Zum Inhalt springen

Turkstream

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Turkish Stream)
Geplanter Verlauf der Pipeline „Turkish Stream“

Turkstream (russisch Турецкий поток; türkisch Türk Akımı) – vormals Turkish Stream – ist eine 2020 fertiggestellte internationale Gaspipeline, die von der südrussischen Küstenstadt Anapa durch das Schwarze Meer bis zum türkischen Ort Kıyıköy im europäischen Teil der Türkei verläuft. Von dort führt sie weiter bis zur Ortschaft Lüleburgaz, wo die Übergabe des Gases ins türkische Ferngasnetz erfolgt. Der Offshore-Teil der Pipeline ist 910 km lang und reicht bis in 2200 m Wassertiefe.

Zweck der Pipeline

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Pipeline-Netz von Russland nach Westeuropa

Turkstream wurde vollständig von Gazprom finanziert.[1] Zum Bau der ca. 1100 km langen Gaspipeline mit ihren 2 Strängen wurde auf russischem Gebiet die für das zuvor aufgegebene Projekt South Stream gebaute Infrastruktur genutzt. Russisches Erdgas wurde bisher über die Pipeline Blue Stream direkt in die Türkei geliefert, ohne dass es durch ein anderes Transitland transportiert werden muss. Turkstream ergänzt die Transportkapazität von Blue Stream, das maximal 19 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr ermöglicht, erheblich und kann so ein mögliches Wachstum des türkischen Bedarfs decken. Die Türkei hat derzeit realistisch gesehen wenig Alternativen zu russischem Erdgas.[2] Im voll ausgebauten Zustand mit vier Röhren kann Turkstream mehr als dreimal so viel Gas transportieren wie Blue Stream.

Turkstream ermöglicht auch die Lieferung von Erdgas über die Türkei als Transitland in Länder der Europäischen Union (über z. B. die Trans-Adria-Pipeline sowie Balkan Stream). Gazprom begann, für die Versorgung Südosteuropas die Pipeline South Stream zu bauen, die Gas nach Bulgarien liefern sollte. Später änderte Gazprom seine Pläne. Die Kapazität der vier Röhren von Turkish Stream soll bis zu 63 Milliarden m³ Gas pro Jahr betragen, wovon 47 Milliarden m³ Gas nach İpsala an der türkisch-griechischen Grenze transportiert werden sollen. Ein Verteilerzentrum dort soll Gas in andere europäischen Länder transportieren. Gazprom beabsichtigt, mit der neuen Gaspipeline die Transportwege zu diversifizieren, um damit die Abhängigkeit der Lieferanten und Käufer von den Transitländern Belarus, Polen, Ukraine, Slowakei und Österreich zu verringern, durch die zurzeit Pipelines für russisches Erdgas nach Südeuropa verlaufen. Die Hälfte der Kapazität ist für den türkischen Markt bestimmt, die andere Hälfte für den Balkan.[3] Die Pipeline hat eine Transportkapazität von 31,5 Mrd. Normkubikmetern pro Jahr, je Strang 15,75 * 109 m3.[3]

Wettbewerb um Gaslieferung und -transport

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Transanatolische Pipeline (TANAP) verläuft ebenso wie Turkish Stream durch den Südlichen Korridor. TANAP wird nicht mit russischem Gas, sondern von Aserbaidschan aus mit Gas versorgt. Von Griechenland aus soll das aserbaidschanische Gas in andere europäische Länder, vor allem nach Südosteuropa, weitergeleitet werden. Die Anteile an TANAP werden von der türkischen BOTAŞ und TPAO (20 %) sowie der staatlichen SOCAR aus Aserbaidschan gehalten (80 %).[4] Einziger Pipeline-Betreiber Griechenlands ist DESFA (National Natural Gas System Operator S.A.) Das Dritte Energiepaket der EU verlangt die Trennung von Netzbetrieb und Erzeugung. Die EU-Kommission prüft deswegen die Übernahme des griechischen Gasfernleitungs­netzbetreibers DESFA durch die staatliche Mineralölgesellschaft der Republik Aserbaidschan SOCAR,[5] die einen Anteil von 66 % an DESFA kaufen möchte. Wettbewerber wie Turkstream könnten von SOCAR am Zugang zum griechischen Pipeline-Netz gehindert werden.[6] Der Verkauf scheiterte offiziell, nachdem die griechische Regierung das letzte Angebot von SOCAR mit der Begründung ablehnte.

Nach dem Scheitern des SOCAR-Deals nahm Griechenland den Privatisierungsprozess wieder auf. 2018 erwarb ein anderes Konsortium – bestehend aus dem italienischen Gasnetzbetreiber Snam (60 %) sowie den spanischen und belgischen Betreiber Enagás und Fluxys (jeweils 20 %) – erfolgreich die 66-prozentige Beteiligung an DESFA.[7]

Entstehungsgeschichte

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorgeschichte und Verhandlungen

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 1. Dezember erklärte der russische Staatspräsident Wladimir Putin auf einer Pressekonferenz in Ankara, dass Russland wegen der Position der Europäischen Union auf den Bau der Pipeline South Stream verzichten werde. Frei werdende Ressourcen würden in andere Regionen und Flüssiggas-Projekte umgeleitet. „Wir denken, dass die Position der Europäischen Kommission nicht konstruktiv war. Tatsächlich war es nicht so, dass die Europäische Kommission bei der Verwirklichung dieses Projekts geholfen hätte, vielmehr sehen wir, dass der Verwirklichung Hindernisse in den Weg gelegt werden. Wenn Europa das Projekt nicht verwirklichen will, so heißt das, dass es nicht verwirklicht wird.“ erklärte Putin. Ursache für den Verzicht auf den Bau von South Stream sei, so Putin, dass Bulgarien keine Baugenehmigung erteilt habe.[8]

Das Handeln der bulgarischen Regierung war dabei Teil der westlichen Sanktionspolitik gegenüber Russland als Reaktion auf die Ukraine-Krise. Gazprom-Chef Alexei Miller erklärte am 1. Dezember, dass das Gaspipeline-Projekt South Stream geschlossen sei und es keine Rückkehr zu diesem Projekt geben werde.[9] Am gleichen Tag unterzeichneten Gazprom und die türkische BOTAŞ eine Absichtserklärung (Memorandum of Understanding) für den Bau der Pipeline von Russland in die Türkei. Ein Vertrag darüber wurde für Juni 2015 angekündigt.[10][11] Der Bau einer Pipeline in Griechenland, die das Gas an der türkischen Grenze übernehmen und weitertransportieren soll, blieb vorerst Gegenstand politischer Abstimmungen.[12]

Miller kündigte am 14. Januar 2015 an, die Gaslieferungen über das Territorium der Ukraine mit der Inbetriebnahme von Turkstream gänzlich einstellen zu wollen. Er forderte die Europäer auf, die nötige Infrastruktur im Südosten des Kontinents zu schaffen, um eine Belieferung über die neue Pipeline zu ermöglichen.[13] Die EU-Kommission war auch beim neuen Projekt skeptisch ob der Durchführbarkeit und fürchtete, Russland wolle Uneinigkeit zwischen EU-Staaten schüren.[14]

Die Weiterarbeit am Projekt wurde nach dem Abschuss einer Suchoi Su-24 der russischen Luftwaffe durch die türkischen Luftstreitkräfte im November 2015 von Russland angehalten.[15] Im Juli 2016 wurden die Gespräche wiederaufgenommen.[16] Im September erhielt Gazprom von den türkischen Behörden die erste Genehmigung für den Bau des Seeabschnitts durch den türkischen Teil des schwarzen Meeres, sowie für Untersuchungsarbeiten zu beiden Strängen der Offshore-Pipeline in der ausschließlichen Wirtschaftszone und in den Küstengewässern der Türkei. Am 10. Oktober 2016 unterzeichneten die Energieminister beider Länder (Berat Albayrak (Kabinett Yıldırım) und Alexander Nowak (Kabinett Medwedew)) im Beisein der Präsidenten Erdoğan und Putin in Istanbul ein Regierungsabkommen über den Bau der Pipeline.[17][18] Das Abkommen betrifft zwei Offshore-Röhren von Russland in die Türkei, die durch das Schwarze Meer verlegt werden, und außerdem eine Onshore-Röhre, die Gas an die türkische Grenze zu Nachbarstaaten transportieren soll. Zum Bau der ca. 1100 km langen Gaspipeline mit ihren 2 Strängen wurde auf russischem Gebiet die für das aufgegebene Projekt South Stream gebaute Infrastruktur genutzt.

Die Türkei war zu dem Zeitpunkt nach Deutschland der zweitgrößte Exportmarkt für den staatlich kontrollierten russischen Energiekonzern Gazprom. Gazprom-Konzernchef Alexei Miller sagte im Herbst 2016, der Bau könne 2017 beginnen und 2019 beendet sein.[17]

Bau und Fertigstellung

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 4. Juli 2017 gab Präsident Putin persönlich den Baubeginn des Tiefwasserabschnitts bekannt.[19] Anfang 2018 war mehr als die Hälfte der Pipeline gebaut und für Ende 2019 wurde die Aufnahme von Gaslieferungen erwartet.[20][21] Im November 2019 meldete Gazprom, sowohl der russische wie der türkische Abschnitt seien mit Gas befüllt worden.[22] Am 8. Januar 2020 wurde der erste Abschnitt von Turkstream durch das Schwarze Meer durch die Präsidenten Erdoğan und Putin eröffnet.[23] Anfang Januar 2020 war bereits der Beginn der Gaslieferungen nach Griechenland und Nordmazedonien bekannt gegeben worden.[24]

Die Fertigstellung eines zweiten Onshore-Arms der Pipeline, der eine der vier Röhren von der Türkei aus durch Bulgarien, Serbien, Ungarn und die Slowakei nach Westeuropa fortführen sollte, war vorgesehen.[25] Der bulgarische Premierminister Bojko Borissow sagte dem russischen „Kommersant“, dass der zweite Onshore-Arm erst im Jahr 2021 betriebsbereit sein solle.[26] Das Teilstück nach Serbien wurde im Frühjahr 2021 als Balkan Stream eingeweiht; Serbien bezieht seither hierüber Gas.[27][28]

Betrieb und Sanktionen

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Turkstream-Pipeline, ebenso wie Nord Stream 2, ist von Anfang an von Sanktionen der USA betroffen gewesen.[29][30]

Trotz der Sanktionen gegen Russland seit dem Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 flossen weiterhin beträchtliche Mengen russisches Erdgas aus Turkstream via Türkei und Bulgarien in die Europäische Union. Bulgarien leitet das importierte Erdgas an seine Nachbarn Rumänien, Serbien sowie Ungarn weiter und erhebt darauf seit 2023 eine Transitgebühr von zehn Euro pro Megawattstunde. Auf diesem Weg will Bulgarien 1,2 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich einnehmen.[31] Die Gaslieferungen Russlands via Turkstream sollen 2024 um 23 % auf 16,7 Milliarden Kubikmeter gestiegen sein.[32] Nach Einstellung des Gastransits der Ukraine nach Europa mit Anfang 2025 ist Turkstream die einzige Gaspipeline, mit der Russland direkt Europa noch mit Gas beliefern kann, darunter u. a. in die Slowakei.[33] Laut Gokhan Yardim, ehemaliger Managers des staatlichen Energiekonzerns GOTA, eröffne das die Möglichkeit auf weitere 15 Milliarden Kubikmeter Gastransit.

Am 11. Januar 2025 hat die Ukraine eine Gaskompressorstation von Turkstream in Russland mit Drohnen angegriffen. Der Gastransport sei dadurch aber nicht unterbrochen worden.[32]

Commons: TurkStream – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. Große Bühne für TurkStream in Paris (Memento vom 17. Juni 2015 im Internet Archive), OWC-Verlag für Außenwirtschaft, 8. Juni 2015
  2. Katja Yafimava: The revived Turkish Stream: What, when, and where? (Memento vom 19. Oktober 2016 im Internet Archive), Oxford Institute for Energy Studies, Beitrag zur European Autumn Gas Conference 2016
  3. 1 2 TurkStream. In: Transportation Projects. Gazprom Export, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 5. Dezember 2015; abgerufen am 3. Februar 2022 (englisch).
  4. EU Commission welcomes decision on gas pipeline: Door opener for direct link to Caspian Sea. Pressemitteilung der Europäischen Kommission, Brüssel, 28. Juni 2013 (englisch).
  5. Fusionskontrolle: Kommission prüft Übernahme des griechischen Gasfernleitungsnetzbetreibers DESFA durch SOCAR. Pressemitteilung der Europäischen Kommission, 5. November 2014.
  6. Azerbaijan's Socar signs deal to buy 66 % of Greece's gas grid operator DESFA. Platts, 23. Dezember 2013 (englisch).
  7. The Snam, Enagás, Fluxys consortium completes the acquisition of 66% of the Greek operator DESFA. Pressemitteilung der Snam. 20. Dezember 2018, abgerufen am 21. April 2026.
  8. Россия не будет строить «Южный поток», Vesti.ru, 1. Dezember 2014
  9. RIA Novosti: Миллер: проект «Южный поток» закрыт, возврата не будет, 1. Dezember 2014
  10. Putin, Erdogan discuss joint energy projects, including Turkish Stream. TASS, 18. März 2015
  11. Energieriese will Pipeline-Deal mit Türkei abschließen. Handelsblatt, 9. Juni 2015
  12. Putin und Tsipras treffen sich nach Euro-Finanzminister-Gipfel. Die Welt, 16. Juni 2015
  13. Finanzen.net: Russland will Ukraine für Gastransit fallenlassen – EU ohne Antwort
  14. Möglicher Deal zwischen Athen und Moskau: Griechenland hofft auf russische Pipeline-Milliarden, Der Spiegel, 18. April 2015
  15. Frankfurter Allgemeine Zeitung: Gasprojekt Turkish Stream wegen russisch-türkischem Streit auf Eis (Memento vom 3. Dezember 2015 im Webarchiv archive.today), abgerufen am 3. Dezember 2015
  16. Erdoğan: Turkey ready for Turkish Stream. In: Daily Sabah. 9. August 2016, abgerufen am 28. August 2016 (englisch).
  17. 1 2 Michael Martens: Mein Syrien, dein Syrien. In: FAZ.net. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Oktober 2016, abgerufen am 24. August 2022.
  18. Turkey, Russia strike strategic Turkish Stream gas pipeline deal – Latest News. In: Hürriyet Daily News. (englisch).
  19. Neue beste Freunde: Wie South Stream die Türkei und Russland vereint, RBTH, 4. Juli 2017
  20. Merve İdil, Kazım Ataer: Over 50 percent of construction on first Turkish Stream pipeline completed, Hürriyet Daily News, 29. Januar 2018
  21. AA: TurkStream to hit Turkish shore in May: Project head, Hürriyet Daily New, 5. Januar 2018
  22. Gazprom says both legs of TurkStream pipeline filled with gas. In: DailySabah. (englisch).
  23. Putin und Erdogan eröffnen Pipeline Turkish Stream, Spiegel Online, 8. Januar 2020.
  24. Russian begins TurkStream gas flows to Greece, North Macedonia, 5. Januar 2020 (englisch). 
  25. Putin accuses Bulgaria of TurkStream pipeline holdup, says can bypass country if needed. In: DailySabah. (englisch).
  26. Aleksandra Fedorska: Mögliche Verzögerungen bei Turkish Stream. In: energate.de. 13. März 2020, abgerufen am 26. Juli 2020.
  27. Serbia opens pipeline for Russian gas, ignores US opposition. In: Mainichi Daily News. 2. Januar 2021 (mainichi.jp [abgerufen am 21. April 2026]).
  28. Andrey Gurkov: Gazprom verliert sein Monopol in Südosteuropa. In: dw.com. 7. Januar 2021, abgerufen am 18. Februar 2024.
  29. Bundesregierung nimmt Sanktionen gegen Nordstream2 und Turkstream mit Bedauern zur Kenntnis. In: Startseite..
  30. siehe auch FAZ.net / Michael Martens 8. Januar 2020: Der Balkan am langen Seitenarm. (Kommentar)
  31. Stefan Beutelsbacher: Moskaus ungebrochene Macht: Putins verstecktes Gas-Drehkreuz nach Europa. In: Die Welt vom 16. November 2023.
  32. 1 2 Turkish energy minister confirms TurkStream attack, gas flow unaffected - Türkiye Today. Abgerufen am 17. Januar 2025 (amerikanisches Englisch).
  33. Slowakei bezieht nach Streit mit der Ukraine wieder Gas aus Russland. Abgerufen am 7. Februar 2025.