Nitronatrit kristallisiert im trigonalen Kristallsystem, entwickelt aber nur selten mit dem bloßen Auge sichtbare Kristalle bis etwa drei Millimeter Größe mit einem glasähnlichen Glanz auf den Oberflächen. Meist findet er sich – vermischt mit anderen Salzen – in Form faseriger oder körniger bis derber Mineral-Aggregate und Stalaktiten.
In reiner Form ist Nitronatrit farblos und durchsichtig. Durch vielfache Lichtbrechung aufgrund von Gitterfehlern oder polykristalliner Ausbildung kann er aber auch durchscheinend weiß sein und durch mechanische Beimengungen von anderen Mineralen eine gelbliche oder bräunliche Farbe annehmen. Seine Strichfarbe ist allerdings immer weiß. Mit einer Mohshärte von 1,5 bis 2 gehört Nitronatrit zu den weichen Mineralen, das sich ähnlich wie das Referenzmineral Gips (Härte 2) mit dem Fingernagel ritzen lässt.
Eine erste Erwähnung des Minerals, wenn auch ohne konkrete Benennung oder Angabe einer chemischen Formel, findet sich bereits 1823 unter den Beschreibungen der Kristallformen verschiedener synthetischer Salze von Henry James Brooke (1771–1857). Nitronatrit wird hier als rhomboedrisches Prisma im Kapitel Nitrate of Soda beschrieben.[8]
Wilhelm von Haidinger prägte 1845 den bis heute international gültigen Begriff Nitratin[9][1] für das rhomboedrische Natriumsalz in Anlehnung an dessen Zugehörigkeit zu den Nitraten und Ernst Friedrich Glocker legte schließlich 1847 den bis heute im Deutschen gebräuchlichen Namen Nitronatrit fest, der sich auf die Formelbestandteile Stickstoff (lateinisch Nitrogenium) und Natrium bezieht.[10]
Als Typlokalität gilt die Región de Tarapacá (Region I) in Chile, die zu den bedeutendsten Lagerstätte für Natriumnitrat gehört, weshalb auch das Synonym Chilesalpeter entstand. Ein Aufbewahrungsort für das Typmaterial des Minerals ist bisher nicht bekannt.[11]
In der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, erhielt das Mineral die System- und Mineralnummer V/A.01-010. Dies entspricht der Klasse der „Nitrate, Carbonate und Borate“ und dort der Abteilung „Nitrate [NO3]1−“, wo Nitronatrit zusammen mit Gwihabait, Nitrobaryt und Nitrokalit eine unbenannte Gruppe mit der Systemnummer V/A.01 bildet.[6]
In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Nitronatrit die System- und Mineralnummer 18.01.01.01. Das entspricht der Klasse der „Carbonate, Nitrate und Borate“ und dort der Abteilung „Einfache Nitrate“. Hier findet er sich innerhalb der Unterabteilung „Einfache Nitrate mit A xNO3 • x(H2O), x kann gleich Null sein“ als einziges Mitglied in einer unbenannten Gruppe mit der Systemnummer 18.01.01.
Nitronatrit ist leicht wasserlöslich und bei mehr als 80% Luftfeuchtigkeit zerfließt er. Sein Geschmack wird als bitter, scharf und kühlend beschrieben.[5]
Nitronatrit bildet sich überwiegend als Verdunstungsprodukt unter ariden Klimabedingungen wie beispielsweise in ausgetrockneten Salzseen oder durch Grundwasser-Auswaschungen. Er kann aber auch in abgelagertem Vogelkot (Guano) entstehen, dessen organische Anteile verwittert sind. Als Begleitminerale können unter anderem Epsomit, Gips, Halit, Mirabilit, Nitrocalcit und Nitrokalit auftreten.
Als seltene Mineralbildung ist Nitronatrit nur von wenigen Fundorten bzw. in geringer Stückzahl bekannt, wobei weltweit bisher knapp 100 Fundstätten dokumentiert sind (Stand: 2021).[14] An seiner Typlokalität in der Región de Tarapacá trat das Mineral in mehreren Nitraterz- bzw. Guano-Lagerstätten der Provinzen Iquique und Tamarugal auf. Daneben fand sich Nitronatrit in Chile noch an mehreren Orten in der Región de Antofagasta sowie im Steinbruch „Rio de la Sal“ bei Caballo Muerto in der Región de Atacama.
Der bisher einzige bekannte Fundort in Deutschland ist der inzwischen verlassene SteinbruchHasenberg bei Üdersdorf in der Vulkaneifel, Rheinland-Pfalz, wo das Mineral in farblosen, wurmförmigen Aggregaten auftrat.[15]
Als bisher einzige außerirdische Mineralbildung von Nitronatrit ist der Meteorit D’Orbigny bekannt, ein im Juli 1979 nahe dem gleichnamigen Ort in der argentinischen Provinz Buenos Aires gefundener Meteorit aus der Klasse der Angrite. In dessen Poren wurde neben unterschiedlichen Mengen des Minerals auch natürliches ultrabasisches Glas entdeckt.[17]
Chilesalpeter war der wichtigste anorganische Stickstoffdünger, bis es Anfang des 20. Jahrhunderts gelang, mithilfe des Haber-Bosch-Verfahrens synthetische stickstoffhaltige Düngemittel in großen Mengen herzustellen.
Wilhelm von Haidinger:Handbuch der Bestimmenden Mineralogie. Braumüller und Seidel, Wien 1845, S.487–492 (rruff.info[PDF; 332kB; abgerufen am 31.Mai 2021] Erste Klasse: Akrogenide. IV. Ordnung. Salze. IV. Nitrumsalz. Nitratin).
David Barthelmy:Nitratine Mineral Data.In:webmineral.com.Abgerufen am 31.Mai 2021(englisch).
Nitratine search results.In:rruff.info.Database of Raman spectroscopy, X-ray diffraction and chemistry of minerals (RRUFF);abgerufen am 31.Mai 2021(englisch).
123456Hugo Strunz, Ernest H. Nickel:Strunz Mineralogical Tables. Chemical-structural Mineral Classification System. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S.324 (englisch).
12345678910
Nitratine. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (englisch, handbookofmineralogy.org[PDF; 65kB; abgerufen am 31.Mai 2021]).
12Stefan Weiß:Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
123Nitratine.In:mindat.org.Hudson Institute of Mineralogy,abgerufen am 31.Mai 2021(englisch).
↑Henry James Brooke:On the crystalline forms of artificial salts. In: The Annals of Philosophy. Band5, 1823, S.449–452;38–43;117–121;374 (englisch, rruff.info[PDF; 1,6MB; abgerufen am 31.Mai 2021]).
↑Wilhelm von Haidinger:Handbuch der Bestimmenden Mineralogie. Braumüller und Seidel, Wien 1845, S.488 (rruff.info[PDF; 332kB; abgerufen am 31.Mai 2021] Erste Klasse: Akrogenide. IV. Ordnung. Salze. IV. Nitrumsalz. Nitratin).
↑Ernst A. J. Burke:A mass discreditation of GQN Minerals. In: The Canadian Mineralogist. Band44, 2006, S.1557–1560, doi:10.2113/gscanmin.44.6.1557 (englisch, rruff.info[PDF; 119kB; abgerufen am 28.März 2025]).