Hessesche Normalform
Die hessesche Normalform[1][2], Hesse-Normalform[3] oder hessesche Normalenform[4] ist in der Mathematik eine spezielle Form einer Geradengleichung oder Ebenengleichung. Dabei wird eine Gerade oder Ebene mithilfe eines normierten Normalenvektor der Gerade bzw. Ebene sowie ihres Abstands vom Koordinatenursprung beschrieben; es handelt sich demnach um eine spezielle Normalenform.[5]
Anhand der Hesseschen Normalform einer Geraden oder Ebene lässt sich direkt ihr Abstand zum Koordinatenursprung ablesen. Darüber hinaus kann man mittels den Hesseschen Normalform relativ leicht den Abstand eines beliebigen Punktes im Umgebungsraum zu dieser Geraden oder Ebene berechnen. Sie ist nach dem deutschen Mathematiker Otto Hesse benannt, der sie 1865 einführte.
Mathematische Hintergründe
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Zu jeder Geraden oder Ebene gibt es zwei Vektoren und der Länge eins, die senkrecht auf der Geraden bzw. Ebene stehen (Normaleneinheitsvektor); diese sind jeweils Gegenvektoren zueinander, das heißt es gilt . Verläuft die Gerade bzw. Ebene nicht durch den Ursprung, so lassen sich diese beiden Normaleneinheitsvektoren danach unterscheiden, ob sie vom Ursprung des Koordinatensystems zu oder zeigen oder in die entgegengesetzte Richtung von bzw. zum Ursprung.
Derjenige Normaleneinheitsvektor , die vom Ursprung zu bzw. zeigt, erfüllt die Beziehung , wobei den Abstand der Gerade bzw. den Abstand der Ebene vom Koordinatenursprung, den Ortsvektor eines beliebigen Punkts auf der Gerade bzw. Ebene und das Skalarprodukt bezeichnet. Der entgegengesetzte Normaleneinheitsvektor erfüllt entsprechend für alle die Gleichung [6]
Hessesche Normalform einer Geradengleichung
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Vektorgleichung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ist ein Normaleneinheitsvektor einer Geraden in der euklidischen Ebene und ihr Abstand vom Koordinatenursprung, so besteht die Gerade aus denjenigen Punkten in der Ebene, deren Ortsvektoren die Gleichung
- bzw.
erfüllen. Diese Form einer Geradengleichung heißt Hessesche Normalform. Dabei ist derjenige Normaleneinheitsvektor, der vom Ursprung zur Geraden hinzeigt.[7] Vielfach wird nur vorausgesetzt, dass eine reelle Zahl ist. In diesem Fall gibt es zwei Hessesche Normalformen, für beide Normaleneinheitsvektoren jeweils eine, und der Betrag von gibt den Abstand des Koordinatenursprungs von der Gerade an.[8]
In der hesseschen Normalform werden die Punkte der Geraden also implizit dadurch definiert, dass das Skalarprodukt aus dem Ortsvektor eines Geradenpunkts und dem Normaleneinheitsvektor der Geraden gleich dem Abstand der Geraden vom Ursprung ist. Ein Punkt, dessen Ortsvektor die Gleichung nicht erfüllt, liegt für auf derjenigen Seite der Geraden, in welche der Normalenvektor zeigt, und ansonsten auf der anderen Seite. Der Koordinatenursprung befindet sich immer auf der Seite der Gerade, in die der Normalnvektor nicht zeigt, sofern sie keine Ursprungsgerade ist.
Berechnung aus anderen Formen von Geradengleichungen
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Ist die Gerade in Normalenform gegeben als , so bestimmt man zunächst den Normaleneinheitsvektor, der vom Ursprung zur Geraden zeigt, durch Normierung und eventuelle Vorzeichenumkehr:
Den Abstand der Geraden vom Ursprung erhält man als (siehe Abbildung).
Liegt die Gerade in einer anderen Form vor (allgemeinen Koordinatenform, Achsenabschnittsform, Parameterform oder Zweipunkteform), so ermittelt man zunächst die zugehörige Normalenform der Geraden (siehe Berechnung der Normalenform) und daraus dann die hessesche Normalform.
Alternative Darstellung mit Stützvektor
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ist ein Stützvektor, so gilt die Beziehung . Setzt man dies in die Hessesche Normalform ein, so erhält man die Darstellung
- bzw.
Dabei wurde für die letzte Umformung das Distributivgesetz für das Skalarprodukt angewendet. Gelegentlich (vor allem in der Schulmathematik) werden auch diese Formen als Hessesche Normalform bezeichnet.[9][10]
Beispiel
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Hessesche Normalform einer Geraden mit Normaleneinheitsvektor und Abstand vom Koordinatenursprung lautet
- .
Dieselbe Gerade hat den Stützvektor . Damit lässt sie sich auch in der alternativen Hesseschen Normalform schreiben als
Abstandsberechnung
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Mit Hilfe der hesseschen Normalform kann der Abstand eines beliebigen Punkts in der Ebene von einer Geraden dadurch berechnet werden, indem man den Ortsvektor des Punkts in die Hessesche Normalform einsetzt:[6]
- .
Dieser Abstand ist vorzeichenbehaftet: Für liegt der Punkt auf derjenigen Seite der Geraden, in die der Normalenvektor zeigt, ansonsten auf der anderen Seite. Für den nicht vorzeichenbehafteten Abstand verwendet man den absoluten Betrag:
Liegt die Hessesche Normalform als vor, so setzt man entsprechen den Ortsvektor in diese Gleichung ein, um den (vorzeichenbehafteten) Abstand zu erhalten.
Koordinatengleichung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die allgemeine Koordinatenform einer Geraden in der Ebene ist
- .
Dividiert man diese Gleichung durch , erhält man die Hessesche Normalform der Koordinatengleichung:
- .[11]
Eigenschaften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Abstand eines beliebigen Punktes in der Ebene von der Geraden ist
- , speziell: .
- ist ein Normaleneinheitsvektor der Geraden.
Ist die Geradengleichung in expliziter Form , so ist . Die zur -Achse parallele Gerade mit der Gleichung hat die Hessesche Normalform .
Hessesche Normalform einer Ebenengleichung
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Darstellung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Analog wird eine Ebene im dreidimensionalen Raum in der hesseschen Normalform durch einen Normaleneinheitsvektor der Ebene sowie ihren Abstand vom Koordinatenursprung beschrieben. Eine Ebene besteht dann aus denjenigen Punkten im Raum, deren Ortsvektoren die Gleichung
- bzw.
erfüllen. Dabei ist derjenige Normaleneinheitsvektor, der vom Ursprung zur Ebene hinzeigt. Lässt man die Einschränkung fallen, so gibt es zwei Hessesche Normalformen, für beide Normaleneinheitsvektoren jeweils eine, und der Betrag von gibt den Abstand des Koordinatenursprungs von der Ebene an.
In der hesseschen Normalform werden demnach die Punkte der Ebene implizit dadurch definiert, dass das Skalarprodukt aus dem Ortsvektor eines Ebenenpunkts und dem Normalenvektor der Ebene gleich dem Abstand der Ebene vom Ursprung ist. Wiederum liegt ein Punkt, dessen Ortsvektor die Gleichung erfüllt, auf der Ebene. Gilt , dann liegt der Punkt auf derjenigen Seite der Ebene, in die der Normalenvektor zeigt, ansonsten auf der anderen Seite. Der Koordinatenursprung befindet sich immer auf der Seite der Ebene, in die der Richtungsvektor nicht zeigt, sofern sie keine Ursprungsebene ist.
Eine alternative Darstellung mithilfe eines Stützvektors der Ebene ist wie bei Geraden gegeben durch[12]
- bzw..
Beispiel
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Hessesche Normalform einer Ebene mit Normaleneinheitsvektor und Abstand vom Ursprung lautet
- .
Ein Stützvektor dieser Ebene ist . Folglich lässt sie sich auch in der alternativen Hesseschen Normalform schreiben als
Berechnung aus anderen Formen von Ebenengleichungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Liegt eine Ebenengleichung in einer anderen Gleichungsform (Koordinatenform, Achsenabschnittsform, Parameterform, Dreipunkteform) vor, so erfolgt die Bestimmung der Hesseschen Normalform genauso wie im Fall von Geraden: Zunächst ermittelt man ggf. eine Normalenform (siehe Berechnung der Normalenform) und normiert und orientiert dann den Normalenvektor, um denjenigen Normaleneinheitsvektor zu erhalten, der vom Ursprung in Richtung der Ebene zeigt. Dann berechnet man der Abstand der Ebene vom Ursprung mittels .
Abstandsberechnung
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Die Berechnung des Abstands eines beliebigen Punktes im Raum von einer Ebene erfolgt analog zum Fall von Geraden: Man setzt den Ortsvektor des Punkts in die Ebenengleichung ein und erhält
- .
Dieser Abstand ist wieder vorzeichenbehaftet: Für liegt der Punkt auf derjenigen Seite der Ebene, in die der Normalenvektor zeigt, ansonsten auf der anderen Seite. Für den nicht vorzeichenbehafteten Abstand setzt man die obige Formel in Betragsstriche:[13]
Liegt die Hessesche Normalform als vor, so setzt man entsprechen den Ortsvektor in diese Gleichung ein, um den (vorzeichenbehafteten) Abstand zu erhalten.[14]
Verallgemeinerung für Hyperebenen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Allgemein wird durch die hessesche Normalform eine Hyperebene im -dimensionalen euklidischen Raum beschrieben. Im -dimensionalen euklidischen Raum besteht eine Hyperebene entsprechend aus denjenigen Punkten, deren Ortsvektoren die Gleichung
erfüllen. Es wird dabei lediglich mit -komponentigen statt mit zwei- oder dreikomponentigen Vektoren gerechnet.[A 1] Eine Hyperebene teilt den -dimensionalen Raum in zwei Teile, die Halbräume genannt werden. Ein Punkt, dessen Ortsvektor die Gleichung erfüllt, liegt genau auf der Hyperebene. Gilt , dann liegt der Punkt in demjenigen Halbraum, in den der Normalenvektor zeigt, ansonsten in dem anderen.
Geschichte
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Otto Hesse führte 1865 in seinem Buch Analytische Geometrie neben der allgemeinen Form einer Geradengleichung die Normalform
ein. Dabei sind die Winkel der Normalen durch den Nullpunkt gegenüber den Koordinatenachsen und der Abstand der Geraden vom Nullpunkt. Da ist, schreibt man heute
Analog ist die Normalform einer Ebene erklärt.
Hesse zeigt die wichtige geometrische Eigenschaft der Normalform: Man kann mit ihr auf einfache Weise den Abstand eines Punktes von einer Geraden oder einer Ebene bestimmen.
Diese vorteilhafte Art, eine Gerade oder Ebene zu beschreiben, wurde später von Autoren übernommen und als Hessesche Normalform bezeichnet.[15]
In Hesses Buch ist auch die übliche Umrechnung der allgemeinen Form in die Normalform durch Multiplikation mit dem Faktor enthalten.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Anmerkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ In der Literatur wird die Darstellung einer Hyperebene manchmal auch dann als Hessesche Normalform bezeichnet, wenn der Vektor nicht normiert ist.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Otto Hesse: Vorlesungen aus der Analytischen Geometrie der graden Linie, des Punktes und des Kreises in der Ebene. E. B. Teubner, Leipzig 1865, S. 14 ff. (archive.org).
- Tilo Arens, Rolf Busam, Frank Hettlich, Christian Karpfinger, Hellmuth Stachel: Mathematik. 2. Auflage. Springer Spektrum, Berlin / Heidelberg 2021, ISBN 978-3-662-63312-0, S. 714–717.
- Alfred Clebsch, Ferdinand Lindemann: Vorlesungen über Geometrie. Springer, Wiesbaden 1891, ISBN 978-3-663-15770-0, S. 11.
- Lothar Papula: Mathematische Formelsammlung: Für Ingenieure und Naturwissenschaftler. Springer, 2009, ISBN 978-3-8348-9598-1.
- Harald Scheid, Wolfgang Schwarz: Elemente der Linearen Algebra und der Analysis. Springer, 2009, ISBN 978-3-8274-2255-2.
- Wilhelm Leupold et al.: Lehr- und Übungsbuch Mathematik. Band III. Verlag Harri Deutsch, 1969, ISBN 3-871-44041-8, S. 35–40.
- Edmund Weitz: Konkrete Mathematik (nicht nur) für Informatiker. 2. Auflage. Springer Spektrum, 2021, ISBN 978-3-662-62617-7, S. 379–383.
- Otto Forster: Lehrbuch Lineare Algebra und Analytische Geometrie. 4. Auflage. Springer Spektrum, 2019, ISBN 978-3-658-27342-2, S. 36–38.
- Schülerduden Die Mathematik II. 3. Auflage. Dudenverlag, Mannheim 1991, ISBN 978-3-411-04273-9.
- Analytisch Geomtrie: Lehrbuch für die Sekundarstufe II; Gymnasium. Leistungskurs. Volk und Wissen, Berlin 1998, ISBN 978-3-06-001173-5, S. 192–193.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Forster: Lehrbuch Lineare Algebra und Analytische Geometrie. 2019, S. 38.
- ↑ Schülerduden Die Mathematik II. 1991, S. 170.
- ↑ Thomas Westermann: Mathematik für Ingenieure 1. 9. Auflage. Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg 2024, ISBN 978-3-662-69657-6, S. 52.
- ↑ Weitz: Konkrete Mathematik (nicht nur) für Informatiker. 2021, S. 382.
- ↑ Schülerduden Die Mathematik II. 1991, S. 91.
- ↑ a b Weitz: Konkrete Mathematik (nicht nur) für Informatiker. 2021, S. 381.
- ↑ Gerhard Merziger, Thomas Wirth: Repetitorium Höhere Mahematik. 6. Auflage. Binomi Verlag, Hannover 2010, ISBN 978-3-923923-34-2, S. 149.
- ↑ Arens et al.: Mathematik. 2022, S. 717.
- ↑ Anton Bigalke, Norbert Köhler (Hrsg.): Mathematik. Gymnasiale Oberstufe Berlin Grundkurs ma-3. Cornelsen Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-06-040003-4, S. 137.
- ↑ Schülerduden Die Mathematik II. 1991, S. 150.
- ↑ Geradengleichung. In: Guido Walz (Hrsg.): Lexikon der Mathematik: Band 2: Eig bis Inn. 2. Auflage. Springer Spektrum, Berlin / Heidelberg 2017, ISBN 978-3-662-53503-5, S. 280.
- ↑ Analytische Geometrie: Lehrbuch für die Sekundarstufe II; Gymnasium. Leistungskurs. 1998, S. 192.
- ↑ Steffen Goebbels, Stefan Ritter: Mathematik verstehen und anwenden: Differenzial- und Integralrechnung, Lineare Algebra. 4. Auflage. Springer, Berlin / Heidelberg 2023, ISBN 978-3-662-68366-8, S. 532.
- ↑ Analytische Geometrie: Lehrbuch für die Sekundarstufe II; Gymnasium. Leistungskurs. 1998, S. 193.
- ↑ M. Koecher, A. Krieg: Ebene Geometrie. Springer-Verlag, 2007, ISBN 978-3-540-49328-0, S. 114.