Zum Inhalt springen

Georg Lammers

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Von links nach rechts: Georg Lammers, Percy Williams, Jack London 1928 in Amsterdam

Heinrich Georg Lammers (* 14. April 1905 in Burhave; † 17. März 1987 in Butjadingen) war ein deutscher Polizeibeamter, Leichtathlet und Kommunalpolitiker. Als Leichtathlet gewann er bei den Olympischen Sommerspielen 1928 in Amsterdam die Silbermedaille im 100-Meter-Lauf. Während der Zeit des Nationalsozialismus war er Mitglied der NSDAP und als Polizeioffizier in den von Deutschland besetzten Gebieten eingesetzt.[1]

Heinrich Georg Lammers wurde am 14. April 1905 in Burhave geboren. Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte er von 1919 bis 1922 eine Lehre beim Gemeindeamt Burhave. Anschließend war er in verschiedenen Betrieben in der Verwaltung tätig. Von 1924 bis 1926 ließ er sich zum Polizeibeamten ausbilden. Ab 1926 arbeitete er als Sportlehrer und Polizeibeamter im Außendienst in Oldenburg.[1]

Lammers heiratete 1931 Senta Lammers, geborene Eiben. Nach ihrem Tod im Jahr 1934 heiratete er 1936 Gertrud Lammers, geborene Schaup. Ebenfalls 1934 wurde die Oldenburger Ordnungspolizei aufgelöst und Lammers nach Berlin versetzt. Dort besuchte er von 1935 bis 1938 eine Polizei-Beamtenschule. Von Oktober 1938 bis April 1939 absolvierte er einen Offizierslehrgang an der Polizeischule in Fürstenfeldbruck und bestand anschließend die Prüfung zum Offiziersanwärter.[1]

1939 wurde Lammers zur Schutzpolizei nach Hamburg versetzt. Während des Zweiten Weltkriegs war er zunächst in Polen eingesetzt. Anschließend war er als Sportlehrer an der Polizeischule Berlin-Spandau tätig. Im April 1942 wurde er zum Hauptmann befördert. Von November 1942 bis Oktober 1943 war er beim Polizei-Bataillon 85 im deutsch besetzten Gebiet der Sowjetunion eingesetzt.[1]

Nach einem Aufenthalt im Lazarett war Lammers ab 1944 als Abschnittskommandeur in Berlin-Steglitz und Berlin-Schöneberg sowie anschließend als Sachbearbeiter im Reichsministerium des Innern tätig. Nach Kriegsende leitete er von Mai bis Juli 1945 die Wachmannschaft eines Kriegsgefangenenlazaretts in Fürstenfeldbruck. Im Dezember 1945 wurde er wieder in den Polizeidienst aufgenommen und als Polizeiinspektor in Wilhelmshaven eingesetzt.[1]

Von 1947 bis 1952 war Lammers bei der Schutzpolizei in Oldenburg tätig und wurde 1949 zum Oberinspektor befördert. Anschließend wechselte er als Hauptkommissar nach Hildesheim. Von 1954 bis 1965 leitete er den Polizeiabschnitt im Landkreis Osterode. 1965 wurde er für die FDP in den Stadtrat von Osterode gewählt. Georg Lammers starb am 17. März 1987 in Butjadingen.[1]

Sportliche Erfolge als Leichtathlet

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben seiner Tätigkeit bei der Polizei war Lammers als Leichtathlet erfolgreich. Beim Bundesturnfest 1920 in Stollhamm gewann er den Dreikampf. Bei den Olympischen Sommerspielen 1928 in Amsterdam gewann Georg Lammers die Bronzemedaille im 100-Meter-Lauf (10,9 s) sowie die Silbermedaille in der 4-mal-100-Meter-Staffel (41,2 s). Für die Olympischen Spiele 1932 in Los Angeles wurde er trotz guter Leistungen aufgrund von Rivalitäten zwischen verschiedenen Sportverbänden nicht nominiert.

Sein dritter Platz im Einzelrennen wurde nach knappem Ausgang durch Kampfrichterentscheid mit 4:3 zugunsten des Zweiten, des Briten Jack London, ermittelt. Lammers hatte auch einen Start bei den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles angestrebt. Im Vorfeld war er mit der deutschen Staffel Europarekord in 40,8 s gelaufen, konnte sich jedoch letztlich nicht qualifizieren.

Lammers startete für die SG Orpo Oldenburg und für den SC Nordenham. In seiner aktiven Zeit war er 1,78 m groß und wog 84 kg. Seine Bestzeit über die 100 Meter war 10,4 s.

Lammers im Nationalsozialismus

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verhältnis zum Nationalsozialismus

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum 1. Mai 1933 trat Lammers der NSDAP bei, seine Mitgliedsnummer lautete 2.867.470.[2] Darüber hinaus war er von 1934 bis 1945 Mitglied der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und des Nationalsozialistischen Reichsbunds für Leibesübungen. Lammers gab während seines Entnazifizierungsprozesses an, bereits Ende 1942 mit der NSDAP gebrochen zu haben. Er habe wegen Auseinandersetzungen seiner Ortsgruppe keine Mitgliedsbeiträge mehr gezahlt. Die erhaltenen Unterlagen bestätigen einen Austritt jedoch nicht. Sowohl seine NSDAP-Mitgliedskarte als auch ein Personalformblatt aus dem Jahr 1944 führen ihn weiterhin als Parteimitglied. Nach den vorhandenen Unterlagen gilt Lammers daher offiziell bis 1945 als Parteimitglied.[1]

Beteiligung an NS-Verbrechen

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine wesentliche Rolle bei der Bewertung seiner Tätigkeit im Nationalsozialismus spielen seine Einsätze als Polizeioffizier in den besetzten Gebieten. Von Oktober 1939 bis 1941 gehörte Lammers dem Polizei-Bataillon 101 der Ordnungspolizei an. Das Bataillon wurde zunächst in Polen eingesetzt. Zu seinen Aufgaben gehörten unter anderem die Suche nach polnischen Soldaten und später sogenannte „Aussiedlungsaktionen“ im Warthegau. Dabei wurden jüdische Menschen sowie Sinti und Roma aus ihren Wohnungen und Häusern vertrieben.[1]

Von Juli 1940 bis April 1941 war Lammers nach eigenen Angaben im Raum Łódź eingesetzt. Das Polizei-Bataillon 101 war am Aufbau und an der Bewachung des von den Nationalsozialisten errichteten Ghettos Litzmannstadt beteiligt. Lammers gab an, dort im Bewachungsdienst eingesetzt gewesen zu sein. Ob Lammers selbst an Erschießungen von flüchtenden Juden beteiligt war, lässt sich anhand der erhaltenen Quellen nicht feststellen.[1]

Von November 1942 bis Oktober 1943 war Lammers beim Polizei-Bataillon 85 eingesetzt. Das Bataillon war Teil des Polizei-Regiments 13 und wurde im besetzten sowjetischen Gebiet unter anderem zur sogenannten Partisanenbekämpfung eingesetzt. Teile des Regiments waren an mehreren verbrecherischen Aktionen beteiligt, bei denen Partisanen und Zivilisten ermordet wurden. Dazu gehörten unter anderem die Aktionen „Erntefest“ und „Hornung“. Ob Lammers persönlich an diesen Verbrechen beteiligt war, lässt sich anhand der vorhandenen Quellen nicht in jedem Einzelfall feststellen. Nach eigenen Angaben war er als Kompaniechef eingesetzt und damit für etwa 150 Polizisten verantwortlich. Für seine Tätigkeit erhielt er 1942 und 1943 das Eiserne Kreuz II. beziehungsweise I. Klasse.[1]

In seinem Entnazifizierungsverfahren wurde Lammers am 25. Februar 1947 zunächst als „Mitläufer“ in Kategorie IV eingestuft. 1948 wurde die Einstufung nach einer erneuten Überprüfung in Kategorie V („Entlastete“) geändert. Sanktionen wie eine Vermögensstrafe oder Kontensperre wurden nicht verhängt. Lammers konnte anschließend seine Laufbahn bei der Polizei fortsetzen.[1]

In späteren Zeugenaussagen zu seinen Einsätzen der Polizeibataillone machte Lammers teilweise unterschiedliche Angaben. 1975 erklärte er, seine Einheit habe bei der Partisanenbekämpfung kaum direkten Kontakt mit Partisanen gehabt und keine Dörfer zerstört. Bei einer Vernehmung im Jahr 1980 räumte er dagegen ein, dass seine Einheit im Rahmen der Partisanenbekämpfung auf Menschen geschossen habe. Zudem berichtete er von einem Einsatz im Jahr 1943, bei dem er auf Befehl eines SS-Führers ein Dorf an der Straße zwischen Smolensk und Minsk niedergebrannt hatte.[1]

Umbenennung von Straßennamen

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gemeinde Wardenburg benannte noch zu seinen Lebzeiten eine Straße nach ihm. Die Gemeinde Butjadingen benannte in seinem Geburtsort Burhave ebenfalls einen Weg nach ihm.

In den 2020er Jahren wurde in Wardenburg eine öffentliche Debatte über die Biografie des Nationalsozialisten Lammers geführt. Daraufhin gab die Gemeinde eine wissenschaftliche Untersuchung bei der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg in Auftrag. Nach der Vorstellung der Untersuchungsergebnisse im Jahr 2023 beschloss der Gemeinderat Wardenburg die Umbenennung. Seit 2023 trägt die ehemalige Straße den Namen „An den Huntewiesen“.[3]

Im Jahr 2026 hielt die Gemeinde Butjadingen weiterhin an den Straßennamen in Burhave fest.

Commons: Georg Lammers – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 Joachim Tautz, Mareike Witkowski: Ergebnisse der Untersuchung von Straßennamen (Wardenburg). Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Oldenburg 9. Februar 2023, S. 42–54 (wardenburg.de [PDF]).
  2. ↑ Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/24551320
  3. ↑ Werner Fademrecht: Georg-Lammers-Straße ist endgültig Geschichte. In: NWZonline.de. 25. August 2023, abgerufen am 23. September 2026.