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Natanit

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Das sehr seltene Mineral Natanit ist ein Eisen-Zinn-Hydroxid aus der Mineralklasse der „Oxide und Hydroxide“ und hat die idealisierte chemischen Zusammensetzung Fe2+Sn4+(OH)6. Strukturell gesehen ist Natanit ein nicht stöchiometrischer Doppelperowskit aus der Perowskit-Supergruppe.

Natanit kristallisiert mit kubischer Symmetrie und bildet oktaederförmige Kristalle mit Kantenlängen von wenigen Mikrometern bis Millimetern. Die Farbe der glasglänzenden Kristalle ist gelb bis orange oder grünlich braun.[6][7]

Die Typlokalität sind die hydrothermalen Gänge in den Kalksteinen und Schiefern der Mushiston Zinn-Lagerstätte 35 km südlich von Pandschakent in der Provinz Sughd, Tadschikistan.[6][7][8]

Etymologie und Geschichte

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Die ersten Synthesen der Verbindung FeSn(OH)6 führten Hugo Strunz und B. Contag 1960 am Institut für Mineralogie der Technischen Universität Berlin durch. Ausgehend von der Entdeckung des Minerals Stottit (FeGe(OH)6) führten sie systematische Untersuchungen verschiedener Hexahydroxostannate des gleichen Verbindungstyps durch.[9]

1966 beschrieben P. L. C. Grubb und P. Hannaford Einschlüsse in Kassiterit aus der Pelepah Kanan-Zinnmine in Zentral-Johor, Malaysia, bei denen es sich vermutlich um FeSn(OH)6 handelte.[10]

Vier Jahre später berichteten B. H. Geier und J. Ottmann von einem Zinn-Analog des Stottit (FeGe(OH)6) aus der Tsuneb-Lagerstätte (Mineral D, (Fe,Mn)(Sn,Ge)(OH)6).[11]

Im Pitkaranta Mienengebiet in Karelien wurden 1977 Wickmanit-Schoenfliesit-Mischkristalle beschrieben, die bis zu 40 Mol-% der Eisen-Komponente FeSn(OH)6 enthielten.[12]

Die sowjetischen Lagerstättenforscher N. K. Marshukva, G. A. Sidorenko und N. I. Chistyakova untersuchten die Minerale der Oxidationszone der Zinnlagerstätte Mushiston, deren Zinnvorkommen bereits in der Bronzezeit abgebaut wurden. Ende der 1970er Jahre beschrieben sie dort noch unbenannte Analoge des Schoenfliesit (MgSn(OH)6) mit variablen Gehalten von Eisen (Fe2+), Zink (Zn2+) und Kupfer (Cu2+).[13] Anfang der 1980er Jahre gelang ihnen schließlich die Beschreibung der neuen Minerale Vismirnovit (ZnSn(OH)6) und Natanit (FeSn(OH)6) mit Proben aus Mushiston. Natanit benannten sie nach dem sowjetischen Professor Natan (Anatoly) Il'ich Ginzburg, der viel zu den Verwitterungsprozessen von Zinnlagerstätten geforscht hatte.[6][7]

Die strukturelle Klassifikation der International Mineralogical Association (IMA) zählt den Natanit zur Gruppe der nicht stöchiometrischen Doppelperowskite mit unbesetzter A-Position in der Perowskit-Supergruppe. Hier bildet er zusammen mit Burtit, Jeanbandyit, Mushistonit, Nancyrossit, Schoenfliesit, Vismirnovit und Wickmanit die Schoenfliesit-Untergruppe.[14]

Da Natanit erst 1980 als neues Mineral anerkannt worden ist, ist es in der letztmalig 1977 überarbeiteten Systematik der Minerale nach Strunz (8. Auflage) noch nicht verzeichnet.

In der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, erhielt das Mineral die System- und Mineralnummer IV/F.16-040. Dies entspricht der neu definierten Abteilung „Hydroxide und oxidische Hydrate (wasserhaltige Oxide mit Schichtstruktur)“, wo Natanit zusammen mit Burtit, Mushistonit, Schoenfliesit, Vismirnovit und Wickmanit die „Schoenfliesitgruppe“ mit der Systemnummer IV/F.16 bildet.[3]

Die von der IMA zuletzt 2009 aktualisierte 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Natanit in die Abteilung „Hydroxide (ohne V oder U)“ ein. Diese ist weiter unterteilt nach der möglichen Anwesenheit von OH und/oder H2O sowie der Kristallstruktur. Das Mineral ist hier entsprechend seiner Zusammensetzung und seinem Aufbau in der Unterabteilung „Hydroxide mit OH, ohne H2O; eckenverknüpfte Oktaeder“ zu finden, wo es zusammen mit Burtit, Mushistonit, Schoenfliesit, Vismirnovit und Wickmanit die „Schoenfliesitgruppe“ mit der Systemnummer 4.FC.10 bildet.[4]

In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Natanit die System- und Mineralnummer 06.03.06.03. Dies entspricht ebenfalls der Klasse der „Oxide und Hydroxide“ und dort der Abteilung der „Hydroxide und hydroxyhaltige Oxide“. Hier ist er zusammen mit Burtit, Mushistonit, Schoenfliesit, Vismirnovit und Wickmanit in der „Wickmanitgruppe“ mit der Systemnummer 06.03.06 zu finden.

Natanit ist das Eisen-Analog von Wickmanit sowie das Zinn-Analog von Stottit und hat die Endgliedzusammensetzung ☐2Fe2+Sn4+(OH)6, worin ☐ für eine Leerstelle auf der A-Position steht.[14]

Natanit bildet Mischkristalle mit Wickmanit (MnSn(OH)6) und Schoenfliesit (Mg2+Sn(OH)6)[12] sowie Vismirnovit (ZnSn(OH)6) und Mushistonit (CuSn(OH)6)[13] entsprechend der Austauschreaktion

Kristallstruktur

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Natanit kristallisiert mit kubischer Symmetrie der Raumgruppe Pn3m (Raumgruppen-Nr. 224)Vorlage:Raumgruppe/224 und den Gitterparametern a=7,759(6) Å sowie 4 Formeleinheiten pro Elementarzelle.

Natanit hat die Struktur von Perowskit. Die von 12 Hydroxid-Ionen kuboktaedrisch umgebene A-Position ist unbesetzt. Die 6-fach koordinierte, oktaedrische B-Position ist in 2 Positionen aufgespalten, die von Eisen (Fe2+) und Zinn (Sn4+) besetzt sind.[9]

Bildung und Fundorte

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Natanit ist ein Sekundärmineral und bildet sich in der Oxidationszone von Zinnlagerstätten bei der Umwandlung z. B. von Kassiterit.[12][6][7]

Bisher (Stand 2026) ist Natanit an rund 15 Fundorten dokumentiert werden.[8] Seine Typlokalität sind die hydrothermalen Gänge in den Kalksteinen und Schiefern der Mushiston Zinn-Lagerstätte 35 km südlich von Pandschakent in der Provinz Sughd, Tadschikistan. Natanit ist hier vergesellschaftet mit Varlamoffit, Malachit, Azurit, Goethit und anderen Sekundärminelaten.[6][7][8]

  • Michael Fleischer, Louis J. Cabri, C. Y. Chao, J. A. Mandarino and Adolf Pabst: New Mineral Names. In: The American Mineralogist. Band 67, 1982, S. 1077 (englisch, minsocam.org [PDF; 1,1 MB; abgerufen am 29. August 2026]).
  • N. K. Marshukva, A. B. Palovskii, G. A. Sidorenko, N. I. Chistyakova: Vismirnovite, ZnSn(OH)6, and natanite, FeSn(OH)6, new tin minerals. In: Zapiski Vsesoyuznogo Mineralogicheskogo Obshchestva. Band 110, 1981, S. 492–500 (russisch, rruff.net [PDF; 1,4 MB; abgerufen am 29. August 2026]).
  • Natanite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (englisch, handbookofmineralogy.org [PDF; 57 kB; abgerufen am 29. August 2026]).
Commons: Natanite – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

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  1. 1 2 Malcolm Back, Cristian Biagioni, William D. Birch, Michel Blondieau, Hans-Peter Boja und andere: The New IMA List of Minerals – A Work in Progress – Updated: July 2026. (PDF; 3,2 MB) In: cnmnc.units.it. IMA/CNMNC, Marco Pasero, Juli 2026, abgerufen am 23. August 2026 (englisch).
  2. ↑ Laurence N. Warr: IMA–CNMNC approved mineral symbols. In: Mineralogical Magazine. Band 85, 2021, S. 291–320, doi:10.1180/mgm.2021.43 (englisch, cambridge.org [PDF; 320 kB; abgerufen am 9. August 2026]).
  3. 1 2 Stefan Weiß: Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
  4. 1 2 Ernest H. Nickel, Monte C. Nichols: IMA/CNMNC List of Minerals 2009. (PDF; 1,9 MB) In: cnmnc.units.it. IMA/CNMNC, Januar 2009, archiviert vom Original am 29. Juli 2024; abgerufen am 30. Juli 2024 (englisch).
  5. 1 2 Natanite. In: mindat.org. Hudson Institute of Mineralogy (englisch).
  6. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 N. K. Marshukva, A. B. Palovskii, G. A. Sidorenko, N. I. Chistyakova: Vismirnovite, ZnSn(OH)6, and natanite, FeSn(OH)6, new tin minerals. In: Zapiski Vsesoyuznogo Mineralogicheskogo Obshchestva. Band 110, 1981, S. 492–500 (russisch, rruff.net [PDF; 1,4 MB; abgerufen am 29. August 2026]).
  7. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 Michael Fleischer, Louis J. Cabri, C. Y. Chao, J. A. Mandarino and Adolf Pabst: New Mineral Names. In: The American Mineralogist. Band 67, 1982, S. 1077 (englisch, minsocam.org [PDF; 1,1 MB; abgerufen am 29. August 2026]).
  8. 1 2 3 Fundortliste für Natanit beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat (englisch), abgerufen am 29. August 2026.
  9. 1 2 H. Strunz, B. Contag: Hexahydroxostannate Fe, Mn, Co, Mg, Ca[Sn(OH)6] und deren Kristallstruktur. In: Acta Crystallographica. Band 13, 1960, S. 601–603, doi:10.1107/S0365110X60001436 (englisch).
  10. ↑ P. L. C. Grubb & P. Hannaford: Magnetism in cassiterite. In: Mineralium Deposita. Band 1, 1966, S. 148–171, doi:10.1007/BF00206184 (englisch).
  11. ↑ Michael Fleischer: New Mineral Names. In: The American Mineralogist. Band 56, 1971, S. 1488 (englisch, minsocam.org [PDF; 171 kB; abgerufen am 29. August 2026]).
  12. 1 2 3 E. I. Nefedov, W. L. Griffin, Roy Kristiansen: Minerals of the schoenfliesite – wickmanite series from Pitkäranta, Karelia, U.S.S.R. In: The Canadian Mineralogist. Band 15, 1977, S. 437–445 (englisch, Digitalisat bei rruff.info (Memento vom 17. April 2024 im Internet Archive) [PDF; 722 kB; abgerufen am 13. August 2026]).
  13. 1 2 Michael Fleischer, Louis J. Cabri, C. Y. Chao, J. A. Mandarino and Adolf Pabst: New Mineral Names. In: The American Mineralogist. Band 65, 1980, S. 1069 (englisch, minsocam.org [PDF; 704 kB; abgerufen am 29. August 2026]).
  14. 1 2 Roger H. Mitchell, Mark D. Welch, Anton R. Chakhmouradian: Nomenclature of the perovskite supergroup: A hierarchical system of classification based on crystal structure and composition. In: Mineralogical Magazine. Band 81, Nr. 3, 2017, S. 411–461, doi:10.1180/minmag.2016.080.156 (englisch, cambridge.org [PDF; 2,3 MB; abgerufen am 13. August 2026]).
Natanit
Natanit (gelbbraun) mit schwarzem, kugeligen Jakobsit aus der Potosi Mine, Chihuahua, Mexiko
Allgemeines und Klassifikation
IMA-Nummer

1980-028[1]

IMA-Symbol

Ntn[2]

Chemische Formel
  • Fe2+Sn4+(OH)6[1]
Mineralklasse
(und ggf. Abteilung)
Oxide und Hydroxide
System-Nummer nach
Lapis-Systematik
(nach Strunz und Weiß)
Strunz (9. Aufl.)
Dana

IV/F.16-040[3]

4.FC.10[4]
06.03.06.03
Kristallographische Daten
Kristallsystem kubisch
Kristallklasse; Symbol disdodekaedrisch; 2/m3[5]
Raumgruppe Pn3m (Nr. 224)Vorlage:Raumgruppe/224[6][7]
Gitterparameter a = 7,759(6) Å[6][7]
Formeleinheiten Z = 4[6][7]
Häufige Kristallflächen Oktaeder {111}
Physikalische Eigenschaften
Mohshärte 4,7[6][7]
Dichte (g/cm3) berechnet: 4,035[6][7]
Spaltbarkeit nicht angegeben[6][7]
Bruch; Tenazität nicht angegeben[6][7]
Farbe grünlich-braun[6][7]
Strichfarbe Bitte ergänzen!
Transparenz transparent bis durchscheinend[5]
Glanz Glasglanz[6][7]
Kristalloptik
Brechungsindex n = 1,755[6][7]
Doppelbrechung isotrop
Weitere Eigenschaften
Chemisches Verhalten gut löslich in verdünnter Salzsäure (HCl)[6][7]