Muskeldysmorphie
| Klassifikation nach ICD-11 | |
|---|---|
| 6B21.Z | Körperdysmorphe Störung, nicht näher bezeichnet |
| ICD-11: Englisch • Deutsch (Vorabversion) | |
Als Muskeldysmorphie (auch: Muskelsucht, Bigorexie oder umgekehrte Anorexie) oder muskeldysmorphe Störung wird eine Form der Körperdysmorphen Störung bezeichnet. Es besteht die zwanghafte Überzeugung, dass der eigene Körper zu klein, zu dünn, nicht muskulös genug oder nicht schlank genug sei, obwohl die Statur der betroffenen Person in den meisten Fällen normal oder sogar außergewöhnlich groß und muskulös ist. Die Bezeichnung wurde in den 1990er Jahren durch mehrere Studien des US-amerikanischen Psychiaters und Harvard-Professors Harrison Pope bekannt und populärwissenschaftlich im deutschsprachigen Raum auch Adonis-Komplex benannt.[1][2]
Die Muskeldysmorphie betrifft vorwiegend Männer, insbesondere solche, die Sportarten ausüben, bei denen Körpergröße oder Gewicht Wettbewerbsfaktoren sind.[3] Das Bestreben, den eigenen Körper scheinbar zu „korrigieren“, beansprucht übermäßig viel Zeit, Aufmerksamkeit und Ressourcen, beispielsweise für Trainingsprogramme, Diätpläne und Nahrungsergänzungsmittel, wobei auch der Konsum von Anabolika weit verbreitet ist. Andere körperdysmorphe Zustände, die nicht muskeldysmorpher Natur sind, treten in der Regel ebenfalls auf.[4]
Auch wenn sie oft mit der Anorexia nervosa verglichen wird, ist die Muskeldysmorphie besonders schwer zu erkennen, da das Bewusstsein dafür gering ist und Personen, die darunter leiden, in der Regel gesund aussehen.[5] Die Belastung und Ablenkung durch die Störung kann zu Fehlzeiten in der Schule, am Arbeitsplatz und in sozialen Situationen führen.[3] Im Vergleich zu anderen körperdysmorphen Störungen ist die Rate an Suizidversuchen bei Muskeldysmorphien besonders hoch.[4] Forscher gehen davon aus, dass die Häufigkeit von Muskeldysmorphien zunimmt, was zum Teil auf die jüngste kulturelle Betonung muskulöser männlicher Körper zurückzuführen ist.[6]
Symptome
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Obwohl Unzufriedenheit mit dem eigenen Körperbild bereits bei Jungen im Alter von sechs Jahren festgestellt wurde, wird das Auftreten von einer Muskeldysmorphie in der Regel auf das Alter zwischen 18 und 20 Jahren geschätzt.[7][8] Gemäß DSM-5 wird die Muskeldysmorphie durch die diagnostischen Kriterien für eine körperdysmorphe Störung anhand „der Vorstellung, dass der eigene Körper zu klein oder nicht muskulös genug ist“ angezeigt, und dieser Spezifikator gilt auch dann, wenn die Person, wie es häufig der Fall ist, auch von anderen Körperbereichen besessen ist.[9]
Zu den weiteren klinischen Merkmalen zählen übermäßige Anstrengungen zur Steigerung der Muskulatur sowie Aktivitäten wie Diäten, Übertraining und die Injektion von wachstumsfördernden Medikamenten.[10] Personen mit Muskeldysmorphie verbringen in der Regel täglich mehr als drei Stunden damit, über den Aufbau von Muskeln nachzudenken, und fühlen sich möglicherweise unfähig, das Krafttraining einzuschränken.[6] Wie bei der Anorexia nervosa kann das gegenteilige Streben bei der Muskeldysmorphie unstillbar sein.[11] Die Betroffenen beobachten ihren Körper genau und tragen möglicherweise mehrere Kleidungsschichten, um ihn größer erscheinen zu lassen.[12]
Bei der Muskeldysmorphie leiden die Betroffenen unter starken Ängsten, dass ihr Körper von anderen betrachtet wird.[10] Die berufliche und soziale Funktionsfähigkeit ist beeinträchtigt und Diäten können diese Beeinträchtigung zusätzlich verstärken. Patienten meiden oft Aktivitäten, Menschen und Orte, die ihre wahrgenommene Unzulänglichkeit hinsichtlich Körpergröße oder Muskulatur offenbaren könnten. Etwa die Hälfte der Patienten hat nur wenig oder gar kein Verständnis dafür, dass diese Wahrnehmungen unrealistisch sind.[13] Die Anamnese der Patienten zeigt erhöhte Raten an Diagnosen anderer psychischer Störungen, darunter Essstörungen, Stimmungsstörungen, Angststörungen und Substanzgebrauchsstörungen, sowie erhöhte Raten an Suizidversuchen.[13][14][10]
Risikofaktoren
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Obwohl die genau Entstehung der Muskeldysmorphie unklar ist, wurden mehrere Risikofaktoren identifiziert.
Trauma und Mobbing
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung haben Personen, die an einer Muskeldysmorphie leiden, mit höherer Wahrscheinlichkeit traumatische Ereignisse wie sexuelle Übergriffe[15] oder häusliche Gewalt erlebt oder beobachtet oder wurden in ihrer Jugend wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Defizite wie Kleinwuchs, Schwäche, mangelnder Sportlichkeit oder intellektueller Unterlegenheit gemobbt und verspottet.[7][16] Eine erhöhte Körpermasse scheint die Gefahr weiterer Misshandlungen zu verringern.[17]
Soziopsychologische Merkmale
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ein geringes Selbstwertgefühl geht mit einer stärkeren Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und einer erhöhten Neigung zu einer Muskeldysmorphie einher.[18] Auch ein Narzissmus wurde mit einem erhöhten Risiko für eine Muskeldysmorphie in Verbindung gebracht.[19] Eine größere Körpergröße oder ausgeprägtere Muskulatur scheint die männliche Identität zu stärken.[7]
Medienpräsenz
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Da in den westlichen Medien körperliche Attraktivität in den Vordergrund gestellt wird, nutzen einige Marketingkampagnen mittlerweile die Unsicherheiten von Männern hinsichtlich ihres Körperbildes aus.[20][21][22][23] Seit den 1980er Jahren hat die Zahl der Fitnessmagazine und der teilweise entblößten, muskulösen Männer in der Werbung zugenommen.[18] Solche Medien regen zu körperlichen Vergleichen an, üben Druck auf den Einzelnen aus, sich anzupassen (Konformitätsdruck), und vergrößern gleichzeitig die Kluft zwischen der Wahrnehmung der eigenen Muskulatur durch Männer und ihrer gewünschten Muskulatur. Bei Männern im College-Alter ist die Verinnerlichung der in den Medien dargestellten idealisierten männlichen Körper ein starker Prädiktor für das Streben nach mehr Muskulatur.[24][25]
Sportliche Aktivitäten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Sportler weisen häufig bestimmte psychologische Faktoren auf, die eine Veranlagung für eine Muskeldysmorphie darstellen können. Dazu gehören ein ausgeprägter Wettbewerbsdrang, Kontrollbedürfnis und Perfektionismus.[18] Sie neigen außerdem dazu, ihren eigenen Körper und ihr Körpergewicht kritischer zu beurteilen.[26] Erreichen Sportler ihre sportlichen Leistungsziele nicht, verstärken sie unter Umständen ihre Bemühungen, ihren Körperbau zu veränden – Bemühungen, die sich mit denen bei einer Muskeldysmorphie überschneiden.[3] Die Ausübung von Sportarten, bei denen Körpergröße, Kraft oder Gewicht einen Wettbewerbsvorteil bedeuten, stehen im Zusammenhang mit einer Muskeldysmorphie.[20][10][27] Sportliche Ideale verstärken das gesellschaftliche Ideal der Muskulatur. Umgekehrt ist es wahrscheinlicher, dass Personen, die bereits für eine Muskeldysmorphie prädisponiert sind, solche Sportarten ausüben.[3]
Sexuelle Orientierung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Es wurde beobachtet, dass Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), eine besondere Beziehung zur Entwicklung von Symptomen der Muskeldysmorphie aufweisen. MSM sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt, verinnerlichten Heterosexismus zu erleben, was zu Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und zur Verinnerlichung von Attraktivitätsstandards führen kann.[28] Männer, die konventionellen Idealen von Männlichkeit entsprechen, berichten häufig von erhöhtem Stress, da sie den auferlegten Standard eines maskulinen und muskulösen Körpers nicht erfüllen.[29] In einer Stichprobe von 2.733 MSM, die von Unzufriedenheit mit ihrem Körper berichteten, gab nur jeder Zehnte an, keine Unzufriedenheit mit seiner Muskulatur zu empfinden. Die Unzufriedenheit mit der Muskulatur stand dabei in einem stärkeren Zusammenhang mit einer Beeinträchtigung der Lebensqualität als die Unzufriedenheit mit Körperfett, Körpergröße und Penisgröße.[30]
Personen, die sich als Teil einer sexuellen Minderheit verstehen, sind aufgrund ihrer Identität einem erhöhten Risiko ausgesetzt, Opfer von Diskriminierung zu werden. Das Erleben von homophobem Mobbing steht im Zusammenhang mit vermehrten Symptomen einer Muskeldysmorphie. Eine mögliche Ursache für diesen Zusammenhang könnte das verstärkte Gefühl paranoider Vorstellungen sein, das ein MSM nach homophobem Mobbing erleben kann.[31]
Behandlung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Behandlung einer Muskeldysmorphie kann dadurch behindert werden, dass sich der Patient seiner krankhaften Fixierung nicht bewusst ist oder eine Behandlung vermeidet. Die wissenschaftliche Forschung zur Behandlung einer Muskeldysmorphie ist begrenzt. Die Erkenntnisse stammen größtenteils aus Fall- und Einzelberichten und es wurden keine spezifischen Behandlungsprotokolle validiert. Dennoch sprechen die Erkenntnisse für die Wirksamkeit einer familienbasierten Therapie, einer kognitiven Verhaltenstherapie und einer Pharmakotherapie mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Ebenfalls begrenzt ist die Forschung zur Prognose bei unbehandelten Patienten.[7][3]
Prävalenz
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Schätzungen zur Prävalenz von der Muskeldysmorphie variieren stark und reichen von 1 % bis 54 % der Männer in den untersuchten Stichproben. Stichproben von Fitnessstudio-Mitgliedern, Gewichthebern und Bodybuildern weisen eine höhere Prävalenz auf als Stichproben aus der Allgemeinbevölkerung.[7] Noch höhere Raten wurden bei Anwendern von Anabolika festgestellt.[32] Die Störung ist bei Frauen selten, tritt jedoch auf und wurde insbesondere bei Bodybuilderinnen beobachtet, die sexuelle Übergriffe erlebt haben.[15]
Die Muskeldysmorphie wurde ebenfalls in China, Südafrika und Lateinamerika festgestellt.[14][33][34] Nicht-westliche Bevölkerungsgruppen, die weniger westlichen Medien ausgesetzt sind, weisen geringere Raten auf.[35]
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Konzept der Muskeldysmorphie wurde Ende der 1990er Jahre erstmals von Fachleuten aus dem Gesundheitswesen entwickelt.[36] Im Jahr 2016 stammten 50 Prozent der begutachteten Fachartikel zu diesem Thema aus den vorangegangenen fünf Jahren.[10][7]
Ursprünglich wurde die Muskeldysmorphie als das Gegenteil der Anorexia nervosa angesehen, also als das Streben nach einem großen und muskulösen statt einem kleinen und dünnen Körper.[36] Spätere Forscher ordneten diese subjektive Erfahrung jedoch der körperdysmorphen Störung zu.[10]
Die American Psychiatric Association erkannte die Muskeldysmorphie im DSM-5 unter der Kategorie „Körperdysmorphe Störungen“ an.[9] In der ICD-11 ist die Muskeldysmorphie ebenfalls den Körperdysmorphen Störungen als Inklusiva zugeordnet.[37]
Kontroverse zur Klassifikation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Einordnung der Muskeldysmorphie ist umstritten. Es wurden daher alternative Klassifikationen gemäß DSM vorgeschlagen.
Essstörung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Viele Merkmale der Muskeldysmorphie überschneiden sich mit denen von Essstörungen,[38][39] darunter die Fokussierung auf Körpergewicht, Körperform und Körperveränderung,[40] während bei der körperdysmorphen Störung solche Komponenten in Bezug auf Ernährung und Bewegung in der Regel fehlen. Zudem erzielen Personen mit Muskeldysmorphie tendenziell hohe Werte im Eating Attitudes Test und im Eating Disorder Inventory,[41][34] während gleichzeitig die Muskeldysmorphie und Anorexia nervosa diagnostische Überschneidungen aufweisen.[42] Die Muskeldysmorphie und ein gestörtes Essverhalten korrelieren stärker miteinander als mit der körperdysmorphen Störung.[43] Behandlungen für Essstörungen können auch bei Muskeldysmorphie wirksam sein.[44]
Verhaltenssucht
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einige Forscher streben eine Neuklassifizierung der Muskeldysmorphie als Verhaltenssucht an.[39][43] Das Bestreben, das Körperbild aufrechtzuerhalten, äußert sich bei der Muskeldysmorphie in Aktivitäten wie Sport, Diäten und dem damit verbundenen Einkaufen, was zu Konflikten mit anderen führen kann.[40] Darüber hinaus können zwanghaftes Muskelaufbautraining und Diäten diese Konflikte verschärfen. Ferner kann der Verzicht auf diese Aktivitäten Entzugserscheinungen hervorrufen, wodurch die Person in ihr zwanghaftes Verhalten zurückfällt.[38][43]
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Harrison G. Pope, Katharine A. Philips, Roberto Olivardia: Der Adonis-Komplex: Schönheitswahn und Körperkult bei Männern (= dtv premium. Nr. 24249). 1. Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2001, ISBN 978-3-423-24249-3.
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- Tansila Raja: Nach Anerkennung strebende junge Männer durch Körperdefinierung: Wie präsent ist der Adonis-Komplex in Schulen und welche Ursachen hat dieser? 1. Auflage. Grin Verlag, München 2023, ISBN 978-3-346-92346-2.
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- Nadja Lissok: Muskelsucht: „Ich hab mir ans Bein gefasst und gedacht: Der Muskel ist kleiner als gestern“. In: Süddeutsche Zeitung. 18. Mai 2026, ISSN 0174-4917 (sueddeutsche.de [abgerufen am 26. Mai 2026]).
Dokumentationen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Süchtig nach Muskeln: Junge Männer und ihr Körperkult. In: Der Spiegel. 13. Mai 2022.
- Adonis – Muskelwahn und Männerkult. In: Arte. 2024.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- William J. Cromie: Drugs muscle their way into men's fitness. In: Harvard Gazette. 15. Juni 2000 (englisch).
- Nicolas Armer: Muskelsucht bei Männern – Wenn Sport zum Zwang wird. In: Redaktionsnetzwerk Deutschland. 24. November 2019.
- Lara Zugck: Störung des Selbstbildes: Muskeldysmorphie – wenn Sport krank macht. In: Deutschlandfunk. 5. November 2023.
- Pia Heinemann: Gesundheit von jungen Männern: Gesunder Körper, kaputte Psyche? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 11. Juni 2025.
Einzelnachweise
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