Kalomel kristallisiert im tetragonalen Kristallsystem und entwickelt kleine, flächenreiche Kristalle bis etwa einen Zentimeter Größe,[8] deren komplexer Aufbau (Habitus) tafelig, prismatisch oder pyramidal sein kann. Daneben finden sich auch krustenförmige bzw. erdige Mineral-Aggregate.
In reiner Form ist Kalomel farblos und durchsichtig mit einem diamantähnlichen Glanz auf den Oberflächen. Durch vielfache Lichtbrechung aufgrund von Gitterfehlern oder polykristalliner Ausbildung kann er aber auch durchscheinend weiß sein und durch Fremdbeimengungen eine gelblichgrau bis aschgrau oder braune Farbe annehmen. Unter Lichteinwirkung kann die Farbe nachdunkeln. Die Strichfarbe von Kalomel ist allerdings immer blass gelblichweiß.
Erste Erwähnung fand Kalomel bereits in den Aufzeichnungen von 1608 durch Beguin und 1609 durch Oswald Croll. Er soll jedoch schon den alten Tibetern bekannt gewesen sein. Wissenschaftlich beschrieben wurde das Mineral aber erst 1612 durch Théodore Turquet de Mayerne, der dem Mineral die Bezeichnung „schönes Schwarz“ gab. Der Name ist eine Zusammensetzung der altgriechischen Worte καλόςkalos für „schön“ und μέλαςmelas für „schwarz“, der Legende nach inspiriert durch seinen schwarzen Sklaven, der Präparate dieser Substanz gut zu bereiten wusste.[10][11]
Tatsächlich rührt der Name daher, dass das Quecksilber(I) im Kalomel leicht in elementares Quecksilber und Quecksilber(II) disproportioniert. Das sich bildende Quecksilber ist fein verteilt und sorgt dadurch für die schwarze Farbe. Die Disproportionierung kann durch Licht oder in wässrigen Lösungen durch Anheben des pH-Wertes geschehen. Zum Beispiel fällt beim Übergießen von Kalomel mit Ammoniaklösung feinverteiltes, schwarzes Quecksilber und weißes Quecksilber(II)-amidchlorid, sogenanntes unschmelzbares Präzipitat, aus:[12]
Da der Kalomel bereits lange vor der 1958 gegründeten International Mineralogical Association (IMA) bekannt und als eigenständige Mineralart anerkannt war, wurde dies von ihrer Commission on New Minerals, Nomenclature and Classification (CNMNC) übernommen und der Kalomel als sogenanntes „grandfathered“ (G) Mineral bezeichnet.[15] Die seit 2021 ebenfalls von der IMA/CNMNC anerkannte Kurzbezeichnung (auch Mineral-Symbol) von Kalomel lautet „Clo“.[1]
In der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, erhielt das Mineral die System- und Mineralnummer III/A.05-010. Dies entspricht ebenfalls der Abteilung „Einfache Halogenide“, wo Kalomel zusammen mit Kuzminit und Moschelit eine unbenannte Gruppe mit der Systemnummer III/A.05 bildet.[6]
Die von der International Mineralogical Association (IMA) zuletzt 2009 aktualisierte 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Kalomel in die bereits feiner unterteilte Abteilung der „Einfachen Halogenide ohne H2O“ ein. Diese ist zudem weiter unterteilt nach dem Stoffmengenverhältnis von Kationen (M) zu Anionen (X). Das Mineral ist hier entsprechend seiner Zusammensetzung in der Unterabteilung „M:X=1:1 und 2:3“ zu finden, wo es ebenfalls zusammen mit Kuzminit und Moschelit die nach ihm benannte „Kalomelgruppe“ mit der Systemnummer 3.AA.30 bildet.[16]
In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen und zuletzt 1997 veröffentlichten Systematik der Minerale nach Dana hat Kalomel die System- und Mineralnummer 09.01.08.01. Dies entspricht ebenfalls der Klasse der „Halogenide“ und dort der Abteilung „Wasserfreie und hydratisierte Halogenide“, wo er zusammen Kuzminit und Moschelit in einer unbenannten Gruppe mit der Systemnummer 09.01.08 zu finden ist.[17]
Gelber, erdiger Kalomel aus der „Mariposa Mine“, Texas, USA (Sichtfeld: 5 mm)
Reiner Kalomel ist farblos. Er kann jedoch durch Verunreinigungen oder Beimengungen formelfremder Ionen von weißer, weißgelber bis graugelber oder brauner Farbe sein, die bei längerem Kontakt mit Luft allmählich nachdunkelt. Seine Optische Dispersion reicht an die des Diamanten und seine Doppelbrechung übertrifft die des gerade für diese Eigenschaft bekannten Calcits bei weitem.
Kalomel bildet sich als Sekundärmineral durch Verwitterung primärer Quecksilberminerale.
Als seltene Mineralbildung konnte Kalomel nur an wenigen Orten nachgewiesen werden, wobei weltweit bisher rund 100 Vorkommen dokumentiert sind (Stand 2026).[18] Neben seiner Typlokalität Moschellandsberg trat das Mineral in Deutschland noch im „Daimbacher Hof“ (ehemals „Alte Grube“ in Daimbach) bei Mörsfeld, am Potzberg, in der Grube „Frischer Mut“ bei Stahlberg und in der Grube „Christiansglück“ am Königsberg bei Wolfstein in Rheinland-Pfalz auf.
Größere, abbauwürdige Vorkommen von Kalomel sind nicht bekannt. Aus diesem Grund ist es als Quecksilbererz von untergeordnetem Interesse. Anwendungen des Minerals sind eher von historischem Interesse. So entdeckte William Alexander in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die antiseptische Wirkung von Quecksilber(II)-chlorid (auch Sublimat) und Kalomel. Unter dem Mikroskop beobachtete er Infusorien, die unter Einwirkung der beiden Substanzen in wenigen Minuten zugrunde gingen.[20]
Weitere historische und medizinische Anwendungen finden sich unter → Quecksilber(I)-chlorid.
T. T. de Mayerne, W. Charleton:De scirrho & cancro uteri. In: Praxeos Mayernianae In Morbis internis Præcipue Gravioribus & Chronicis Syntagma, ex Adversariis, Consiliis ac Epistolis Ejus, Summâ Curâ ac Diligentiâ Concinnatum. Impensis Sam. Smith & Benj. Wolford, Londini 1690, S.432–433 (Latein, Digitalisat bei rruff.info (Memento vom 2. März 2024 im Internet Archive) [PDF; 378kB; abgerufen am 23.September 2026]).
W. R. Whatton:On the origin of the name of calomel. In: Annals of Philosophy. Band2, 1821, S.427–430 (englisch, eingeschränkte Vorschauin der Google-Buchsuche [abgerufen am 23.September 2026]).
Petr Korbel, Milan Novák:Mineralien-Enzyklopädie (=Dörfler Natur). Edition Dörfler im Nebel-Verlag, Eggolsheim 2002, ISBN 978-3-89555-076-8, S.72.
Calomel search results.In:rruff.net.Database of Raman spectroscopy, X-ray diffraction and chemistry of minerals (RRUFF);abgerufen am 22.September 2026(englisch).
12Stefan Weiß:Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
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Calomel. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (englisch, handbookofmineralogy.org[PDF; 63kB; abgerufen am 26.März 2022]).
123Calomel.In:mindat.org.Hudson Institute of Mineralogy,abgerufen am 4.April 2022(englisch).
↑Elias Altschul:Real Lexicon für Homöopathische Arzneimittellehre, Therapie u. Arznei-Bereitungskunde. Sondershausen 1864, S.225–226, Mercurius dulcis. Hydrargyrum muriaticum mite, Chloretum Hydrargyri. Versüsstes Quecksilber. Mildes salzsaures Quecksilber. Quecksilberchlorür. (in der Einleitung Calomel) (eingeschränkte Vorschauin der Google-Buchsuche [abgerufen am 23.September 2026]).
↑F. Chance:Calomel. In: Notes and Queries: A Medium of Intercommunication for literary men, general readers, etc.Band2. Francis, London 1874, S.4 (englisch, online verfügbar bei archive.org– Internet Archive).
↑Richard V. Gaines, H. Catherine W. Skinner, Eugene E. Foord, Brian Mason, Abraham Rosenzweig:Dana’s New Mineralogy. 8. Auflage. John Wiley & Sons, New York u. a. 1997, ISBN 0-471-19310-0, S.379 (englisch).
↑Localities for Calomel.In:mindat.org.Hudson Institute of Mineralogy,abgerufen am 22.September 2026(englisch).
↑
Fundortliste für Kalomel beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat (englisch), abgerufen am 22. September 2026.