Nutscheid
| Nutscheid | ||
|---|---|---|
| Im Nutscheid auf dem Hohen Wäldchen | ||
| Höchster Gipfel | Hohes Wäldchen (378 m ü. NHN) | |
| Lage | Rhein-Sieg-Kreis, Oberbergischer Kreis, Nordrhein-Westfalen | |
| Teil des | Nördlichen Mittelsieg-Berglandes, Rheinischen Schiefergebirges | |
| Einteilung nach | Bundesamt für Naturschutz | |
| Koordinaten | 50° 49′ N, 7° 28′ O | |
| Maximale Länge | 23 km | |
| Typ | Mittelgebirge | |
| Fläche | 100 km² | |



Der Nutscheid (auch die oder das Nutscheid) ist ein Höhenzug im Rhein-Sieg-Kreis zwischen den Gemeinden Ruppichteroth, Eitorf und Windeck. Er bildet den Kernbereich des größten zusammenhängenden Waldgebiets im Bergischen Land und ist eines der größten Forstgebiete dieser Region. Auf dem Bergrücken existierte ein überregionaler Fernhandelsweg. Das Gebiet wurde im 20. Jahrhundert für militärischen Zwecke genutzt und ist heute ein Naturschutz- und Naherholungsgebiet.
Etymologie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Nutscheid wurde erstmals in einem verlorenen Blankenberger Weistum des Jahres 1384 erwähnt. In einer erhaltenen Transkription der Redinghovenschen Sammlung von 1661 lautet der entsprechende Artikel „tuischen der Noutschyt und Probach“. Falls keine Fehler in der Transkription vorliegt, würde dies auf eine weibliche Form des Artikels hinauslaufen. Herangezogen werden könnte u. a. auch eine Urkunde des Staatsarchivs in Düsseldorf aus dem Jahr 1582, in der es in Zeile 7 heißt „uf die nutscheide“ und in Zeile 76 „das Notscheidt“. Die Artikelverwendung schwankt also. In der Mercator-Karte von 1575 war der Höhenrücken als „Notscheidt“ aufgeführt und in der Karte des Siegburger Vergleichs von 1604 als „Noitscheid“.[1] Die Herkunft des Namens ist indes ungewiss. Ist der Wortbestandteil „Scheid“ noch eindeutig als ein bewaldeter Bergrücken bestimmt werden kann, könnte sich die Silbe „Not“ sich auf den Begriff Not beziehen. Denkbar ist aber auch eine Herleitung aus der Himmelsrichtung Norden oder vom indogermanischen Wort neth für sich neigen. Topographische Karten verwendeten lange Zeit den männlichen Artikel und verzeichneten „Der Nutscheid“. Neuere topographische Karten verzichten auf den Artikel und verzeichnen nur noch „Nutscheid“.
Geographie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Topographie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Nutscheid ist eine Mittelgebirgslandschaft, deren höchste Erhebung Hohes Wäldchen eine Höhe von 378 m ü. NHN hat. Weitere Berge sind der Goldberg und der Selbachsberg. Der Höhenzug wird im Süden von der Sieg, im Nordosten vom Waldbrölbach und im Nordwesten von der Bröl begrenzt. Sein westlichster Punkt liegt bei Hennef-Müschmühle am Zusammenfluss von Bröl und Sieg, im Osten ist er durch den Gierzhagener Bach zwischen Waldbröl-Altehufen und Windeck-Rosbach zum Morsbacher Bergland begrenzt. Der bewaldete Bergrücken grenzt die Gemeinde Ruppichteroth von den Gemeinden Eitorf und Windeck ab.
Naturparks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Höhenzug befindet sich Südwesten im Naturpark Bergisches Land. Im Naturschutzgebiet Hohes Wäldchen auf dem Nutscheid konnten sich eine Zwergstrauchheide und Magergrünland entwickeln. Daneben leben dort Heideschrecken, Baumpieper, Ringelnattern und Schlingnattern sowie 526 Insektenarten. Im östlichen Teil befindet sich das Naturschutzgebiet Galgenberg mit seinen Niederwaldbeständen an welche sich südlich die Elisenthal Wälder anschließen. Das siedlungsarme Gebiet liegt auch im Einzugsgebiet des Wolfsgebiet Oberbergisches Land. Im Einzugsgebiet gab es wiederholt Sichtungen und Nutztierfälle.[2]
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Römerstraße
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der volkstümlichen Sage nach soll der Bergrücken im Nutscheid bereits als Handelsweg zwischen dem Siegerland und Köln gedient haben. Dies wird mal Kaiser Probus und ein anderes Mal Feldherr Drusus angelastet. Vielmehr ist er als Naturweg durch kontinuierliche Nutzung mit Pferden und Wagen entstanden. Unpassierbar gewordene Streckenstücke wurden dabei schlicht umfahren. Solche „mehrspurigen“ Abschnitte sind heute noch im Gelände sichtbar. Bisher gibt es jedoch keine archäologischen Funde, die auf den Bau einer römischen Straße hindeuten. Eine Nutzung durch keltische Siedler um 500 v. Chr. ist jedoch nicht ausgeschlossen. So konnte das im Siegerland abgebaute Eisenerz in das schon stark besiedelte Rheintal befördert werden.[3] Darauf deutet auch die alternative Bezeichnung Eisenweg hin.[4]
Vom Mittelalter bis in die Neuzeit
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Eine Hohe Straße wurde erstmals 1464 erwähnt.[5] Die über die Höhen führende „Nothscheider Straß, welche nacher Bonn fuhret“ (Karte des Kirchspiels Ruppichteroth von 1644) erlangte erst im Mittelalter überregionale Bedeutung. Zollstellen und historische Relikte am Wegrand zeugen davon.[6] Seit dem Mittelalter wurden an den Bächen und Hängen der Nutscheid Erze abgebaut und verhüttet – hauptsächlich zu Blei und Kupfer. Die dafür erforderliche Holzkohle stammte aus dem forstwirtschaftlich intensiv genutzten Wald. Es wurden etwa 15 Verhüttungsplätze und zwei Rennfeueranlagen festgestellt. Die Schwerpunkte des Bergbaus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lagen in der Umgebung von Merten mit der Grube Pascha sowie nordwestlich von Eitorf mit den Gruben Harmonie und Hatzfeld.[7] Der Nutscheid war und ist Grenzland.
Bis 1604 verlief am Bergkamm die Grenze – samt ihrer sprachlichen und konfessionellen Unterschiede – zwischen dem Herzogtum Berg und der Herrschaft Homburg. Mehrere gut erhaltene Überreste von mittelalterlichen Abschnitts-Landwehren und Höhensperren zeugen von diesen unruhigen Zeiten. Bis ins 19. Jahrhundert diente der Galgenberg (356,1 m ü. NHN) Windecks Gericht als Galgenplatz. Durch die Platzierung des Hochgerichtes an der frequentierten Überlandstraße sollte zwielichtiges und fremdes Volk abgeschreckt werden. Etwa 250 Meter östlich davon sind drei jahrhundertealte Eichen erhalten.
Seit 1932 treffen hier der Oberbergische Kreis und der Siegkreis aufeinander. Neben der Brüderstraße, die von Köln nach Siegen führte, war die Nutscheidstraße (so auch heute noch die offizielle Bezeichnung[8]) vom 12. bis zum beginnenden 18. Jahrhundert die bedeutendste Fernverbindung im südlichen Bergischen Land.[9] Im 19. Jahrhundert verlagerte sich der Verkehr in die inzwischen weitgehend trockengelegten und durch Straßen und Eisenbahnen erschlossenen Täler.
Einsatz von Vergeltungswaffen im Zweiten Weltkrieg
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs befanden sich Abschussrampen für V1-Raketen im Nutscheid. Ihre Standorte waren Hatterscheid, Kuchem, Wingenbach (alle Ruppichteroth) und Eitorf-Rankenhohn. Von dort wurde vom 11. oder 12. Februar bis zum 18. März 1945 Antwerpen beschossen.[10] Nach Kriegsende wurden die Anlagen von britischen Truppen zerstört. 2006 wurden die Reste (Bodenplatten und Wasserbecken) unter Denkmalschutz gestellt.[11]
Militärische Nutzung im Kalten Krieg
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der Nutscheid-Kaserne (aufgegeben 2003) waren unter anderem die 3./Flugabwehrraketenbataillon 22, die 6./Flugabwehrraketengruppe 21 und die 6./Flugabwehrraketengeschwader 21 stationiert.[12] Die nukleare Verwahrung für die 3./FlaRakBtl 22 (Nike) war Aufgabe des US Custodial Team (Team C, 52nd USAAD). Während des Kalten Krieges waren Nike Ajax, dann Nike Hercules, später Patriot-Raketen im Nutscheid stationiert, die nach der Auflösung des Konfliktes wieder abgezogen wurden. Bis 1986 wurden hier auch Nuklearsprengköpfe für Nike Hercules Raketen gelagert. Diese wurden beim Abzug der Amerikaner nach Ramstein gebracht. Die ehemalige Militärbasis im Wald mit hohem Observationsturm ist heute noch vorhanden. Die Stadt Waldbröl, zu deren Gemeindegebiet das Gelände gehört, berät seit 2006 über die zukünftige Nutzung.
Wirtschaft und Infrastruktur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Forstwirtschaft
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das 1.500 ha große Forstgebiet gehört zu den größten des Bergischen Land. Der Hochwald hat die Niederwaldnutzung weitestgehend verdrängt. Viele Niederwaldareale stehen inzwischen unter Naturschutz. Die Bladersbacher Waldnachbarschaft bewirtschaftet noch einen Birken-Eichen-Niederwald.
Energiewirtschaft
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Land Nordrhein-Westfalen ist verpflichtet bis 2032 die ausgewiesene Windenergieflächen auf 1,8 % zu erhöhen. Teile des Nutscheids sind für den Ausbau von Windkraft vorgesehen.[13]
Tourismus
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Naturerlebnispark Nutscheid
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Neben der forstwirtschaftlichen Nutzung im Nutscheid gab es verstärkt Bemühungen um die Einrichtung und den Erhalt eines Naturschutzgebietes. Ein kleiner Teil wurde 1999 zum Naturschutzgebiet „Hohes Wäldchen auf dem Nutscheid“ erklärt.[14][15] Es befindet sich im Bereich des Hohes Wäldchen.
Seit 2015 vereint im Nutscheid der Panarbora-Park auf einer 8 ha großen Fläche Umweltbildung und Erlebniswelten miteinander. Das Projekt Naturerlebnispark Nutscheid wurde Anfang 2008 bei einem Wettbewerb des Landes Nordrhein-Westfalen zur infrastrukturellen und touristischen Entwicklung als eines der Gewinnerprojekte ausgewählt. Als Übernachtungsmöglichkeiten stehen Gästen des Deutschen Jugendherbergswerks fünf Baumhäuser, drei Dörfer mit jeweils vier Hütten und ein Familien- und Seminarhaus zur Verfügung.[16][17]
Nutscheidhöhenweg
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Heute dienen die Römerstraße und die Nutscheidstraße als Anfahrts- und Transportweg für forstwirtschaftliche Arbeiten sowie für die Freizeitgestaltung, beispielsweise zum Wandern, Radfahren und Reiten.[18] Ein Teil des Wanderweg der Deutschen Einheit und der Radwanderweg Nutscheidhöhenweg verlaufen dort.[19]
Der Einstieg in den 27 km langen Radweg befindet sich am Bahnhof Hennef (70 m ü. NHN) und führt über eine sehr steile Autostraße nach Altenbödingen (170 m ü. NHN). Dort erreicht man die Römerstraße, die über eine kleine Steigung in den Wald führt. Die Strecke verläuft dort 11 km – teils geschottert, teils asphaltiert – mit moderaten Steigungen. Nach 21 km und einem Anstieg von 3 km wird der höchste Punkt Hohes Wäldchen (370 m ü. NHN) erreicht. Von dort aus führt eine Straße mit welligem Profil wieder hinab (330 m ü. NHN), ehe der Panarbora-Park erreicht wird. Der Panarbora-Radweg verbindet diesen mit dem Siegtal in Schladern. Von dort aus erreicht man die Bahnhöfe Siegen und Siegburg/Bonn mit den Linien RE 9, S 12 und S 19.[20]
Kultur und Sehenswürdigkeiten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Wallfahrtskirche Bödingen
- Hohes Wäldchen
- Gut Ommeroth
- Fort Ommeroth
- V1-Abschussrampen
- Panarbora-Park
- Stützmauer „An der Kirchenhecke“
- Nutscheid Forest Pipe Band
Trivia
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Im Jahr 2009 erlangte der Nutscheid die Aufmerksamkeit der Weltpresse. Große Teile des Films Antichrist mit Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg in den Hauptrollen wurden dort gedreht.[21]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Hermann Josef Roth u. a.: Rheinische Landschaften, Heft 25: Nutscheid – Waldgebiet im Bergischen Land. Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz (Hrsg.), Köln 1984, ISBN 3-88094-469-5.
- Lothar Wirths u. a.: Die Nutscheidstraße … In: Beiträge zur Oberbergischen Geschichte, Bde. 6 u. 7.
- Lothar Wirths: Nutscheid in Not? Sprachgeschichtliche Anmerkungen zum Namen des südbergischen Höhenrückens. In: Beiträge zur Oberbergischen Geschichte, Bd. 10.
- Kulturlandschaft Nutscheid – Sieg. Eintrag in der Datenbank „KuLaDig“ des Landschaftsverbands Rheinland
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Nutscheid in Not? Bergischer Geschichtsverein e. V., abgerufen am 13. Oktober 2026.
- ↑ Ruppichteroth gehört offiziell zum Wolfsgebiet „Oberbergisches Land“. 31. August 2020, abgerufen am 13. Oktober 2026.
- ↑ Karl Künster: Der Mensch in der Winterscheider Landschaft. In: Hubert Janzen (Hrsg.): Winterscheid – ein Heimatbuch. Heimatverein Winterscheid e. V., Winterscheid 1982, S. 42 f.
- ↑ Über Driesch. Heimatverein Bödingen; abgerufen am 11. September 2017.
- ↑ Nutscheid | Waldbröl. Abgerufen am 13. Oktober 2026.
- ↑ Nutscheid. Abgerufen am 13. Oktober 2026.
- ↑ Bernd Habel: Alter Bergbau im Siegtal bei Merten und Eitorf. In: Claudia Maria Arndt (Hrsg.): Von Wasserkunst und Pingen. Geschichts- und Altertumsverein für Siegburg und den Rhein-Sieg-Kreis e. V., Rheinlandia Verlag, Siegburg 2005, ISBN 3-935005-95-4, S. 93 ff.
- ↑ Nutscheidstraße. (Kulturlandschaftsbereich Regionalplan Köln 453). Eintrag in der Datenbank „KuLaDig“ des Landschaftsverbands Rheinland. Abgerufen am 8. Dezember 2018.
- ↑ Richard Jilka, M. A.: Rennenburg und Nutscheidstraße. In: Heimatblätter. Nr. 19. Heimat- & Geschichtsverein Neunkirchen-Seelscheid e. V. (Hrsg.), 2004, S. 41.
- ↑ Wolfgang Gückelhorn, Detlev Paul: V1 – „Eifelschreck“. Helios Verlags- und Buchvertriebsgesellschaft, Aachen 2004, ISBN 3-933608-94-5.
- ↑ Stefan Lenz: V1-Rampen brachten es zum Denkmal. In: Kölnische Rundschau. 10. Oktober 2006, abgerufen am 8. Dezember 2018.
- ↑ Standortdatenbank der Bundeswehr
- ↑ Windräder in Eitorf | Eitorf Home. Abgerufen am 13. Oktober 2026.
- ↑ Naturschutzgebiet „Hohes Wäldchen I“ im Fachinformationssystem des Landesamtes für Natur, Umwelt und Klima Nordrhein-Westfalen, abgerufen am 18. Oktober 2026.
- ↑ Naturschutzgebiet „Hohes Wäldchen II“ im Fachinformationssystem des Landesamtes für Natur, Umwelt und Klima Nordrhein-Westfalen, abgerufen am 18. Oktober 2026.
- ↑ Michael Fiedler-Heinen: Panarbora Finanzierung noch nicht gesichert. In: Oberbergische Volkszeitung. 8. August 2013, abgerufen am 8. Dezember 2018.
- ↑ Naturerlebnis Nutscheid GmbH. Abgerufen am 8. Dezember 2018.
- ↑ Der Nutscheid. Heimatverein Bödingen; abgerufen am 27. Juli 2018.
- ↑ Nutscheidhöhenweg. RadRegionRheinland; abgerufen am 30. Juli 2018.
- ↑ Nutscheidhöhenweg. Abgerufen am 13. Oktober 2026.
- ↑ Neuer Film von Lars von Trier: „Antichrist“ wird komplett in NRW gedreht. In: RP ONLINE. 18. August 2008, abgerufen am 13. Oktober 2026.
