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Grover Cleveland

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Porträtfoto von 1892, kurz vor seinem Erfolg bei der Präsidentschaftswahl 1892
Unterschrift von Grover Cleveland
Unterschrift von Grover Cleveland

Stephen Grover Cleveland (* 18. März 1837 in Caldwell, New Jersey; † 24. Juni 1908 in Princeton, New Jersey) war ein amerikanischer Politiker, der von 1885 bis 1889 als 22. und von 1893 bis 1897 als 24. Präsident der Vereinigten Staaten amtierte.

Cleveland stammte aus eher bescheidenen Verhältnissen; sein Vater war Prediger in der Presbyterianischen Kirche. Nach einer kurzzeitigen Beschäftigung als Lehrer in einer Blindenschule in New York City verließ Cleveland 1855 auf der Suche nach einer beruflichen Zukunft die Familie und begann unter der Protektion eines Onkels die Anwaltslehre in Buffalo. Nach der Zulassung vor Gericht 1859 schlug er bald für die Demokratische Partei eine Ämterlaufbahn im Erie County ein und wurde unter anderem Stellvertreter des District Attorney. Nach einer mehrjährigen Anwaltstätigkeit wurde Cleveland 1870 zum Sheriff des Erie County gewählt.

Zu dieser Zeit erreichte die Politikverdrossenheit wegen der weit verbreiteten Korruption in den Parteien und der öffentlichen Verwaltung, für die sinnbildlich „politische Maschinen“ wie Tammany Hall und das Spoils System („Beutesystem“) standen, ihren Höhepunkt. Der als integer geltende und das „Beutesystem“ eingrenzende Cleveland profitierte von dieser Stimmung; er wurde 1881 zum Bürgermeister von Buffalo gewählt und im Jahr darauf zum Gouverneur von New York. Im Juli 1884 folgte schließlich die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten. Mit seinem Sieg gegen James G. Blaine in einem der schmutzigsten Wahlkämpfe der Geschichte der Vereinigten Staaten – Cleveland wurde in einer Schmähkampagne eine uneheliche Vaterschaft unterstellt – beendete er die jahrzehntelange Herrschaft der Republikaner über das Weiße Haus und wurde erster gewählter Präsident der Demokraten seit James Buchanan.

Im Weißen Haus setzte er weniger mit eigenen Gesetzesinitiativen Akzente als durch seine ausgeprägte Vetopolitik gegen den Kongress der Vereinigten Staaten. Cleveland strebte vor allem eine weniger protektionistische Zollpolitik und die Senkung des damit verbundenen Haushaltsüberschusses an. Als erster Präsident widmete er mit diesem Vorhaben 1887 eine ganze State of the Union Address („Ansprache zur Lage der Union“) einer einzigen Thematik, mit der er auch in den Präsidentschaftswahlkampf 1888 ging.

Beim Rennen um das Weiße Haus unterlag Cleveland dann Benjamin Harrison. Nach einer kurzen politischen Auszeit, während der er als Jurist in Manhattan arbeitete, schaltete er sich ab 1891 wieder in die öffentliche Debatte ein und wurde im Juli 1892 erneut zum Präsidentschaftskandidaten nominiert. Mit seinem anschließenden Sieg gegen Harrison wurde Cleveland der erste und bis zur zweiten Amtseinführung Donald Trumps im Januar 2025 einzige Präsident der Vereinigten Staaten, dessen Amtszeiten nicht direkt aufeinander folgten.

Während seiner zweiten, maßgeblich von der Wirtschaftskrise von 1893 geprägten Amtszeit trat Cleveland für die Beibehaltung des Goldstandards ein, obwohl im Süden und Westen der Staaten sowie in der Partei eine Freigabe der Silberwährung sehr populär war, und setzte dem eingeschränkten Bimetallismus des Sherman Silver Purchase Act von 1890 ein Ende. Außerdem lehnte er entgegen der imperialistischen Grundstimmung der Bevölkerung die Annexion des Königreichs Hawaiʻi ab, die dann sein Amtsnachfolger William McKinley durchsetzte. Der sozialen Verelendung im Zuge der Depression begegnete Cleveland dem damaligen Zeitgeist folgend nicht mit staatlichen Direkthilfen; den Pullman-Streik beendete er nach anfänglichem Zögern mit dem Einsatz von Bundestruppen. Ausgelöst durch den Grenzdisput zwischen Venezuela und Britisch-Guyana kam es zu einer Krise zwischen London und Washington, die Cleveland durch das Geltendmachen der Monroe-Doktrin verschärfte. Für einige Zeit herrschte in den Vereinigten Staaten eine regelrechte Kriegsstimmung.

Nach dem Ende seiner zweiten Amtszeit zog sich der von seiner Partei entfremdete Cleveland aus der Politik zurück. So vermögend, dass er auf kein Arbeitseinkommen angewiesen war, wurde die Tätigkeit als Trustee für die Princeton University seine Hauptbeschäftigung. Im Sommer 1908 starb er wahrscheinlich an einer Koronarthrombose.

Familie und Erziehung (1837–1855)

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Clevelands Geburtshaus (2009)

Cleveland kam als fünftes von neun Kindern und dritter Sohn von Richard Falley Cleveland und seiner Frau Ann Cleveland (geborene Neal) zur Welt. Er erhielt den Taufnamen Stephen, den er als Erwachsener aber nie benutzte. Clevelands 1806 geborene Mutter stammte aus Baltimore; ihr Vater war ein Anfang des Jahrhunderts zugewanderter Irischamerikaner und ihre Mutter eine deutschstämmige Quäkerin aus Germantown, Pennsylvania.[1] Die Cleveland-Familie hatte englisch-irische Wurzeln.[2] Um das Jahr 1634 war der Vorfahr Moses Cleveland, damals noch mit dem später von seinem Urenkel geänderten Nachnamen Cleaveland, im Kindesalter mit seinem Bruder als Vertragsknecht aus Ipswich in die Massachusetts Bay Colony ausgewandert. Ein späterer Moses Cleaveland in Grovers Ahnenreihe hatte im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg in der Kontinental-Armee gedient und 1788 am Verfassungskonvent Connecticuts teilgenommen. Acht Jahre später hatte er mit weiteren Investoren am Südufer des Eriesee eine Siedlung gegründet, die seinen Namen erhielt und aus der die Metropole Cleveland entstand. Schon der junge Grover war sich dieser patriotischen Familientradition bewusst und fühlte sich ihr verbunden.[3] Grovers 1804 geborener Vater stammte aus Norwich, Connecticut und hatte nach einer Lehrertätigkeit in Baltimore das Theologische Seminar in Princeton besucht. Grovers Eltern heirateten im September 1829. Nach der Ordination trat Richard Falley Cleveland mehrere Pfarrstellen an, bis er im November 1834 die presbyterianische Kirchengemeinde in Caldwell, New Jersey übernahm. Grover wurde nach dem im Ort beliebten Pfarrer Stephen Grover benannt, der im Jahr zuvor gestorben war und die Kirchengemeinde bis zur Weitergabe an seinen Vater geleitet hatte.[4]

Richard Falley Cleveland (undatiert)

Grovers Familie verfügte wie die meisten klerikalen Haushalte dieser Zeit über nur wenig finanzielle Mittel, fühlte sich gegenüber den Mitbürgern aber nicht schlechter gestellt.[5] Das Gehalt des Vaters überstieg im Jahr nicht 600 US-Dollar (2026: ca. 20.300 US-Dollar), was den häuslichen Komfort der bald elfköpfigen Familie beträchtlich einschränkte. Die strikte Erziehung Grovers folgte den damaligen Vorstellungen, die bei Fehlverhalten unmittelbare Strafen vorsahen und Kinder generell wie junge Erwachsene betrachteten. Die Eltern waren Anhänger des Muskelchristentums, das Disziplin und Männlichkeit einen hohen Stellenwert einräumte und den Sonntag mit Kirchgang und Sonntagsschule allein dem Glauben verschrieb. Generell war Amerika damals noch sehr ländlich geprägt und Kultur und Intellektualität wurden als feminin abgetan.[6]

Im Oktober 1841 nahm Grovers Vater eine neue Pfarrstelle in Fayetteville, New York an.[7] Die Familie blieb hier für neun Jahre, bis sich die Gesundheit von Richard Cleveland derart verschlechterte, dass er nach einer weniger fordernden, aber besser bezahlten Tätigkeit Ausschau hielt. Er fand diese schließlich im März 1850[8] in Clinton, New York, in einer Niederlassung der American Home Missionary Society, einer protestantischen Organisation zur Unterstützung ärmerer Kirchengemeinden.[9] Grover hatte mit dem Umzug zu kämpfen, weil er sich Fayetteville emotional verbunden fühlte. Später als Präsident besuchte er den Ort und sprach sichtlich bewegt von seiner Jugendzeit in Fayetteville. Die Clevelands lebten für drei Jahre in Clinton, wo sich Grover auf den Eintritt in das dortige Hamilton College vorbereitete.[10] Dazu besuchte er eine kleine Schule im Ort, in der lediglich zwei Lehrer Unterricht gaben.[11] Zwar hatte er auf der Schule Probleme mit Latein, doch das beabsichtigte Studium scheiterte nicht daran, sondern an der prekären Situation seiner Familie. Dadurch sah er sich gezwungen, ab April 1852[12] als Ladenverkäufer in Fayetteville zu arbeiten, wobei sein Jahresgehalt bei freier Kost und Logis nicht mehr als 100 US-Dollar (2026: ca. 4.200 US-Dollar) betrug.[13]

New York Institute for the Education of the Blind, das heutige New York Institute for Special Education (2017)

Nach zwei Jahren kehrte er nach Clinton mit der Hoffnung zurück, ein Studium am Hamilton College beginnen zu können. Doch dieses Mal machte ihm die sich dramatisch verschlechternde Gesundheit des Vaters einen Strich durch die Rechnung. Dessen Konstitution war dem Arbeitspensum im Sekretariat der American Home Missionary Society nicht mehr gewachsen, weshalb dieser 1853 eine Pfarrstelle in dem Dorf Holland Patent im New Yorker Oneida County antrat. Nach nur drei Wochen im neuen Pastorat starb Grovers Vater Anfang Oktober 1853. Damit stand Grover nun als einer der Söhne in der Pflicht, für den Unterhalt der Familie zu sorgen. Sein älterer Bruder William war Direktor einer Blindenschule (New York Institute for the Education of the Blind) in New York City und verschaffte ihm eine Anstellung als Lehrer. Nach einem Jahr in dieser Beschäftigung kam Cleveland im Herbst 1854[14] zu der Überzeugung, dass seine berufliche Zukunft nicht auf diesem Feld lag, und er zog nach Holland Patent zu seiner Mutter und jüngsten Schwester Rose.[15] Ein weiterer Grund für die Beendigung der Lehrertätigkeit war, dass William die Blindenschule verlassen hatte, um am Union Theological Seminary zu studieren. Zurück bei der Familie nahm Grover zur Vorbereitung auf ein Studium Lateinunterricht.[16]

Anwaltslehre (1855–1861)

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Straßenzug in Downtown Buffalo (zwischen 1853 und 1856)

Ohne Erfolg bemühte Cleveland sich um Anstellungen in Utica und Syracuse.[17] Das Angebot eines wohlhabenden Nachbarn, der ein Ältester in der presbyterianischen Ortskirche war, ihm ein Theologiestudium zu finanzieren, schlug Cleveland aus. Er konnte den Nachbarn jedoch dazu überreden, ihm Geld für eine Fahrt nach Cleveland vorzustrecken, um dort in die Anwaltslehre zu gehen.[18] Mitte Mai 1855 machte Cleveland sich auf den Weg und legte in Buffalo einen Zwischenstopp ein, wo sein angeheirateter Onkel Lewis F. Allen lebte, der als Farmer und Geschäftsmann zu Wohlstand gekommen war.[19] Dieser überredete den Neffen, fürs Erste in Buffalo zu bleiben, und beschäftigte ihn in seinem auf Shorthorn-Rindern basierenden landwirtschaftlichen Betrieb. Hauptsächlich half Cleveland dem Onkel beim Abfassen eines Buches über diese Rinderrasse. Im August 1855[20] begann Cleveland mit Unterstützung Allens eine Anwaltslehre in der Kanzlei Rogers, Bowen, and Rogers; in dieser Firma hatte früher Ex-Präsident Millard Fillmore gearbeitet.[21]

Unter dem Einfluss des Anwalts Dennis Bowen begann Clevelands Interesse an der Politik. Im Gegensatz zum Onkel sympathisierte er nicht mit den jungen Republikanern, sondern mit den Demokraten. Im Jahr 1856 verließ er das Anwesen von Allen und bezog mit einem Anwaltslehrling eine Unterkunft in Downtown.[22]

Im Jahr 1858 arbeitete Cleveland als Wahlhelfer für die Demokraten; unter anderem ging er die Listen der registrierten demokratischen Wähler durch und begleitete sie zur Abstimmung.[23] Im Mai 1859 erhielt Cleveland seine Zulassung vor Gericht und kam bei der Kanzlei Rogers, Bowen, and Rogers bald auf ein Jahresgehalt von 1000 US-Dollar (2026: ca. 40.000 US-Dollar).[24] Dank der Beziehungen seines Onkels und seinem Geschick als Anwalt stand er bald mit den einflussreichsten Personen Buffalos auf vertrauten Fuß.[25]

Ämterlaufbahn im Sezessionskrieg (1861–1865)

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Während der Sezessionskrise nach der Wahl von Abraham Lincoln zum ersten republikanischen Präsidenten im November 1860 war er trotz seiner Identifikation mit den Demokraten von der Bewahrung der amerikanischen Union überzeugt.[26] Als es im Frühjahr 1861 zur Bildung der Konföderierten Staaten von Amerika und dem Amerikanischen Bürgerkrieg kam, fehlte Cleveland anders als seinen sich als Freiwillige für die Unionsarmee meldenden Brüdern der militärische Eifer.[27] Zum anderen war er mittlerweile der Hauptversorger seiner Schwestern und der Mutter. Dies umso mehr, als Lewis Fred und Richard C. zwar den Sezessionskrieg überlebten, aber bei einem Schiffsunglück im Oktober 1872 auf dem Dampfschiff Missouri vor den Bahamas den Tod fanden.[28]

Erie County Courthouse (vor 1876)

Er verließ die Anwaltskanzlei 1862.[29] In der politischen Ämterlaufbahn schritt er in diesem Jahr voran, indem er für die Demokraten im November 1862 erfolgreich als Bezirksvertreter im Stadtrat von Buffalo kandidierte und im Januar 1863[30] zum Stellvertreter des District Attorney des Erie County aufrückte.[31] Weil der District Attorney C. C. Torrance von Clevelands Arbeitspensum schnell überzeugt war und nicht unweit vom Erie County Courthouse wohnte, übernahm er bald in Vertretung seines Chefs den Löwenanteil der mit diesem Amt verbundenen Aufgaben.[32] Clevelands – auch im Vergleich zu anderen Staatsoffiziellen später – außergewöhnlich hohe Arbeitsbereitschaft, die ihn heute laut Graff als einen „Workaholic“ auszeichnen würde, blieb ein lebenslanges Charakteristikum. Graff sieht diese Einstellung in den calvinistischen Werten des Elternhauses begründet.[33]

Um dem Militärdienst gemäß dem Wehrpflichtgesetz vom 3. März 1863 zu entgehen, stellte Cleveland für 300 US-Dollar (nach heutiger Kaufkraft 7.700 Dollar) einen Ersatzmann an, der für ihn am Krieg teilnahm. Das Angebot seines im Juni 1863 nach zwei Jahren Dienst ausgemusterten Bruders, als sein Ersatzmann wieder in die Unionstruppen einzutreten, lehnte er ab.[34] Clevelands Ersatzmann wurde ein 32-jähriger Polnischamerikaner, der den Bürgerkrieg überlebte.[35]

Aus seiner Situation als mehr oder weniger ständiger Stellvertreter von Torrance hatte Cleveland das Beste gemacht, politische Kontakte über das Erie County hinaus geknüpft und sich für die Interessen der Geschäftswelt Buffalos eingesetzt. Entsprechend nominierten ihn die Demokraten 1865 als Nachfolger von Torrance. In seinem ersten richtigen Wahlkampf in einem dezidiert republikanischen County unterlag Cleveland dem späteren Kongressabgeordneten Lyman K. Bass knapp.[36] Diese Niederlage beendete Clevelands politische Ambitionen fürs Erste.[37] Auch die Wiederwahl zum Bezirksvertreter in den Stadtrat im Jahr zuvor hatte Cleveland nicht für sich entscheiden können.[38]

Anwalt und Sheriff von Buffalo (1866–1873)

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Im Jahr 1866 gründete Cleveland mit Isaac V. Vanderpoel, dem früheren State Treasurer von New York, eine Anwaltskanzlei, die für drei Jahre Bestand hatte.[39] Er erneuerte sein politische Engagement und nahm im Sommer des Präsidentschaftswahljahrs 1868 am Parteitag der New Yorker Demokraten (New York State Democratic Convention) teil, wo er in das Programmkomitee gewählt wurde.[40]

Als Vanderpoel 1869 ihre Partnerschaft verließ, gründete Cleveland mit Oscar Folsom und Albert P. Laning eine neue Kanzlei, die schnell prosperierte. Cleveland hielt vor allem das juristische Alltagsgeschäft am Laufen. Er präferierte das Zivilrecht und vermied es, Klienten zu verteidigen, die er für schuldig hielt. Oft bereitete er die Fälle akribisch vor, während seine Partner auf dieser Grundlage die Präsentation vor Gericht hielten.[41]

Bei den Wahlen zum Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten 1870 wurde in Clevelands Wahlbezirk der erfahrene William Williams zum Spitzenkandidaten gekürt. Um die Wahlliste mit einem Nachwuchspolitiker auszubalancieren, wurde Cleveland am 28. September 1870 von der New York Democratic Convention als Sheriff für Buffalo nominiert. Im Wahlkampf hielt Cleveland lediglich drei Ansprachen, von denen keine einen besonderen Eindruck hinterließ. Am Ende gewann er mit etwas mehr als 300 Stimmen Vorsprung. Als Sheriff bekam es Cleveland mit einer Stadt zu tun, die für ihre zahlreichen Saloons berühmt und wegen Verbrechen und Gewalt berüchtigt war.[42]

Cleveland trat zum 1. Januar 1871 seinen zweijährigen Dienst als Sheriff an. Im März ging er gegen die im Polizeidienst verbreiteten Kleindiebstähle vor, womit er sich im Department wenig Freunde machte.[43] Durch Ordnungsgelder hatte Cleveland einen attraktiven Hinzuverdienst. Er sah im Polizeidienst teilweise so etwas wie einen Kindheitstraum verwirklicht und war sich für keine Tätigkeit zu schade. So legte er bei der Vollstreckung von Todesurteilen den Häftlingen selbst die Henkerschlinge an. Später nutzten das Clevelands politische Gegner aus und machten ihn als Buffalo Hangman („Henker von Buffalo“) verächtlich.[44] Weil er es vermehrt mit Hinrichtungen zu tun bekam und das damit einhergehende Spektakel verabscheute, verbannte er alle Zuschauer und ließ einen Sichtschutz errichten, so dass auch nicht von außen auf die Exekution Einblick genommen werden konnte.[45] Als Sheriff überzeugte er die Bürger durch seine engagierte Arbeitsweise und wurde als Person des öffentlichen Lebens geschätzt und respektiert.[46]

Anwaltskanzlei mit Wilson S. Bissell (1874–1880)

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Bis zum Ende seiner Dienstzeit zum 31. Dezember 1873 hatte Cleveland ein Vermögen von ungefähr 40.000 US-Dollar (2026: ca. 1.082.000 US-Dollar) angespart und setzte es unter anderem zur juristischen Weiterbildung ein. Er trat einer neuen Anwaltskanzlei mit Lyman K. Bass und Wilson S. Bissell bei, der rasch ein enger Freund[47] und später sein Postminister wurde. Weil Bass sich als Kongressabgeordneter häufig in Washington aufhielt, führte hauptsächlich Cleveland die Geschäfte.[48] Im Jahr 1875 starb sein früherer Partner und guter Freund Folsom bei einem Unfall. Weil dieser keinen letzten Willen hinterlassen hatte, übernahm Cleveland für die Witwe Emma Cornelia Harmon die Verwaltung des hinterlassenen Vermögens und die Vormundschaft über deren Tochter Frances Folsom, seine spätere Frau.[49] Diese kannte Cleveland von da an als Uncle Cleve („Onkel Cleve“).[50]

Obwohl die Kanzlei mit Bissell schnell florierte, strebte Cleveland weiterhin eine politische Karriere an. Deshalb arbeitete er weiter in Parteiausschüssen mit, sofern es ihm die Kanzlei ermöglichte. Eine Chance zur Übernahme der Parteiführung 1876 ließ er ungenutzt.[51]

Im Buffalo der 1870er Jahre hatte sich Politikverdrossenheit breit gemacht, vor allem weil Führer beider Parteien die Stadtverwaltung kontrollierten und sie als System zur Ämterpatronage (Spoils System; „Beutesystem“) ausnutzten. Cleveland unterstützte daher die Wahl des als ehrlich geltenden demokratischen Newcomers Solomon Scheu zum Bürgermeister im November 1877.[52] Bei der Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten 1880 konnten die Demokraten in New York das seit dem Bürgerkrieg an ihnen haftende Stigma der „Partei der Sezession“ beziehungsweise „der Rebellion“ weitgehend abstreifen und der Bundesstaat ging am Ende nur knapp an den Republikaner James A. Garfield.[53] Weil Scheus Nachfolger, der Republikaner Alexander Brush, mithilfe der State Legislature („Bundesstaatsparlament“) ganze Stadtbehörden unter die Kontrolle des parteieigenen „Beutesystems“ gebracht und somit die Stimmung in der Bevölkerung gegen sich mobilisiert hatte, hatte bei der kommenden Bürgermeisterwahl 1881 ein demokratischer Reformer daher gute Siegeschancen.[54]

Bürgermeister von Buffalo (1881–1882)

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Als die Demokraten unter diesen Voraussetzungen 1881 einen Reformkandidaten außerhalb der „politischen Maschinen“ des Spoil Systems für die Bürgermeisterwahl suchten, verfielen sie Ende Oktober 1881 nach der Absage von mehreren anderen Kandidaten auf den als ehrlich und streitbar geltenden Cleveland.[55] Dieser sagte nicht sofort zu; kurz zuvor hatte er eine wesentlich lukrativere Offerte der Eisenbahngesellschaft New York Central Railroad für einen Posten als Rechtsberater abgelehnt.[56] Dabei hatte er als Gründe geltend gemacht, dass er unabhängig bleiben wolle und seine gewohnte Tagesroutine schätzte. Er sagte der Auswahlkommission der Demokraten unter der Bedingung zu, dass von der Wahlliste ein als korrupt bekannter Comptroller gestrichen werde. Am 25. Oktober kürten ihn schließlich die Demokraten Buffalos auf einem Parteitag zum Kandidaten für die kommende Bürgermeisterwahl. Sein Gegner war der Republikaner Milton Earl Beebe, der für die Fortführung der „politischen Maschine“ stand.[57] Cleveland führte einen engagierten Wahlkampf und konnte sich als Reformer positionieren.[58] Er verstand, dass das „Beutesystem“ nicht mehr zeitgemäß für die 1880er Jahre war und die Verwaltung modernisiert werden musste.[59] Selbst die politischen Gegner fanden es schwierig, gegen ihn Einwände zu erheben.[60] Cleveland besiegte Beebe bei der entscheidenden Wahl im November mit deutlichem Vorsprung.[61]

Die County and City Hall fungierte in den 1880er Jahren als Rathaus von Buffalo (2012)

Bei seiner Amtseinführung am 1. Januar 1882 prangerte er die Steuergelderverschwendung der früheren Administrationen an und versprach, bei der öffentlichen Auftragsvergabe strikt den günstigsten Anbieter zu berücksichtigen. Außerdem kündigte er eine Lösung für die seit Jahren prekäre Müll- und Abwasserbeseitigung Buffalos an.[62] Eine Stadt sollte genauso effizient und effektiv wie ein privates Unternehmen funktionieren, setzte er als Maßgabe an. Die Antrittsrede nahm die darauffolgende neue Reformpolitik Clevelands vorweg. Noch in den ersten Amtswochen deckte er auf, dass die Stadt bei einem Straßenbauprojekt in einem Plot mit massiv überteuerten Preisen betrogen werden sollte. Cleveland überwachte den Bau eines neuen Abwassersystems auf ordnungsgemäße Vergabe und Durchführung.[63] Er schreckte außerdem nicht davor zurück, sich mit Tammany Hall, der einflussreichen „politischen Maschine“ der Demokraten in New York City und Albany, anzulegen. Der Kongressabgeordnete John Kelly griff ihn 1882 daher als „Feind Nr. 1“ von Tammany Hall an.[64]

Als Bürgermeister, wie auch später als Gouverneur,[65] delegierte Cleveland nur wenige Aufgaben und kümmerte sich selbst um Ahndung geringer Vergehen in der Verwaltung. Wenngleich Clevelands Regierungsstil bei den Politikern der älteren Generation anders als in der Öffentlichkeit nur wenig Beifall fand,[66] erregte sein Wirken in Buffalo bald die Aufmerksamkeit der Parteiführung des Bundesstaats, so dass er ab Juni 1882 als Kandidat für die nächste Gouverneurswahl in New York im Gespräch war. Auf der Democratic State Convention Mitte September in Syracuse setzte sich Cleveland schließlich gegen die beiden wesentlich bekannteren[67] Mitbewerber Roswell P. Flower und General Henry Warner Slocum durch und wurde zum Spitzenkandidaten der Demokraten.[68] Als Königsmacher agierte vor allem der Parteiführer der New Yorker Demokraten und Zeitungsherausgeber Daniel Manning, der insbesondere von Clevelands Kampf gegen das Spoils System angetan war.[69]

Cleveland betrieb selbst keinen Wahlkampf, sondern überließ dies seinem Kompagnon Bissell. Bei der Wahl am 7. November siegte er am Ende mit einem Vorsprung von knapp 200.000 Stimmen gegen den Republikaner und früheren Finanzminister Charles J. Folger.[70] Cleveland profitierte dabei von parteiinternen Konflikten bei den Republikanern, wobei vor allem im Jahr zuvor der Bruch zwischen Präsident James Garfield und Roscoe Conkling, dem Führer der New Yorker Stalwarts, landesweit Aufmerksamkeit erregt hatte.[71] Noch während sich Cleveland in der ihm eigenen Akribie auf das Gouverneursamt vorbereitete, brachte ihn mit der New York Tribune die erste namhafte Zeitung neben Benjamin Butler als demokratischen Kandidaten für die kommende Präsidentschaftswahl in Spiel. Obwohl Cleveland selbst diese Idee seinem Bruder gegenüber weit von sich wies, hält der Biograph Graff es für ausgeschlossen, dass der gewählte Gouverneur angesichts der Tatsache, dass die Gouverneurschaft von New York in den Augen der Öffentlichkeit an Bedeutung nur von der Präsidentschaft übertroffen wurde,[72] nicht schon selbst auf diesen Gedanken gekommen wäre. Auf Drängen Mannings bestimmte Cleveland den Journalisten Daniel Scott Lamont zu seinem Sekretär in der Executive Mansion in Albany. Lamont entwickelte sich rasch zum wichtigsten Berater des Gouverneurs und übte den nächsten 15 Jahren einen bedeutenden Einfluss auf Clevelands politisches Handeln aus. Weil er als Junggeselle das Gouverneursamt antrat, bat er seine Schwester Rose um die Haushaltsführung des Anwesens. In der Executive Mansion nahm er bei der Inneneinrichtung kaum Änderungen vor; als einzigen persönlichen Gegenstand zur Dekoration hatte Cleveland wie auch später im Weißen Haus auf seinem Schreibtisch eine Bibel, die ihm seine Mutter geschenkt hatte.[73]

Gouverneur von New York (1883–1884)

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New York State Capitol (2009)

Am 1. Januar 1883 wurde Cleveland im New York State Capitol in das Amt des Gouverneurs eingeführt; seine Antrittsrede hielt er einen Tag später[74] vor der State Legislature im Senatssaal. Bei diesem Anlass forderte er eine Verwaltungs- und Steuerreform, sprach aber auch regionale Probleme an, die unter anderem den Eriekanal, Zuwanderung und Banken betrafen.[75] Die Steuer betreffend verurteilte er die Tatsache, dass zwar Grundeigentum, aber nicht Einkommen und Vermögen besteuert wurde, als ungerecht. Cleveland sprach sich daher für die Einführung einer Einkommenssteuer aus.[76] Damit betrat er kein politisches Neuland, sondern diese Forderung wurde in mehreren Bundesstaaten erhoben. Cleveland war bewusst, dass eine Einkommenssteuer politisch nicht durchzusetzen war, aber er wollte dadurch seine Offenheit für „fortschrittliche“ Ideen demonstrieren.[77] Zugleich gab Cleveland die Vorgabe aus, alle Dienstposten und ihre Vergütung auf den Prüfstand zu stellen und die Verwaltung generell zu verschlanken. Dies stellte einen direkten Angriff auf das „Beutesystem“ dar, das zu dieser Zeit im ganzen Land unter Druck stand. Die populäre Bewegung für eine Verwaltungsreform, deren Momentum Cleveland für sein Vorhaben nutzen wollte, speiste sich zum großen Teilen aus Abolitionisten und Aktivisten der Emanzipationsbewegung für die Schwarzen während der Reconstruction-Ära.[78]

Eine der ersten Maßnahmen Clevelands als Gouverneur war die Öffnung der Debatten im New York State Capitol für das öffentliche Publikum. Beide Kammern der New York State Legislature wurden bis November 1883 noch von Demokraten kontrolliert, jedoch waren weder diese noch die Republikaner einheitliche Fraktionen, sondern bestanden aus konkurrierenden Faktionen. In Verwaltung und Politik des Gilded Age war Korruption weit verbreitet; ein Drittel aller Abgeordneten des New Yorker Kongresses galten als käuflich.[79] Diese Ära wird deshalb auch in der amerikanischen Politikgeschichte als age of the spoilsmen („Zeitalter der Plünderer“) bezeichnet.[80] Allerdings hatten die „politischen Maschinen“ mit ihren regionalen Parteibossen auch einen sozialen Aspekt, denn im Gilded Age herrschte ein ungezügelter Kapitalismus ohne ein staatliches Wohlfahrtssystem, weshalb Arbeitslose oder bedürftige Parteiangehörige oft auf materielle Unterstützung durch den Parteiapparat angewiesen waren. Cleveland „bedauerte“ zwar diese Tatsache, bemühte sich aber nicht um eine alternative Sozialgesetzgebung.[81] Eine Maßnahme Clevelands gegen das Spoils System war, dem Ältestenrat in New York City die Beteiligung bei der Besetzung hochrangiger Posten in der Stadtverwaltung zu entziehen und diese Personalentscheide dem Bürgermeister allein zu überlassen. Obwohl die Politik der Stadt weiterhin anfällig für Korruption blieb, stärkte dieser Vorgang Clevelands Ruf als furchtloser Amtsinhaber.[82]

Als vermehrt von einer möglichen Präsidentschaftskandidatur Clevelands gesprochen wurde, ging er dem damaligen Verhaltenskodex folgend nicht darauf ein. Stattdessen erhöhte er im zweiten Amtsjahr die gesetzgeberische Aktivität und versuchte durch seine Regierungsführung zu glänzen.[83] Cleveland erachtete sein gouvernales Recht auf Begnadigung als besonders bedeutend, auch weil er aufgrund seiner religiösen Überzeugung in Barmherzigkeit eine wichtige Tugend sah. Deshalb studierte er akribisch Gerichtsprotokolle, um der Tendenz von Richtern, überaus harte Strafen zu verhängen, einen Riegel vorzuschieben.[84] Besondere Aktivität als Gouverneur entfaltete Cleveland 1884 nach seiner Neujahrsansprache an die State Legislature, die nach den jährlich stattfindenden Parlamentswahlen vom November 1883 in beiden Kammern eine republikanische Mehrheit aufwies. Trotzdem brachte er bis Mitte Mai 1884 in Zusammenarbeit mit dem 106. New Yorker Kongress etliche Gesetzesinitiativen zum Abschluss, darunter auch einige des späteren Präsidenten Theodore Roosevelt. Clevelands Gesetzesvorschläge betrafen Reformen in den Wohlfahrtseinrichtungen des Bundesstaats, den Bau des neuen Croton Aqueduct zur Wasserversorgung New York Citys und die Konservation der Gegend um die Niagarafälle.[85] Seit der Einrichtung des Yellowstone-Nationalparks 1873 hatte die Naturschutzbewegung unter Führung von George Perkins Marsh nationale Bedeutung erlangt. Die Niagarafälle wurden nach der Einrichtung der Schutzzone schnell zu einem touristischen Anziehungspunkt. Darüber hinaus setzte sich Cleveland für den Schutz der Adirondack Mountains ein und nahm damit eine Entwicklung vorweg, die später unter Präsident Theodore Roosevelt an Fahrt aufnahm.[86]

„Veto-Gouverneur“ und Arbeiterrechte

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Obwohl Cleveland im März 1883 erst zwei Monate im Amt war, hatte er bis dahin achtmal ein Veto gegen Beschlüsse der New York State Legislature eingelegt und sich damit in der Öffentlichkeit den Spitznamen der „Veto-Gouverneur“ erworben. All diese Gesetzesinitiativen hatten den Ruch lokaler Klientelpolitik gehabt und ihren Initiatoren war klar gewesen, dass ein Veto Clevelands kommen würde. Unter den abgelehnten Maßnahmen war auch eine Bitte von Clevelands Kindheitsstadt Fayetteville um einen Kredit für die Modernisierung der örtlichen Feuerwehr sowie der Antrag des Chautauqua Countys auf die Baufinanzierung für ein Monument für die Soldaten der Unionsarmee. Vor allem sein Veto gegen eine einheitliche Transportgebühr für alle Eisenbahnfahrten in New York City hatte die öffentliche Meinung gegen sich, denn viele Passagiere sahen darin eine Verbesserung zu den willkürlichen und häufig höheren Gebühren, die sie bis dahin entrichten mussten. Dennoch errang Cleveland mit seiner beharrlichen Argumentation, eine derartig festgesetzte Einheitsgebühr verletzte die gesetzlichen Grundlagen der Eisenbahnunternehmen, bei vielen Beobachtern großen Respekt.[87]

Im Allgemeinen verfolgte Cleveland eine unternehmerfreundliche Politik, ohne sein Versprechen aus dem Brief außer Acht zu lassen, mit dem er die Wahl zum Gouverneurskandidaten angenommen hatte. Darin hatte er die Bedeutung der arbeitenden Klassen für die Nation und die Schutzwürdigkeit ihrer Rechte gegenüber der Macht von Großindustriellen hervorgehoben sowie die Notwendigkeit festgestellt, die Arbeitsbedingungen gesetzlich zu verbessern. Noch während seines ersten Amtsjahres wurde eine Behörde für Arbeitsmarktstatistik (Bureau of Labor Statistics) eingerichtet. Cleveland setzte der verbreiteten Kinderarbeit im Rahmen der Heimarbeit in der Zigarrenproduktion ein Ende; gleiches gilt für ausbeuterische Arbeitsverhältnisse in Gefängnissen. Andererseits wandte sich Cleveland entschieden gegen die Einführung einer zwölfstündigen gesetzlichen Höchstarbeitszeit für Straßenbahnschaffner. Das Recht der Arbeitnehmer auf individuell vereinbarte Arbeitszeiten mit dem Arbeitgeber sollte nicht beeinträchtigt werden. Mit dieser Sichtweise lag er im politischen Mainstream der damaligen Zeit, der den Staat nicht in der Verantwortung sah, den Arbeitsmarkt zu regulieren.[88]

Nominierung zum Präsidentschaftskandidat (1884)

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Wahlkampfbanner der Demokraten mit Cleveland und Hendricks in der Bildmitte. Oben rechts sind die früheren Präsidenten George Washington, Thomas Jefferson und Andrew Jackson zu sehen

Im Hinblick auf die Präsidentschaftswahl 1884 waren die Demokraten so geeint wie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Zudem hatte sich die Methode der Republikaner, bei den Wahlen das „blutige Hemd“ (bloody shirt) des Bürgerkriegs als Banner gegen die Demokraten als Partei der Sezession der Südstaaten zu instrumentalisieren, schon seit längerem abgenutzt. Dennoch war James Buchanan der letzte gewählte demokratische Präsident und Teile der Öffentlichkeit sahen das Weiße Haus als natürlichen Besitz der Republikaner an, die Anfang Juni 1884 James G. Blaine zu ihrem Präsidentschaftskandidaten kürten.[89] Auch die Tatsache, dass diese nicht den Amtsinhaber Chester A. Arthur zur Wiederwahl nominiert hatten, erhöhte die Aussichten der Demokraten.[90] Weil der Stalwart Arthur als ein klassischer Vertreter des „Beutesystems“ in das Präsidentenamt aufgerückt war, hatten viele wenig von seiner Regierung erwartet, waren jedoch in der Folge von seiner Administration positiv überrascht worden. Blaine hingegen gehörte zur Faktion der Half-Breeds („Halbblute“) und hatte bereits bei den Präsidentschaftswahlen 1876 und 1880 als Favorit für die Nominierung bei den Republikanern gegolten, war aber durch die Verwicklung in eine Korruptionsaffäre zu Fall gekommen.[91] Dies gereichte ihm neben dem Umstand, dass er als ein klassischer Vertreter des Beutesystems galt,[92] zum Nachteil, denn die Reformen anstrebenden Mugwumps innerhalb der republikanischen Partei unterstützten bei den folgenden Präsidentschaftswahlen nicht ihn, sondern Cleveland.[93]

Im Vorfeld des am 8. Juli 1884 in Chicago beginnenden Nominierungsparteitags der Demokraten standen viele in der Partei noch hinter dem „großen Reformer“ Tilden. Dieser war mittlerweile 70 Jahre alt und litt immer noch unter den Folgen eines Schlaganfalls, weshalb er kurz vor Eröffnung der Democratic National Convention deutlich machte, dass für ihn keine erneute Präsidentschaftskandidatur in Frage kam. Als ernsthafte Bewerber für die Nominierung blieben somit neben Cleveland Senator Thomas F. Bayard und Allen G. Thurman.[94] Für Cleveland sprach, dass er ein vergleichsweise junger Präsidentschaftskandidat und zuvor kein einer „politischen Maschine“ verpflichteter Abgeordneter im Kongress oder einer State Legislature gewesen war, sondern im Gegenteil als Gouverneur und Bürgermeister die Auswüchse des Spoils System bekämpft hatte.[95] Zudem strahlte Cleveland mit 1,80 m Größe und mehr als 130 Kg Gewicht eine Präsenz aus, die damals sympathisch als ein „Mann von Substanz“ wahrgenommen wurde. Im persönlichen Umfeld trug er deswegen den Spitznamen „Onkel Jumbo“. Ein weiterer für Cleveland sprechender Grund war die Tatsache, dass er aus dem häufig wahlentscheidenden New York kam. Selbst strikt konservative Demokraten mussten einräumen, dass der Gouverneur sich landesweit eine hohe Reputation als moralisch integrer und bürgernaher Politiker verdient hatte.[96] Bis auf seine Leidenschaft fürs Essen war Cleveland für eine spartanische Lebensführung bekannt.[97]

Am ersten Tag der National Democratic Convention versuchten auf Initiative des New Yorkers Tom Hardy Gegner Clevelands die Einheitsregel abzuschaffen, laut der die Delegation diese Bundesstaats geschlossen für einen Kandidaten stimmen musste. Der zu Tammany Hall gehörende Hardy hatte eine Rechnung mit Cleveland offen, weil dieser ihn als Fraktionsführer der Demokraten im New Yorker Senat verhindert hatte. Der Antrag wurde relativ deutlich abgelehnt, was einen ersten Hinweis auf die Favoritenrolle des New Yorker Gouverneurs für die Nominierung lieferte. Am zweiten Tag der Convention stellte die New Yorker Delegation schließlich Cleveland als ihren Kandidaten für die Nominierung vor. Die Nominierungsrede hielt Daniel N. Lockwood, ein Kongressabgeordneter aus Buffalo, der knapp vier Jahre zuvor die Nominierung Clevelands als Bürgermeisterkandidat initiiert hatte.[98]

Nach der Verabschiedung des Wahlprogramms am dritten Tag gewann Cleveland zwar kurz nach Mitternacht am 11. Juli den ersten Wahldurchgang, verfehlte aber die erforderliche Zweidrittelmehrheit. Bis zum zweiten Wahlgang am kommenden Morgen unternahm die Tammany-Hall-Faktion gemeinsam mit Butler einen letzten Versuch, mittels des Überraschungskandidaten Thomas A. Hendricks eine Nominierung Clevelands zu verhindern. Das Manöver scheiterte und im zweiten Wahlgang wurde Cleveland mit 683 von 820 abgegebenen Stimmen zum Präsidentschaftskandidaten nominiert. Der Parteitag bestimmte im Anschluss per Akklamation Hendricks zum Running Mate, also zum Kandidaten für die Vizepräsidentschaft.[99] Weil es in dieser Ära für mögliche Präsidentschaftskandidaten nicht als statthaft galt, selbst auf dem Nominierungsparteitag zu erscheinen, erfuhr Cleveland in seinem Dienstzimmer in Albany von seiner Wahl. Bis zum Abend hatte sich eine Menschenmenge vor der Gouverneursresidenz (New York State Executive Mansion) versammelt, als Cleveland vor die Tür trat und eine von nur wenigen Reden im Wahlkampf hielt.[100] Wie schon beim Nominierungsprozess wurde damals von einem Präsidentschaftskandidaten auch im Wahlkampf Zurückhaltung erwartet; zudem galt Cleveland im Vergleich zu Blaine als ein blasser Redner. Seine wesentlichen Berater in der Wahlkampagne waren Manning und Lamont, während der Politiker und Industrielle William Henry Barnum mit dem Fundraising betraut wurde.[101]

Präsidentschaftswahl von 1884

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Die Wahlkampfprogramme der Demokraten und Republikaner unterschieden sich nur geringfügig. Die Demokraten forderten Schutzzölle für neu entstandene amerikanische Industrien, das Recht der Arbeiter zur Bildung von Gewerkschaften und in der Außenpolitik eine Orientierung am aufkommenden Panamerikanismus. Außerdem sprachen sie sich für eine starke Beschränkung der Zuwanderung aus dem Kaiserreich China aus. Das dahinterstehende Motiv der Sinophobie war nur ein Aspekt des weitverbreiteten Rassismus in den Vereinigten Staaten zu dieser Zeit, der sich gegen Indigene, Schwarze, aber auch katholische Zuwanderer aus Irland und Südeuropa richtete. Was die vorurteilsbehaftete Einstellung zu den befreiten Sklaven anging, die sich in den Südstaaten Segregation und Lynchmorden ausgesetzt sahen, war Cleveland ganz Kind seiner Zeit. Sein Konservativismus kennzeichnete aber auch prinzipiell die von ihm angestrebte Verwaltungsreform, denn er hatte zwar als Gouverneur die Auswüchse des „Beutesystems“ bekämpft, jedoch die politische Besetzung von Dienstposten nicht an sich infrage gestellt. Daher rührte die Unterstützung Clevelands durch die Parteibosse und die Bourbon-Demokraten, die im Süden eine reaktionäre Politik gegenüber der schwarzen Bevölkerung verfolgten und vor allem für die Interessen der dortigen Unternehmer eintraten.[102]

Eine Karikatur aus dem Satiremagazin Judge greift im Wahlkampf am 27. September 1884 den Skandal um Clevelands uneheliche Vaterschaft auf.

Im Wahlkampf spielten daher politische Inhalte eine untergeordnete Rolle, sondern es ging vor allem um die moralische Integrität der beiden Kandidaten. Das Rennen um das Weiße Haus 1884 gilt als eines der am erbittertsten geführten in der amerikanischen Politikgeschichte.[103] Die Demokraten wärmten Blaines geschäftliche Beziehungen zu einem Eisenbahnunternehmen aus seiner Zeit als Sprecher des Repräsentantenhauses auf, die ihm 1876 die Nominierung verhagelt hatten.[104] Ohne Clevelands Beteiligung schmähten die Demokraten Blaines Familienleben, weil er seine Frau Harriet wegen ihrer Schwangerschaft heimlich und erst später öffentlich geheiratet hatte.[105] Als am 21. Juli der Buffalo Evening Telegraph über eine nicht standesgemäße Beziehung Clevelands mit der Kellnerin Maria Halpin berichtete, aus der ein zum Zeitpunkt der Veröffentlichung 11-jähriger Sohn hervorgegangen sei,[106] den er nicht anerkannt und stattdessen in ein Waisenhaus habe bringen lassen, nahmen die Republikaner diesen Riss in Clevelands bis dahin einwandfreier puritanischer Hülle dankbar auf. Der Artikel führte weiter aus, dass der bei Frauen seines gesellschaftlichen Standes an Unsicherheit leidende Cleveland der schwangeren Halpin in täuschender Absicht die Heirat versprochen habe und diese am Ende die Stadt als „gefallene Frau“ habe verlassen müssen.[107] Während der Bericht des als Boulevardzeitung verrufenen Telegraph noch von vielen als lächerlich abgetan wurde, spitzte sich die Lage für Cleveland zu, als das als seriös geltende Boston Journal einen Reporter für eine Recherche vor Ort nach Buffalo entsandte und weitere Gerüchte veröffentlichte, die in Buffalo über Cleveland in Umlauf waren. Tief enttäuscht über das Verhalten seiner Nachbarn kehrte Cleveland den Rest seines Lebens nur für wenige offizielle Besuche nach Buffalo zurück. Auch nachdem der Trubel um die Affäre sich gelegt hatte, zeigte sich Cleveland ganz im Gegensatz zu Blaine im Wahlkampf so gut wie gar nicht.[108]

Tatsächlich handelte es sich bei Halpin um eine Witwe aus Pennsylvania mit zwei Kindern, die in verantwortlicher Position in Buffalo einen Spirituosenladen geführt und dort rasch prominente Freunde gewonnen hatte. Nach der Geburt des Sohnes, dem sie den Namen Oscar Folsom Cleveland gab, hatte sie wegen schwerwiegenden Alkoholmissbrauchs das Kind so stark vernachlässigt, dass Cleveland die Mutter in eine Einrichtung der „Schwestern der Barmherzigkeit“ hatte einweisen lassen, während er das Kind in ein Waisenhaus gab. Nachdem er Halpin später einen geschäftlichen Neustart in Niagara Falls ermöglicht hatte, war sie 1876 nach Buffalo zurückgekehrt und hatte vergeblich versucht, das Sorgerecht für ihren Sohn zu bekommen. Kurz darauf wurde dieser von einer geachteten Familie in Buffalo adoptiert, während sich die Spur von Halpin verlor.[109] Cleveland stritt die Vaterschaft nicht ab, als die Affäre bekannt wurde.[110] Dennoch hatte er Oscar Folsom Cleveland nie als Sohn anerkannt. Graff hält es für wahrscheinlich, dass Halpin selbst nicht wusste, wer der Vater war. Möglicherweise übernahm Cleveland die Verantwortung für den Jungen, als 1875 mit seinem Freund Folsom der andere potenzielle Vater bei einem Unfall ums Leben gekommen war.[111]

Ergebnisse der Präsidentschaftswahl 1884 im Überblick

Blaine hingegen verlor Ende Oktober vielleicht entscheidende Stimmen im umkämpften Bundesstaat New York, in dem viele katholische Irischamerikaner lebten, weil bei einer gemeinsamen Wahlkampfveranstaltung mit protestantischen Geistlichen antikatholische Äußerungen fielen. Die kritische Aussage des Pfarrers konnte außerdem als eine Forderung nach Prohibition verstanden werden, was von den Demokraten gegen Blaine instrumentalisiert wurde. Blaine distanzierte sich zwar nachher von der Aussage des Pfarrers, aber der Schaden war schon angerichtet. Hinzu kam, dass in diesem entscheidenden Bundesstaat Blaines Erzfeind Conkling jede Unterstützung im Wahlkampf ablehnte und eine Spendengala Blaines mit den 200 wohlhabendsten Amerikanern in Manhattan vor dem Hintergrund einer Wirtschaftskrise und wachsender Armut in der Stadt von vielen als geschmacklos empfunden wurde. Am Ende siegte Cleveland bei der Präsidentschaftswahl mit einem Popular Vote von 48,5 Prozent und 219 Wahlmännern knapp über Blaine, der auf 48,2 Prozent und 182 Wahlmänner kam. Während Blaine vor allem die Bundesstaaten im Mittleren Westen holte, siegte Cleveland in den Südstaaten, dem Solid South („solider Süden“). Im die Präsidentschaftswahl entscheidenden New York hatte er lediglich knapp 1150 Stimmen mehr erhalten als Blaine, was eine Wiederauszählung einige Tage später bestätigte.[112]

Erste Präsidentschaft (1885–1889)

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Feierlichkeiten zu Clevelands Amtseinführung 1885
Präsidentschaftsübergang und Amtseinführung

Zwar äußerte Cleveland nach dem Wahlsieg seinem früheren Partner Bissell gegenüber, dass ihm nun vier Jahre des Leidens und der Aufopferung für sein Land bevorstanden, aber tatsächlich glaubte er daran, dass die göttliche Vorsehung ihn in das Weiße Haus geführt hatte.[113] Cleveland, der zuvor noch nie die Hauptstadt besucht hatte,[114] erreichte am 2. März 1885 Washington und schlug das Angebot des noch amtierenden Präsidenten Arthur aus, bis zur Amtseinführung im Weißen Haus unterzukommen.[115] Nach Washington begleiteten ihn neben Familienangehörigen sein Sekretär Lamont und Manning.[116]

Cleveland wurde am 4. März 1885 als 22. Präsident der Vereinigten Staaten in das Amt eingeführt und vor dem Kapitol vom Obersten Richter Morrison R. Waite vereidigt.[117] Den Amtseid legte Cleveland auf die Bibel seiner Mutter ab.[118] Danach hielt er seine Antrittsrede (Inaugural address) ohne Manuskript.[119] Die 15-minütige Ansprache hinterließ abgesehen davon, dass sie frei vorgetragen wurde, keinen bleibenden Eindruck. Unter anderem forderte Cleveland von Offiziellen im Bund Sparsamkeit bei ihren Amtsgeschäften und versprach eine Verwaltungsreform. Außerdem sprach er sich für eine faire Behandlung der Indigenen und eine rigorose Umsetzung des Chinese Exclusion Act von 1882 aus. Den abendlichen Ball zur Amtseinführung ließ Cleveland in der großen Halle des damaligen Pensionsamts ausrichten, dem heutigen National Building Museum, womit er eine Tradition begründete, die von den folgenden Präsidenten fortgesetzt wurde. Bereits hier wurde er von Bewerbern für ein öffentliches Amt in seiner Administration belagert.[120] Wie bei vielen seiner Amtsvorgänger gab es immer wieder Momente, wo er sich vom Andrang der Amtsanwärter überwältigt fühlte.[121]

Kabinettsauswahl und Patronage

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Präsident Cleveland und sein erstes Kabinett von links nach rechts (stehend und sitzend): Postminister Vilas, Außenminister Bayard, Marineminister Whitney, Cleveland, Kriegsminister Endicott, Finanzminister Manning, Justizminister Garland und Innenminister Lamar (1885)

Bei der Kabinettsauswahl und Besetzung von herausgehobenen Positionen legte Cleveland keinen Wert auf eine enge persönliche Bindung, sondern suchte die seiner Ansicht nach geeignetsten Männer aus. So erteilte er seinem Freund Bissell eine Absage, der fest mit einem Kabinettsposten gerechnet hatte. Weil die Demokraten seit 1861 keinen Präsidenten mehr gestellt hatten, erwies es sich als schwierig, für hohe Ämter qualifiziertes Personal zu finden. Schließlich suchte Cleveland vor allem unter den Bourbon-Demokraten nach vertrauenswürdigen und unumstrittenen Politikern, von denen er sich eine unauffällige Amtsführung erhoffte. Diese standen vorwiegend den Interessen von Großkonzernen und Eisenbahnunternehmen nahe und weniger denen der Farmer, Arbeiter oder Schwarzen. Cleveland bemühte sich des Weiteren um ein regional ausbalanciertes Kabinett. Aus den Mittelatlantikstaaten kamen Außenminister Bayard aus Delaware sowie Finanzminister Manning und Marineminister William Collins Whitney aus New York. Mit William Crowninshield Endicott berief er einen Neuengländer zum Kriegsminister. Die Ernennung der Südstaatler Lucius Quintus Cincinnatus Lamar, der als Stabsoffizier in der Confederate States Army gedient hatte, und Augustus Hill Garland zum Innen- beziehungsweise Justizminister war von Cleveland als ein Zeichen der Aussöhnung zwischen Nord und Süd gedacht. Aus dem Westen berief er William Freeman Vilas aus Wisconsin als Postminister in das Kabinett.[122] Als Lamar 1887 in den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten berufen wurde, übernahm Vilas das Innenressort.[123]

Zwei Tage nach der Amtseinführung hatte Cleveland das Personaltableau für sein Kabinett komplettiert.[124] Seine Auswahl rief in der Presse weder in die eine noch in die andere Richtung große Reaktionen hervor. Nach den turbulenten Zeiten von Sezessionskrieg und Reconstruction zeichnete sich diese Ära durch das Fehlen intensiver politischer Kontroversen aus.[125] Insgesamt erfüllten die Minister Clevelands Erwartungen und erwiesen sich als moralisch integer und unabhängig in ihren politischen Entscheidungen, auch wenn sie wie zum Beispiel der Postminister Vilas, der sich im Kabinett als Aktivposten erwies, zuvor als Interessenvertreter der Eisenbahnunternehmen in Erscheinung getreten waren.[126]

Anfangs zeigten sich die Reformer und Mugwumps um Edwin Lawrence Godkin, dem Gründer von The Nation, und Carl Schurz sehr angetan von Cleveland, insbesondere als er wichtige Posten in New York und Massachusetts mit Republikanern besetzte. Andererseits stand der Präsident innerparteilich unter erheblichem Druck, denn nach über 20 Jahren außerhalb des Weißen Hauses waren die Demokraten begierig darauf, die Bundesverwaltung wieder mit eigenen Leuten zu besetzen. Dies gab am Ende den Ausschlag und Cleveland entließ mehrere tausend republikanische Bundesbedienstete, um sie durch Demokraten zu ersetzen. Über die Proteste der Reformer tröstete er sich damit hinweg, dass er insgesamt weniger Personal ausgetauscht hatte als seine republikanischen Amtsvorgänger.[127]

Hochzeit im Weißen Haus

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Hochzeit von Präsident Cleveland und Frances Folsom

Wie schon als Bürgermeister und Gouverneur und im Unterschied zu seinen Amtsvorgängern im Weißen Haus zeichnete sich Cleveland durch einen unermüdlichen Arbeitsstil aus. Er begann seinen Dienst spätestens um acht Uhr morgens und setzte ihn bis tief in die Nacht fort. Zweimal in der Woche berief er Kabinettssitzungen ein. Weil er ledig war, übernahm seine Schwester Rose die Funktion der First Lady der Vereinigten Staaten. Öffentlichkeitsarbeit lag ihm nicht; er verabscheute offizielle Empfänge und räumte als letzter Präsident der Presse keine Arbeitsplätze im Weißen Haus ein.[128]

Im August 1885 stellte Cleveland seinem Mündel Frances Folsom einen Heiratsantrag,[129] nachdem sie sich kurz zuvor bereits verlobt hatten. Im Frühling 1886 machten erste Gerüchte von einer bevorstehenden Hochzeit des Präsidenten in der Hauptstadt die Runde. Seiner generellen Feindseligkeit der Presse gegenüber folgend, weigerte sich Cleveland, sich dazu in die eine oder andere Richtung zu äußern, obwohl als Termin für die Hochzeit der Juni avisiert war. Nachdem Frances und ihre Mutter Ende Mai von einer Europareise zurückgekehrt waren, heiratete Cleveland als bisher einziger Präsident während seiner Amtszeit im Weißen Haus. Die Zeremonie fand am 2. Juni 1886 im Blauen Zimmer statt und wurde vom persönlichen Pastor Clevelands, dem Presbyterianer Byron Sunderland durchgeführt.[130] Das Ehepaar bekam in den Folgejahren drei Töchter und zwei Söhne, von denen die Tochter Esther als bislang einziges Präsidentenkind im Weißen Haus geboren wurde.

Noch am Abend des Hochzeitstags brachen die Clevelands zu ihren Flitterwochen in ein Cottage in Deer Park im Garrett County, Maryland nahe den Blue Ridge Mountains auf. Doch die Presse bekam schnell Wind davon und am schon nächsten Morgen belagerten Journalisten das frisch vermählte Paar. Cleveland war außer sich über diese Störung ihrer Abgeschiedenheit, die einen Wendepunkt in der bis dahin zurückhaltenden medialen Berichterstattung über das Familienleben amerikanischer Präsidenten darstellte. Danach erachtete es die Presse als unwiderrufliches Recht, Zugang zum Privatleben der jeweiligen Amtsinhaber zu haben, und dieses „Fenster“ wurde nie wieder geschlossen. Zwar war Cleveland als Junggeselle in der Öffentlichkeit wegen seiner unkompromittierten Regierungsführung geachtet gewesen, auch wenn er durch Temperamentsausbrüche und die harsche Behandlung von Untergebenen immer wieder negativ aufgefallen war, aber die Heirat mit Frances verlieh ihm mildere Züge und steigerte seine Sympathiewerte. Weil das Weiße Haus für ein Familienleben aus Sicht der Clevelands nicht hinreichend ausgestattet war, kaufte der Präsident ein Landhaus etwas außerhalb der damaligen Stadt im heutigen Cleveland Park. Weil er das Dach rot anstreichen ließ, wurde das Anwesen allgemein als Red Top bekannt.[131]

Veteranenpolitik

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Auch knapp zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Sezessionskriegs war dessen Erbe ein heikles politisches Feld, das immer wieder für Spannungen zwischen Nord und Süd sorgte. Neben dem wirtschaftlichen Niedergang der Südstaaten und der prekären Lage der befreiten Sklaven (Freedmen) stand vor allem die Frage nach der Versorgung der Veteranen der Unionsarmee im Raum. In der damaligen Zeit empfand die Allgemeinheit jedoch Wohlfahrt noch nicht als eine Staatsaufgabe. Als auf dem Capitol Hill ein Gesetz verabschiedet wurde, das jedem Veteranen eine Pension zubilligte, der mindestens 90 Tage in der Unionsarmee gedient hatte, legte Cleveland im Februar 1887 dagegen ein Veto ein und bezeichnete das Vorhaben als eine Plünderung der öffentlichen Finanzen. Während ihm das Veto scharfe Kritik der Republikaner bescherte, störten sich die Südstaaten nicht daran, denn die Veteranen der Confederate States Army waren generell nicht pensionsberechtigt. Entsprechend verhinderte Cleveland mit seinem Veto auch alle Pensionsmaßnahmen von Kongressabgeordneten zugunsten von Veteranen ihres Wahlbezirks.[132]

Der Umstand, dass Cleveland selbst nicht im Sezessionskrieg gedient hatte, provozierte viele Veteranen insbesondere. Hinzu kam, dass die Begründungen seiner Vetos oft einen sarkastischen Unterton hatten. Den Siedepunkt erreichte der Zorn der Unionsarmee-Veteranen, als Cleveland die Übergabe der eroberten Feldzeichen der Confederate States Army an die Südstaaten anordnete. Eigentlich als eine Geste der Versöhnung zwischen Nord und Süd gedacht, empörte der Vorgang im Norden große Teile der Bevölkerung. In den folgenden Wahlen nutzten die Republikaner den Vorgang aus und warfen Cleveland und den Demokraten vor, die Wiederherstellung der Konföderierten Staaten von Amerika anzustreben. Generell stand sich Cleveland bei der von ihm angestrebten Versöhnung von Nord- und Südstaaten mit seiner ehrlichen Direktheit und mangelndem diplomatischen Geschick selbst im Weg. Bei einigen Gelegenheiten überging er das öffentliche Sentiment; beim Besuch des Schlachtfelds von Gettysburg hielt er keine Rede und in Springfield, Illinois, stattete er dem Grab Abraham Lincolns keinen Besuch ab.[133]

Ähnlich wie etliche seiner Vorgänger sah Cleveland die Aufgabe des Präsidenten als oberstem Exekutivorgan darin, wie ein Schiedsrichter darauf zu achten, dass die Legislative durch ihre Gesetzgebung keine Individuen oder soziale Gruppen bevorzugte oder benachteiligte.[134] Aus diesem Verständnis heraus machte er von seinem Vetorecht häufiger Gebrauch als alle vorherigen Präsidenten zusammen, nämlich inklusive der Pocket Vetos 414 Mal in der ersten und 170 Mal in der zweiten Amtszeit.[135] So verhinderte er allein 228 Gesetzesvorschläge zur Regelung der Altersvorsorge von Veteranen der Unionstruppen. Cleveland befürchtete in dieser Hinsicht unverhältnismäßig hohe Kostensteigerungen für die Bundesregierung und Betrug und Unaufrichtigkeit bei den Anspruchsberechtigten zu fördern.[136] Im Jahr 1887 legte er Einspruch gegen eine Katastrophenhilfe aus Bundesmitteln für von Dürre betroffene Farmer in Texas ein. Seiner Ansicht nach lag Unterstützung dieser Art nicht im Zuständigkeitsbereich der Bundesebene. Als Leitprinzip hielt er fest, dass das Volk zwar den Staat unterstützte, dieser aber nicht das Volk unterstützen sollte.[137]

Ende des Tenure of Office Act

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Der republikanisch kontrollierte Senat startete Anfang 1886 nach der Verabschiedung des Presidential Succession Act („Präsidentschaftsnachfolgegesetz“) mit einer Initiative zur Verlängerung des Tenure of Office Act („Amtszeitgesetz“). Dieses Gesetz regelte die Besetzung von Ämtern zwischen dem Senat und dem Weißen Haus und war Grundlage für das Amtsenthebungsverfahren gegen Andrew Johnson 1868 gewesen. Auf dem Capitol machten sich nun vor allem die Senatoren George F. Edmunds und John Sherman für eine größere Mitsprache des Oberhauses stark. Cleveland fühlte dadurch seine exekutive Amtsgewalt und Diskretion bei der Personalauswahl für herausgehobene Positionen untergraben. Er schickte eine Redenote in diesem Sinn am 1. März an den Senat, in der er darauf hinwies, dass der Senat bei der Entlassung von Bundesbeamten verfassungsrechtlich keine Mitbestimmung habe und die Stellenbesetzung nicht das „Zufriedenstellen von Parteifreunden“ zum Ziel habe. Die Republikaner im Senat verstanden diesen Wink mit dem Zaunpfahl, denn viele hatten sich in vertraulichen Memos für die Entlassung bestimmter Spitzenbeamten eingesetzt. Edmunds Gesetzesinitiative kam nicht weiter und am 29. März wurde bekannt, dass der Senat nicht mehr um eine stärkere Involvierung in die präsidiale Personalauswahl anfragen werde, womit der Tenure of Office Act nicht verlängert,[138] sondern im März 1887 aufgehoben wurde.[139]

Cleveland war entschlossen, in der Zollpolitik Tarifanpassungen vorzunehmen, weil in weiten Teilen des Landes die Auffassung vorherrschte, die Sätze seien überhöht und begünstigten die Produzenten zulasten der Verbraucher. Der dadurch generierte Haushaltsüberschuss, der 1886/87 103 Millionen US-Dollar (2026: ca. 3.500 Mio. US-Dollar) betrug, wurde entsprechend in der Größe als unnötig erachtet. Während Cleveland vor seinem Amtsantritt dem Thema offenbar wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte, bestärkten ihn mehrere Kabinettsmitglieder aus dem Finanz- und Eisenbahnsektor darin, den Protektionismus zu senken.[140] Cleveland sah den wachsenden Haushaltsüberschuss als ungesund für die Wirtschaft an, profitabel zwar für die Trusts aber schlecht für das Lohnniveau der Arbeiter.[141] Eine entsprechende Novelle scheiterte im Dezember 1886 knapp im Repräsentantenhaus.[142] Der Druck auf das Weiße Haus wuchs, als sich der Kongress im März 1887 vertagte, ohne eine Lösung für den Haushaltsüberschuss gefunden zu haben.[143] Im September 1887 berief Cleveland eine Sitzung mit führenden Demokraten ein, darunter der Sprecher des Repräsentantenhauses John Griffin Carlisle und der neue Finanzminister Charles S. Fairchild, um über die Tarifpolitik zu beraten. Aus dieser Versammlung rührte die Idee, eine Gesetzesvorlage zur Reduzierung der Importzölle zu erarbeiten.[144]

Zum 1. Dezember 1887 war der Haushaltsüberschuss wieder auf 55 Mio. US-Dollar angestiegen und die Prognose für 1888 lautete 140 Mio. Cleveland entschloss sich als bis dahin erster Präsident, eine State of the Union Address („Ansprache zur Lage der Union“) einem einzigen Thema zu widmen, nämlich der Zollfrage und dem Abbau der Handelshemmnisse, die zum Teil noch aus der Zeit des Bürgerkriegs stammten. In der Rede betonte Cleveland erneut, dass der Haushaltsüberschuss die Arbeiter durch niedrige Löhne und hohe Steuern benachteilige,[145] während die Industrie aus den hohen Zölle Profit ziehen konnte.[146] Cleveland wollte damit zugleich ein politisches Signal für den Präsidentschaftswahlkampf im nächsten Jahr setzen. In seiner vorher mit dem Kabinett abgestimmten Address bat er den 50. Kongress der Vereinigten Staaten um eine schnellstmögliche Senkung der Zolltarife. Die Industriellen, unter denen vor allem diejenigen aus dem Osten und der Schwerindustrie die hohen Importzölle erhalten wissen wollten,[147] und die um ihre Jobs bangenden Arbeiter beruhigte Cleveland, indem er hervorhob, dass die vergünstigte Einfuhr von Rohstoffen und das Öffnen ausländischer Märkte durch günstigere Erzeugerpreise das Absenken der Handelsprotektion mehr als kompensieren werde. Während die Presse überwiegend Clevelands Vorstoß begrüßte, erntete er von Republikanern wie auch von protektionistisch gesinnten Demokraten scharfe Kritik.[148]

Die Ausarbeitung einer Gesetzesinitiative überließen Cleveland und Carlisle dem Vorsitzenden des „Ausschusses für Wege und Mittel“ (United States House Committee on Ways and Means) Roger Q. Mills. Dessen Konzeption senkte die Tarife nur moderat und bevorzugte eher die Wirtschaft der Südstaaten; laut der Kritik handelte es sich um „keine wirkliche Reform“. Die Debatte um das Gesetz im Kongress zog sich mehrere Monate dahin, bis es im Juli 1888 mit knapper Mehrheit verabschiedet wurde.[149]

Zu dieser Zeit kritisierten Bauernverbände und Ökonomen wie Henry George die Macht der Monopole und forderten Gegenmaßnahmen des Staats.[150] Zugleich öffnete sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter; die daraus resultierenden sozialen Spannungen traten im Zusammenhang mit der Haymarket Riot im Mai 1886 auch in Form massiver Gewalt zutage. Cleveland war für die Problematik grundsätzlich sensibilisiert und hatte den Kongress bereits am 22. April 1886[151] zu einer Gesetzgebung aufgerufen, die zwischen Arbeit und Kapital vermitteln sollte, wobei er die Einrichtung einer entsprechenden Schlichtungskommission im „Amt für Arbeit“ (Bureau of Labor), das im Juni 1888 in Dienst gestellt wurde,[152] vorgeschlagen hatte.[153] Von vielen wurde dies als ein wenig überzeugender Versuch angesehen, der Problematik der sich seit Anfang 1886 im Land ausbreitenden Arbeitskämpfe Herr zu werden.[154]

Die Haymarket Riot, bei der durch einen Bombenanschlag und die Vergeltung der Polizisten mehrere Dutzend Menschen ums Leben kamen,[155] zeigte Millionen Bürgern erstmals in dramatischer Weise die möglichen Auswirkungen disparater Einkommensverteilung. Bei der „Ansprache zur Lage der Union“ im Dezember 1886 kam Cleveland erneut auf die soziale Ungleichheit zu sprechen, verfolgte diese politische Frage aber nicht konsequent weiter. Hinsichtlich der Präsidentschaftswahl 1888 griff er am Ende weder die Monopolfrage noch die sozialen Konfliktlagen auf, sondern setzte programmatisch voll auf die Senkung der Einfuhrzölle.[156] Der Biograph Graff resümiert, dass Cleveland zwar verstanden habe, dass die soziale Frage nur mit staatlichem Eingreifen zu lösen war, er aber wie viele Bourbon-Demokraten noch sehr den Prinzipien Thomas Jeffersons verbunden war. Diese postulierten unter anderem starke Einzelstaaten und eine vergleichsweise schwächere Machtkonzentration in Washington. Aus diesen Erwägungen heraus machte er in dieser Sache keine eigenen Gesetzesvorstöße.[157]

Konflikt um Samoa

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Blick auf die im Zyklon gesunkene USS Vandalia (1889)

Cleveland hatte die Präsidentschaftswahl 1888 bereits verloren, als er als Lame Duck („lahme Ente“) mit der Aggression des Deutschen Kaiserreiches im Konflikt um Samoa konfrontiert wurde, der einen ersten Ausblick auf den bevorstehenden gesellschaftlichen Konflikt um den Imperialismus der Vereinigten Staaten bot. Seit einem Vertrag von 1878 hatte Washington offiziell die Vermittlerrolle, sollte es zu einem Disput zwischen Samoa und einer fremdländischen Macht kommen, und dafür die Nutzungsrechte für Pago Pago als Kohlehafen für die United States Navy bekommen. Weil das Vereinigte Königreich und Deutschland von Samoa ähnliche Rechte erhalten hatten, war es seitdem zu Streitigkeiten zwischen London, Berlin und Washington gekommen, wobei die Vereinigten Staaten auf die Autonomie Samoas beharrten. Die imperialen Ambitionen des Kaiserreichs führten schließlich dazu, dass dieses im Dezember 1888 einen erfolglosen Umsturzversuch gegen den von Briten und Amerikanern installierten samoanischen König Mataafa Josefo unternahm. Ob der daraufhin zunehmenden Spannungen belauerten schließlich vor Apia drei amerikanische und ein britisches Kriegsschiff drei deutsche Kriegsschiffe, um weitere Operationen des Kaiserreichs zu unterbinden. Dieser erste Kontakt mit dem imperialistischen Manövrieren europäischer Mächte besorgte Cleveland, der aber weiterhin die Probleme der Vereinigten Staaten für hausgemacht hielt.[158] Er sandte dem Kongress am 16. Januar 1889 eine Note, in der er seine Entschlossenheit, die amerikanischen Interessen in Samoa zu verteidigen, zum Ausdruck brachte. Von einer geplanten offiziellen Verurteilung der Aktionen des Deutschen Kaiserreichs in Samoa nahm er nach nochmaligen Nachdenken Abstand. Die unmittelbare Kriegsgefahr fand schließlich kurz nach Harrisons Amtseinführung ein natürliches Ende, denn ein tropischer Wirbelsturm versenkte Ende März alle Kriegsschiffe bis auf das der Briten.[159]

Präsidentschaftswahl von 1888

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Ergebnisse der Präsidentschaftswahl 1888 im Überblick

Der Präsidentschaftswahlkampf 1888 stieß im Großteil des Landes nur auf mäßiges Interesse, denn das Weiße Haus war damals noch nicht so präsent in der öffentlichen Aufmerksamkeit wie in späteren Zeiten. Zudem kamen den meisten Amerikanern die Präsidenten seit Lincoln einer wie der andere vor, ohne im Gedächtnis haften zu bleiben. Die Nominierung Clevelands zur Wiederwahl war schon vor Beginn der National Convention in St. Louis Anfang Juni 1888 beschlossene Sache. Zwar lehnte Tammany Hall Cleveland nach wie vor ab, fand aber keine Unterstützung bei anderen Faktionen. So wurde er am Ende von der Versammlung per Akklamation zum Präsidentschaftskandidaten bestimmt und ging mit Senator Thurman als Running Mate ins Rennen. Dieser hatte sich zwar als Gegner der Zollsenkungen erwiesen, genoss aber große Popularität, weshalb Cleveland keine Einwände gegen ihn als Vizepräsident hatte. Das Wahlprogramm setzte keine Akzente, sondern verwies einfach auf die letzten Reden Clevelands. Der Präsident selbst nahm die Nominierung mit der Aussicht auf eine weitere Wahlkampagne mit „lauwarmen“ Gefühlen entgegen. Den Wahlkampf organisierte daher trotz seines fortgeschrittenen Alters Senator Thurman.[160]

Mitte Juni erkoren die Republikaner Benjamin Harrison, der im Sezessionskrieg als General in der Unionsarmee gedient hatte und ein Enkel des früheren Präsidenten William Henry Harrison war, auf ihrer Convention in Chicago zu ihrem Präsidentschaftskandidaten. Trotz seines Triumphs genoss Harrison keine besondere Popularität in der Partei geschweige denn in der Bevölkerung, sondern galt als „kalt wie ein Eisberg“. Die Wahlkampfbotschaft der Republikaner sprach sich für höhere Zölle und eine großzügigere Pensionsversorgung der Veteranen aus. Diese konnten dadurch ihre Wahlkampfkasse füllen, indem sie Unternehmern für eine Unterstützung höhere Schutzzölle zusicherten. In New York sammelten sie so eine bis dahin unerreichte Rekordsumme an Wahlkampfspenden ein, was ihnen ermöglichte, deutlich mehr Redner für ihre Kampagne zu gewinnen als die Demokraten. Harrisons Kampagne griff Cleveland nicht nur als Proponent des Freihandels an, sondern skandalisierte seine Entscheidung, die im Sezessionskrieg eroberten Konföderiertenflaggen an die Südstaaten zurückzugeben.[161]

Die Konterfeis der Clevelands auf Werbematerial aus dem Wahlkampf 1888

Besonderen Schaden fügte die Murchison-Affäre Cleveland zwei Wochen vor dem Wahltag zu. Diese beruhte auf einem Brief eines kalifornischen Republikaners an den britischen Botschafter Lionel Sackville-West. In der Korrespondenz gab sich der Schreiber als Migrant aus dem Vereinigten Königreich mit dem Namen Charles F. Murchison aus und fragte Sackville-West, für welchen Kandidaten er bei der Präsidentschaftswahl stimmen sollte. Als der Botschafter zur Wahl Clevelands riet, nutzten die Republikaner diese Vorlage und veröffentlichten den Schriftverkehr. Dadurch sollte der Eindruck erweckt werden, dass Cleveland unter Kontrolle Londons stehe, das für globalen Freihandel eintrat, und das Vereinigte Königreich ein besonderes Interesse an seiner Wiederwahl habe. Als vorteilhaft für die Wahlkampagne der Demokraten erwies sich die Popularität der First Lady, deren Konterfei gemeinsam mit dem des Präsidenten auf Millionen von Giveaways angebracht war, wobei beide mit gemischten Gefühlen auf diese Form des Marketings blickten.[162] Cleveland hielt selbst keine Wahlkampfreden, weil er das mit der Würde des Amts für unvereinbar hielt. Als einzige Stellungnahme im Wahlkampf seinerseits blieb der Brief, mit dem er im September die Nominierung durch den National Convent akzeptierte. Im gleichen Monat fiel der Vizepräsidentschaftskandidat aus gesundheitlichen Gründen als Organisator der Wahlkampagne aus, was diese erheblich zurückwarf.[163]

Obwohl er bei der Gesamtzahl der Stimmen im November 1888 eine historisch knappe Mehrheit erreichte (48,6 gegenüber 47,8 Prozent), führte das Ergebnis im Wahlmännergremium mit 233 zu 168 zu einer Niederlage Clevelands, vor allem weil er im Vergleich zu 1884 die Schlüsselstaaten New York und Indiana an die Republikaner verloren hatte. Es war das zweite Mal in der amerikanischen Geschichte, dass ein Kandidat das Wahlmännergremium gewann, obwohl er aus dem Popular Vote schwächer als sein Gegner hervorgegangen war. Seither geschah dies nochmals bei den Wahlen 2000 und 2016. Während Cleveland seine Zollpolitik, zu der er weiterhin stand, für die Niederlage mitverantwortlich machte, sieht Graff vor allem die „zersplitterte“ Kampagnenführung und deren mangelnde Führung durch den Präsidenten als ursächlich für die fehlenden Stimmen an.[164] Lammersdorf (2002) resümiert, dass Cleveland der „emotionalen und nationalistischen Kampagne“ der Republikaner nichts entgegensetzen konnte.[165]

Zwischen den Präsidentschaften (1889–1892)

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Nach der Amtseinführung Harrisons verkauften die Clevelands ihr Anwesen Red Top, kehrten Washington den Rücken und erwarben nach kurzer Zeit ein Brownstone-Haus in Manhattan. Dort erlebten sie eher ruhig und zurückgezogen mit einem überschaubaren Freundes- und Bekanntenkreis. Cleveland hatte die Hälfte seiner Einkünfte als Präsident – etwa 100.000 US-Dollar – beiseite legen können, was ihn nicht zu einem reichen Mann machte. Sein Bemühen um eine Wiederaufnahme der Anwaltstätigkeit entsprang jedoch weniger finanziellen Gründen als dem psychologischen Bedürfnis, einer Arbeit nachzugehen. Dabei kam ihm zugute, dass er als Ex-Präsident ein gesuchter Partner für eine Kanzlei war.[166] Clevelands Freund Francis Stetson gewann ihn schließlich im April 1889 als Berater für seine Kanzlei.[167] Clevelands Arbeit bestand vor allem daraus, von den Gerichten zugewiesene Schiedsverfahren zu übernehmen. Größter Kunde der Kanzlei war der einflussreiche Privatbankier J. P. Morgan, den Cleveland auf diese Weise kennen und schätzen lernte.[168] Im Oktober 1890 hatte Cleveland als erster Ex-Präsident seit John Quincy Adams in einer Rechtssache einen Auftritt vor dem Obersten Bundesgericht.[169]

Trotz seinem Ausscheiden aus dem Politbetrieb konnte Cleveland die Aufmerksamkeit nicht von der Administration Harrisons lassen, zumal ihn sein Nachfolger täglich davon überzeugte, dass er selbst der deutlich befähigtere Präsident sei.[170] Ob es ihm beim späteren Comeback darum ging, seine frühere Regierung durch das Volk bestätigen zu lassen und die begonnene Arbeit fortzusetzen, oder ob er der Langeweile seines New Yorker Lebens entkommen wollte, ist nicht klar. Was Cleveland an der Politik Harrisons und seines Kabinetts beunruhigte, war unter anderem, dass John Wanamaker und andere Großunternehmer zu Ressortchefs berufen worden waren, so dass die Allgemeinheit das Gremium als Businessmen’s Cabinet („Geschäftsleute-Kabinett“) bezeichnete. Etliche politische Entscheidungen Clevelands wurden rückgängig gemacht; jeder Unionsveteran erhielt eine Pension, das „Beutesystem“ in den Bundesbehörden lebte wieder zu alter Größe auf und mit dem McKinley-Tarif wurden die Schutzzölle auf ein Rekordniveau gehoben. Die drastische Steigerung bei den Zöllen auf Konsumgüter traf vor allem die Farmer, die im Norden und Westen republikanische Stammwählerschaft darstellten. Der Unmut darüber und die Ablehnung der von Washington geplanten Rückkehr zum Goldstandard führte vor allem im Süden und Westen zur Popularität der seit den 1870er Jahren bestehenden Farmers’ Alliance-Bewegung, aus der 1892 die Populist Party hervorging. Bei den midterm elections („Halbzeitwahlen“) im Herbst 1890 erlitten die Republikaner folgerichtig insbesondere auf dem Land eine herbe Niederlage. Die Demokraten schauten daher mit Zuversicht auf die kommende Präsidentschaftswahl, während Cleveland sich als Ex-Präsident traditionell nicht zur Politik seines Amtsnachfolgers äußerte.[171] Zumindest indirekt attackierte er die Bundesregierung jedoch im März 1890, als er vor einer Lokalgruppe der Farmers’ Alliance in Ohio die negativen Folgen der höheren Zolltarife für die Landwirte skizzierte.[172]

Anfang 1890 verbreitete sich eine Stimmung für Cleveland als nächsten Präsidentschaftskandidaten unter den Demokraten. Zu dieser Zeit hatte vor allem New Yorks Gouverneur David B. Hill Aspirationen auf einen Sieg auf dem Nominierungsparteitag gehabt.[173] Am 10. Februar 1891 brach er im Silberbrief mit den Kongressdemokraten, die sich für eine unbeschränkte Prägung von Silbermünzen als gesetzlichem Zahlungsmittel aussprachen, ein vor allem im Süden und Westen der Vereinigten Staaten populäres Vorhaben. Cleveland, der fest hinter dem Goldstandard stand, bezeichnete dies als ein „gefährliches und verantwortungsloses Experiment“. Zugleich signalisierte er mit dieser öffentlichen Kritik, der im Jahresverlauf regelmäßig weitere politische Positionierungen folgten, dass er wieder die Präsidentschaft anstrebte. Hinzu kam, dass er eine Nominierung des „Silberadvokaten“ Hills befürchtete, gegen den er außerdem eine persönliche Abneigung hegte, was auf Gegenseitigkeit beruhte. In diesem Vorhaben unterstützte ihn Frances, die eine Rückkehr als First Lady anstrebte. Zwar war er sich bis Jahresende 1891 darüber im Klaren, wieder ins Rennen um das Weiße Haus zu gehen zu wollen, aber er war nicht bereit, selbst um eine Nominierung durch die Demokraten zu kämpfen, sondern delegierte dies an seinen früheren Anwaltspartner und Freund Bissell.[174]

Präsidentschaftswahl von 1892

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Wahlkampfposter für Cleveland und Stevenson (1892)
Ergebnisse der Präsidentschaftswahl 1892 im Überblick

Hill, seit Anfang 1892 Senator von New York, blickte zuversichtlich auf den Nominierungsparteitag der Demokraten, der am 21. Juni 1892 in Chicago begann. Tammany Hall stand weiterhin in Opposition zu Cleveland und seine Stellungnahme gegen Silbermünzen als Zahlungsmittel hatten ihm Demokraten im Süden und Westen entfremdet. Dennoch erreichte Cleveland im ersten Wahldurchgang in den frühen Morgenstunden des 23. Juni die erforderliche Zweidrittelmehrheit für die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten.[175] Hierbei kam Cleveland zugute, dass die Debatte um die Silberfrage seit Mitte 1891 in den Hintergrund getreten war und Hill in der Kritik stand, nach seiner Wahl zum Senator als Gouverneur nicht unmittelbar zurückgetreten zu sein, wie es in New York übliche Praxis und in anderen Bundesstaaten gesetzlich vorgeschrieben war.[176]

Als running mate wurde Adlai Ewing Stevenson senior erkoren, ein „Silber-Demokrat“ und stellvertretender Postminister im ersten Kabinett Cleveland. Zwar griff das Wahlprogramm den McKinley-Tarif von 1890 als klassistisch motivierte Gesetzgebung an,[177] bei der so wichtigen Währungsfrage umging es jedoch eine klare Positionierung. Bei den Republikanern herrschte wenig Enthusiasmus für Amtsinhaber Harrison, der aber mangels Alternativen von der Republican National Convention erneut zum Präsidentschaftskandidaten bestimmt wurde. Die Partei hoffte auf den Respekt der Bevölkerung, die diese Harrison als Familienvater und engagiertem Temperenzler zollte.[178]

Im Wahlkampf hielt Cleveland keine öffentlichen Reden, aber er engagierte sich mehr als 1888, indem er in Briefen Position bezog und an Strategiesitzungen der Kampagnenplanung teilnahm.[179] In seinen Texten und Reden vermied er das Thema Silber, während er Politiker aus den Südstaaten zu verstehen gab, dass er mit Abneigung auf eine mögliche Wahlrechtsgesetzgebung für Afroamerikaner blickte.[180] Im Spätsommer kam es zu einem größeren Treffen zwischen Cleveland und Tammany Hall, um das Kriegsbeil zu begraben. Die Konferenz endete versöhnlich, es dauerte aber noch bis Ende September, bis Hill sich hinter Clevelands Kandidatur stellte und für ihn Wahlkampf machte. Als die Republikaner nach dem Tod der First Lady Caroline Harrison Ende Oktober ihren Wahlkampf einstellten, ordnete Cleveland aus Respekt gleiches für die demokratische Wahlkampagne an. Der von den Farmern getragene Wahlkampf der Populist Party für ihren Kandidaten James B. Weaver wurde von Cleveland und Harrison aufmerksam verfolgt, nicht zuletzt wegen dessen verbaler Härte. Die Erwartung vieler, dass die leidenschaftliche Kampagne der Populist Party die Wählerschaft der Demokraten in den Südstaaten und der Republikaner im Mittleren Westen spalten werde, bewahrheitete sich nicht. Insgesamt blieb der Wahlkampf 1892 einer der ereignisärmsten in der amerikanischen Geschichte.[181]

Die Wahl am 8. November 1892 konnte Cleveland dann gegen Präsident Harrison gewinnen. Er sicherte sich 46 Prozent der Stimmen, für Harrison sprachen sich 43 Prozent der Wähler aus. Im entscheidenden Wahlmännergremium errang er eine klare Mehrheit 277 gegenüber 145 Wahlmännern. Einen beachtlichen Erfolg erzielte die Populist Party, die auf 22 Wahlmänner kam. Neben dem Solid South gewann Cleveland die Oststaaten, Kalifornien sowie alle industriell geprägten Regionen, vor allem wegen seiner unbeirrten Verteidigung des Goldstandards. Außerdem besiegte er Harrison in dessen Heimatstaat Indiana. Den Triumph komplettierte der Umstand, dass die Demokraten bei den zeitgleich stattgefundenen Kongresswahlen über Haus und Senat die Kontrolle erlangten, womit eine „vereinte Regierung“ (unified government) gesichert war.[182]

Zweite Präsidentschaft (1893–1897)

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Präsidentschaftsübergang und Amtseinführung

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Cleveland (Bildmitte, stehend) beim Halten der Antrittsrede vor dem Ostportiko des Capitols (1893)

Am 2. März machten sich die Clevelands von ihrem damaligen Wohnort, einem Cottage in Lakewood, New Jersey, aus auf den Weg nach Washington. Am nächsten Tag besuchten sie den ausscheidenden Präsidenten zu einem Dinner im Weißen Haus. Wegen eines Blizzards fand am folgenden Vormittag die traditionelle Parade von ausscheidendem und neuem Präsidenten vom Weißen Haus zum Capitol vor menschenleeren Tribünen auf der Pennsylvania Avenue statt.[183] Clevelands Amtseid nahm ihm der Oberste Bundesrichter Melville W. Fuller ab, der vom Präsidenten während seiner ersten Amtsperiode für diese Position vorgeschlagen worden war.[184] Wie bei der ersten Amtseinführung hielt Cleveland die Ansprache, die dieses Mal etwas länger als 1885 ausfiel, aus dem Gedächtnis. Er ging auf vertraute Positionen und Ziele ein; so sprach er sich für eine Einhegung der Monopole und Senkung der Zölle aus. Außerdem rief er zu einem menschenwürdigeren Umgang mit den Indigenen auf, und deren Rechte gegen die „Habgier berechnender Männer“ zu verteidigen.[185]

Mit seiner Amtseinführung an diesem Tag wurde Cleveland bis zur zweiten Amtseinführung von Donald Trump im Januar 2025 der einzige amerikanische Präsident, der das Präsidentenamt in zwei nicht unmittelbar aufeinander folgenden Amtsperioden ausübte.

Kabinettsauswahl

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Präsident Cleveland mit seinem zweiten Kabinett von links nach rechts (stehend und sitzend): Kriegsminister Lamont, Innenminister David Rowland Francis, Außenminister Richard Olney, Postminister William L. Wilson, Cleveland, Marineminister Hilary A. Herbert, Finanzminister Carlisle, Landwirtschaftsminister Julius Sterling Morton und Justizminister Judson Harmon (ab September 1896)

Cleveland stieß zwar auf Schwierigkeiten bei der Kabinettsauswahl, aber wenige Tage nach seiner Amtseinführung hatte er diesen Prozess größtenteils abgeschlossen.[186] Anders als beim letzten Mal ernannte Cleveland nun seinen langjährigen Freund Bissell zum Postminister. Beim Außenministerium entschied er sich für Walter Q. Gresham, der 1884 und 1888 noch am Nominierungswettbewerb um die republikanische Präsidentschaftskandidatur teilgenommen hatte. Zum Justizminister erkor er den renommierten Juristen Richard Olney. Dieser folgte im Juni 1895 dem verstorbenen Gresham als Secretary of State und stach in beiden Ämtern hervor. Insgesamt wies die Besetzungsliste des Kabinetts wie bereits die von 1885 politisch enormes Potenzial auf.[187]

Weißes Haus und eine geheime Operation

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Weil ein Enkelkind Harrisons im Weißen Haus an Scharlach erkrankt war, bezogen die Clevelands aus Sorge um ihre jüngste Tochter Ruth für einige Zeit im Anwesen von Admiral David Dixon Porter in der H Street in Downtown Washington Quartier, das daraufhin als The Little White House („Das kleine Weiße Haus“) Bekanntheit erlangte.[188] Als Ausweichquartier für die heißen und schwülen Sommer in Washington unterhielt Cleveland außerdem ein Strandhaus namens Gray Gables in Bourne, Massachusetts, das er auch im Ruhestand weiter behielt.[189]

Am 1. Juli musste Cleveland ein krebsartiges Geschwür am oberen Gaumen entfernt werden.[190] Möglicherweise wurde es durch ausgiebigen Genuss von Kautabak ausgelöst.[191] Die Operation wurde geheim gehalten, um keinen Zweifel an der Amtsfähigkeit des Präsidenten aufkommen zu lassen.[192] Außerdem befürchtete man einen Börsencrash, sollte Clevelands schwere Erkrankung bekannt werden, denn Vizepräsident Stevenson war ein Anhänger freien Silbers.[193] Dazu wurde die Behandlung auf einer Yacht im East River nahe eines Hospitals durchgeführt;[194] erst 25 Jahre später erfuhr die Öffentlichkeit davon. Bei dieser Operation und einer weiteren zwei Wochen später wurde außerdem ein Teil von Clevelands Oberkiefer entfernt und stellenweise mit vulkanisiertem Gummi ersetzt. Dies gewährleistete, dass Clevelands Artikulation und Gesichtserscheinung unverändert blieben.[195]

Wirtschaftskrise und Währungsfrage

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Panik auf dem Parkett der New York Stock Exchange am 5. Mai 1893 (Frank Leslie's Illustrated Newspaper, 18. Mai 1893)

Clevelands Amtsantritt fiel mit dem Beginn der Wirtschaftskrise von 1893 zusammen. Sinkende Marktpreise trafen vor allem die Landwirtschaft, aber auch ein Fünftel der Fabrikarbeiter verlor ihre Stelle.[196] Von 1893 bis 1897 mussten mehr als 600 Banken geschlossen werden, über 15000 Unternehmen gingen in die Insolvenz und die Arbeitslosigkeit stieg phasenweis auf knapp 20 %.[197]

Unter den Demokraten wurden Stimmen laut, die den McKinley-Tarif der Harrison-Administration für die Krise verantwortlich machten. Cleveland sah das Problem vor allem darin, dass wegen des Sherman Silver Purchase Act (Shermans Gesetz zum Silberkauf) von 1890 das Vertrauen der Bürger in die Dollarnoten verloren gegangen sei. Das Gesetz hatte in eingeschränktem Umfang den staatlichen Ankauf von Silber und entsprechende Münzprägung zugelassen und damit den Goldstandard in Richtung Bimetallismus verschoben. Der Präsident befürchtete, diese Doppelwährung schade der Goldversorgung der Vereinigten Staaten. Im Einzelnen sah es dann so aus, dass Bürger, aber auch Banken mit dem wegen des großen Angebots günstigen Silber Banknoten einkauften und das Papiergeld dann gegen Gold eintauschten, das sie horteten.[198] Dies wurde dadurch verstärkt, dass der Silber- einen um 20 % geringeren Wert besaßen als der Golddollar.[199]

Am 5. Mai 1893 führte die Wirtschaftskrise zu einer Panik auf dem amerikanischen Finanzmarkt, in deren Verlauf viele Anleger Gold und Silber verkauften und die Metallpreise auf Talfahrt schickten. Am 27. Juni brachen schließlich die Börsenkurse ein. Die landesweite Krisenstimmung veranlasste Cleveland, eine Sondersitzung des Kongresses einzuberufen.[200] Cleveland ging es insgesamt darum, den Goldstandard wieder durchzusetzen. Noch im ersten Jahr seiner zweiten Amtszeit konnte er den Kongress von einer Aufhebung des Sherman Silver Purchase Act überzeugen, die am 30. Oktober 1893 verabschiedet wurde.[201] Um dieses Gesetz durchzusetzen, hatte er erstmals als Präsident erheblichen Druck auf Abgeordnete und Senatoren ausgeübt, indem er sie beim Aufbau von Patronagenetzwerken blockierte.[202]

Ende März 1894 legte er Veto gegen ein Gesetz von Richard P. Bland ein, das dem Bimetallismus Vorschub leistete. Die Finanzkrise verschärfte sich im Jahresverlauf 1894, als die Wirtschaft insbesondere im Süden und Westen Amerikas von einer Rezession beherrscht wurde und die Goldreserven weiter ausdünnten. In Europa machte sich Sorge breit, dass die Vereinigten Staaten vor dem wirtschaftlichen Kollaps standen.[203] Ende August 1894 wurde der Wilson–Gorman Tariff Act verabschiedet, der mit der Einführung einer Einkommenssteuer der durch die Krise bedingten Finanznot des Staates Abhilfe schaffen sollte.[204]

Die Einkommenssteuer wurde allerdings im Juni 1895 vom Obersten Bundesgericht als verfassungswidrig erklärt und aufgehoben.[205] Dies vertiefte bei vielen Farmern und Arbeitern die Verachtung für Washington. Der Wilson–Gorman Tariff Act war ohnehin eine Enttäuschung für Cleveland gewesen, denn der Senat, der von regionalen wirtschaftlichen Interessen beherrscht wurde,[206] hatte im Gesetzgebungsprozess so viele Ausnahmen ergänzt, dass die damit beabsichtigte Zollsenkung zum Ausgleich des McKinley-Tarifs kaum zum Tragen kam. Er hatte das Gesetz daher ohne seine Unterschrift inkraft treten lassen.[207]

Die Finanzkrise spitzte sich derart zu, dass sich Ende Januar 1895 die staatlichen Goldreserven auf nur noch 68 Mio. US-Dollar beliefen und ein Bankansturm kurz bevorstand. In dieser Situation sandte Cleveland am 28. Januar eine appellative Sonderbotschaft an den Kongress, in der er die Ausgabe von dreiprozentigen Staatsanleihen und eine Rücknahme von Dollarnoten aus dem Geldverkehr forderte, und nahm Kontakt zu den Großbankiers Morgan und August Belmont auf. Nach einigem Hin und Her und mehreren Treffen im Weißen Haus kam es schließlich am 8. Februar zu einer Einigung.[208]

Insgesamt kam Cleveland niemals auf die Idee, der sozialen Verelendung durch die Wirtschaftskrise mit staatlichen Direkthilfen entgegenzuwirken. Damit folgte er einerseits wie auch die Republikaner dem Zeitgeist, andererseits hatte er während seines Interregnums mehr Sensibilität für die Forderungen von Unternehmern und Bankern entwickelt. So reagierte die Öffentlichkeit auf Proteste von Arbeitslosen und anderen ins Elend gestürzten mit Ablehnung und Verständnislosigkeit.[209]

Gemäß der Vereinbarung kaufte Morgan mit einem von ihm gebildeten Bankensyndikat für 60 Mio. US-Dollar in Gold amerikanische Staatsanleihen zu attraktiven Zinssätzen. Diese in der Öffentlichkeit als gold deal bekannt gewordene Vereinbarung löste einen lauten Aufschrei im Volk aus. Einmal mehr, so hieß es, arbeite der Präsident mit dem großen Geld zusammen, während die Bevölkerung weiter unter der Rezession leide. Sein Ruf wurde weiter geschädigt, als Morgan später vor einem Kongressausschuss die Aussage zu seinen Gewinnen aus dem gold deal verweigerte. Insgesamt stabilisierte diese Vereinbarung, der im Januar 1896 weitere Aufkäufe durch die Banken folgten,[210] aber die Währung, auch wenn sich der Rückgang der amerikanischen Goldreserven in den nächsten Jahren fortsetzte. Dennoch galt Cleveland für viele frühere Anhänger seit dem gold deal als eine Marionette von Wall Street und Banken.[211] Zudem waren zwar die Goldreserven stabilisiert worden, aber die Staatsverschuldung der Vereinigten Staaten auf 262 Mio. US-Dollar angewachsen.[212]

Aus Protest gegen den gold deal Clevelands zog sich der Demokrat William Jennings Bryan im März 1895 aus dem Kongress zurück und ging auf eine landesweite Redetour, wo er in Opposition zur Linie des Weißen Hauses für freies Silber warb. Bald galt er allgemein als der kommende Präsidentschaftskandidat der Demokraten für 1896.[213] Cleveland betrachtete Bryan nicht als Demokraten, sondern als einen Populisten.[214]

Clevelands Flottenbauprogramm aus der ersten Amtszeit hatte es für die Marine zur Ausdehnung ihrer Reichweite notwendig gemacht, fern der Heimat die Kohleversorgung sicherzustellen. Im Jahr 1887 war ein entsprechender Vertrag mit der Krone Hawaiis geschlossen und Pearl Harbor als Versorgunshafen und Werft für die US Navy etabliert worden. Viele amerikanische Bürger wie Missionare, Zuckerpflanzer und Geschäftsleute, die auf Hawaii lebten, hofften seitdem auf Protektion durch Washington. Nachdem der McKinley-Tarif diese finanziell getroffen hatte und außerdem die amerikakritische Königin Liliʻuokalani 1891 den Thron bestieg, strebten die amerikanischen Hawaiianer eine Annexion ihrer Insel als Bundesstaat durch die Vereinigten Staaten an. Am 15. Januar 1893[215] schließlich stürzten sie mit Unterstützung des vom amerikanischen Botschafter herbeigerufenen United States Marine Corps Liliʻuokalani und setzten eine provisorische Regierung ein. Noch in den letzten Amtswochen bereitete Präsident Harrison einen Vertrag zur Annexion Hawaiis vor und leitete ihn an den Senat weiter. Die öffentliche Stimmung stützte ihn dabei, allgemein wurde ein Aufstieg der Vereinigten Staaten in die Reihe der europäischen Kolonialmächte angestrebt. Mit diesem Motiv waren oft rassistische Überzeugungen von der Überlegenheit der weißen angelsächsischen Protestanten (White Supremacy) über den Rest der Welt sowie sozialdarwinistische Ideen verbunden. Cleveland hielt jedoch an seiner antiimperialistischen Einstellung fest, die er aus der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten und dem dort postulierten Recht aller Menschen auf Selbstregierung ableitete.[216]

Mit der Amtsübernahme zog Cleveland den von Harrison im Senat eingebrachten Vertrag zur Annexion Hawaiis zurück.[217] Im April 1893 griff Cleveland bei der Krise im Königreich Hawaiʻi direkt ein, indem er den Rückzug des Marinekorps anordnete und den früheren Kongressabgeordneten Albert S. Willis als neuen Gesandten nach Hawaii mit dem Auftrag entsandte, Königin Liliʻuokalani wieder zu inthronisieren.[218] In seiner ersten Ansprache zur Lage der Union während der zweiten Amtszeit im Dezember 1893 kam er auf Hawaii zu sprechen und bezeichnete das Handeln der vorigen Administration in dieser Sache als ein Unrecht, das es wieder rückgängig zu machen gelte. Er befand sich in einer Zwickmühle, denn Liliʻuokalani war nur mit Gewalt gegen die amerikanischen Umstürzler wieder einzusetzen. Clevelands Partei, in großen Teilen von seinem antiimperialistischen Beharren enttäuscht, war andererseits nicht bereit, als Republik, die aus einem Unabhängigkeitskrieg gegen die Krone des Mutterlands hervorgegangen war, die Restauration einer Monarchie zu unterstützen. Daher konnte Cleveland in dieser Sache nichts weiter unternehmen.[219] Am 4. Juli 1894 scheiterte schließlich die Reinthronisierung von Liliʻuokalani endgültig und die Republik Hawaii wurde ausgerufen mit dem Richter Sanford Dole als erstem Präsident. Am 9. September erkannte Washington die Republik als neuen Staat an.[220]

Versammlungsaufruf der Gewerkschaften während des Pullman-Steiks (1894)

Die soziale Verelendung im Zuge der Wirtschaftskrise führte zu Unruhen, wie etwa dem Marsch der aus Arbeitslosen bestehenden Coxey’s Army von Ohio zum Kapitol nach Washington im April 1894, wobei am Ende mehrere Hundert Teilnehmer den Zielort erreichten und Anführer Jacob S. Coxey wegen des Betretens des Rasens vor dem Kapitol verhaftet wurde,[221] und Arbeitskämpfen wie etwa einem landesweiten Streik von 160.000 Kohlearbeitern im Frühjahr. Am 11. Mai brach der Pullman-Streik in Chicago aus, als der Industrielle George Mortimer Pullman drei Gewerkschaftsmitglieder entließ, die Beschwerden vorbrachten. Nachdem ihre Löhne im Jahr zuvor um 25 % gesenkt worden waren,[222] forderten die Gewerkschafter wieder eine Lohnerhöhung sowie eine Senkung der weit überhöhten Mieten[223] für die von der Pullman Palace Car Company gestellten Wohnungen.[224] Danach entließ Pullman alle weiteren Arbeiter, die Beschwerden vorbrachten und schloss die Fabrik.[225] Ende Juni schloss sich die Eisenbahnergewerkschaft unter Führung des Sozialisten Eugene V. Debs dem Streik an, indem sie sich weigerten, Pullman-Eisenbahnwaggons zu transportieren und abzufertigen. Dies hatte Auswirkungen auf eine Schienenlänge von mehr als 60.000 Kilometern zur Folge.[226]

Außerdem traten rasch Ausfälle bei der Postzustellung insbesondere im Westen[227] und im Handel zwischen den Bundesstaaten zutage, was Cleveland nicht zu dulden bereit war. Justizminister Olney, ein früherer Anwalt im Dienste der Eisenbahnunternehmer, riet dem Präsidenten zum Einsatz des Militärs, ohne Gerichtsentscheide abzuwarten. Olney entsandte einen Sonderbeauftragten zum United States Attorney von Chicago mit dem Auftrag, den Streik zu brechen, indem Haftbefehle gegen diejenigen ausgestellt werden sollten, die den Postverkehr behinderten. Grundlage dafür war der Sherman Antitrust Act, der den Handel zwischen den Bundesstaaten schützte.[228] Laut Lammersdorf (2002) legte es Olney darauf an, die Streikenden zur Gewalt zu provozieren.[229]

Cleveland wollte eigentlich eine Intervention des Bundes vermeiden, aber Olney, hinter dem die Eisenbahnunternehmer standen, übte großen Druck auf ihn aus und auch die Öffentlichkeit war gegen die Streikenden. Schließlich erwirkten die Unternehmen mit Olney eine Aussperrung der Streikenden, die von diesen gewaltsam gebrochen wurde, was das Fass endgültig zum Überlaufen brachte.[230] Am 2. Juli wurde ein Haftbefehl gegen Debs ausgestellt. Am 3. Juli tagte das Kabinett und Olney konnte Cleveland davon überzeugen, den Streik in Chicago mit Bundestruppen zu brechen, die am nächsten Tag dort eintrafen.[231] Zudem wurde die Lage dadurch verschärft, dass in Chicago bereits Hunderttausend Obdachlose aus allen Teilen des Landes die Straßen bevölkerten, die im Zuge der Weltausstellung von 1893 dort Anstellung gesucht hatten.[232]

Nach Ankunft der Bundestruppen in Chicago kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen, die nur zum Teil von den Streikenden selbst angezettelt wurden. Bis zum 10. Juli wurde ein Teil der Weltausstellung von 1893 verwüstet und Güterwagen abgefackelt; 13 Menschen kamen ums Leben und mehr als 50 wurden verletzt. Am 10. Juli wurde schließlich Debs verhaftet, womit der Streik endete. Während Gewerkschaften und Anhänger der Rechte der Einzelstaaten (States’ rights) Clevelands Handeln kritisierten, unterstützten viele Zeitungen das energische Vorgehen des Präsidenten und stellten ihn teilweise als Helden dar. Illinois Gouverneur John Peter Altgeld schrieb einen Protestbrief an Cleveland, in dem er das Eingreifen der Bundestruppen als eine überhastete Entscheidung kritisierte.[233]

Kubanischer Unabhängigkeitskrieg

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Im Februar 1895 begann der Kubanische Unabhängigkeitskrieg, wobei die Unabhängigkeitskämpfer in den Vereinigten Staaten größtenteils mit Sympathie betrachtet wurden, befeuert auch durch das Medienimperium von William Randolph Hearst und Joseph Pulitzer. Im Juni 1895 rief Cleveland alle amerikanischen Bürger dazu auf, jede Verwicklung in den Kubanischen Unabhängigkeitskrieg zu vermeiden.[234]

Im Frühjahr 1896 wurden im Senat Stimmen lauter, die von Spanien eine Änderung des Status von Kuba oder einen kompletten Rückzug forderten. Cleveland schlug eine Art Home Rule vor, wie zu dieser Zeit auf Irland erprobt, und signalisierte, dass die Vereinigten Staaten der Unfähigkeit des Königreichs Spanien, eine Lösung für Kuba zu finden, allmählich leid seien. Der Senat schlug außerdem Cleveland als Vermittler im Kubanischen Unabhängigkeitskrieg vor. Ende Mai 1896 wies Madrid jegliches Vermittlungsangebot Clevelands im Krieg gegen Kuba zurück, was die amerikanische Öffentlichkeit noch mehr Partei für die Unabhängigkeitskämpfer ergreifen ließ.[235] Cleveland blieb bei seiner strikten Neutralität in diesem Krieg, aber Außenminister Olney forderte in einer harschen Note an Madrid während des Wahlkampfs, der den Kubanischen Unabhängigkeitskrieg nicht aus der nationalen Aufmerksamkeit verdrängt hatte, Konzessionen Spaniens an die Unabhängigkeitskämpfer. Von Madrid wurde dies als impertinente Forderung umgehend abgelehnt. Clevelands Administration positionierte sich gegen die Falken im Kongress, aber nach November 1896 war Cleveland als abgewählter Präsident nur noch eine Lame Duck, die zudem keinen Rückhalt mehr in der Partei hatte.[236]

Während seiner letzten Ansprache zur Lage der Nation im Dezember 1896 kam Cleveland noch einmal auf den Kubanischen Unabhängigkeitskrieg zu sprechen. Er räumte zwar ein, dass bei einem Krieg mit Spanien der Ausgang gewiss sei, sich die Vereinigten Staaten bei ihrem Handeln „von Recht, nicht Macht“ leiten lassen sollten.[237] Bei der Amtsübergabe an seinen Nachfolger McKinley Anfang März 1897 warnte er diesen, dass ein Krieg mit Spanien unmittelbar bevorstehen könnte.[238]

Grenzkonflikt zwischen Britisch-Guayana und Venezuela

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Der Grenzdisput, der auch den die Kontrolle über einen großen geopolitischen Raum gebenden Orinoco betraf, ging auf den Britisch-Niederländischen Vertrag von 1814 zurück, bei dem ein Teil von Niederländisch-Guayana an London fiel. Gegen Ende des Jahrhunderts war der Konflikt durch Goldfunde in der Region wieder aufgeflammt,[239] was am Ende zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Caracas und London geführt hatte.[240] Hinzu kam, dass sich das Vereinigte Königreich in den 1890er Jahren verstärkt in Amerika präsentierte, was der Monroe-Doktrin und den Bestrebungen der jüngst gegründeten Internationalen Union der amerikanischen Republiken zuwiderlief.[241]

Bereits während Clevelands erster Amtszeit war er mit Vermittlungsangeboten in diesem Disput bei den Briten abgeblitzt. Im Herbst 1894 gewann die Sache durch das Pamphlet eines venezolanischen Lobbyisten, das in Washington zirkulierte, großen Einfluss auf den Kongress. Anfang 1895 rief dieser den Präsidenten dazu auf, Caracas und London an den Verhandlungstisch zu zwingen. Cleveland, der außenpolitisch in Hawaii Schwäche gezeigt hatte, war fest dazu entschlossen, als Mediator aufzutreten. Im Juli 1895 sandte Olney, seit kurzem Außenminister, mit seinem Einverständnis eine ungewöhnlich scharfe Note nach London, die erklärte, dass jeder Versuch den Grenzdisput mit Gewalt zu lösen, von Washington, dem „praktischen Souverän über diesen Kontinent“, als eine Verletzung der Monroe-Doktrin angesehen und entsprechende Gegenmaßnahmen zur Folge haben werde. Während über dem Atlantik diese Note mit Verwunderung und Unglauben aufgenommen wurde, herrschte in den Vereinigten Staaten Freude über diese Geste, insbesondere bei der starken Fraktion der Irisch-Amerikaner innerhalb der Demokraten aber auch beim zunehmend anglophoben Unternehmertum. Erst im November 1895 antwortete der britische Außenminister Robert Gascoyne-Cecil, 3. Marquess of Salisbury, dass im Grenzkonflikt zwischen Britisch-Guayana und Venezuela die Monroe-Doktrin keine Anwendung finden könne. Trotz dieser erwartbaren Antwort Londons zeigte sich Cleveland erzürnt.[242]

Bei der dritten Ansprache zur Lage der Nation während seiner zweiten Amtszeit Anfang Dezember 1895 ging Cleveland auf den Grenzkonflikt ein. Cleveland warf London vor, keinerlei Bemühen zu zeigen, im Streit zwischen seiner Kolonie und Caracas zu vermitteln.[243] In einer Sonderbotschaft an den Kongress zwei Wochen darauf verschärfte er die Tonlage gegenüber London und stellte klar, dass die Vereinigten Staaten alles in ihrer Macht stehende zum Schutz des Territoriums Venezuelas tun würden, solange der Grenzdisput nicht gelöst sei. In der Bevölkerung wurden vermehrt Stimmen für einen Krieg gegen das Vereinigte Königreich laut und die Presse machte sich mit chauvinistischen Schlagzeilen bemerkbar. Als jedoch die Börsenkurse fielen und sich die Allgemeinheit über die Verletzlichkeit der amerikanischen Küstenstädte gegen die übermächtige Royal Navy bewusst wurde, ging die Kriegsbegeisterung allmählich zurück, während das Vereinigte Königreich zu dieser Zeit mit Problemen in Südafrika und den Burenrepubliken zu kämpfen hatte.[244] Im November 1896 unterzeichneten die Vereinigten Staaten und Großbritannien schließlich ein Schiedsgerichtsabkommen.[245]

Bis Januar 1897 handelte Cleveland mit dem Vereinigten Königreich einen Vertrag zur Regelung dieser und anderer Differenzen aus; Anfang Januar 1897 stand der Text im Senat zur Abstimmung. Die Presse und auch das Lager von Bryan unterstützten die Verständigung mit London, aber im Senat scheiterte das Vorhaben an der erforderlichen Zweidrittelmehrheit.[246]

Präsidentschaftswahl 1896

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Während seiner zweiten Amtszeit hatte Cleveland zwar mit einer Wiederwahl 1896 geliebäugelt, aber nie eine entsprechende Ankündigung gemacht. Möglicherweise war dies ein taktischer Fehler, so dass er sich am Ende gegen eine erneute Kandidatur entschied, als Anfang 1896 immer mehr Briefe von Freunden bei ihm eintrafen, die nach seiner Bereitschaft zur Wiederwahl fragten. Zudem hatte Bryans Kampagne für freies Silber in der Partei mittlerweile rasant an Fahrt gewonnen. Auf den Democratic Conventions der Bundesstaaten dominierten Kandidaten der Silberfraktion und wenn Clevelands Name fiel, wurde oft gebuht. Auf Druck von Parteifreunden äußerte sich Cleveland Mitte Juni schließlich doch zum Wahlkampf in einem Artikel im New York Herald, der zum Festhalten der Demokraten am Goldstandard aufrief.[247] Insgesamt erschwerte Cleveland durch sein langes Zögern eine eigene Nominierung betreffend den Aufbau eines alternativen Präsidentschaftskandidaten der Gold-Demokraten.[248]

Dennoch kontrollierte die Silberfraktion den Nominierungsparteitag Anfang Juli 1896 in Chicago. Bryan im fünfte Wahldurchgang zum Präsidentschaftskandidaten auserkoren; das von der Convention verabschiedete Wahlprogramm verwarf Clevelands Politik des Goldstandards und beleidigte ihn persönlich.[249] Unter tobendem Beifall bezeichnete der Delegierte Benjamin Tillman Präsident Cleveland als ein „Werkzeug von Wall Street“. Eine derartige öffentliche Demontage eines amtierenden Präsidenten durch die eigene Partei auf einer National Convention hatte es in der Politikgeschichte der Vereinigten Staaten bis dahin nicht gegeben. Außer den Demokraten nominierte auch die Populist Party Bryan zu ihrem Präsidentschaftskandidaten, allerdings mit einem anderen running mate.[250]

Der mehr als halbstündige Applaus für Bryans Rede auf der Convention, in der er Cleveland kein einziges Mal namentlich erwähnte, signalisierte deutlich, dass Clevelands Zeit als Führer der Demokraten abgelaufen war. Einige Gold-Demokraten spalteten sich danach ab und nominierten John M. Palmer zu ihrem Präsidentschaftskandidaten, nachdem Cleveland die angebotene Kandidatur abgelehnt hatte. Im Weißen Haus setzte er ein Zeichen gegen Bryan, indem er im September 1896 dessen Gefolgsmann Innenminister Hoke Smith aus dem Kabinett entfernte.[251]

Trotz der tief empfundenen Verletzung durch den Eklat auf der Democratic National Convention blieb Cleveland im Wahlkampf ruhig. Am Wahltag gewann schließlich McKinley in einem Erdrutschsieg gegen Bryan. Der Republikaner gewann sowohl die industriell als auch landwirtschaftlich geprägten Bundesstaaten. Viele Arbeiter entschieden sich für den Gold-Mann McKinley, weil sie durch das freie Silber Bryans eine Verschärfung der Inflation befürchteten. Cleveland zeigte sich erfreut über Bryans Niederlage und nicht wenige Journalisten sahen in dem Wahltriumph McKinleys einen Sieg Clevelands.[252] Für die Demokraten bedeutete die Nominierung Bryans und seine anschließende Niederlage einen erheblichen politischen Einschnitt. Abgesehen von der Präsidentschaft Woodrow Wilsons war das Weiße Haus für die nächsten knapp vier Jahrzehnte in republikanischer Hand.[253]

Als eine seiner letzten Amtshandlungen legte Cleveland Veto gegen den Lodge bill zur Einwanderung ein. Dieses Gesetz wurde von Konservativen durch den Kongress gebracht, die der zunehmenden Einwanderung aus Süd- und Osteuropa ablehnend gegenüber standen. Das Gesetz verlangte den Migranten einen Lesetest sowie den Nachweis englischer Sprachkenntnisse ab. Cleveland lehnte das Gesetz als zu harsch und repressiv ab.[254]

Wie üblich lud Cleveland seinen Nachfolger McKinley vor der Amtseinführung zu einem Dinner in das Weiße Haus ein, nicht zum ersten Mal in den vergangenen vier Jahren, denn die beiden hatten großen Respekt voreinander. Zudem hatte das Wahlergebnis mit der Niederlage Bryans das Band zwischen ihnen gestärkt.[255]

Letzte Jahre (1897–1908)

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Nach der Amtsübergabe an McKinley ließ sich Cleveland nahe der Princeton University nieder. Er schätzte daran die landschaftliche Schönheit und abgelegene Lage, weil die Stadt zu dieser Zeit an kein Eisenbahnnetz angeschlossen war.[256] Das Anwesen benannte er Westland nach seinem engsten Freund in Princeton dem Dozenten Andrew F. West, der ihm Princeton schmackhaft gemacht hatte.[257] Des Weiteren kaufte er noch im gleichen Jahr einige Kilometer vom Campus entfernt eine kleine Farm, die er unter anderem zur Jagd benutzte.[258] Er brachte aus der Präsidentschaft ein Vermögen von mehr als 300.000 US-Dollar mit und war daher auf kein Einkommen angewiesen.[259]

Clevelands Ruhestand blieb nicht auf Princeton beschränkt; neben dem Strandhaus Gray Gables verbrachte er die Sommer auf Entenjagd in Florida und Georgia oder reiste mit seiner Yacht Oneida nach Maine und South Carolina.[260] Daneben publizierte er Artikel in Zeitschriften wie Saturday Evening Post, Collier’s und anderen Wochenmagazinen.[261] Wie etliche Präsidenten zuvor in vergleichbaren Publikationen rechtfertigte Cleveland in vielen dieser Texte die Entscheidungen seiner Amtszeit.[262]

Rasch sah Cleveland mit zunehmender Enttäuschung auf McKinleys Präsidentschaft; besonders stieß ihn der Dingley Act von 1897 ab, der die Zölle ein weiteres Mal erhöhte. Die Annexion Hawaiis 1898 verurteilte Cleveland als „eine Perversion unserer nationalen Mission“.[263] Den Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 beurteilte er als „unprofitabel und vermeidbar“. Wie viele seiner Parteifreunde lehnte er die aus dem amerikanischen Sieg resultierende Annexion der Philippinen und die Aufnahme von Puerto Rico als Außengebiet der Vereinigten Staaten ab.[264] Im Jahr darauf hoffte er vergeblich auf die Ablehnung des Friedensvertrags von Paris vom Dezember 1898 durch den Senat.[265]

In schiere politische Verzweiflung stürzte Cleveland während der Präsidentschaftswahl 1900, als die Gold-Demokraten Bryans Nominierung unterstützten, weil dieser versprach Amerikas Teilhabe am Imperialismus zum Wahlkampfthema Nummer eins zu machen. Seine Verachtung für Bryan war ungetrübt.[266]

Im März 1901 wurde er zu einem Trustee der Princeton University gewählt. Um diese Zeit erhielt er auch zunehmend Einladungen als Redner, die ihn unter anderem nach Pittsburgh und New York führten.[267] Auch zur Amtseinführung des späteren amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson als Dekan der Princeton University hielt er die Festrede.[268] In der Presse erhielt Cleveland teilweise den Spitznamen der „Weise von Princeton“ (Sage of Princeton).[269]

Als es im Mai 1902 zu einem Streik der in der United Mine Workers of America organisierten Minenarbeiter kam, bot Cleveland dem amtierenden Präsidenten Theodore Roosevelt seine Unterstützung an. Er habe Ideen, wie der Konflikt zwischen Arbeitern und Unternehmen gelöst werden könne. Roosevelt ernannte Cleveland zum Vorsitzenden eines Vermittlungsausschusses, aber seine Teilnahme an der Mediation scheiterte an der Ablehnung der beteiligten Parteien.[270]

Im Jahr 1903 spielte er wieder mit dem Gedanken, in das Rennen um die Präsidentschaft 1904 einzusteigen, auch wenn er die Idee in Briefwechseln zu dieser Zeit von sich wies.[271] Wie bereits die Annexion Hawaiis einige Jahre zuvor verurteilte er die Übernahme der Panamakanalzone durch die Vereinigten Staaten unter Theodore Roosevelt als „unwürdig des amerikanischen Erbes“.[272] Obgleich das Interesse an einer Rückkehr in das Weiße Haus erhalten blieb und einige Zeitungen seine Kandidatur ins Spiel gebracht hatten,[273] unterstützte Cleveland 1904 die Präsidentschaftskandidatur des konservativen Demokraten Alton B. Parker.[274] Er war überrascht von dessen klarer Niederlage gegen Theodore Roosevelt, mit dessen Rough-Riders-Image er wenig anfangen konnte. Cleveland erkannte darin, dass die Nation, die er einst geführt hatte, stimmungsmäßig und charakterlich eine deutlich andere geworden war.[275]

Im gleichen Jahr veröffentlichte er unter dem Titel Presidential Problems ein Werk über seine Karriere als Präsident. Schwerpunkte darin sind seine Handlungen im Grenzdisput zwischen Venezuela und Britisch-Guyana sowie die Entscheidung für den Einsatz von Bundestruppen im Pullman-Streik. Gleichfalls 1904 traf Cleveland ein Schicksalsschlag, von dem er sich nicht mehr erholte, als seine Tochter Ruth im Januar im Alter von zwölf Jahren starb.[276]

Im Juni 1905 agierte Cleveland als einer von drei Trustees mit George Westinghouse und dem Richter O’Brien bei der Reorganisation von Equitable Life Insurance. Im Dezember des gleichen Jahres fungierte er als Schiedsrichter in einem Disput zwischen drei Versicherungskonzernen. Das McClure’s Magazine fragte ihn nach einer zwölfteiligen Autobiographie zur Veröffentlichung in der Zeitschrift, aber Cleveland schlug stattdessen eine Serie von Interviews vor, was jedoch auf kein Interesse stieß.[277] Um diese Zeit nahm er einen gut dotierten Posten als Vorstand eines Lebensversicherungsverbands an.[278]

Im Juni 1906 hatte er in seiner Funktion als Trustee an der Princeton University einen Disput mit Dekan Wilson bezüglich der Unterbringung der Studenten. Dieser schlug eine quadratische Aufteilung der Blöcke wie im Vereinigten Königreich vor, während die Trustees am amerikanischen System festhalten wollten, womit sie sich am Ende durchsetzten. Cleveland ging in dem Streit sogar so weit, Wilson einen Vertrauensbruch vorzuwerfen.[279] Im gleichen Jahr erwarben die Clevelands ein Haus etwas außerhalb von Tamworth, New Hampshire, das sie Intermont tauften. Noch abgelegener als Princeton war die Familie hier auf Pferde zum Transport angewiesen.[280]

Ab Herbst 1907 verschlechterte sich Clevelands Gesundheitszustand rapide und im Frühjahr 1908 spürte er, dass er ein sterbender Mann war.[281] Er litt an einem schwachen Herzen, einer Erkrankung des Verdauungstrakts, Nephropathie und Arthritis.[282] Nachts musste er mit einer Magenpumpe in Bettnähe schlafen.[283] Im Frühling dieses Jahres erwischte Cleveland eine akute Gastritis, so dass er sich zur Erholung in seinem Cottage in Lakewood aufhielt. Dennoch folgten weitere Gastritis-Schübe. Am Morgen des 24. Juni starb er schließlich in seinem Anwesen Westland wahrscheinlich an einer Koronarthrombose.[284] Als letzte Worte wurden überliefert: I have tried so hard to do what is right („Ich habe mich so sehr bemüht, das Richtige zu tun“).[285]

Grab von Cleveland und Familie (2024)

Cleveland wurde zwei Tage später im Beisein von Präsident Roosevelt und dem Obersten Bundesrichter Melville W. Fuller sowie wenigen geladenen Gästen auf dem Princeton Cemetery im Rahmen einer einfachen Zeremonie neben seiner Tochter Ruth beigesetzt.[286]

Historische Bewertung

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Eine kritische Biographie Clevelands bietet Horace Samuel Merrills Bourbon Leader: Grover Cleveland and the Democratic Party (1957), während für 2000 Alyn Brodskys Grover Cleveland: A Study in Character und H. Paul Jeffers An Honest President: The Life and Presidencies of Grover Cleveland zu nennen sind. Eine knappere Darstellung ist Henry F. Graff Grover Cleveland (2002), während sich Nick Cleaver Grover Cleveland’s New Foreign Policy: Arbitration, Neutrality, and the Dawn of American Empire (2014) auf Clevelands Außenpolitik fokussiert. Eine vertieften Einblick in die Parteipolitik von Clevelands Ära bietet H. Wayne Morgan From Hayes to McKinley: National Party Politics, 1877 – 1896 (1969).[287]

Cleveland ist fast ausschließlich deshalb als Präsident in der nationalen Erinnerung präsent, weil seine Amtszeiten nicht unmittelbar aufeinander folgten. Laut Graff (2002) wird diese Tatsache seinen Leistungen nicht gerecht. Viele von Clevelands amerikanischen Zeitgenossen schätzten ihn sehr wegen seiner Integrität, was ihm bei drei Präsidentschaftswahlen zumindest den Sieg im Popular Vote beschert hat. Nachteilig habe sich ausgewirkt, dass seine Präsidentschaften in eine Zeit weit verbreiteter politischer Korruption und sozialer Härten für viele Bürger gefallen sei. Clevelands vertrauenswürdige und aufrichtige Ausstrahlung wurde von Teilen der Öffentlichkeit gerade vor diesem Hintergrund als adäquate Besetzung für das Weiße Haus gesehen, um das Vertrauen der Nation in die Politik zurückzugewinnen. Clevelands Biographie reicht zwar in das 20. Jahrhundert, aber seine Präsidentschaft fällt noch in die Ära von Pferdegespann und rarer Elektrifizierung. Der Modernisierungsschub nach seiner Amtszeit rückte das Amt des Präsidenten in den Mittelpunkt des politischen Geschehens, während der Kongress in den Hintergrund trat. Dadurch wirkte Clevelands Präsidentschaft noch zu seiner Lebenszeit wie ein vorsintflutlicher Anachronismus, ein Eindruck, den er laut Graff vermutlich teilte.[288]

Sehr kritisch beurteilt Raimund Lammersdorf (2002), ehemaliger Direktor des Münchner Amerika-Hauses, Cleveland. Er sieht in ihm vor allem einen „Verfechter des Individualismus und Gegner einer zu starken Regierung“. Cleveland hat erfolgreiche Unternehmer bewundert und „verschwendete nur wenig Gedanken an das Schicksal der Armen“. Intellektuelle Beschränktheit hat Cleveland vor „mögliche[n] Selbstzweifel[n]“ bewahrt. Sein Wahlerfolg beruhte auf dem Versprechen von Ehrlichkeit, Sparsamkeit und der „Anwendung bewährter Geschäftsprinzipien auf die Regierungsarbeit“.[289] Clevelands politisches Geschick erkennt Lammersdorf vor allem in dessen Umgang mit dem Vaterschaftsskandal 1884. Cleveland räumte die Vaterschaft ein und erklärte die weiteren Umstände, womit er den Skandal beruhigen und sich als fehlbar aber verantwortungsvoll darstellen konnte. Bei der Regierungsarbeit war Cleveland sehr fleißig und akribisch, verrannte sich aber oft in Details und konnte schlecht delegieren.[290] Der Umgang mit dem Pullman-Streik offenbart laut Lammersdorf Clevelands Verständnislosigkeit für die Situation der Arbeiter und seine Bereitschaft, die Macht der Bundesregierung „im Zweifelsfall für die Kapitaleigner“ einzusetzen. Außenpolitik war für Cleveland von untergeordneter Bedeutung.[291] Seine Konfrontation mit dem Vereinigten Königreich wegen des Grenzdisputs mit Venezuela und der möglichen Verletzung der Monroe-Doktrin war eher „Ausdruck eines ideologischen Nationalismus und nicht Bestandteil eines größeren imperialistischen Konzepts“.[292]

Der Rechtshistoriker Donald Grier Stephenson Jr. (2020) sieht in Cleveland einen Vertreter der sogenannten „Whig-Theorie“ zur verfassungsrechtlichen Interpretation der Rolle des Präsidenten, die in der Ära zwischen Lincoln und dem ersten Roosevelt vorherrschend war. Demnach sollte sich der Präsident auf seine exekutiven Funktionen beschränken und sich aus dem Gesetzgebungsprozess des Kongresses heraushalten. Clevelands Karriere betrachtet er als Paradebeispiel für jemanden, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, weshalb er in kaum vier Jahren vom Anwalt zum Präsidenten aufstieg.[293] Clevelands exzessive Vetonutzung war langfristig möglicherweise prägend für die Erwartungen an das Amt, wonach der Präsident über den Parteien stehen und eine unabhängige Exekutive gewährleisten soll.[294] Laut Stephenson Jr. war Cleveland nach den Maßstäben des 21. Jahrhunderts und der Imperialen Präsidentschaft kein starker Amtsinhaber. Dennoch hatte das Weiße Haus am Ende seiner zweiten Präsidentschaft in der Machtbalance mit dem Kapitol mehr Gewicht als bei seinem ersten Amtsantritt. Stephenson Jr. sieht daher in Clevelands Präsidentschaft den Beginn einer neuen Ära in der amerikanischen Politikgeschichte, in der die exekutive Amtsgewalt des Präsidenten als „symbolischer Führer“ seine verfassungsrechtliche formale Bedeutung zunehmend überschattete.[295]

In der von Arthur M. Schlesinger, Sr. im Jahr 1948 erstmals durchgeführten und 1962 sowie 1996 durch seinen Sohn Arthur M. Schlesinger wiederholten systematischen Expertenbefragung zur Bewertung der Präsidentschaften landete Cleveland zuletzt in der dritten („Hoher Durchschnitt“) von sechs Kategorien, womit er sich in Gesellschaft von John Adams, John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson befand.[296] Bei einer anderen, seit 2000 mehrfach wiederholten Expertenbefragung auf C-SPAN erreichte Cleveland Platzierungen von 17 bis 25.[297]

Ehrungen und Denkmäler

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Präsidentendollar mit Cleveland-Motiv

Das Geburtshaus von Cleveland in Caldwell ist seit November 1977 unter der Bezeichnung Caldwell Presbyterian Church Manse im National Register of Historic Places („Nationales Verzeichnis historischer Orte“; NRHP) eingetragen.[298] Ab dem Jahr 2012 wurden Präsidentendollars mit seinem Konterfei herausgegeben. Das Cleveland County in Arkansas und das in Oklahoma sind nach ihm benannt;[299] hinzu kommen die Stadt Cleveland in Mississippi und der Mount Cleveland in Alaska.[300] Die brasilianische Stadt Clevelândia trägt seit März 1909 seinen Namen als Dank für seinen Schiedsspruch, mit dem 1895 der langschwelende Grenzstreit zwischen Brasilien und Argentinien beigelegt wurde.[301]

  • Good Citizenship. Henry Altemus, 1908 Philadelphia, LCCN 08-021516.
  • Fishing and Shooting Sketches. Outing, New York 1906, LCCN 06-035962.
  • Presidential Problems. Century, New York 1904, LCCN 04-027679.
  • Troy Senik: A Man of Iron. The Turbulent Life and Improbable Presidency of Grover Cleveland. Simon & Schuster, New York 2022, ISBN 978-1-982140-74-8.
  • Christof Mauch (Hrsg.): Die Präsidenten der USA: Historische Portraits von George Washington bis Joe Biden. 2., fortgeführte und aktualisierte Auflage in C. H. Beck Paperback. C. H. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-76735-7 (E-Book).
    • Raimund Lammersdorf: Grover Cleveland (1885–1889): Die wachsende Bedeutung von Wirtschaft und Finanzen. S. 245–250.
    • Raimund Lammersdorf: Grover Cleveland (1893–1897): Die zweite Amtszeit. S. 256–261.
  • Donald Grier Stephenson Jr.: 22. Grover Cleveland: First Term. & 24. Grover Cleveland: Second Term. In Ken Gormley (Hrsg.): The Presidents and the Constitution. Volume 1 (= From the Founding Fathers to the Progressive Era). New York State University Press, New York 2020, ISBN 978-1-4798-2323-9, S. 288–296 beziehungsweise S. 308–315.
  • Michael J. Gerhardt: The Forgotten Presidents: Their Untold Constitutional Legacy. Oxford University Press, New York 2013, ISBN 978-0-19-938998-8, S. 127–140 (= 8. Grover Cleveland), S. 155–170 (= 10. Grover Cleveland).
  • Henry F. Graff: Grover Cleveland (= The American Presidents Series. Band 22). Times Books, New York 2002, ISBN 978-1-4299-9800-0.
  • Alyn Brodsky: Grover Cleveland: A Study in Character. St. Martin’s Press, New York 2000, ISBN 0-312-26883-1.
  • Richard E. Welch, Jr.: The Presidencies of Grover Cleveland. University Press of Kansas, Lawrence 1988, ISBN 0-7006-0355-7.
  • Allan Nevins: Grover Cleveland: A Study in Courage. Dodd, Mead & Company, New York 1933, LCCN 33-023946.
Commons: Grover Cleveland – Sammlung von Bildern und Audiodateien
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  279. ↑ Lyle Emerson Nelson: American Presidents: Year by Year. Volumes 1–3: 1732–2000. Oxon 2015, S. 441.
  280. ↑ Henry F. Graff: Grover Cleveland. New York 2002, S. 151 f.
  281. ↑ Henry F. Graff: Grover Cleveland. New York 2002, S. 152.
  282. ↑ Lyle Emerson Nelson: American Presidents: Year by Year. Volumes 1–3: 1732–2000. Oxon 2015, S. 444.
  283. ↑ Henry F. Graff: Grover Cleveland. New York 2002, S. 151.
  284. ↑ Lyle Emerson Nelson: American Presidents: Year by Year. Volumes 1–3: 1732–2000. Oxon 2015, S. 444.
  285. ↑ Henry F. Graff: Grover Cleveland. New York 2002, S. 152.
  286. ↑ Lyle Emerson Nelson: American Presidents: Year by Year. Volumes 1–3: 1732–2000. Oxon 2015, S. 444.
    Henry F. Graff: Grover Cleveland. New York 2002, S. 152.
  287. ↑ Raimund Lammersdorf: Kommentierte Bibliographie: Grover Cleveland. S. 256–261; hier: S. 560 f.
  288. ↑ Henry F. Graff: Grover Cleveland. New York 2002, S. 154.
  289. ↑ Raimund Lammersdorf: Grover Cleveland (1885–1889): Die wachsende Bedeutung von Wirtschaft und Finanzen. S. 245–250; hier: S. 246.
  290. ↑ Raimund Lammersdorf: Grover Cleveland (1885–1889): Die wachsende Bedeutung von Wirtschaft und Finanzen. S. 245–250; hier: S. 247.
  291. ↑ Raimund Lammersdorf: Grover Cleveland (1893–1897): Die zweite Amtszeit. S. 256–261; hier: S. 259.
  292. ↑ Raimund Lammersdorf: Grover Cleveland (1893–1897): Die zweite Amtszeit. S. 256–261; hier: S. 260 f.
  293. ↑ Donald Grier Stephenson Jr.: 22. Grover Cleveland: First Term. New York 2020, S. 288–296; hier: 289 f.
  294. ↑ Donald Grier Stephenson Jr.: 22. Grover Cleveland: First Term. New York 2020, S. 288–296; hier: 293 f.
  295. ↑ Donald Grier Stephenson Jr.: 24. Grover Cleveland: Second Term. New York 2020, S. 308–315; hier: S. 313.
  296. ↑ Vgl. dazu Arthur M. Schlesinger, Jr.: Rating the Presidents: Washington to Clinton. In: Political Science Quarterly. Vol. 112, No. 2, Sommer 1997, ISSN 0032-3195, S. 179–190.
  297. ↑ c-span.org, abgerufen am 11. Juli 2025.
  298. ↑ Caldwell Presbyterian Church Manse. Im National Register Information System. National Park Service, abgerufen am 11. Juli 2025.
  299. ↑ Charles Curry Aiken, Joseph Nathan Kane: The American Counties: Origins of County Names, Dates of Creation, Area, and Population Data, 1950–2010. 6. Auflage. Scarecrow Press, Lanham 2013, ISBN 978-0-8108-8762-6, S. XIV. (books.google.de)
  300. ↑ McKay Jenkins: The White Death: Tragedy and Heroism in an Avalanche Zone. Anchor, New York 2001, ISBN 978-0-385-72077-9, S. 42.
  301. ↑ https://cidades.ibge.gov.br/brasil/pr/clevelandia/historico, abgerufen am 9. September 2026.