Sovereign Tech Agency
Die Sovereign Tech Agency ist eine Tochtergesellschaft der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND). Sie wird im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) betrieben und unterstützt die Entwicklung und den Erhalt von Open-Source-Software. Er ging hervor aus dem Souvereign Tech Fund mit gleicher Aufgabenstellung, der im November 2024 in die neugegründete Agency eingegliedert wurde.[1][2] Die ersten Mittel wurden im Mai 2022 durch den Bundestag bewilligt.[3][4] Seit 2025 wird die Souvereign Tech Agency als ein Modellprojekt für die Institutionalisierung der Förderung von Open Source-Infrastruktur auf EU-Ebene betrachtet.[5]
Zweck der Förderung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Gemäß dem Bundeshaushaltsplan zielt das Programm darauf ab, offene Basistechnologien zu fördern und abzusichern.[6] Es soll das Open-Source-Ökosystem widerstandsfähiger gegen externe Angriffe machen und so die Cybersicherheit sowie die Resilienz der deutschen Wirtschaft stärken. Die Initiative setzt eine Forderung der Bundesregierung um.[7] Zudem adressiert sie das klassische Trittbrettfahrerproblem, mit dem viele Open-Source-Projekte konfrontiert sind.[8]
Die Förderung ist zeitlich befristet und auf spezifische Herausforderungen oder Sicherheitsvulnerabilitäten ausgerichtet.[9][10]
Finanzierung und Organisation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Jahr 2022 verfügte das Programm über ein Budget von 13 Millionen Euro,[11] das 2023 auf rund 22 Millionen Euro anstieg. 2024 standen 17 Millionen Euro zur Verfügung,[12] für 2025 waren 29 Millionen Euro vorgesehen.[13]
Die Geschäftsführung besteht aus:
- Adriana Groh, ehemals beim Prototype Fund der Open Knowledge Foundation[14]
- Luisa von Beust (Co-Geschäftsführerin), zuvor für verschiedene Wirtschaftsunternehmen tätig.
- Fiona Krakenbürger, zuvor beim Open Technology Fund tätig [15][16]
2025 wurde die Souvereign Tech Agency GmbH gegründet, welche mit dem Ziel der Entwicklung, Verbesserung und Pflege offener digitaler Technologien und der Stärkung des Open-Source-Ökosystems ins Lobbyregister des deutschen Bundestags eingetragen wurde.[17]
Aktuelle Programme
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Sovereign Tech Agency operiert über verschiedene spezialisierte Programmsäulen, um die Sicherheit und Stabilität digitaler Infrastrukturen zu fördern:
- Sovereign Tech Fund: Das Kernprogramm tätigt gezielte Investitionen in offene Softwarekomponenten, die für die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft in Deutschland und Europa als grundlegend eingestuft werden. Der Fokus liegt dabei auf tief liegender Basis-Infrastruktur, um sektorübergreifende Skaleneffekte für Nachnutzer, insbesondere Start-ups und KMU, zu erzielen.
- Sovereign Tech Resilience: Dieses Programm verfolgt einen präventiven Ansatz zum Schutz kritischer digitaler Infrastruktur. Neben der Identifizierung und Behebung von Sicherheitslücken (z. B. durch Bug-Bounty-Programme) soll die proaktive Widerstandsfähigkeit von Open-Source-Projekten gegen unentdeckte Schwachstellen erhöht werden.
- Sovereign Tech Fellowship: Mit dem „Maintainer-in-Residence“-Modell unterstützt die Agentur ausgewählte Experten des Open-Source-Ökosystems. Ziel ist es, die oft unbezahlte Arbeit an kritischem Code finanziell abzusichern und die personelle Nachhaltigkeit hinter wichtigen Technologien zu stärken.
- Sovereign Tech Challenge: Dieses Modell nutzt Wettbewerbe, um innovative Lösungen für strukturelle Herausforderungen im Open-Source-Bereich zu finden. Dies umfasst die Weiterentwicklung von Komponenten für Zukunftstechnologien sowie die Absicherung bestehender technologischer Abhängigkeiten.
Unterstützte Open-Source-Projekte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bis April 2025 erhielten unter anderem folgende Projekte eine Förderung:[18][19]
- ActivityPub testsuite: €152.000
- Arch Linux Package Management (ALPM): €562.800 [20]
- coreutils: €99.060
- cURL: €195,500
- Drupal: €278.700 [21]
- Eclipse Foundation: €515.200 [22]
- FFmpeg: €157.580 [23][24]
- Fortran Ökosystem (z.B. Fortran Package Manager, fpm): €816.000 [25]
- FreeBSD: €686.400 [26]
- GNOME: €1.000.000 [27][28][29]
- GNU libmicrohttpd: €300.000
- GopenPGP/OpenPGP.js: €176.955
- GStreamer: €203.000
- JavaScript Ökosystem (siehe auch OpenJS): €176.955
- JUnit: €180.000
- Log4j: €596.160
- Mamba: €349.875
- OpenBGPd: €200.000
- OpenBLAS: €263.000
- OpenJS: €874.940 [30][31][32]
- OpenStreetMap: €384.000
- OpenMLS: €195.000
- OpenSSH: €200.000 [33]
- Pendulum: €449.850
- PHP: €205.000 [34][35]
- Prossimo: Teil der Internet Security Research Group zur Unterstützung von Projekten wie Rustls:[36][37] €1.436.729
- Python Package Index: €1.056.672
- Reproducible builds: €353.430
- RubyGems & Bundler: €668.400
- Samba: €688.800 [38]
- Sequoia PGP: €900.000
- systemd: €455.000
- WireGuard: €209.000
- Yocto Project: €759.000 [39][40]
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bereits der Souvereign Tech Fund wurde in seiner Form als weltweit einmaliges System betrachtet, mit dem die Wartung kritischer Open Source-Programme verbessert werde.[41] In Österreich wurde er als Vorbild für staatliche Maßnahmen zur Stärkung digitaler Souveränität angeführt.[42] In der spanischen El Pais wurde die Verbreitung von Open Source in 70-90% aller Programme als Begründung für die Bedeutung einer Institution wie dem STA für die Computersicherheit angeführt.[43]
Die Hans Böckler-Stiftung beschrieb 2025 die STA in einer Studie als beispielhafte Initiative zur Sicherstellung einer souveränen digitalen Infrastruktur und attestierte ihr Wirksamkeit auf Ebenen von der konkreten Softwareentwicklung bis hinauf zur europäischen digitalen Infrastruktur.[44]
Mit der Gründung des europäischen Konsortiums Digital Commons EDIC (European Digital Infrastructure Consortium) wurde auf europäischer Ebene eine Organisation zur Förderung von offenen Technologien und souveränen digitalen Infrastrukturen geschaffen, die von deutscher Seite aus durch die Souvereign Tech Agency mit ihrer Expertise unterstützt wird. Teilnehmende Länder sind bislang Deutschland, Frankreich, Italien und die Niederlande.[45]
Die europäische Kommission betrachtet die Organisation als Referenzmodell für die Förderung von Open Source-Infrastruktur. Die erfolgreiche Etablierung und die darauffolgende Arbeit werde durch eine Sammlung klar festgelegter, guter Vorgehensweisen unterstützt und stoße auf Interesse sowohl bei EU-Mitgliedsstaaten wie auch auf EU-Ebene selbst.[5]
Eine vom OpenForum Europe, Fraunhofer ISI und dem European University Institute beauftragte Studie[46] betrachtet den deutschen Souvereign Tech Fund und seine Entwicklung zur Souvereign Tech Agency als Vorbild für eine finanziell deutlich besser ausgestattete Institution auf EU-Ebene und schlägt vor, dass „...die Einführung eines Souvereign Tech Fund auf EU-Ebene eng dem Vorbild des deutschen STF folgen sollte, mit nur kleinen Unterschieden in Bezug auf Betonungen und strategischer Positionierung.“[47]
Das Bündnis F5, bestehend aus AlgorithmWatch, Gesellschaft für Freiheitsrechte, Open Knowledge Foundation Deutschland, Reporter ohne Grenzen und Wikimedia Deutschland nennt die Souvereign Tech Agency unter den „guten Ansätzen“, die es in der EU zur Reduktion der Abhängigkeit von insbesondere US-amerikanischen Techkonzernen gebe, kritisiert aber ebenfalls die zu niedrige finanzielle Ausstattung.[48]
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise und Anmerkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Wichtiger Schritt für nachhaltige Weiterentwicklung von Open-Source-Basistechnologien. In: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. 4. November 2024, abgerufen am 28. Februar 2026.
- ↑ Björn Hartmann: Kampf gegen Software-Schwachstellen: Deutsche Agentur will Computerwelt retten. In: Frankfurter Rundschau. 12. November 2024, abgerufen am 1. März 2026.
- ↑ 51 Millionen Euro für Open Source und digitale Souveränität. In: Embedded Software Engineering. 20. Mai 2022, abgerufen am 26. Mai 2024.
- ↑ Germany to launch sovereign tech fund to secure digital infrastructure. In: Science|Business. Abgerufen am 26. Mai 2024 (englisch).
- ↑ a b Teuta Toth Mucciacciaro: Funding open source: case study on the Sovereign Tech Fund | Interoperable Europe Portal. In: Open Source Observatory (OSOR). Europäische Komission, 19. Juni 2025, abgerufen am 26. Februar 2026 (englisch).
- ↑ Bundeshaushaltsplan 2023, Einzelplan 09, Kapitel 09 01 – Titel 685 03.
- ↑ 51 Millionen Euro für Open Source und digitale Souveränität. 22. Mai 2022.
- ↑ Open-Source Software is in Crisis - IEEE Spectrum. In: spectrum.ieee.org. Abgerufen am 10. April 2025 (englisch).
- ↑ Response from State Secretary Udo Philipp, October 26, 2022, to a written question from Member of Parliament Dr. Petra Sitte (THE LEFT), Parliamentary Paper 20/4209, p. 19., Bundestags-Drucksache 20/4209, S. 19.
- ↑ The Open Source Way - Sovereign Tech Fund – Investing in the Future Today. In: podcast.opensap.info. 20. Dezember 2023, abgerufen am 28. Mai 2024 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Inga Pöting: Steuermillionen für Hobbyprojekte. In: Zeit Online. Zeit Online GmbH, 30. Dezember 2022, abgerufen am 24. Dezember 2022.
- ↑ Stefan Krempl: Haushalt 2025: Bundestag erhöht die Mittel für den Sovereign Tech Fund. In: heise online. 12. Oktober 2024, abgerufen am 26. Februar 2026.
- ↑ Falk Steiner: Mehr als Funding: Sovereign Tech Fund soll Agency werden. In: heise online. 4. November 2024, abgerufen am 26. Februar 2026.
- ↑ How to innovate? Prototype everything! In: Open Knowledge Foundation Blog. 19. Dezember 2017, abgerufen am 27. Mai 2024.
- ↑ Sovereign Tech Fund. In: Bundesagentur für Sprunginnovationen. Abgerufen am 26. Mai 2024 (englisch).
- ↑ Episode 368 – The Sovereign Tech Fund with Fiona Krakenbürger. In: Open Source Security. 27. März 2023, abgerufen am 28. Mai 2024 (englisch).
- ↑ Lobbyregistereintrag "Sovereign Tech Agency GmbH". In: Lobbyregister. Deutscher Bundestag, 7. April 2025, abgerufen am 26. Februar 2026.
- ↑ Inga Pöting: Steuermillionen für Hobbyprojekte. In: Zeit Online. Zeit Online GmbH, 30. Dezember 2022, abgerufen am 24. Dezember 2022.
- ↑ Niklas Dierking: Freie Software: Bund fördert Open Source. 14. November 2022, abgerufen am 24. Dezember 2022.
- ↑ Arch Linux Package Management (ALPM) gets funding from Sovereign Tech Agency. In: GamingOnLinux. 10. Dezember 2024, abgerufen am 10. April 2025 (englisch).
- ↑ Drupal Association secures $300,000 in funding from Sovereign Tech Fund. In: Drupal.org. 11. Januar 2024, abgerufen am 26. Mai 2024 (englisch).
- ↑ Sovereign Tech Agency Investing €515k Into The Eclipse Foundation. In: www.phoronix.com. Abgerufen am 10. April 2025 (englisch).
- ↑ Germany's Sovereign Tech Fund Now Supporting FFmpeg. In: www.phoronix.com. Abgerufen am 11. Januar 2025 (englisch).
- ↑ FFmpeg. In: Sovereign Tech Agency. Abgerufen am 11. Januar 2025 (englisch).
- ↑ Fortran. In: Sovereign Tech Fund. Abgerufen am 27. April 2025 (englisch).
- ↑ Sovereign Tech Fund to Invest €686,400 in FreeBSD Infrastructure Modernization. In: FreeBSD Foundation. Abgerufen am 27. Oktober 2024 (englisch).
- ↑ GNOME. In: Sovereign Tech Fund. Abgerufen am 26. Mai 2024 (englisch).
- ↑ GNOME Recognized as Public Interest Infrastructure – The GNOME Foundation. Abgerufen am 26. Mai 2024 (amerikanisches Englisch).
- ↑ For Drupal to Remain Well and Alive: An Exclusive Conversation with Tim Doyle. In: The Drop Times. 2. April 2024.
- ↑ OpenJS Foundation. In: Sovereign Tech Fund. Abgerufen am 26. Mai 2024 (englisch).
- ↑ OpenJS Foundation: Sovereign Tech Fund. In: OpenJS Foundation. Abgerufen am 26. Mai 2024 (englisch).
- ↑ OpenJS Foundation Receives Major Government Investment from Sovereign Tech Fund for Web Security and Stability. In: www.linuxfoundation.org. Abgerufen am 26. Mai 2024 (englisch).
- ↑ OpenSSH. In: Sovereign Tech Fund. Abgerufen am 26. Mai 2024 (englisch).
- ↑ PHP. In: Sovereign Tech Fund. Abgerufen am 26. Mai 2024 (englisch).
- ↑ Sovereign Tech Fund Makes New Investments Into GNOME & PHP, Bug Bounty For systemd. In: www.phoronix.com. Abgerufen am 26. Mai 2024 (englisch).
- ↑ Sarah Gran: $1.5M from Sovereign Tech Fund to Fuel Memory Safety. In: Internet Security Research Group. 11. Juli 2023, abgerufen am 20. August 2024.
- ↑ Tara Tarakiyee: On Rust, Memory Safety, and Open Source Infrastructure. In: Sovereign Tech Fund. 22. Mai 2024, abgerufen am 20. August 2024 (englisch).
- ↑ Samba. In: Sovereign Tech Fund. Abgerufen am 15. September 2024 (englisch).
- ↑ The Yocto Project. In: Sovereign Tech Fund. Abgerufen am 26. Mai 2024 (englisch).
- ↑ Megan Knight: Sovereign Tech Fund Boosts Yocto Project. In: The Yocto Project. 10. Oktober 2023, abgerufen am 26. Mai 2024 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Björn Hartmann: Deutschlands digitaler Rettungsanker. In: Markt und Mittelstand. 4. Februar 2025, abgerufen am 26. Februar 2026 (deutsch).
- ↑ Michael Fälbl: Gastkommentar: Wir müssen digitale Souveränität endlich ernst nehmen. In: Falter.at. 7. Januar 2026, abgerufen am 26. Februar 2026 (österreichisches Deutsch).
- ↑ Manuel G. Pascual: Adriana Groh: ‘The internet works thanks to a shared infrastructure that nobody owns, but that we must take care of’. In: El Pais. 30. November 2025, abgerufen am 1. März 2026 (amerikanisches Englisch).
- ↑ René Lührsen, Maximilian Heimstädt, Thomas Gegenhuber: Organizing Public Support for Open Digital Infrastructure. In: Hans Böckler-Stiftung. Oktober 2025, abgerufen am 26. Februar 2026.
- ↑ France, Germany, Netherlands and Italy launch EU consortium for open, sovereign digital commons. In: innovazione.gov.it. 29. Oktober 2025, abgerufen am 26. Februar 2026 (englisch).
- ↑ Cate Lawrence: Chronic underfunding of open source software poses strategic risk to Europe’s digital sovereignty. In: tech.eu. 25. Juli 2025, abgerufen am 28. Februar 2026 (britisches Englisch).
- ↑ Nicholas Gates, Jennifer Tridgell, Rosa Maria Torraco, Carsten Schwäbe, Felix Reda, Andreas Hummler, Thomas Streinz, Astor Nummelin Carlberg, Knut Blind, :unav: Funding Europe’s Open Digital Infrastructure: The Study on the Economic, Legal, and Political Feasibility of an EU Sovereign Tech Fund (EU-STF). Fraunhofer-Gesellschaft, 2025, doi:10.24406/publica-4949 (fraunhofer.de [abgerufen am 28. Februar 2026]).
- ↑ Abhängigkeiten von Big-Tech endlich wirksam reduzieren. In: Reporter ohne Grenzen. 18. November 2025, abgerufen am 28. Februar 2026.