Charlotte Pommer
Charlotte Pommer (* 9. November 1914 in Berlin; † 23. April 2004 in Eggstätt, Bayern), mit vollständigen Namen Martha Brigitte Charlotte Pommer, war eine deutsche Ärztin und Angehörige des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Sie ist die einzige dokumentierte Anatomin, die ihre Tätigkeit während der NS-Zeit aufgab, nachdem sie im Dezember 1942 als Assistentin Hermann Stieves am Anatomischen Institut der Berliner Universität die Leichen hingerichteter Mitglieder der Widerstandsorganisation Rote Kapelle auf dem Seziertisch erkannte.[1][2] Im Jahr 2026 durchgeführte Forschung, belegt, dass sie von Ende 1947 bis Anfang 1948 die faktische Leitung des Anatomischen Instituts der Universität Erlangen innehatte; sie gilt damit als möglicherweise erste Frau in Deutschland, die eine solche Leitungsfunktion an einem anatomischen Institut ausübte – wenngleich nicht als ordentliche, also berufene, Professorin.[2]
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Herkunft und Familie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Charlotte Pommer wurde am 9. November 1914 in Berlin als Tochter des Buchhändlers und Prokuristen Karl Heinrich Walter Pommer (1880–1946) und seiner Frau Helene Marie Frieda, geborene Eichhorn (1880–1945), geboren. Die Eltern hatten 1907 in Berlin-Schöneberg geheiratet. Ihr Vater wurde 1939 Gesellschafter des Verlags Wilhelm Ernst & Sohn und der Gropius’schen Buch- und Kunsthandlung; 1940 trat er der NSDAP bei. Ihr älterer Bruder Ulrich Adolf Helmut Pommer (1908–1986) verschwand 1927 aus dem Elternhaus, diente später in der Wehrmacht und wanderte 1955 in die USA aus; ein Kontakt zwischen den Geschwistern bestand danach offenbar nicht mehr.[2]
Ausbildung und Promotion
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Pommer besuchte bis 1928 die Auguste-Viktoria-Schule in Berlin-Steglitz und anschließend bis 1934 die Königin-Luise-Schule in Berlin-Friedenau. Ab 1936 studierte sie Medizin an der Berliner Universität. Am 17. November 1941 wurde sie am Pharmakologischen Institut bei Wolfgang Heubner mit einer Arbeit über die Wirkung einiger Azulene bei Entzündungen promoviert; ihr medizinisches Studium hatte sie bereits am 19. März 1941 abgeschlossen. Es folgten kurze Tätigkeiten als Pflichtassistentin am Krankenhaus Bethanien in Berlin und am Sanatorium Ebenhausen bei München.[2]
Anatomisches Institut Berlin und Rücktritt (1941–1943)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im September 1941 trat Pommer eine Assistenzstelle am Anatomischen Institut der Universität Berlin unter Hermann Stieve an, wo sie unter anderem den „Damensaal der Muskelabteilung“ leitete und damit die Studentinnen im Präparierkurs mitbetreute.[2] Stieve betrieb über Jahre histologische Forschung an den Leichen von im Strafgefängnis Plötzensee Hingerichteten.[3]
In der Nacht zum 22. Dezember 1942 wurden die Leichen mehrerer an diesem Tag hingerichteter Mitglieder der „Roten Kapelle“ in das Institut eingeliefert, darunter Libertas Schulze-Boysen und ihr Mann Harro Schulze-Boysen. Pommer erkannte die Toten – einige waren ihr persönlich bekannt – und entschloss sich daraufhin, ihre Stelle aufzugeben; zum 31. März 1943 schied sie freiwillig aus. Sie ist nach bisherigem Forschungsstand die einzige dokumentierte Anatomin bzw. der einzige dokumentierte Anatom, die bzw. der die Arbeit im Fach aus Gewissensgründen nach der Begegnung mit Leichen von NS-Opfern aufgab.[1][4][2]
Staatskrankenhaus der Polizei und Widerstand (1943–1945)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Vom 1. April 1943 bis zum 31. Mai 1945 war Pommer als vertraglich angestellte Polizeiärztin in der chirurgischen Abteilung des Staatskrankenhauses der Polizei in Berlin tätig. Den Dienst trat sie krankheitsbedingt erst am 1. Mai 1943 an; nach der Bombardierung des Krankenhauses wurde sie im September 1943 vorübergehend an ein Polizeilazarett in Karlsbad versetzt, ehe sie ab Mai 1944 in Berlin die chirurgische Poliklinik leitete. Für ihren Einsatz bei der Verlegung des Krankenhauses erhielt sie 1944 das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse mit Schwertern.[2]
Am Staatskrankenhaus gehörte Pommer einer Widerstandsgruppe um den Arzt Albrecht Tietze an, die Verbindungen zu Kreisen des Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 unterhielt. Die Gruppe versuchte, in das Krankenhaus eingelieferte Gegner des NS-Regimes durch verlängerte Krankschreibungen und gefälschte Unterlagen vor dem Zugriff der Gestapo zu schützen, etwa im Fall des in das Attentat eingeweihten Wilhelm Roloff. Tietze wurde später in Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt.[1][2]
Verhaftung und Kriegsende (1945)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Am 10. März 1945 wurde Pommer von der Gestapo verhaftet und verhört, nachdem bekannt geworden war, dass sie gemeinsam mit ihrer engen Freundin Alexandra Roloff (1910–1968) und weiteren Personen dem Widerstandskämpfer Hans Bernd Gisevius geholfen hatte. Sie wurde im Durchgangsgefängnis in der Großen Hamburger Straße inhaftiert, wo sie als Schreibkraft eingesetzt wurde. In den Wirren des Kriegsendes fälschte sie Entlassungspapiere für sich, ihre Freundin und zwei weitere Unterstützer Gisevius’; am 21. April 1945 gelang ihr die Flucht. Sie kehrte kurzzeitig an das Staatskrankenhaus zurück und schied dort zum 31. Mai 1945 aus. Wenige Wochen später, am 12. Juli 1945, starb ihre Mutter.[1][2]
Hamburg und Entnazifizierung (1945–1947)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Von 1945 bis 1947 lebte Pommer in Hamburg und arbeitete bei dem Chirurgen Henning Brütt am Hafenkrankenhaus. Im Zuge der Entnazifizierung wurde sie aufgrund ihrer Widerstandstätigkeit als entlastet eingestuft und von der Militärregierung 1945 zur Tätigkeit als Krankenhausärztin zugelassen.[2]
Kommissarische Leitung des Anatomischen Instituts Erlangen (1947–1949)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Auf Empfehlung von Wolfgang Heubner und Hermann Stieve wechselte Pommer zum 15. August 1947 an das Anatomische Institut der Universität Erlangen, wo sie als wissenschaftliche Assistentin mit den Aufgaben eines stellvertretenden Prosektors betraut wurde. Während der Abwesenheit des kommissarischen Direktors Karl Friedrich Bauer übernahm sie auf dessen Vorschlag vom Dezember 1947 die Geschäftsführung des Instituts; vom 13. Dezember 1947 bis zum Ende des Wintersemesters 1947/48 leitete sie das Institut eigenständig, einschließlich Lehre, Prüfungen und Personalentscheidungen. Eine formelle Ernennung zur kommissarischen Direktorin durch den Freistaat Bayern erfolgte zwar wohl nicht, ihre faktische Leitung ist jedoch durch Personalakten, ein Gutachten des Dekans Josef Beck sowie einen Antrag auf zusätzliche Vergütung belegt.[2]
Damit zählt Pommer zu den frühesten dokumentierten Frauen in einer operativen Leitungsfunktion an einem deutschen anatomischen Institut und ist möglicherweise die erste überhaupt. Zum Vergleich wurde Auguste Hoffmann (1902–1989) erst 1948 offizielle kommissarische Direktorin in Greifswald; erste ordentliche Professorin und Lehrstuhlinhaberin für Anatomie in Deutschland wurde 1957/58 Anne Lise Schubel (1907–1988).[2] In Erlangen sah sich Pommer als nicht habilitierte Frau in einer männlich dominierten Hierarchie erheblichen Anfeindungen ausgesetzt, insbesondere durch den Kollegen Johannes Hett (1894–1986).[2]
Internationale Stationen und Pathologie (1949–1978)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1949 verließ Pommer Erlangen und schlug eine wechselvolle internationale Laufbahn ein. Sie arbeitete um 1949/50 am Haile-Selassie-Krankenhaus in Addis Abeba (Äthiopien) und um 1950/51 als Dozentin für Histologie am Medical College im indischen Vellore. Von 1951 bis 1954 war sie als Pathologin am Pathologischen Institut in Würzburg tätig; in dieser Zeit konvertierte sie zum Katholizismus, was ihr späteres moralisches Weltbild prägte. Anschließend arbeitete sie am Oshawa General Hospital im kanadischen Ontario (Forschung zur Wernicke-Enzephalopathie) und hielt sich um 1958 bis 1960 in den USA auf. Nach ihrer Rückkehr war sie 1961 bis 1963 als zivile Pathologin am US-Militärkrankenhaus in Landstuhl, um 1965/66 am Auguste-Viktoria-Krankenhaus in Berlin-Schöneberg sowie Anfang der 1970er Jahre als Pathologin in Bayern, zuletzt am Rotkreuzkrankenhaus in München, beschäftigt.[2]
Ruhestand, Maupertuis-Manuskript und Briefwechsel mit Golo Mann (1978–2004)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach ihrem Ausscheiden aus dem Berufsleben um 1977/78 lebte Pommer abwechselnd in London und Basel. Sie arbeitete an einem Manuskript über Pierre Louis Moreau de Maupertuis und führte einen ausgedehnten Briefwechsel mit dem Historiker Golo Mann, in dem sie sich mit dem von ihr so genannten fortdauernden „Krieg der Deutschen gegen die Deutschen“, mit der Frage der Kollektivschuld sowie – aus ihrer katholischen Überzeugung heraus – mit dem Schwangerschaftsabbruch auseinandersetzte. 1988 kehrte sie nach Deutschland zurück und lebte zuletzt in Pflegeheimen in München und Eggstätt. Charlotte Pommer starb am 23. April 2004; ihren Leichnam vermachte sie dem Anatomischen Institut in München.[1][2]
Bedeutung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Pommer gilt als Beispiel für eine Frau, die in der Medizin Leitungsaufgaben übernahm, ohne den entsprechenden offiziellen Status oder Titel zu erhalten. Sie war weder Mitglied der Anatomischen Gesellschaft noch der Deutschen Gesellschaft für Pathologie. Bekannt wurde sie zunächst durch ihren Widerstand; ihre Aufzeichnungen wurden 2013 von der Historikerin Barbara Orth herausgegeben. Erst eine Studie aus dem Jahr 2026 erschloss ihre Erlanger Leitungsrolle und ihre Nachkriegsbiografie.[2] Am 9. Mai 2019 enthüllten die Charité und die Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand das Kunstwerk „Phantombild der Widerständigen“ zu ihren Ehren; ein gesichertes Foto Pommers ist bislang nicht bekannt.[5][2]
Schriften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Über die Wirkung einiger Azulene bei Entzündungen. Dissertation, Berlin 1941; auch in: Naunyn-Schmiedebergs Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie. Band 199, 1942, S. 74–82, doi:10.1007/BF01860295.
- Autobiographischer Bericht (1960er/1970er Jahre), herausgegeben in: Barbara Orth (Hrsg.): Gestapo im OP. Lukas Verlag, Berlin 2013 (siehe Literatur).
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Barbara Orth (Hrsg.): Gestapo im OP. Bericht der Krankenhausärztin Charlotte Pommer. Lukas Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-86732-126-6 (= Studien und Dokumente zu Alltag, Verfolgung und Widerstand im Nationalsozialismus. Band 2).
- Tim S. Goldmann: Charlotte Pommer: Resistance fighter and female pioneer of German anatomy. In: Anatomical Sciences Education. 2026, doi:10.1002/ase.70268.
- Sabine Hildebrandt: The women on Stieve’s list: Victims of National Socialism whose bodies were used for anatomical research. In: Clinical Anatomy. Band 26, Nr. 1, 2013, S. 3–21, doi:10.1002/ca.22195.
- Andreas Winkelmann, Udo Schagen: Hermann Stieve’s clinical-anatomical research on executed women during the “Third Reich”. In: Clinical Anatomy. Band 22, Nr. 2, 2009, S. 163–171, doi:10.1002/ca.20760.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Gestapo im OP beim Lukas Verlag
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 4 5 Barbara Orth (Hrsg.): Gestapo im OP. Bericht der Krankenhausärztin Charlotte Pommer. Lukas Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-86732-126-6.
- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 Tim S. Goldmann: Charlotte Pommer: Resistance fighter and female pioneer of German anatomy. In: Anatomical Sciences Education. 2026, doi:10.1002/ase.70268.
- ↑ Andreas Winkelmann, Udo Schagen: Hermann Stieve’s clinical-anatomical research on executed women during the “Third Reich”. In: Clinical Anatomy. Band 22, Nr. 2, 2009, S. 163–171, doi:10.1002/ca.20760.
- ↑ Sabine Hildebrandt: The women on Stieve’s list: Victims of National Socialism whose bodies were used for anatomical research. In: Clinical Anatomy. Band 26, Nr. 1, 2013, S. 3–21, doi:10.1002/ca.22195.
- ↑ Charité – Universitätsmedizin Berlin: Symposium zur Forschung des Berliner Anatomischen Instituts während des Nationalsozialismus. Pressemitteilung, 2019.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Pommer, Charlotte |
| ALTERNATIVNAMEN | Pommer, Martha Brigitte Charlotte (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Ärztin, Widerstandskämpferin und Anatomin |
| GEBURTSDATUM | 9. November 1914 |
| GEBURTSORT | Berlin |
| STERBEDATUM | 23. April 2004 |
| STERBEORT | Eggstätt, Bayern |