Zum Inhalt springen

Marie Politzer

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Marie Politzer

Marie Politzer geborene Larcade, genannt Maï Politzer (* 15. August 1905 in Biarritz, Frankreich; † 6. März 1943 im KZ Auschwitz, Generalgouvernement) war eine französische Widerstandskämpferin und kommunistische Aktivistin. Sie wurde als Geisel in das KZ Auschwitz deportiert, wo sie an Typhus starb.

Marie Mathilde (Maï) Larcade wurde am 15. August 1906 in Biarritz (Département Pyrénées-Atlantiques) geboren. Sie war das zweite von drei Kindern des Ehepaars Joseph Larcade und Hélène Mimiague.[1] Sie hatte zwei Brüder; André, der Ältere, und Robert.[1] Der Vater galt als Meisterkoch und war Küchenchef am spanischen Hof von Alfons XIII.[2] Im Jahr 1907 wechselte er als Küchenchef an die französischen Botschaft in Sankt Petersburg. Zurück in Biarritz übernahm er die Stelle des Küchenchefs im Hôtel du Palais, der damaligen Residenz der Kaiserin Eugénie von Frankreich. Die Familie war praktizierend katholisch und besucht jeden Sonntag die Messe in der Kirche Sainte-Eugénie. Der dortige Pfarrer war ein Freund der Familie sowie Maï Larcades Seelsorger.[1]

Jugend und Ausbildung

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Larcade besuchte eine Klosterschule und galt als verwöhntes Kind.[1][2] Sie entwickelte sich dennoch zu einer lebensfrohen jungen Frau, feierte Partys, war oft am Strand von Biarritz, zeichnete, malte und laß viel. Gemeinsam mit ihren Freundinnen inszeniert sie Theaterstücke klassischer Autoren, in denen sie auch mitspielte.[1]

Im Alter von 16 Jahren, 1922, schloss sie die Sekundarstufe der Klosterschule mit sehr guten Leistungen ab. Im Oktober desselben Jahres legte sie die Prüfung zur Stenotypistin ab und beendete 1923 eine Ausbildungen für Geschäftskorrespondenz sowie in Betriebswirtschaftslehre. Anschließend zog sie nach Paris, schrieb sich an der medizinischen Fakultät ein und machte am Hôpital de la Salpêtrière eine Ausbildung zur Hebamme. Am 5. November 1929 erhielt sie ihr Abschlussdiplom für Geburtshilfe.[3][2][1] Nach der Ausbildung richtete sich Larcade eine Geburtsklinik in Paris ein, die ihre Eltern mit ihren gesamten Ersparnissen finanzierten.[1]

Auf der Rückfahrt von einem Ferienaufenthalt bei ihren Eltern in Biarritz nach Paris lernte Larcade im Zug den verheirateten Philosophielehrer Georges Politzer kennen. Maï Larcade wehrte sich anfangs gegen die Beziehung, da sie Politzers Ehe nicht zerstören wollte. Nachdem Politzer sich hatte scheiden lassen, heirateten sie am 5. März 1931.[1] Das Ehepaar zog mit Georges Polizers beiden Kindern aus erster Ehe erst in eine Wohnung in Maï Politzers Klinikgebäude und später in eine eigene Wohnung.[1]

Georges und Maï Politzer traten schon 1930 in die Kommunistische Partei Frankreichs ein.[1] Das Paar war von der Arbeit und dem Engagement in der Politik so sehr in Anspruch genommen, dass Georges Politzers Kinder häufig ohne Aufsicht waren. Nachbarn alarmierten schließlich eine städtische Dienststelle, welche die Kinder zur Fürsorge den Großeltern der leiblichen Mutter übergab.[1] 1932 zogen die Politzers nach Bagnolet, wo Maï ab Oktober als Sozialarbeiterin tätig war. Im Januar 1933 erkrankte sie und musste eine Hepatitis und beginnende Tuberkulose behandeln lassen.[1]

Am 24. August 1933 wurde ihr einziger Sohn, Michel Jacques, in Biarritz geboren.[1][2] Das Ehepaar war auch weiterhin durch die politische Tätigkeit so stark ausgelastet, dass es dem gemeinsame Kind nicht ausreichend Zeit widmen konnte. Um sich um Michel zu kümmern, zogen Maï Politzers Eltern von Biarritz zu ihnen nach Paris.[1] Maï Politzer wurde erneut krank und musste ihre berufliche Tätigkeit erst einschränken und später ganz einstellen. Infolgedessen schloss sie ihre Entbindungsklinik und verkaufte sie mit Verlust.[1] Später engagierte sich Maï Politzer in der Leitung der 1936 von Danielle Casanova gründeten Union des jeunes filles de France (UJFF), einer kommunistischen Vereinigung junger Frauen.[3]

Kurze Zeit nach der Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht im August 1940, begann für Maï Politzer und ihren Mann ein Leben im Untergrund.[2] Georges Politzer arbeitete noch zu Beginn des neuen Schuljahres im Oktober 1940 als Philosophielehrer an einem Lycée in Saint-Maur-des-Fossés, flüchtete jedoch bereits Mitte November mit seiner Frau in den Untergrund. Sie verließen endgültig ihre Wohnung und zogen in diskrete, wechselnde Verstecke.[1] Zuvor hatten sie noch ihren siebenjährigen Sohn zusammen mit Maï Politzers Eltern in einem der letzten Züge untergebracht, der vom Bahnhof Paris-Austerlitz nach Bayonne fuhr.[1][2] Während Maïs Ehemann Artikel für Zeitungen der Widerstandsbewegung verfasste, übernahm sie den Transport der Texte zu den geheimen Druckereien und hielt den Kontakt zu anderen Mitgliedern der Résistance aufrecht. Um weniger aufzufallen färbte sie sich ihre blonden Haare braun.[1][2] Zusammen mit Hélène Solomon-Langevin, Jacques Solomon und ihrem Ehemann gründet sie die Untergrundzeitung L'Université libre, deren erste Ausgabe im November 1940, unmittelbar nach der Verhaftung von Hélènes Solomon-Langevins Vater, Paul Langevin, erschien.[1][4] Diese erste Ausgabe bestand aus vier beidseitig beschriebenen Seiten, die in einer Auflage von 1.000 Exemplaren gedruckt und kurz vor der Demonstration vom 11. November 1940 verteilt wurde.[4][5] (Anmerkung: Die Demonstration vom 11. November 1940 war eine Kundgebung von mehreren 1000 Schülern und Studenten, die in Paris auf der Champs-Élysées und vor dem Triumphbogen zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs am 11. November 1918 stattfand. Die Demonstration wurde von den deutschen Besatzern blutig niedergeschlagen und gilt als eine der ersten öffentlichen Widerstandsaktionen gegen die Besatzer in Frankreich.[6]) Bis Dezember 1941 veröffentlichte die Gruppe drei weitere Ausgaben, in denen sie Verhaftungen, Verordnungen und Ereignisse im Zusammenhang mit dem Krieg in Europa kommentierte und auch den staatlichen Antisemitismus verurteilte.[1][4] Die 70. Ausgabe erschien im Oktober 1942.[1] Maï Politzer engagierte sich mit anderen Frauen in der Verwaltung des Widerstandsnetzwerk, sie hielten die Kommunikation aufrecht und sorgten für die Verbreitung von Informationen. Zu nennen sind in dem Zusammenhang die Résistancekämpferinnen Danielle Casanova, Hélène Solomon-Langevin, Claudine Michaut und Marie-Claude Vaillant-Couturier.[1]

Maï und Georges Politzer wurden am 14. Februar 1942 in ihrem Versteck von den Brigades spéciales gefunden und verhaftet.[1] (Anmerkung: Die Brigades spéciales waren Sondereinheiten der Pariser Polizei für die Verfolgung „innerer Feinde“, d. h. von Kommunisten, Dissidenten, entflohenen Häftlingen und Wehrdienstverweigerern.[7]) Maï Politzer wurde verhört und bis zum 20. oder 23. März in einer Zelle der Polizeipräfektur gefangen gehalten.[1][2] Auch Danielle Casanova wurde im Zuge der gleichen Verhaftungswelle festgenommen. Sie konnte ihrer Mutter noch einen Brief zukommen lassen, in dem sie schrieb: „Bei mir befinden sich zwei Freunde, die ich liebe: Georges Politzer und seine Frau. Sie haben einen kleinen achtjährigen Sohn, Michel, der bei seinen mittellosen Großeltern lebt. Deshalb, meine liebe Mama, bitte ich dich sich seiner anzunehmen, als wäre er mein Sohn“.[1]

Die Zeit bis zum 24. August 1942 verbrachte Maï Politzer in Isolationshaft im Gefängnis La Santé. Hier sah sie Georges Politzer ein letztes Mal, bevor er am 23. Mai 1942 als Geisel hingerichtet wurde.[1][2] Zuvor war am 19. Mai ein Offizier der Luftwaffe durch Schüsse leicht verletzt worden. Als Vergeltungsmaßnahme ordnete der SS- und Polizeiführer von Paris, Carl Oberg, die Hinrichtung von „10 Juden und Kommunisten“ sowie die Deportation von etwa hundert weiteren Personen an.[1] Maï Politzer wurde am 24. August 1942 in das KZ Fort de Romainville in der Gemeinde Les Lilas verlegt.[1][2]

Tafel am Fort de Romainville zur Erinnerung an den „Transport der 31.000er“.

Politzer gehörte zu den ersten 100 weiblichen Geiseln die am 22. Januar 1943 mit Lastwagen in das KZ Royallieu bei Compiègne verlegt wurden. „22.1 Nach Compiègne überstellt“ lautet der Eintrag in ihrer Akte im KZ Fort de Romainville.[1] Am 24. Januar wurden sie und 230 Frauen vom KZ-Royallieu zum Güterbahnhof von Compiègne gebracht und in vier Viehwaggons gesperrt. Diese wurden an einen Zug angehängt, mit dem 1450 männliche Häftlinge deportiert werden sollten. Der sogenannte „Transport der 31.000er“ erreichte das KZ Auschwitz-Birkenau am Abend des 26. Januars.[1][2] Die 230 deportierten Frauen waren vor allem französische Widerstandskämpferinnen, überwiegend Kommunistinnen, darunter auch zahlreiche Witwen von Hingerichteten. Juden waren nur wenige darunter. Mit diesem Transport wurden auch die Widerstandskämpferinnen Marie-Claude Vaillant-Couturier, Charlotte Delbo, Danielle Casanova und Hélène Solomon-Langevin deportiert. In Auschwitz angekommen bekam Maï Politzer am 27. Januar die Häftlingsnummer 31.680 in den linken Unterarm tätowiert.[1][2] Der Name „Transport der 31 000er“ basiert auf den Häftlingsnummern der 230 deportierten Frauen (von 31.625 aufwärts).[8]

Danielle Casanova übernahm im Lager die Funktion einer Zahnärztin. Sie verschaffte Politzer eine Stelle als Ärztin (obwohl sie Hebamme war) in der Krankenstation des Lagers.[2] Die Lebensbedingungen waren schwierig, aber etwas weniger hart als im Rest des Lagers. So mussten die Ärzte nicht zum Appell antreten, waren besser vor der Kälte geschützt und erhielten ausreichende Verpflegung.[2] Maï Politzer steckte sich bei ihrer Arbeit mit Typhus an und starb am 6. März 1943 daran.[1][2] (Anmerkung: Der Typhus war im April 1941 durch Häftlinge aus dem KZ Lublin nach Auschwitz eingeschleppt worden. Im Laufe des Jahres erkrankten im Hauptlager (Auschwitz 1) 10.000 bis 15.000 Männer und Frauen daran. In Birkenau erreichte die Epidemie im Winter 1943/1944 ihren Höhepunkt (siehe z. B.[9]).)

Commons: Marie Politzer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Charlotte Delbo: Le convoi du 24 janvier. In: Collection Grands Documents. Editions de Minuit, Paris 1965, ISBN 978-2-7073-1638-7.

Antoine Porcu: Héroïques - Femmes en Résistance. Band II. Geai bleu, Lille 2007, ISBN 978-2-914670-43-2.

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 Marie, Mathilde, dite Maï, POLITZER, née Larcade – 31680. In: Mémoire Vive des convois des 45000 et 31000 d’Auschwitz-Birkenau. Abgerufen am 26. Mai 2026 (französisch).
  2. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 Charlotte Delbo: Le convoi du 24 janvier. In: Collection Grands Documents. Les éditions de Minuit, 1965, ISBN 978-2-7073-1638-7, S. 236237.
  3. 1 2 Antoine Porcu: Héroïques - Femmes en Résistance. Band II. Geai bleu, Lille 2007, ISBN 978-2-914670-43-2, S. 102103.
  4. 1 2 3 Caroline Moorehead: Un train en hiver. Pocket, Paris 2017, ISBN 978-2-266-25872-2, S. 61.
  5. Cécile Hochard: L'Université libre, n°1, novembre 1940. In: Musée de la résistance en ligne. 2004, abgerufen am 11. Mai 2026 (französisch).
  6. Alain Monchablon: La manifestation à l'Étoile du 11 novembre 1940. In: Vingtième Siècle. Revue d'histoire. Band 110, Nr. 2, 19. April 2011, ISSN 0294-1759, S. 67–81, doi:10.3917/ving.110.0067 (cairn.info [abgerufen am 1. Juni 2026]).
  7. Cyril Guinet,: Occupation : la police française, précieuse alliée du IIIe Reich. In: Geo.fr. GEO, 1. September 2011, abgerufen am 1. Juni 2026 (französisch).
  8. Les biographies des 31000 (par matricule). In: Mémoire Vive. Abgerufen am 1. Juni 2026 (französisch).
  9. Karol Ptaszkowski: Infectious diseases in the Auschwitz-Birkenau environment. In: Medical Review Auschwitz. 1970, abgerufen am 1. Juni 2026 (englisch).