Ulexit, auch als Fernsehstein, Televisionsstein oder TV-Stein bekannt, ist ein eher selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Borate“ mit der Formel CaNa[B5O6(OH)6]·5H2O[5] und damit chemisch gesehen ein wasserhaltigesCalcium-Natrium-Borat.
Ulexit kristallisiert im triklinen Kristallsystem, entwickelt aber nur selten mit bloßem Auge sichtbare, nadelige bis prismatische Einzelkristalle. Meist findet er sich in Form von faserigen Mineral-Aggregaten, baumwollähnlichen Knollen oder kompakten parallelfaserigen, traubigen Massen und Adernfüllungen. Je nach Ausbildungsform ist Ulexit farblos und durchsichtig (Einkristall) bis undurchsichtig weiß (kompakte Massen). Durch Verunreinigung mit Tonmineralen kann er zudem eine graue Farbe annehmen. In faseriger Ausbildung zeigt das Mineral einen seidenähnlichen Glanz auf den Oberflächen.
In seiner Publikation Ueber eine natürliche borsaure Verbindung berichtete der Hamburger Chemiker Georg Ludwig Ulex 1849 erstmals von weißen, knolligen, haselnuss- bis kartoffelgroßen Massen, die unter den Salpeterschichten im „südlichen Peru“ ausgegraben und dort als Tiza bezeichnet wurden. Diese Knollen sahen äußerlich dem in Halle an der Saale entdeckten Aluminit sehr ähnlich, bestanden aber im Gegensatz zu diesen aus weißen, verfilzten und seidig glänzenden Kristallfasern. In den Knollen fanden sich Andesit und rhombische Prismen von Brogniartin (= Brochantit[10]). Den Analysen von Ulex zufolge besteht das Mineral aus wasserhaltigem Natrium- und Calciumborat.[3]
Bereits Augustus Allen Hayes (1806–1882) soll ein Mineral als Hydroborocalcit beschrieben haben, das in den Ebenen der Provinz Iquique in Chile[Anmerkung 1] zusammen mit Pickeringit (auch Magnesiaalaun) gefunden wurde. Auch Hayes analysierte das Material und fand Borsäure, Kalk und Wasser, ermittelte jedoch nicht deren Anteile in der Verbindung und Ulex vermutete, dass Hayes den Natronanteil übersehen haben könnte. Auch konnte Ulex in seinem analysierten Material weder Magnesia noch Tonerde finden, jedoch stimmten die übrigen Beschreibungen gut überein. Ulex kommt daher zu dem Schluss, dass die von ihm und Hayes untersuchten Proben zwar wahrscheinlich identisch sind, sich dies jedoch nicht mit hinreichender Sicherheit sagen lässt. Dennoch sollte der Anmerkung der Redaktion zufolge das von Ulex nun korrekt analysierte Material besser als Boronatrocalcit bezeichnet werden.[3]
James Dwight Dana kommt 1850 in der dritten Auflage seines Werks A System of Mineralogy zu dem Ergebnis, dass die von Ulex analysierte „Boratart aus Chili“[Anmerkung 2] sich so stark von der von Hayes untersuchten unterscheide, dass sie eine eigene Bezeichnung zu benötigen scheint. Er bezeichnet daher das von Ulex analysierte und erstbeschriebene Mineral nach ihm als Ulexit.[11]
Seine Synonyme Fernsehstein, Televisionsstein oder kurz TV-Stein erhielt Ulexit aufgrund seiner speziellen optischen Eigenschaften (siehe dort).
Als Typlokalität für den Ulexit gilt übereinstimmend die genannte Provinz Iquique in Chile.[12] Ein Aufbewahrungsort für das Typmaterial des Minerals ist allerdings nicht dokumentiert.[13]
Da der Ulexit bereits lange vor der Gründung der International Mineralogical Association (IMA) bekannt und als eigenständige Mineralart anerkannt war, wurde dies von ihrer Commission on New Minerals, Nomenclature and Classification (CNMNC) übernommen und bezeichnet den Ulexit als sogenanntes „grandfathered“ (G) Mineral.[4] Die seit 2021 ebenfalls von der IMA/CNMNC anerkannte Kurzbezeichnung (auch Mineral-Symbol) von Ulexit lautet „Ulx“.[1]
In der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, erhielt das Mineral die System- und Mineralnummer V/H.14-010. Dies entspricht der gemeinsamen Klasse der „Nitrate, Carbonate und Borate“ und dort der Abteilung „Gruppenborate“, wo Ulexit als einziges Mineral eine unbenannte Gruppe mit der Systemnummer V/H.14 bildet.[6]
In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Ulexit die System- und Mineralnummer 26.05.11.01. Das entspricht der wie in der Lapis-Systematik der gemeinsamen Klasse der „Carbonate, Nitrate und Borate“ und dort der Abteilung „Wasserhaltige Borate mit Hydroxyl oder Halogen“. Hier findet er sich innerhalb der Unterabteilung „Wasserhaltige Borate mit Hydroxyl oder Halogen“ als einziges Mitglied in einer unbenannten Gruppe mit der Systemnummer 26.05.11.
In der idealen (stoffreinen) Zusammensetzung von Ulexit (NaCaB5O6(OH)6·5H2O) besteht das Mineral im Verhältnis aus je einem Teil Natrium (Na) und Calcium (Ca), fünf Teilen Bor (B) sowie 17 Teilen Sauerstoff (O) und 16 Teilen Wasserstoff (H). Dies entspricht einem Massenanteil (Gewichtsprozent) von 5,67Gew.-%Na, 9,89Gew.-%Ca, 13,34Gew.-%B, 67,12Gew.-%O und 3,98Gew.-%H[15] oder in der Oxidform 7,65Gew.-%Natriumoxid (Na2O), 13,84Gew.-%Calciumoxid (CaO), 42,95Gew.-%Bortrioxid (B2O3) und 35,57Gew.-%H2O.[7]
Bei natürlichen Ulexiten können die Werte je nach Bildungsbedingungen und Stofftransport in geringem Umfang abweichen. So ergab die Analyse von Ulexitproben aus der Suckow Mine bei Boron im Kern County des US-Bundesstaates Kalifornien eine durchschnittliche Zusammensetzung von 7,78Gew.-%Na2O, 13,92Gew.-%CaO, 43,07Gew.-%B2O3 und 35,34Gew.-%H2O.[8]
Bei faseriger Ausbildung und Glattschliff der Flächen senkrecht zur Faser ist das Mineral in der Lage, unterlegte Schriften oder Bilder an die Steinoberfläche zu projizieren. Aufgrund dieser Eigenschaft ist der Ulexit auch unter der Bezeichnung Fernsehstein, Televisionsstein oder kurz TV-Stein bekannt.
Unter UV-Licht zeigen manche Ulexite eine gelbe bis grünlichgelbe oder cremeweiße,[8] möglicherweise auch blaue[16]Fluoreszenz.
Ulexit ist mit einer Mohshärte von 2,5 zwar noch weich, das heißt mit dem Fingernagel nicht mehr, aber mit einer Kupfermünze leichter als Calcit (Härte 3) ritzbar; jedoch ist er auch sehr spröde und parallel zu den Fasern vollkommen spaltbar.
Nach seinem Erstbeschreiber Ulex nimmt Ulexit „begierig Wasser auf“ und besitzt einen schwach salzigen Geschmack. In kaltem Wasser ist er kaum, und in siedendem nur schwer löslich, wobei die entstandene Lösung alkalisch reagiert. Vor dem Lötrohr bläht sich Ulexit auf und schmilzt leicht zu einer glasartigen Substanz, die nach dem Erkalten klar bleibt. Im Glasröhrchen erhitzt gibt das Mineral Wasser ab, allerdings ohne saure oder alkalische Reaktion. In Säuren ist Ulexit leicht und ohne Brausen löslich.[3]
Als eher seltene Mineralbildung kann Ulexit an verschiedenen Orten zum Teil zwar reichlich vorhanden sein, insgesamt ist er jedoch wenig verbreitet. Weltweit sind bisher rund 170 Vorkommen dokumentiert (Stand 2024).[17] In Chile trat das Mineral außer an seiner Typlokalität in der Provinz Iquique (Región de Tarapacá) noch in Calama und Ollagüe in der Provinz El Loa sowie in der Maria Elena Mine in der Provinz Tocopilla (Antofagasta), dem Salar de Pajonales in der Atacamawüste und im Baños del Toro bei Vicuña (Región de Coquimbo) auf.
In Deutschland fand sich Ulexit bisher unter anderem im Steinbruch Niederellenbach und in der Umgebung der Gemeinde Alheim in Hessen, bei Förste (Osterode am Harz) in Niedersachsen, in der Grube Mathias bei Ihn (Wallerfangen) im Saarland sowie in den Steinbrüchen am Rüsselsee bei Appenrode und am Kohnstein bei Salza (Nordhausen) in Thüringen.
Ulexit ist ein wichtiges Erz zur Gewinnung von Bor.
Faserige Varietäten von reinweißer Farbe werden zu Schmucksteinen verarbeitet, die im Cabochon-Schliff den begehrten Katzenaugeneffekt zeigen. Das Mineral reagiert allerdings auf jeden Wärmeeinfluss sehr empfindlich. Bereits heißes Wasser kann merklichen Schaden verursachen. Das Gleiche gilt für Reinigungsbehandlungen mit Laugen, Säuren, galvanischen Bädern und Ultraschall.[19]
G. L. Ulex:Ueber eine natürliche borsaure Verbindung. In: Annalen der Chemie und Pharmacie. Band70, 1849, S.49–52 (online verfügbar bei archive.org– Internet Archive[abgerufen am 20.August 2024]).
James Dwight Dana:A System of Mineralogy. 3. Auflage. George P. Putnam, New York and London 1850, S.695 (englisch, rruff.info[PDF; 207kB; abgerufen am 19.August 2024]).
Karl Kraut:Mittheilungen aus dem Laboratorium der polytechnischen Schule in Hannover. 13. Über den Boronatrocalcit. In: Archiv der Pharmazie. Band162, 1. Heft, 1862, S.25 (Archiv der Pharmazie bei Commons[PDF; 32,3MB]).
Subrata Ghose, Che'ng Wan, Joan R. Clark:Ulexite, NaCaB5O6(OH)6·5H2O: structure refinement, polyanion configuration, hydrogen bonding, and fiber optics. In: American Mineralogist. Band63, 1978, S.160–171 (rruff.info[PDF; 1,3MB]).
Ulexite search results.In:rruff.info.Database of Raman spectroscopy, X-ray diffraction and chemistry of minerals (RRUFF);abgerufen am 19.August 2024(englisch).
1234Karl Kraut:Mittheilungen aus dem Laboratorium der polytechnischen Schule in Hannover. 13. Über den Boronatrocalcit. In: Archiv der Pharmazie. Band162, 1. Heft, 1862, S.25 (Archiv der Pharmazie bei Commons[PDF; 32,3MB]).
12345Hugo Strunz, Ernest H. Nickel:Strunz Mineralogical Tables. Chemical-structural Mineral Classification System. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S.350 (englisch).
123Stefan Weiß:Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
12David Barthelmy:Ulexite Mineral Data.In:webmineral.com.Abgerufen am 19.August 2024(englisch).
1234567891011
Ulexite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (englisch, handbookofmineralogy.org[PDF; 67kB; abgerufen am 1.August 2024]).
12345Ulexite.In:mindat.org.Hudson Institute of Mineralogy,abgerufen am 21.August 2024(englisch).
↑James Dwight Dana:A System of Mineralogy. 3. Auflage. George P. Putnam, New York and London 1850, S.695 (englisch, rruff.info[PDF; 207kB; abgerufen am 19.August 2024]).
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Typlokalität für Ulexit beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat (englisch), abgerufen am 21. August 2024.
↑Walter Schumann:Edelsteine und Schmucksteine. Alle Arten und Varietäten. 1900 Einzelstücke. 16., überarbeitete Auflage. BLV Verlag, München 2014, ISBN 978-3-8354-1171-5, S.218.
↑Localities for Ulexite.In:mindat.org.Hudson Institute of Mineralogy,abgerufen am 21.August 2024(englisch).
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Fundortliste für Ulexit beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat (englisch), abgerufen am 19. August 2024.
↑Leopold Rössler:Edelstein-Knigge: Ulexit.In:beyars.com.ArchiviertvomOriginal(nicht mehr online verfügbar)am30.Dezember 2019;abgerufen am 19.August 2024.
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Nicht Peru, wie Ulex in seiner Publikation schreibt. Ulex irrte sich hier sehr wahrscheinlich bei der Zuordnung des Landes, da es Iquique nur in Chile und nicht in Peru gibt.