Gnathopode
Gnathopoden, Einzahl Gnathopode oder Gnathopod, sind die als Greiforgane spezialisierten ersten beiden Beinpaare des freien Rumpfabschnitts (Peraeon) der Flohkrebse (Ordnung Amphipoda). Sie gehören also zu den Peraeopoden (auch Pereopoden, Pereiopoden). Der Name ist abgeleitet von altgriechisch γνάθος gnathos, deutsch ‚Kiefer‘ und πούς pous, deutsch ‚Fuß‘. Selten werden entsprechend umgewandelte Beine bei den Asseln (Isopoda) und den Schwebegarnelen (Mysidacea) ebenfalls Gnathopoden genannt.[1]

Bei den Flohkrebsen ist das erste Rumpfsegment mit dem Kopf verschmolzen, bildet also einen Cephalothorax aus. Dessen Beinpaar ist an die Mundwerkzeuge angeschlossen und wird als Maxillipeden bezeichnet. Die Gnathopoden sind die folgenden beiden Beinpaare der insgesamt sieben Peraeopodenpaare, also die ersten und zweiten Peraeopoden bzw. die zweiten und dritten Thoracopoden. Sie dienen ebenfalls nicht der Fortbewegung. Sie können, je nach Art, verschiedene Funktionen erfüllen. Oft dienen sie unterstützend zur Handhabung von Nahrungspartikeln, sie können aber auch spezialisierte Funktionen bei der Körperpflege übernehmen. Bei vielen Flohkrebsen klammert sich das Männchen mit dem ersten Gnathopodenpaar am Weibchen vor der Paarung fest.
Wie alle Peraeopoden bestehen die Gnathopoden[2] aus sieben Abschnitten, benannt Coxa, Basis, Ischium, Merus, Carpus, Propodus, Dactylus. Die Coxa ist, typisch für die Flohkrebse, auch bei den Gnathopoden markant plattenartig vergrößert und unbeweglich an den Rumpf angeschlossen. Diese Coxalplatten dienen der Atmung und dem Schutz der darunterliegenden Strukturen. Die Basis ist typischerweise recht lang und schlank, Ischium und Merus sind eher kurz, sie schließen das Gelenk zum Beugen des Beins ein. Dieses wird dabei typischerweise nach vorn hin abgewinkelt. Auch der Carpus ist kurz und meist dreieckig, erträgt einen stark entwickelten und robusten Propodus. Der Dactylus bei den Gammaridea sitzt gewinkelt daran an und kann taschenmesser-artig gegen den Propodus eingeklappt werden. Es ergibt sich ein Subchela genanntes Greiforgan. Bei den Ingolfiellidea und den meisten Hyperiidea ist stattdessen der Carpus vergrößert und Propodus und Dactylus zusammen bilden den eingeklappten Scherenfinger.[3]

Bei sehr vielen Flohkrebsen sind insbesondere die zweiten Gnathopoden spezifisch bei den Männchen umgebildet und markant vergrößert (Sexualdimorphismus). Sie sind in vielen Fällen die wichtigsten Strukturen zur Bestimmung der Gattungen und Arten.[2] Das Männchen klammert sich am Weibchen mit dem ersten Gnathopodenpaar, oft schon lange Zeit vor der eigentlichen Paarung, fest („Präkopula“). Ob das zweite Paar daran irgendwie auch beteiligt ist oder völlig andere Funktionen erfüllt, war lange Zeit umstritten. Inzwischen ist bei Gammarus pulex nachgewiesen, dass die zweiten Gnathopoden eine wichtige Funktion bei der Paarung besitzen, werden sie experimentell entfernt, ist keine normale Paarung mehr möglich.[4] Außerdem können Carpus und Propodus der zweiten Gnathopoden, durch einen dichten Besatz mit Borstenhaaren (Setae) Nahrungspartikel festhalten, Nahrung aus dem Wasser filtrieren oder von Oberflächen abkehren, also an der Nahrungsaufnahme mitwirken.[5] In der Überfamilie Talitroidea dienen diese kammartig angeordneten Borsten unter anderem der Reinigung des Körpers, sind also außerdem Putzeinrichtungen.[6] Bei Männchen der Familie Caprellidae trägt der Propodus der zweiten Gnathopoden einen vergrößerten Dorn mit einer Giftdrüse. Dieser dient als Waffe beim Kampf der Männchen untereinander.[7]
Je nach Verwandtschaft ist also die Funktion der Gnathopoden vielfältig abgewandelt.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Michael Stachowitsch: The invertebrates. An illustrated glossary. Wiley-Liss, New York 1992, ISBN 0-471-83294-4 (englisch).
- 1 2 Roger J. Lincoln: British Marina Amphipoda: Gammaridea (= Publication. Band 818). British Museum (Natural History), London 1979, ISBN 0-565-00818-8, S. 20–22 (englisch).
- ↑ Hans-Eckhard Gruner: 1. Klasse Crustacea, 2 Ordnung Amphipoda, Flohkrebse. In: Hans-Eckhard Gruner (Hrsg.): Lehrbuch der Speziellen Zoologie. Begründet von Alfred Kästner. Gustav Fischer, Jena/Stuttgart/New York 1993, ISBN 3-334-00339-6.
- ↑ Kevin D. Hume, Robert W. Elwood, Jaimie T. A. Dick. Jenny Morrison: Sexual dimorphism in amphipods: the role of male posterior gnathopods revealed in Gammarus pulex. In: Behavioral Ecology and Sociobiology. Band 58, 2005, S. 264–269, doi:10.1007/s00265-005-0925-7 (englisch).
- ↑ Gerd Mayer, Andreas Maas, Dieter Waloszek: Mouthpart Morphology of Three Sympatric Native and Nonnative Gammaridean Species: Gammarus pulex, G. fossarum, and Echinogammarus berilloni (Crustacea: Amphipoda). In: International Journal of Zoology. 2012, 493420, doi:10.1155/2012/493420 (englisch, 23 Seiten).
- ↑ Jeff G. Holmquist: The Functional Morphology of Gnathopods. Importance in Grooming, and Variation with Regard to Habitat, in Talitroidean Amphipods. In: Journal of Crustacean Biology. Band 2, Nr. 2, 1982, S. 159–179, doi:10.2307/1547997, JSTOR:1547997 (englisch).
- ↑ Fumio Takeshita, Satoshi Wada: Morphological Comparison of the Second Gnathopod in Males of Four Caprellid Species (Amphipoda: Caprellidae). In: Journal of Crustacean Biology. Band 32, Nr. 4, 2012, S. 673–676, doi:10.1163/193724012X637320 (englisch).