Maghemit kristallisiert im kubischen Kristallsystem und findet sich meist in Form von kugeligen bis derben Aggregaten von brauner bis bläulichschwarzer Farbe. Selten entwickelt er aber auch winzige, oktaedrische Kristalle oder bildet nadelige Überwachsungen und Verwitterungskrusten auf Magnetit.[4]
Wahrscheinlich verwendeten bereits die Olmeken rund 1000 Jahre vor Christus einen einfachen Kompass aus Maghemit zur Ausrichtung ihrer Gebäude nach dem Magnetfeld der Erde. Diese Vermutung legt der Fund eines rechteckigen, polierten und magnetischen Artefaktes in San Lorenzo, Veracruz in Mexiko nahe.[8] Gestützt wird diese Hypothese von systematischen Vermessungen zahlreicher Bauten der Olmeken und Maya, die belegen, dass diese Bauten nach dem Erdmagnetfeld der jeweiligen Bauzeit ausgerichtet wurden.[9]
Die erste Beschreibung von ferromagnetischen, ferrischen Eisenoxid (Fe2O3) stammt von J. Robbins im Jahr 1859. Er erhielt die Verbindung durch Erhitzen von Magnetit. Hierbei oxidierte der Magnetit (Fe2+Fe3+2O4) zu Fe2O3. Viele Jahre war dieses Eisenoxid nur synthetisch bekannt, bis 1916 L. C. Graton und B. S. Butler ein schokoladenbraunes Pulver magnetischen, ferrischen Eisenoxids vom Iron Mountain im Shasta County in Kalifornien dem Geophysical Laboratory der Carnegie Institution of Washington zur Analyse überließen. Robert B. Sosman und E. Posjnak publizierten ihre Analysen zusammen mit vergleichenden Analysen verschiedener natürlicher und synthetischer Eisenoxide im Jahr 1925.[10] In einer Antwort auf eine spätere Publikation, die die Ergebnisse von Sosman bestätigte, beschrieb Percy S. Wagner aus Johannesburg (Südafrika) 1927 ein großes Vorkommen von titanreichen Magnetit und magnetischen Fe2O3 im oberen Teil der Noritzone einer geschichteten, ultrabasischen Intrusion des Bushveld-Komplexes. Da das neue Mineral die Struktur von Magnetit und die Zusammensetzung und viele Eigenschaften von Hämatit (Blutstein) aufweist, schlug er den Namen Maghemit vor.[11] Mit diesem Namen und dieser Typlokalität wurde Maghemit als Mineral anerkannt.[6][12]
Maghemit war bereits lange vor der Gründung der International Mineralogical Association (IMA) bekannt und als eigenständige Mineralart anerkannt. Damit hätte Maghemit theoretisch den Status eines grandfathered Mineral. In der 2018 zunächst online und 2019 auch im European Journal of Mineralogy erfolgten Publikation Nomenclature and classification of the spinel supergroup von Ferdinando Bosi, Cristian Biagioni, Marco Pasero wurde ein neues Klassifizierungsschema für die Spinell-Supergruppe festgelegt und die chemische Formel einiger Gruppen-Mitglieder teilweise neu definiert. Maghemit erhielt die neu definierte Zusammensetzung Fe3+0,67☐0,33)Fe3+2O4.[13] Diese anerkannte Neudefinition wird seitdem in der „Liste der Minerale und Mineralnamen“ der IMA unter der Summenanerkennung „2018 s.p.“ (special procedure) geführt.[1]
In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Maghemit die System- und Mineralnummer 04.03.07.01. Das entspricht ebenfalls der Klasse der „Oxide und Hydroxide“ und dort der Abteilung „Oxide“. Hier findet er sich innerhalb der Unterabteilung „Einfache Oxide mit einer Kationenladung von 3+ (A2O3)“ in einer unbenannten Gruppe mit der Systemnummer 04.03.07, in der auch Bixbyit-(Mn) eingeordnet ist.
Natürliche Maghemite kommen überwiegend in Form von derben Massen von brauner Farbe in wechselnder Tönung vor. Auch blauschwarze Mineral-Aggregate und Pseudomorphosen nach Magnetit sind bekannt.
Da Maghemit durch Verwitterung aus Magnetit entsteht, können alle Stadien der Verfärbung beobachtet werden. Im Auflicht erscheint Maghemit weiß bis graublau, allerdings mit nur mäßigem und wechselndem Reflexionsvermögen. Im Gegensatz zum Magnetit, der besonders in Öl einen stets braunrosa Farbton aufweist, erscheint Maghemit deutlich graublau.[7]
Die Strichfarbe von reinem Maghemit ist tiefbraun und dadurch von der schwarzen Strichfarbe des Magnetits gut unterscheidbar.
Durch Erhitzen bis auf Rotglut wandelt sich Maghemit in Hämatit um.[7]
Als eher seltene Mineralbildung kann Maghemit an verschiedenen Fundorten zum Teil reichlich vorhanden sein, insgesamt ist er aber wenig verbreitet. Weltweit sind bisher rund 240 Fundstellen für Maghemit bekannt (Stand: 2021).[18] Neben seiner Typlokalität „Iron Mountain Mine“ trat Maghemit in Kalifornien unter anderem noch an mehreren Stellen bei Lebec im Kern County auf. In Südafrika konnte das Mineral außer im Bushveld-Komplex noch bei Onverwacht in der Provinz Limpopo und in der „Vergenoeg Mine“ bei Vergenoeg in der Gemeinde Tsantsabane gefunden werden.
In Deutschland trat das Mineral unter anderem an mehreren Stellen bei Sinsheim und am Katzenbuckel in Baden-Württemberg, am Zeilberg in Bayern sowie bei Mendig und Kruft in der Eifel in Rheinland-Pfalz auf.
In Österreich fand sich Maghemit bisher nur am Untersberg in Salzburg (Österreich) und vom „Glücksgrat“ am Habicht in Tirol.
Weitere Fundorte liegen unter anderem in Australien, Bolivien, Brasilien, Chile, China, Dominikanischen Republik, Indien, Israel, Italien, Japan, Kamerun, Kanada, Kolumbien, Kuba, Madagaskar, Mazedonien, Mexiko, der Mongolei, Namibia, Neukaledonien, Neuseeland, Nicaragua, Nigeria, Norwegen, Portugal, Russland, Saudi-Arabien, Schweden, der Slowakei, Spanien, Tschechien, der Türkei, im Vereinigten Königreich und vielen weiteren Stellen in den Vereinigten Staaten von Amerika.[19]
Percy A. Wagner:Changes in the oxidation of iron in magnetite. In: Economic Geology. Band22, 1927, S.845–846 (englisch, rruff.info[PDF; 46kB; abgerufen am 28.September 2021]).
J. F. Schairer:New mineral names. In: American Mineralogist. Band14, 1929, S.387–388 (englisch, rruff.info[PDF; 172kB; abgerufen am 28.September 2021]).
Maghemite In: mindat.org. Hudson Institute of Mineralogy (englisch).
David Barthelmy:Maghemite Mineral Data.In:webmineral.com.Abgerufen am 28.September 2021(englisch).
Maghemite search results.In:rruff.info.Database of Raman spectroscopy, X-ray diffraction and chemistry of minerals (RRUFF);abgerufen am 10.September 2024(englisch).
123Stefan Weiß:Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
123456789
Maghemite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (englisch, handbookofmineralogy.org[PDF; 57kB; abgerufen am 10.März 2025]).
1234Hugo Strunz, Ernest H. Nickel:Strunz Mineralogical Tables. Chemical-structural Mineral Classification System. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S.190 (englisch, Verhältnisangabe in der Formel Fe3+,□)3O4 ist falsch).
123Paul Ramdohr:Die Erzmineralien und ihre Verwachsungen. 4., bearbeitete und erweiterte Auflage. Akademie-Verlag, Berlin 1975, S.1057–1060.
↑John B. Carlson:Lodestone Compass: Chinese or Olmec Primacy? In: Science, New Series. Band189, Nr.4205, 1975, S.753–760, doi:10.1126/science.189.4205.75 (englisch, online bei us.archive.org[PDF; 2,4MB; abgerufen am 9.Februar 2025]).
↑Jaroslav Klokocnik:Pyramids and Ceremonial Centers in Mesoamerica and China: Were They Oriented Using a Magnetic Compass? In: Procedia Environmental Sciences. Band10, 2011, S.255–261, doi:10.1016/j.proenv.2011.09.042 (englisch, researchgate.net[PDF; 6,1MB; abgerufen am 10.März 2025]).
↑Robert B. Sosman, E. Posjnak:Ferromagnetic ferric oxide, artificial and natural. In: Journal of the Washington Academy of Science. Band15, 1925, S.332–342, JSTOR:24529168 (englisch).
↑P. A. Wagner:Changes in the oxidation of iron in magnetite. In: Economic Geology. Band22, 1925, S.845–846 (englisch, online bei rruff.info[PDF; 45kB; abgerufen am 19.Januar 2025]).
12Ferdinando Bosi, Cristian Biagioni, Marco Pasero:Nomenclature and classification of the spinel supergroup. In: European Journal of Mineralogy. Band31, Nr.1, 12.September 2018, S.183–192, doi:10.1127/ejm/2019/0031-2788 (englisch, rruff.info[PDF; 1,2MB; abgerufen am 10.März 2025]).
↑Ritsuro Miyawaki, Frédéric Hatert, Marco Pasero, Stuart J. Mills:IMA Commission on New Minerals, Nomenclature and Classification (CNMNC) – Newsletter 67. In: European Journal of Mineralogy. Band34, Nr.3, 2022, S.359–364, IMA no. 2022-010. Chihmingite, doi:10.5194/ejm-34-359-2022 (ejm.copernicus.org[PDF; 113kB; abgerufen am 10.März 2025]).
↑Can Rao, Xiangping Gu, Rucheng Wang, Qunke Xia, Yuanfeng Cai, Chuanwan Dong, Frédéric Hatert, Yantao Hao:Chukochenite, (Li0.5Al0.5)Al2O4, a new lithium oxyspinel mineral from the Xianghualing skarn, Hunan Province, China. In: American Mineralogiste. Band107, Nr.5, 2022, S.842–847, doi:10.2138/am-2021-7932.
↑Cristian Biagioni, Marco Pasero:The systematics of the spinel-type minerals: An overview. In: American Mineralogist. Band99, Nr.7, 2014, S.1254–1264, doi:10.2138/am.2014.4816 (Vorabversion online[PDF]).