 2023]).
1234Paragonite.In:mindat.org.Hudson Institute of Mineralogy,abgerufen am 3.Juni 2023(englisch).
↑
Typlokalität für Paragonit beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat (englisch), abgerufen am 3. Juni 2023.
↑Philippe Roth:Minerals first discovered in Switzerland and minerals named after Swiss individuals. 1. Auflage. Kristallografik Verlag, Achberg 2007, ISBN 3-9807561-8-1, S.116–117.