Helmut Lethen

Helmut Lethen (* 14. Januar 1939 in München Gladbach; † 13. August 2026 in Wien)[1] war ein deutscher Germanist und Kulturwissenschaftler.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Helmut Lethen ging nach dem Abitur 1959 als Freiwilliger zur Bundeswehr und wurde zum Leutnant der Reserve befördert. Er studierte an den Universitäten Bonn, Amsterdam und der FU Berlin. Lethen war studentischer Aktivist und bis 1975 Mitglied der maoistischen KPD-AO, aus der er wegen „Versöhnlertums“ ausgeschlossen wurde. In einem aufsehenerregenden Aufsatz in der linken Theoriezeitschrift Alternative wies er Theodor W. Adorno in den 1960er Jahren Manipulationen in der Edition der Werke Walter Benjamins nach. 1968 gehörte er zu den Studenten, die in West-Berlin die Eröffnung des Deutschen Germanistentags sprengten.[2][3]
Lethen wurde 1970 an der Freien Universität Berlin über das Thema Neue Sachlichkeit 1924–1932. Studien zur Literatur des Weißen Sozialismus promoviert. Von 1971 bis 1976 war er dort Assistent und von 1977 bis 1995 Professor in Utrecht; außerdem hatte er diverse Gastprofessuren inne. 1995 empfing er einen Ruf nach Rostock, wo er ab 1996 den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur bekleidete. Er wurde 2004 pensioniert. Von Oktober 2007 bis Februar 2016 war er Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften der Kunstuniversität Linz in Wien.
Einem breiteren Publikum bekannt wurde Helmut Lethen durch seine Buchveröffentlichungen Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen (1994) und Der Sound der Väter (über Gottfried Benn, 2006). 2014 erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Sachbuch/Essayistik für Der Schatten des Fotografen. Bilder und ihre Wirklichkeit.
Mitte Oktober 2020 veröffentlichte er mit Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug seine Autobiografie.[4]
Selbst bezeichnete sich Lethen, was den Bezug zur Religion angeht, als ein Heinrich-Böll-Katholik: „Das ist so ein weichgespülter rheinischer Katholizismus, der wenig Dogmen kennt, sich in der geistigen Architektur der Kirche wohlfühlt, aber die Kirchengeschichte erschreckend findet.“[5]
Privates
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Lethen war ab 1964 mit Loes Scholtheis (* 1941)[6] verheiratet. Das Paar trennte sich 1984.[7] Von 1998 bis zu seinem Tod war er mit Caroline Sommerfeld verheiratet,[8] die sich seit 2015 als Aktivistin der Identitären Bewegung versteht.[9] Das Paar hatte drei gemeinsame Kinder.
Lethen starb im August 2026 im Alter von 87 Jahren in Wien.[10]
Werk (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Monographien
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Neue Sachlichkeit. 1924–1932. Studien zur Literatur des „Weißen Sozialismus“. Metzler, Stuttgart 1970 (zugl. Dissertation, Freie Universität Berlin, 18. März 1970).[11]
- Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen (= Edition Suhrkamp 1884 = NF 884). Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1994, ISBN 3-518-11884-6 (englische Übersetzung: Cool Conduct. The Culture of Distance in Weimar Germany (= Weimar and now. Band 17). University of California Press, Berkeley CA u. a. 2002, ISBN 0-520-20109-4).
- Der Sound der Väter. Gottfried Benn und seine Zeit. Rowohlt, Berlin 2006, ISBN 3-87134-544-X.
- Unheimliche Nachbarschaften. Essays zum Kälte-Kult und der Schlaflosigkeit der philosophischen Anthropologie im 20. Jahrhundert (= Rombach Wissenschaften. Edition Parabasen. Band 10). Rombach, Freiburg i. Br. u. a. 2009, ISBN 978-3-7930-9599-6.
- Suche nach dem Handorakel. Ein Bericht. Wallstein, Göttingen 2012, ISBN 978-3-8353-1159-6.
- Der Schatten des Fotografen. Bilder und ihre Wirklichkeit. Rowohlt, Berlin 2014, ISBN 978-3-87134-586-9.
- Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt. Rowohlt, Berlin 2018, ISBN 978-3-87134-797-9.
- Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug. Rowohlt, Berlin 2020, ISBN 978-3-7371-0088-5 (Autobiographie).
- Der Sommer des Großinquisitors. Über die Faszination des Bösen. Rowohlt, Berlin 2022, ISBN 978-3-7371-0162-2.[12]
- Stoische Gangarten. Versuche der Lebensführung. Rowohlt, Berlin 2025, ISBN 978-3-7371-0237-7.
Herausgeberschaften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- mit Monika Wagner (Hrsg.): Schwarz-Weiß als Evidenz. „With black and white you can keep more of a distance“ (= Schauplätze der Evidenz 1). Campus, Frankfurt a. M. 2015.
- mit Ludwig Jäger, Albrecht Koschorke (Hrsg.): Auf die Wirklichkeit zeigen. Zum Problem der Evidenz in den Kulturwissenschaften (= Schauplätze der Evidenz 2). Campus, Frankfurt a. M. 2016.
Autobiografisches
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Helmut Lethen: Ein Schwellentext. Der Aufsatz „Kritische Literaturwissenschaft, Trivialliteratur und Manipulationstheorie“ aus dem Jahr 1971 (16. Oktober 2019). In: 1968 in der deutschen Literaturwissenschaft (Webprojekt auf literaturkritik.de unter dem Menüpunkt Archiv/Sonderausgaben, Laufzeit 2018–2020, Konzeption und Herausgeberin: Sabine Koloch).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Literatur von und über Helmut Lethen im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Kurzbiografie und Rezensionen zu Werken von Helmut Lethen bei Perlentaucher
- Eintrag zu Helmut Lethen im Catalogus Professorum Rostochiensium
- Homepage und Bibliographie ( vom 8. Februar 2007 im Internet Archive) auf den Seiten der Universität Rostock
- Kurzbiographie ( vom 11. Januar 2016 im Internet Archive) auf den Seiten des IFK
- Podcastinterview über das Buch Der Schatten des Fotografen. Bilder und ihre Wirklichkeit vom 15. September 2014
- Mladen Gladić: Nachruf auf Helmut Lethen: Denker im Niemandsland. In: welt.de. 14. August 2026.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Christian Geyer: Er schrieb eine Stoa für unsere Zeit. Kulturwissenschaften brauchen Künstlernaturen: Zum Tod des Überlebenstechnikers und Kältekultbuch-Autors Helmut Lethen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. August 2026, S. 11.
- ↑ Alexander Cammann: Filterblase mit hohem Esprit. Rezension, in: Die Zeit, 22. Februar 2018, S. 49.
- ↑ Alexander Cammann: Ein freundlicher Verhaltenslehrer. Nachruf, in: Die Zeit, 14. August 2026, abgerufen am 19. August 2026.
- ↑ „Ich versuche, aus Enttäuschung Energie zu ziehen“, deutschlandfunkkultur.de, 19. Oktober 2020, abgerufen am 22. Oktober 2020.
- ↑ „‚Generäle sind viel besonnener als Politiker‘. Die Intellektuellen und die Politik hätten versagt, sagt der deutsche Kulturwissenschafter Helmut Lethen im Gespräch mit Paul Jandl. Sie müssten sich wieder an den Gedanken der Wehrhaftigkeit annähern“. In: NZZ-Online ( vom 26. August 2025 im Internet Archive), ´26. August 2025
- ↑ DNB-Artikel zu Loes Scholtheis, https://d-nb.info/gnd/1139447939, abgerufen am 22. Juni 2021.
- ↑ Andrea Klimt (2021): Lethen, Helmut. In: Deutsches Literatur-Lexikon Online. Abgerufen am 22. Juni 2021.
- ↑ Kanal Schnellroda: »2017, Buchmesse: Das war krass!« – Verleger Kubitschek im Gespräch mit Caroline Sommerfeld. 5. August 2025, abgerufen am 21. April 2026.
- ↑ Mit Rechten leben. (falter.at [abgerufen am 24. Oktober 2017]).
- ↑ Helmut Lethen: Kulturwissenschaftler Helmut Lethen ist tot. In: zeit.de. 14. August 2026, abgerufen am 14. August 2026.
- ↑ Helmut Lethen: Studien zur Literatur der neuen Sachlichkeit. Berlin [West] 1970 (dnb.de [abgerufen am 24. September 2022]).
- ↑ Johan Schloemann: Helmut Lethen: "Der Sommer des Großinquisitors". Abgerufen am 3. Dezember 2022.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Lethen, Helmut |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Germanist und Kulturwissenschaftler |
| GEBURTSDATUM | 14. Januar 1939 |
| GEBURTSORT | München Gladbach |
| STERBEDATUM | 13. August 2026 |
| STERBEORT | Wien |
- Germanist
- Kulturwissenschaftler
- Hochschullehrer (Universität Rostock)
- Hochschullehrer (Universität Utrecht)
- Träger des Preises der Leipziger Buchmesse
- Autor
- Literatur (20. Jahrhundert)
- Literatur (21. Jahrhundert)
- Literatur (Deutsch)
- Sachliteratur
- Essay
- Autobiografie
- Hochschullehrer (Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz)
- KPD/AO-Mitglied
- Deutscher
- Geboren 1939
- Gestorben 2026
- Mann