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Pin (Harfe)

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Pin (Khmer ពិណ), auch pĭn, pinn, ist eine historische kambodschanische Bogenharfe, die nur von Steinreliefs an einigen Tempeln der ehemaligen Hauptstadt des Khmer-Reichs Angkor bekannt ist. Die Form und der von der Sanskrit-Bezeichnung vina abgeleitete Name des in Südostasien verschwundenen Saiteninstruments gehen auf den indischen Kultureinfluss im 1. Jahrtausend zurück. Nach ersten Reliefs im 7. Jahrhundert aus Sambor Prei Kuk sind bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts keine Abbildungen von Khmer-Harfen überliefert, ihr Name ist in der Zwischenzeit lediglich aus Inschriften bekannt. Die Bogenharfe ist auf zahlreichen Reliefs aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts und zuletzt aus dem 13. Jahrhundert abgebildet. Die Bezeichnung des klassischen kambodschanischen Orchesters pinpeat geht auf die Bogenharfe zurück. Es gibt Versuche, unter dem Namen pin wieder eine Bogenharfe in die kambodschanische Musik einzuführen.

Älteste Darstellung einer präangkorianischen Bogenharfe auf einem Sandsteinrelief von einem Tempel in Sambor Prei Kuk in der ehemaligen Hauptstadt des Chenla-Reichs Isanapura, 7. Jahrhundert

Die im 3. Jahrtausend v. Chr. zuerst in Mesopotamien und danach in Altägypten eingeführten Bogenharfen verbreiteten sich nach Südasien, während die seit etwa 1900 v. Chr. in Mesopotamien bekannten Winkelharfen in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. über Zentralasien ( Pasyryk-Harfe) nach Ostasien gelangten (konghou in China, kugo in Japan).[1] Winkelharfen blieben in ihren Ursprungsregionen und im Iranischen Hochland als arabisch/persisch tschang bis um das 17. Jahrhundert erhalten. Die Bogenharfe verschwand dort um 1900 v. Chr. und lebte zunächst nur im alten Indien fort, wo sich ihre Existenz während der Indus-Kultur auf Piktogrammen der Indusschrift, die zwischen der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. und etwa 1800 v. Chr. gebraucht wurde, erkennen lässt. Mit einem großen zeitlichen Abstand taucht die Bogenharfe erst wieder im 2. Jahrhundert v. Chr. auf Reliefs auf, die zur buddhistischen Kultur gehören. In der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends n. Chr. (um 700) verschwanden die Bogenharfen aus Indien.[2]

Ein gehender Musiker spielt eine Bogenharfe (vina) zur Begleitung eines Zeremonialtanzes. Relief vom Stupa von Amaravati nahe der indischen Ostküste. Um 200 n. Chr., British Museum

Von Indien wanderten Bogenharfen über Gandhara und Sogdien im südlichen Zentralasien bis zu ihrer entferntesten nordöstlichen Verbreitung in der westchinesischen Provinz Gansu, wo sie auf Wandmalereien in den Mogao-Grotten erscheinen.[3] In Nordindien verschwand die vina genannte Bogenharfe ebenso wie die Bogenharfe yazh in Südindien in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends. Von musikhistorischem Interesse ist die im 20. Jahrhundert in der Volksmusik einer kleinen Region in Zentralindien noch in Einzelexemplaren anzutreffende fünfsaitige Bogenharfe bin-baja.

Bogenharfe der Karen mit Hautdecke, sechs Saiten und Stimmpflöcken in einfacher Konstruktion. Die Spielhaltung entspricht den auf Reliefs dargestellten ausgereifteren Khmer-Harfen, 1889.

Vor ihrem Verschwinden in Indien gelangte die Bogenharfe wohl mit der Ausbreitung des Buddhismus nach Myanmar. Die früheste bekannte Abbildung findet sich auf einem Steinrelief der im Gebiet der Pyu gelegenen Stadt Sri Ksetra aus der Mitte des 7. Jahrhunderts. Die burmesische Bogenharfe saung gauk mit 16 Saiten hat bis heute als Nachfolgerin der Pyu-Harfe überlebt und ist die einzige in einem klassischen Musikstil in Asien gespielte traditionelle Harfe. Daneben verwenden heute die Minderheitenvölker Mon und Karen in Myanmar noch eine andere Harfe mit fünf bis sieben Saiten.[4] Die Karen-Harfe tünak oder na den mit sechs bis acht Saiten[5] gilt als ein Bindeglied zwischen altindischen Harfen, der indischen Bogenharfe bin-baja und der ausgereiften saung gauk der Burmesen. Junge Männer der Karen stellen traditionell ihre Harfe selbst her, die sie zur Begleitung von Brautwerbeliedern verwenden.[6] Während die Form der saung gauk standardisiert ist, kann die tünak unterschiedliche Formen von archaisch bis handwerklich sorgfältig gestaltet besitzen.

Möglicherweise gelangte eine frühe Form der Bogenharfe nicht aus dem benachbarten Bengalen, sondern in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends aus Südindien nach Myanmar, wie Judith Becker (1967) annimmt. Eine chinesische Chronik aus dem 9. Jahrhundert erwähnt eine Bogenharfe der Pyu, deren Hals am Ende auswärts gebogen ist und an seiner Spitze die Darstellung eines Vogels trägt. Eine derartige Besonderheit ist historisch vor allem von Reliefs im Ort Amaravati nahe der Ostküste Südindiens[7] und von einigen Harfenabbildungen in Angkor bekannt.

Die indische Herkunft der burmesischen Harfe gilt als wahrscheinlich, auch wenn keine sprachliche Beziehung zwischen saung gauk und der alten Sanskrit-Bezeichnung vina besteht. Vina bezeichnet in der altindischen Sanskrit-Literatur seit Anfang des 1. Jahrtausends v. Chr. unterschiedliche Saiteninstrumente, zunächst eine Bogenharfe, die auf Abbildungen von ungefähr 200 v. Chr. bis 700 n. Chr. belegt ist. Die letzte Darstellung einer indischen Bogenharfe ist eine in Nalanda gefundene Bronzefigur aus dem 10. Jahrhundert der Pala-Dynastie.[8]

Der Legende nach soll die vina von dem Weisen Narada, einem der himmlischen Musiker (gandharva), erfunden worden sein. Abgebildet wird Narada entweder mit einer vina genannten Langhalslaute oder einer Stabzither, die beide im Verlauf des 1. Jahrtausends an die Stelle der Bogenharfe traten.[9] Im Epos Buddhacharita, einer Biografie Buddhas des Dramatikers Ashvaghosha aus dem 1. Jahrhundert n. Chr., ist noch von der Bogenharfe vina mit sieben Saiten die Rede.[10]

Mit der Gründung des Reiches Funan, dessen Kerngebiet das südliche Vietnam war, verbreitete sich Anfang des 1. Jahrtausends der indische Kultureinfluss in Südostasien. Aus dieser frühen Zeit sind noch keine Bogenharfen bekannt.

Sanskrit vina wurde mit altägyptisch b(ỉ)n.t in Verbindung gebracht. Die ägyptischen Hieroglyphen für das Wort b(ỉ)n.t (andere Umschrift benet), das eine Bogenharfe mit einem schaufelförmigen Resonanzkörper bezeichnete,[11] tauchen erstmals in der 4. Dynastie (Mitte 3. Jahrtausend v. Chr.) auf.[12] Die Namensherleitung ist allerdings strittig.[13]

Vina entspricht Tamil vinai und Hindi bin für heute mehrere Stabzithern und Langhalslauten.[14] Im bis ins 14. Jahrhundert gebräuchlichen Alt-Khmer wurde vina übernommen, aber nicht wie in Indien als generische Bezeichnung für unterschiedliche Saiteninstrumente (Bogenharfe, Lauten und Stabzithern), sondern offenbar nur für die Bogenharfe. Lauten wurden wahrscheinlich auf Alt-Khmer kinnara genannt; beide Namen kommen in Aufzählungen nebeneinander in der Nähe des Verbs tin („Saiten zupfen“) vor.[15]

Im modernen Khmer, das seit dem 18. Jahrhundert gesprochen wird, heißt die Bogenharfe pin. Auf vina geht neben der Bezeichnung für die Bogenharfe auch das Wortumfeld pin für ebenfalls aus Indien stammende thailändische Stabzithern zurück. Deren älteste Form ist die verschwundene einsaitige Stabzither phin nam tao, der in Kambodscha die kse diev entspricht. Phin phia ist eine in Nordthailand in der Volksmusik gespielte Stabzither mit zwei bis fünf Saiten. Wie zur phin phia eine seltene, praktisch baugleiche Stabzither namens tuila in einer abgelegenen Region im östlichen Indien erhalten geblieben ist, so gab es zumindest bis Ende des 20. Jahrhunderts in Zentralindien noch die mit der pin verwandte, kaum bekannte einfache Bogenharfe bin-baja. Beide Saiteninstrumente erscheinen als in die Volksmusik herabgesunkene Überbleibsel der altindischen Traditionen.[16]

Zur Begleitung von Volksliedern wird in Nordostthailand die Langhalslaute phin gespielt. Die Etymologie dieser und anderer südostasiatischen Namen wird als ein Beleg für die indische Herkunft der so bezeichneten Musikinstrumente herangezogen.[17] Auf Inschriften an Khmer-Tempeln aus dem 7. bis 11. Jahrhundert finden sich mehr Sanskrit-Namen für Musikinstrumente (insgesamt 14, darunter vina, kinnara und dundubhi) als Khmer-Instrumentennamen (insgesamt 6, darunter khloy).[18]

Phin kann in Thailand auch eine sehr alte und seltene Halbröhrenzither aus Bambus mit zwei idiochorden Saiten bezeichnen. Die beiden aus dem Bambusrohr herausgeschnittenen Saiten werden als Bordunton zur Gesangsbegleitung angeschlagen.[19] In Thailand ist phin als Oberbegriff für Saiteninstrumente seit dem 13. Jahrhundert bekannt.[20]

Der moderne Khmer-Name pin peat für das höfische Orchester geht auf Sanskrit/Alt-Khmer vina („Harfe“) und vadya („Musikinstrument“) zurück. Der früheste Beleg für ein pin peat („Harfen-Instrumentalensemble“) stammt mutmaßlich aus dem 16. Jahrhundert, als die Harfe bereits verschwunden war. Zwei Wandmalereien im Zentralheiligtum (bakan) des Angkor Wat, die unsicher in das 16. Jahrhundert datiert werden, zeigen ein solches Orchester. Die Wandmalereien entstanden wahrscheinlich während der Regierungszeit von König Ang Chan (reg. 1516–1566), der mit der Einführung des Theravada-Buddhismus die Tempelanlage umgestalten ließ. Das etwas besser erkennbare Fresko an der Südwand[21] lässt die für ein pin peat typischen Gongs, Gongkreis, Xylophon, Trommeln und Blasinstrumente, aber kein Saiteninstrument erkennen.[22]

Relief mit Musikern am Borobudur auf Java, 8./9. Jahrhundert. Obere Reihe: Laute und zehnsaitige Bogenharfe, untere Reihe: Querflöte und wahrscheinlich Handzimbeln

Die Bogenharfe ist erstmals auf zwei Sandsteinreliefs an Türstürzen der Tempelanlage von Sambor Prei Kuk aus dem 7. Jahrhundert zu erkennen, die zur ehemaligen Hauptstadt des Chenla-Reichs Isanapura gehörte. Die hinduistischen Tempel Sambor Prei Kuks bildeten den Ausgangspunkt für die späteren Stile der Khmer-Architektur in Angkor. Inschriften verweisen darauf, dass in Sambor Prei Kuk erstmals in Südostasien das aus Indien stammende Konzept eines Gottkönigs galt, das im späteren Khmer-Reich von zentraler Bedeutung war. Die Reliefs werden im kambodschanischen Nationalmuseum in Phnom Penh aufbewahrt. Ein weiteres Relief aus präangkorianischer Zeit, das auf dem Gebiet von Laos gefunden wurde, befindet sich im Champasak-Provinzmuseum in Pakse.[23]

Champa-Bogenharfe in der Tempelstadt My Son. Sockelzone vom Tempel E1, Anfang 8. Jahrhundert. Der Musiker sitzt mit gekreuzten Beinen, der Hals der Harfe endet in einer Volute. Museum der Cham-Skulpturen in Da Nang

Tempelreliefs aus dem vietnamesischen Reich Champa vom 9. bis zum 14. Jahrhundert zeigen Trommeln, mehrere Lauteninstrumente, Bogenharfen, Querflöten, Becken und Hörner.[24] Auf Reliefs am buddhistischen Stupa Borobudur, der im 8./9. Jahrhundert unter indischem Kultureinfluss auf der Insel Java gebaut wurde, finden sich kleine Bogenharfen mit zehn Saiten, die offenbar – wie bei einer traditionellen saung gauk – an Schnurwicklungen gespannt wurden. Eine weitere kleine Bogenharfe mit nur drei Saiten, die ein stehender Musiker spielt, ist am buddhistischen Badeheiligtum Candi Jolotundo aus dem Jahr 977 (am Westhang des Gunung Penanggungan) in Ostjava abgebildet. Dort ist auch eine indische Stabzither (vina) mit zwei Kalebassenresonatoren zu erkennen.[25] In Angkor sind Abbildungen von Bogenharfen erst ab dem 12. Jahrhundert bekannt.[26]

Mehrfach sind Bogenharfen auf Steinreliefs in Angkor am großen Tempel Bayon abgebildet, der Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts erbaut wurde. Sie werden dort und an anderen Khmer-Tempeln in Ensembles zusammen mit Stabzithern (heute kse diev) von stehenden und sitzenden Musikern gespielt.[27] An den Tempeln Östlicher Mebon (fertiggestellt Mitte des 10. Jahrhunderts), Banteay Samré (erste Hälfte des 12. Jahrhunderts), Preah Pithu (erste Hälfte des 12. Jahrhunderts), Angkor Wat (Mitte des 12. Jahrhunderts), Banteay Chhmar (Anfang 13. Jahrhundert) und an der Terrasse der Elefanten (Anfang des 13. Jahrhunderts) finden sich weitere unterschiedliche Darstellungen von Bogenharfen.[23] Am Bayon, Angkor Wat und anderen Tempeln sind außerdem Trommeln, Becken, Trompeten und Schneckenhörner dargestellt. Sie gehören zur Orchestermusik für den Kriegseinsatz, die neben der höfischen Musik, der Musik für buddhistische oder hinduistische Rituale die dritte Musikgattung bildete.

In der hinduistischen Mythologie führt Gott Shiva in seiner Erscheinungsform als Nataraja den kosmischen Tanz (tandava) auf, mit dem er die Welt zerstört und wieder erschafft und dessen Rhythmus er selbst mit seiner Klappertrommel damaru vorgibt. Bildhafte Darstellungen dieser Szene gehören zur gesamten indischen Kunstgeschichte und seit dem 7. Jahrhundert auch zur kambodschanischen. Drei Musikinstrumente, mit denen Musiker den tanzenden Shiva auf Khmer-Reliefs begleiten, werden in einer kambodschanischen Legende erwähnt, die Shiva in das Zentrum der indischen Götterwelt stellt. Demnach spielte Brahmas Frau die Harfe pin (oder eine Stabzither), Indra die Flöte khloy, Vishnu spielte die Handzimbeln chhing und seine Frau Lakshmi sang. Auf einem der Reliefs von Sambor Prei Kuk aus dem 7. Jahrhundert agieren in einer Reihe ein Sänger und je ein Musiker mit Querflöte, Zimbeln, Sanduhrtrommel mit variabler Schnurspannung (in Indien heute typisch die timila) und Harfe neben dem tanzenden Shiva. Auf einem Relief von Preah Pithu ist der Harfenspieler klein links unterhalb des tanzenden Shiva dargestellt. Der ihm gegenübersitzende Elefantengott Ganesh schlägt vermutlich die Zimbeln.[28]

Abbildungen von Bogenharfen auf Steinreliefs in Kambodscha sind vom 7. bis zum 13. Jahrhundert bekannt. Wann die Khmer-Bogenharfe verschwand, ist unklar. Offensichtlich war sie im 16. Jahrhundert, als das Khmer-Reich von Angkor unterging, bereits verschwunden. Dies legt eine siamesische Baumwollfahne aus dem Chedi des Wat Dok Ngön in Chiang Mai (Nordthailand) nahe. Die wahrscheinlich Mitte des 16. Jahrhunderts entstandene, in ihrer Art einzigartige Malerei auf einer 3,4 Meter hohen und 1,8 Meter breiten Fläche illustriert die Herabkunft Buddhas aus dem Himmel der 33 himmlischen Gottheiten (trayastrimsha). Am unteren Ende der Treppe steht der Gandharva Pancasikha und spielt eine Bogenharfe, die es so nicht geben kann. Sie besteht aus einer umgekehrt-S-förmigen blaugrünen Schlange mit ihrem Kopf oben, sieben an Stimmwirbeln befestigten Saiten, die aber unten ins Leere führen, weil ein Resonanzkörper fehlt. An seiner Stelle ist ein ovales Feld mit zwei menschlichen Augen zu sehen.[29] Offensichtlich hatte der Maler zuvor keine Harfe gesehen und keine Kenntnis von der Funktion eines derartigen Musikinstruments.

Unklar ist, weshalb die Bogenharfe verschwand, während andere damalige Musikinstrumente in ähnlicher Form bis heute gespielt werden, was auf eine gewisse Bewahrung musikalischer Traditionen hindeutet. Zu diesen beibehaltenen Musikinstrumenten gehören die Kegeloboe sralai, der Buckelgongkreis kong vung (in Thailand khong wong), die Fasstrommel samphor (in Thailand taphon) und die Zimbeln chhing.[30] Eine Erinnerung an die Khmer-Harfe scheint in manchen buddhistischen Klöstern erhalten geblieben zu sein. Einige Klöster konnten Malereien aus der Zeit vor 1975 aufbewahren, als die Roten Khmer die Herrschaft übernahmen und einen großen Teil der Kunstschätze zerstörten. Auf diesen Malereien ist vereinzelt anstelle der üblichen Laute chapey dang veng eine Harfe abgebildet. Die Bilder aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts behandeln Themen der buddhistischen Mythologie. Die dargestellten Harfen besitzen fünf bis acht Saiten und einen Vogel- oder Garudakopf.

In einem modernen Wat in der Nähe von Kampong Thom, auf dessen Gelände sich der im 7. Jahrhundert erbaute Prasat Andat befindet (Distrikt Kampong Svay), erzählt ein Wandbild von Anfang der 1960er Jahre die Legende von einem Bodhisattva, der einst den Lehren mehrerer Meister folgte, indem er unterschiedliche Formen von Askese praktizierte. Indra, mit einem Saiteninstrument in der Hand, wollte ihm dazu die Unterweisung „Lektion von den drei Saiten“ erteilen. Mit dieser Metapher war der Mittlere Weg gemeint, denn nicht die zu lose und nicht die zu feste, sondern nur die richtig gespannte Saite ergibt einen schönen Ton. Passend dazu erscheint Indra auf dem Bild mit einer dreisaitigen Harfe, die drei Stimmwirbel und einen Vogelkopf an der Spitze erkennen lässt.[31]

Bauform und Spielweise

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Auf den Tempelreliefs von Angkor sind Bogenharfen[32] in unterschiedlichen Formen und Größen dargestellt, sodass sich daraus keine bestimmte Bauform einer Khmer-Harfe in allen Details rekonstruieren lässt. Allgemeine Merkmale präangkorianischer Harfen in Indien und Südostasien sind eine gleichmäßig gebogene Form des Saitenträgers und des Resonanzkörpers, eine über den Resonanzkörper gespannte Hautdecke, üblicherweise sieben Saiten und Umwicklungen aus Haut oder Fasern (Stimmschlingen), mit denen die Saiten am Hals gespannt werden. Ein guptazeitliches Relief aus dem 4./5. Jahrhundert aus dem Dorf Pawaya an der historischen Stätte Padmavati (südlich von Gwalior in Zentralindien), das im Gujari Mahal Archaeological Museum im Fort von Gwalior aufbewahrt wird, zeigt detailreich eine solche Bogenharfe mit einer Volute an der Spitze des Saitenträgers. Die Reliefs von Sambor Prei Kuk lassen hingegen nur einen groben Umriss erkennen.[33]

Die im 12. und 13. Jahrhundert im Khmer-Reich abgebildeten Bogenharfen zeigen alle einen bootsförmigen Resonanzkörper und unterscheiden sich hauptsächlich durch die Verzierung oben am Hals. Daraus ergeben sich zwei Typen: Beim einen Typ endet der Saitenträger ohne erkennbare Gestaltung, beim anderen ist ein Garudakopf aufgesetzt. Ein Vogelkopf kommt auch bei manchen Bogenharfen der Karen vor und eine Bauform der historischen chinesischen Harfe konghou, die Bogenharfe fengshou konghou („Phönixkopf-Harfe“), besaß einen Vogelkopf. Die Spielhaltung der beiden Typen war unterschiedlich. Die Harfen ohne Garudakopf wurden im Schoß liegend oder mit einem Fuß unterstützt auf den Boden aufgesetzt gespielt. Musiker im Stehen dürften sie an einem Schulterband umgehängt haben. Die offenbar größeren und schwereren Garudakopf-Harfen wurden von den sitzenden Musikern schräg auf den Boden gestellt.

Die Saiten und ihre Befestigung am Hals sind nur in Einzelfällen erkennbar. In einem Hochrelief an der Terrasse der Elefanten ist ein wesentliches Detail nicht verwittert. Es zeigt Saiten, die zu Stimmwirbeln am Hals führen und an diesen aufgerollt werden. Es ist sogar zu erkennen, dass die Saiten von oben um die Wirbel geschlungen sind. Die Wirbel befinden sich an der linken Seite des Halses, sodass sie vom Musiker, der den Saitenträger beim Spiel von sich fern hält, mit der rechten Hand bedient werden können. Bei einer am Bayon abgebildeten Harfe sind hingegen Schlingen zu sehen, die am Hals verschoben und verdreht werden, um die Saiten zu spannen. Bei der burmesischen saung gauk wird diese traditionelle Saitenbefestigung heute meist durch eine Stimmmechanik wie bei der Gitarre ersetzt. Da die Saiten auf allen Abbildungen parallel geführt werden, richtet sich der mögliche Mindestabstand der Saiten untereinander nach dem Durchmesser der Stimmwirbel. Bei der saung gauk ist der geringe Saitenabstand von 11 Millimetern durch die Verwendung von Stimmschlingen zu erreichen, während bei der mit relativ großen Stimmwirbeln ausgestatteten tünak der Karen die Saiten fächerförmig zum Hals verlaufen.

Altindische Harfen besaßen soweit erkennbar 7 oder 14 Saiten für eine oder zwei Oktaven. Diese Saitenzahlen kommen auch auf Darstellungen von Khmer-Harfen vor, dort sind zwischen 11 und 21 Saiten abgebildet, was teilweise an der Gestaltungsfreiheit des Bildhauers liegen könnte. Der Nachbau einer abgebildeten Harfe mit 21 Saiten ergab ein brauchbares Instrument. In Banteay Samré führen die Saiten zu 15 Stimmwirbeln und bei zwei plastischen Reliefs von Harfen am Bayon werden 11 Saiten an Schlingen am Hals fixiert. Aus welchem Material die Saiten gefertigt wurden, geht aus literarischen Quellen nicht hervor. Die saung gauk war früher mit Saiten aus Seide bespannt und es ist bekannt, dass die Khmer Seide aus China importierten. Die damalige Stimmung der Harfen ist unbekannt. Die in heutigen pinpeat-Ensembles gespielten Xylophone und Gongkreise sind traditionell heptatonisch-äquidistant gestimmt. Die saung gauk ist dagegen pentatonisch gestimmt und einzelne Zwischentöne werden dort durch seitlichen Druck am Saitenende erzeugt.

Unter Jayavarman VII. (reg. 1181 – um 1218), dem letzten bedeutenden König des Khmer-Reichs, der die Stadt Angkor Thom erbauen ließ, diente die Harfe zusammen mit anderen Musikinstrumenten zur Begleitung von Tänzen im königlichen Palast und in Tempeln. In einem typischen, aus einer oder zwei Harfen, einer oder zwei Stabzithern, einem Schrapinstrument, einem Zimbelpaar und Gesangsstimme bestehenden Palastensemble war eine Stabzither das führende Melodieinstrument. Eine Harfe wurde nie ohne Begleitung durch Zimbeln gespielt. Auf keinem Relief sind Harfen zusammen mit Trommeln abgebildet. Auf manchen Reliefs erscheinen Figuren im Hintergrund, deren Funktion unklar ist und die möglicherweise Trommeln spielten.

„Zirkusszene“ am Bayon, Nordgalerie, Westflügel. Gesangswettstreit mit zwei Orchestern. Ein Harfenspieler links unten (Figur angeschnitten), der Stabzitherspieler sitzt weiter links (außerhalb des Bildausschnitts)

Abgesehen von Voluten tragen einige Harfen an den Angkor-Tempeln einen Vogelkopf oder genauer, den Kopf eines mythischen Garuda an der Spitze des Saitenträgers. Am Bayon (Ostflügel der südlichen äußeren Galerie) sind weit oben zwei stark erodierte Harfen mit Garudaköpfen auszumachen, die zusammen mit zwei Zitherspielern zu einer „clownesken Szene“ gehören. Zwei weitere Harfen mit Garudaköpfen sind Teil einer „Zirkusszene“ am Bayon (Westflügel der nördlichen Galerie) mit Saiteninstrumenten und einem Gesangswettstreit, bei dem zwei Gruppen gegeneinander antreten. Einer der Sänger scheint sich lauthals zu profilieren, während der andere sich zurückhält und auf seinen Einsatz wartet. Die beiden Gruppen mit jeweils einer Harfe sind symmetrisch um die wild tanzende Figur in der Mitte positioniert. Zwei Harfen mit Garudaköpfen finden sich auch an der Terrasse der Elefanten (Nordaufgang); eine solche Harfe wurde ferner am Angkor Wat und eine am Westtor des Angkor Thom gefunden. Zwei Garudakopf-Harfen befinden sich außerhalb von Angkor an der Tempelanlage Banteay Chhmar, die ebenfalls unter Jayavarman VII. entstand.[34]

Die Reliefs zeigen den Harfenisten sitzend oder sein Instrument an einem Band um die Schulter gehängt stehend. Meist hält er die Harfe in der Höhe seines Oberkörpers an seiner linken Seite. Vermutlich spielte er mit der rechten Hand die Melodie. Die Aufgabe der linken Hand ist unklar, vielleicht ergänzte sie einzelne Töne oder es wurde wie bei der saung gauk der linke Daumen verwendet, um durch seitlichen Druck auf eine Saite nahe am Saitenträger einen höheren Zwischenton zu erzeugen.[35]

Die Funktion der Harfenabbildungen erscheint unterschiedlich. Sie kommen zusammen mit anderen Musikinstrumenten in Unterhaltungsorchestern vor, außerdem in Orchestern, die Ritualtänze und Prozessionen begleiten sowie speziell als Garudakopf-Harfe zur Begleitung von Gesangswettstreiten. Einige einzelne Harfen am Bayon könnten rein zur Dekoration oder als symbolische Repräsentanten des gesamten Orchesters verstanden worden sein. An einem Wandpfeiler des Bayon (äußere Ostgalerie, südlicher Durchgang) sitzt eine Harfenistin mit dem Rücken zum Betrachter und dem Blick nach rechts zu einer Ritualtänzerin (oder Apsara) gewandt, die sie begleitet. Da der Pfeiler sich an einem Durchgang befindet, der zur Tanzhalle in der Südostecke des Gebäudes führte, kann die Harfenistin als Tempelmusikerin interpretiert werden. Die Harfe ist im Verhältnis zur Musikerin übergroß dargestellt, was die hohe Zahl von etwa 21 Saiten rechtfertigt. Im oberen Bereich des Saitenträgers sind einige Stimmwirbel erkennbar. Weitere Harfenistinnen entdeckte der französische Musikethnologe Patrick Kersalé an anderen Wandpfeilern auf dem Weg zur Tanzhalle.

Neben diesem Bezug zu sakralen Tanzritualen erscheint die Harfe am Bayon an wenigen Stellen stellvertretend für ein höfisches Orchester, falls der Platz für weitere Figuren nicht ausgereicht hätte. Auf der dritten Etage des Bayon (Ostseite) zeigen zwei kleine Relieffelder höfische Szenen. König Jayavarman VII. ist von zwei seiner Frauen, einem Diener, der Luft zufächelt, einer einzelnen Harfenistin, Tänzerinnen und weiteren Personen umgeben. Anstelle der sonst das Orchester leitenden Stabzither repräsentiert hier die Harfe die musikalische Untermalung des Dargestellten. Bei anderen Reliefs an Angkor-Tempeln tritt gelegentlich ein Musiker mit den Takt gebenden Zimbeln als Repräsentant für ein nicht dargestelltes Orchester auf.

Am Bayon werden an mehreren Stellen höfische Orchester mit Saiteninstrumenten gezeigt. Eine der genauesten Abbildungen einer Harfe (an der inneren Ostgalerie) gehört zu einer Szene im Palast, auf der Harfe, Stabzither, Gesang und zwei Tänzerinnen die Gäste unterhalten. Die elf Saiten der Harfe sind exakt parallel aus dem Stein gemeißelt, auch die Stimmwirbel sind erkennbar. Ein schlechter erhaltenes Relief in der Nähe zeigt ein größeres Orchester, bei dem alle Saiteninstrumente doppelt vorkommen: zwei Harfen, zwei Stabzithern, eine Sängerin mit einem Schrapinstrument und eine Sängerin mit einem Zimbelpaar. Diese kammermusikalische Besetzung ist, wie auf weiteren Reliefs erkennbar, typisch für die höfische Musik zur Unterhaltung des Königs, seiner Frauen und seiner Gäste.

Dasselbe Orchester erscheint auch schreitend bei königlichen Prozessionen. Auf einem Relief am Bayon (äußere Ostgalerie, südlicher Durchgang) bewegend sich die Musiker ungeordnet mit frontal dargestellten Oberkörpern, aber mit den Beinen nach rechts gehend und mit den Köpfen im Profil den Blick nach allen Seiten gelenkt. Die Musikinstrumente von links nach rechts sind ein Schrapinstrument, eine Stabzither mit zwei Resonatoren, Zimbeln, Sänger, eine Harfe (dahinter ein angeschnittener Kopf, der möglicherweise zu einem zweiten Harfenspieler gehört) und eine Stabzither mit zwei Resonatoren. Die Harfe besitzt ungefähr 15 Saiten. Wie sie der Musiker zum Tragen umgebunden hat, ist nicht zu erkennen.[36]

Sämtliche Musikensembles (mit Harfen, Stabzithern und Zimbeln), die Tänzerinnen begleiten, bestehen aus Frauen. Bei den Musik- und Tanzszenen ist stets mehr oder weniger deutlich an Dächern und Hauswänden im Hintergrund erkennbar, dass die Aufführungen in geschlossenen Räumen stattfanden. Dies ist ein möglicher Hinweis, dass die Frauentänze nicht für ein allgemeines Publikum, sondern nur für eine besondere Klasse bestimmt waren. Da im Khmer-Reich nur Tempel aus Stein gebaut waren, dürften die Tänzerinnen, von denen einige Namen auf Steininschriften festgehalten sind, bei religiösen Zeremonien aufgetreten sein. Einige dieser Frauentanz- und Musikgruppen sind von weiteren Frauen umgeben, die ebenfalls musizierten oder das Publikum bildeten (etwa an der inneren südlichen Galerie, Westseite). Die synchronen Handbewegungen, die diese Begleitfiguren ausführen, waren vielleicht eine Art rhythmisches Händeklatschen. Damit wäre die Trennung zwischen Akteurinnen und Zuschauerinnen verschwommen gewesen.[37]

Der unter Jayavarman VII. erbaute Tempel Banteay Chhmar liegt über 100 Kilometer nordwestlich von Angkor nahe der Grenze zu Thailand. In den Reliefs, deren Gesamtlänge rund 538 Meter beträgt, wurden zwölf Abbildungen von Harfen gefunden. Bei einem ähnlichen Prozessionsorchester wie demjenigen in der Ostgalerie des Bayon spielen die Musiker in der unteren Reihe (von links nach rechts) eine Stabzither mit zwei Resonatoren, daneben ein an seinem offenen Mund erkennbarer Sänger, weitere Musiker mit Schrapinstrument, Zimbeln und Harfe.

An einem Weg zum Haupttempel steht der östliche Gopuram, an dessen Türstürzen im Süden, Osten und Norden (vielleicht auch am 2023 noch nicht restaurierten Türsturz im Westen) vollplastische Reliefs jeweils einen Harfenspieler zeigen. Die sitzenden Musiker sind mit ihren Bärten und geschlossenen Augen als Rishi erkennbar. Das Relief des südlichen Türsturzes stellt eine mythische Erzählung aus dem 7. Jahrhundert dar, die auf dem Mahabharata basiert. In der Mitte sitzt ein Rishi mit gekreuzten Beinen. Auf der rechten Seite sitzen zwei Figuren: Der bekrönte Gott Krishna wird mit den Attributen der Tempelstifters Jayavarman VII. dargestellt. Krishna köpft den am rechten Rand sitzenden König Shishupala, den Gegenspieler Yudhishthiras. Die gesamte Szene ist symmetrisch und klar strukturiert. Der Harfenspieler blickt vom linken Rand. Neben ihm erscheint nochmals Krishna in Gestalt eines knienden Rishi, der ein Kind in seinem Schoß hält.

Auch bei den anderen beiden Türstürzen sitzt der Harfe spielende Rishi am linken Rand. Der östliche Türsturz behandelt eine Episode aus dem Ramayana. Dessen Autor Valmiki wird in einer Vorrede eingeführt. Darin heißt es, Valmiki beobachtete einen Jäger, wie dieser mit einem Pfeil das Männchen eines sich paarenden Kranichpaares erschoss. Daraufhin verfluchte Valmiki den Jäger in poetischen Versen. Gott Brahma bemerkte Valmikis poetische Gabe und ermunterte ihn, die Geschichte um Gott Rama zur Erbauung der Menschheit aufzuschreiben. Auf der rechten Seite des Reliefs erschießt ein Jäger zwei Kraniche. Die zentrale Figur ist der in Yogaposition sitzende Brahma mit vier Köpfen und vier Armen. Links von Brahma und neben dem Harfenspieler kniet eine Figur, die ein Palmblattmanuskript in den Händen hält und offenbbar Valmiki darstellt, der seinen eigenen Text liest. Das indische Epos Ramayana ist den Khmer seit präangkorianischer Zeit unter dem Titel Reamker bekannt. Die besondere Form der Harfe stellt eine Beziehung zu den Kranichen her. Die auf der Spitze des Saitenträgers ruhende linke Hand des Musikers könnte auf Kopf und Schnabel des getöteten Kranichs verweisen, ebenso die gekrümmte Saitenebene. Diese liefert die mögliche Interpretation, dass die Harfe nicht spielbar ist, also ebenso stumm bleibt wie der getötete Kranich.

Ein buddhistisches Relief an der Westgalerie des Tempels stellt den 22-armigen Bodhisattva Avalokiteshvara dar, der von zahlreichen kleineren Apsaras in mehreren Reihen umgeben ist. Die Zentralfigur steht auf einem lotosförmigen Podest, neben dem auf beiden Seiten in der unteren Reihe Musiker sitzen. Beim Orchester auf der rechten Seite sind zwei Harfenspieler zu erkennen, mutmaßlich eine Frau und ein Mann. Ein gemischtes Orchester wäre selten.[38]

Weitere Angkor-Tempel

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Zwei Harfenspielerinnen hintereinander am Banteay Samré. Vor ihnen (links) eine Frau mit verschränkten Armen, die an der Position einer Vorsängerin sitzt, aber keine entsprechenden Gesten macht. Links von ihr zwei Tänzerinnen

Im nordöstlich vom Angkor Wat gelegenen Tempel Banteay Samré aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts befindet sich an der Westseite ein Relief, das vier Musikerinnen zeigt, die zwei Harfen mit Stimmwirbeln und eine Stabzither (vielleicht auch zwei) spielen, um mehrere Tänzerinnen zu begleiten. Auffällig ist, dass keine Zimbeln verwendet werden. Die Rolle einer vor den Harfenistinnen sitzenden Figur ist unklar, denn bei ihr fehlen die bei einer Sängerin üblichen ausgreifenden Handbewegungen oder ein offener Mund.

Am stark zerfallenen Tempelkomplex Preah Pithu, der in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts nördlich des Bayon entstand, ist am westlichen Türsturz des Tempels U Shiva auf einem Kala-Kopf tanzend dargestellt. Umgeben ist er von Brahma und Vishnu, die zusammen die Götter-Dreiheit Trimurti bilden. Unten an Shivas linker Seite sorgt ein kleiner Harfenspieler für die Musik. Ihm gegenüber sitz ebenso klein der elefantenköpfige Ganesha, Shivas Sohn, der seine Hände vor dem Bauch hält, als würde er Zimbeln zusammenschlagen.

Die Stadt Angkor Thom war von vier heute Prasat Chrung genannten buddhistischen Tempeln an den Ecken eingerahmt. Der südwestliche Tempel ist mit vier Medaillons nebeneinander verziert, die trotz ihrer Verwitterung Saiteninstrumente erkennen lassen. Die Musiker begleiten einen tanzenden Spaßmacher im rechten Medaillon. Wie in diesen Fällen üblich, spielt der im linken Medaillon erkennbare Harfenist eine Garudakopf-Harfe. Rechts daneben wurde mutmaßlich ein Zimbelspieler und im nächsten Medaillon ein Stabzitherspieler dargestellt.[39]

Moderne Khmer-Harfe

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Im Jahr 2012 begann Patrick Kersalé (* 1959) mit Versuchen, verschwundene Musikinstrumente aus der Zeit des Khmer-Reichs wie Bogenharfen, Stabzithern, Trompeten und Doppelrohrblattinstrumente wieder zum Leben zu erwecken. Grundlage für die Rekonstruktionen bildeten Reliefabbildungen und der Vergleich mit noch existierenden Instrumenten in anderen Regionen Südostasiens. Bei der Harfe stand der Vergleich mit der saung gauk in Myanmar im Vordergrund. Die ersten angefertigten Harfen waren Nachbauten der von den burmesisch-thailändischen Karen gespielten Harfe, gefolgt von einer Rekonstruktion nach den Darstellungen von Sambor Prei Kuk aus dem 7. Jahrhundert. Nachfolgend wurden Garudakopf-Harfen basierend auf der „Zirkusszene“ am Bayon vom Ende des 12. Jahrhunderts gebaut.[40] Damit waren zwei Harfentypen entstanden: einer aus der Vorangkorzeit und einer aus der Angkorzeit.

Die Neuanfertigungen erfolgten auf handwerklicher Basis mit modernen technischen Hilfsmitteln. Ornamente und Bemalungen wurden mit kunsthandwerklichen Freiheiten ergänzt. Die Musiker der Gruppe Sounds of Angkor gaben mit diesen Musikinstrumenten von 2013 bis 2020 Konzerte in Siem Reap und Phnom Penh, bei denen sie sich in einer Art von Living History an die möglicherweise damals gespielte Musik annähern wollten. Da keine Notationen von Musik aus der damaligen Zeit überliefert sind, wurden aus dem heute bekannten Repertoire möglichst alte Stücke herausgesucht und für die angkorianischen Musikinstrumente adaptiert.[41]

Nach 2013 wurde die Gruppe Sounds of Angkor organisatorisch der NGO Cambodian Living Arts in Siem Reap angegliedert. Deren Ziel ist es, traditionelle Kunstformen und dörfliche Volkskultur zu fördern. Seit 2018 unterstützt die NGO den Unterricht an der pin und anderen rekonstruierten Musikinstrumenten. Im Jahr 2014 kam die pin in zwei Programmpunkten des Amatak-Kulturfestivals in Phnom Penh zum Einsatz. Das Festival fand an der Universität der Künste und im Nationalmuseum statt und bot vor allem jungen Gruppen Auftrittsmöglichkeiten. Ein Ziel war auch, einem jugendlichen Publikum die Kultur des Landes nahezubringen. Obwohl die Bogenharfe pin eine völlige Neuschöpfung darstellt, gibt es das Bestreben, sie inoffiziell im Bereich der kambodschanischen Kultur einem traditionellen förderungswürdigen Musikinstrument gleichzustellen.[42]

Ein vorläufiger musikalischer Höhepunkt war der Einsatz der Bogenharfe in der Multimedia-Inszenierung Bangsokol: A Requiem for Cambodia des kambodschanischen Komponisten Him Sophy, deren europäische Uraufführung 2018 in Paris stattfand. Die Aufführung verbindet Musik, Tanz, Theater, Film und buddhistisches Ritual. Sie soll eine Erinnerung an die während der Herrschaft der Roten Khmer Ermordeten sein und stellt die Frage nach der Verantwortung für die Gräueltaten.[43]

Bogenharfe pin mit 14 Saiten und Garudakopf für die Imagination einer alten Khmer-Kultur
  • Anina Paetzold: Imaginierte Traditionen: Eine diachrone Ethnographie über das Bewahren performativer Künste in Kambodscha. (Musikkulturen im Fokus, Band 4) Logos Verlag, Berlin 2023
Commons: Pin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. Bo Lawergren: Harp. II. Ancient harps. 1. Introduction. In: Grove Music Online, 2001
  2. Bo Lawergren: Angular Harps Through the Ages. A Causal History. In: Arnd Adje Both, Ricardo Eichmann, Ellen Hickmann, Lars-Christian Koch (Hrsg.) Herausforderungen und Ziele der Musikarchäologie. Papers from the 5th Symposium of the International Study Group on Music Archaeology at the Ethnological Museum, State Museums Berlin, 19–23 September, 2006. (Orient-Archäologie 22. Studien zur Musik-Archäologie 6). Rahden/Westfalen 2008, S. 261–281, hier S. 262
  3. Bo Lawergren: Harps on the Ancient Silk Road. (Memento vom 13. September 2024 im Internet Archive) In: Neville Agnew (Hrsg.): Conservation of Ancient Sites on the Silk Road. Proceedings of the Second International Conference on the Conservation of Grotto Sites, Mogao Grottoes, Dunhuang, People's Republic of China, June 28 – July 3, 2004. Getty Conservation Institute, Los Angeles 2010, S. 117–124, hier S. 129
  4. Muriel C. Williamson: Saùng-gauk. In: Grove Music Online, 2001
  5. Tünak. Música Para Ver
  6. Theodore Stern, Theodore A. Stern: „I Pluck My Harp“: Musical Acculturation among the Karen of Western Thailand. In: Ethnomusicology, Band 15, Nr. 2, Mai 1971, S. 186–219, hier S. 190
  7. Judith Becker: The Migration of the Arched Harp from India to Burma. In: The Galpin Society Journal, Band 20, März 1967, S. 17–23, hier S. 21
  8. Roderic Knight: The Harp in India Today. In: Ethnomusicology, Band 29, Nr. 1, University of Illinois Press, Winter, 1985, S. 9–28, hier S. 11
  9. Walter Kaufmann: Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 8: Altindien. Hrsg. Werner Bachmann. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 35
  10. Emmie te Nijenhuis: Indien. II. Musik der älteren Zeit. 3. Die Zeit des älteren Hinduismus, Buddhismus und Jainismus (600 v. Chr. bis 200 n. Chr.). In: MGG Online, Juni 2015
  11. Bow harp. Metropolitan Museum of Art (fünfsaitige Bogenharfe mit einem schaufelförmigen Resonanzkörper aus dem Mittleren Reich)
  12. Amaury Pétigny: The harp of good and evil: Egyptian bỉn(.t) and b(ỉ)n.t. In: Chronique d'Égypte, Band 192, Brüssel 2021, S. 206–219, hier S. 207
  13. Die Herleitung von vina von einem gleich klingenden Wort für ägyptische Harfen geht auf Curt Sachs zurück (Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. Vereinigung wissenschaftlicher Verleger, Berlin/Leipzig 1923, S. 140, später in: The History of Musical Instruments. W.W. Norton & Company, New York 1940, S. 224), wurde von anderen übernommen, von Manfred Mayrhofer wird sie aber abgelehnt (vgl. Monika Zin: Die altindischen vīṇās. (Memento vom 5. Februar 2020 im Internet Archive) In: Ellen Hickmann, Ricardo Eichmann (Hrsg.): Studien zur Musikarchäologie IV. Musikarchäologische Quellengruppen: Bodenurkunden, mündliche Überlieferung, Aufzeichnung. Vorträge des 3. Symposiums der Internationalen Studiengruppe Musikarchäologie im Kloster Michaelstein, 9.–16. Juni 2002, S. 321–362, hier S. 323)
  14. Pia Sinivasan Bonomo: Vīṇā. I. Begriff und Geschichte. In: MGG Online, November 2016
  15. Saveros Pou: Music and Dance in Ancient Cambodia as Evidenced by Old Khmer Epigraphy. In: East and West, Band 47, Nr. 1/4, Dezember 1997, S. 229–248, hier S. 236
  16. Vgl. Ferdinand J. de Hen: A Case of Gesunkenes Kulturgut: The Toila. In: The Galpin Society Journal, Band 29, Mai 1976, S. 84–90
  17. David Morton: The Traditional Music of Thailand. University of California Press, Berkeley 1976, S. 91f
  18. Arsenio Nicholas: Musical Instruments on the 16th century bas reliefs in the North Gallery-East Wing of Angkor Wat: Dating and Significance. In: The SEAMEO SPAFA International Conference on Southeast Asian Archaeology and Fine Arts, Bangkok 2021, S. 324–355, hier S. 355
  19. Ulrich Wegner: Zithern. B. Außereuropäische Zithern. II. Röhrenzithern. 2. Halbröhrenzithern. In: MGG Online, November 2016
  20. David W. Hughes, David Morton, Terry E. Miller: Phin. In: Grove Music Online, 28. Mai 2015
  21. Zuerst beschrieben von: Noel Hidalgo Tan, Im Sokrithy, Heng Than, Khieu Cha: The hidden paintings of Angkor Wat. In: Antiquity, Band 88, Nr. 340, Juni 2014, S. 549–565, hier S. 562, Abb. 10
  22. Post-Angkorian orchestras from the 16th century onwards. Sounds of Angkor, 13. Februar 2021
  23. 1 2 Reviving the musical instruments of Khmer Empire. Sounds of Angkor, 5. Dezember 2023
  24. Arsenio Nicolas: Musical Nomenclature for the Sanskrit term kangsa in Southeast Asia. In: Himanshu Prabha Ray (Hrsg.): The Archaeology of Knowledge Traditions of the Indian Ocean World. Routledge India, 2020, S. 211–242, hier S. 220, 224
  25. Jaap Kunst: Music in Java. Its History, its Theory and its Technique. 3. Auflage herausgegeben von Ernst L. Heins. Zwei Bände. Martinus Nijhoff, Den Haag 1973, Band 1, S. 107f
  26. Anina Paetzold, 2023, S. 24, laut dem Film Mysteries of the Khmer harp von Patrick Kersalé, 2016
  27. Roger Blench: Musical instruments of South Asian origin depicted on the reliefs at Angkor, Cambodia. EURASEAA, Bougon, 26. September 2006, S. 4f
  28. The ancient musical instruments through Shiva's dances. Sounds of Angkor, 5. Dezember 2023
  29. Jean Boisselier: Malerei in Thailand. W. Kohlhammer, Stuttgart 1976, S. 126–128
  30. Sam-Ang Sam: Cambodia, Kingdom of. 1. History. In: Grove Music Online, 2001
  31. The post-Angkorian harp. Sounds of Angkor, 1. Dezember 2023
  32. Sam-Ang Sam (Musical Instruments of Cambodia. National Museum of Ethnology, Osaka 2002, S. 43) bezeichnet die pin fälschlich als angular harp („Winkelharfe“).
  33. Pre-Angkorian Harp. Sounds of Angkor, 5. Dezember 2023
  34. Garuda's head harp. Sounds of Angkor, 8. Dezember 2023
  35. Angkorian harp. Sounds of Angkor, 30. Oktober 2024
  36. The harps of Bayon. Sounds of Angkor, 5. Dezember 2023
  37. Martin Knust: Towards a Social History of Music in Ancient Angkor: The Iconography of Music on the Bayon Temple Carvings. In: Music in Art, Band 38, Nr. 1–2 (Images of Music-Making and Cultural Exchange between the East and the West) Frühjahr–Herbst 2013, S. 127–143, hier S. 132f, 136
  38. The harps of Banteay Chhmar. Sounds of Angkor, 5. Dezember 2023
  39. Harps from other Angkorian sites. Sounds of Angkor, 5. Dezember 2023
  40. The true story of the Khmer harp's revival. Sounds of Angkor, 5. Dezember 2023
  41. Reviving the musical instruments of Khmer Empire. Sounds of Angkor, 5. Dezember 2023
  42. Anina Paetzold, 2023, S. 32–35
  43. Renee Jeffery: The Role of the Arts in Cambodia’s Transitional Justice Process. In: International Journal of Politics, Culture, and Society, Band 34, Nr. 3, September 2021, S. 335–358, hier S. 347