Eva von Redecker

Eva Katharina von Redecker (* 2. Februar 1982 in Kiel) ist eine deutsche Philosophin, Autorin und Publizistin. Ihre Forschungsthemen liegen an der Schnittstelle von Kritischer Theorie und feministischer Philosophie. Thematisch handeln ihre Publikationen von Eigentum, sozialem Wandel, dem Verhältnis von Struktur und Handlungsfähigkeit sowie moralischem Urteilen.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Eva von Redecker wurde in Kiel geboren und verbrachte ihre Kindheit auf dem Biobauernhof Schoolbek in Kosel, den ihre Eltern betrieben.[1][2][3] Nach dem Abitur am Jungmann-Gymnasium in Eckernförde studierte sie in Kiel, Tübingen, Cambridge und Potsdam Philosophie, Germanistik und Geschichte.[4] Sie gibt an, begonnene Studien der Medizin und des Lehramts abgebrochen zu haben.[5] Ihr Studium schloss sie 2009 mit dem Magister im Hauptfach Philosophie ab.[6]
Zwischen 2009 und 2019 war von Redecker wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für praktische Philosophie/Sozialphilosophie der Humboldt-Universität Berlin. Sie hat ab 2017 als stellvertretende Direktorin das Center for Humanities and Social Change mitaufgebaut. Von 2013 bis 2014 war sie als Gastwissenschaftlerin am philosophischen Institut der Universität Cambridge (UK). Ihr Mentor dort war Raymond Geuss, der gemeinsam mit der Erstbetreuerin Rahel Jaeggi auch ihre 2015 abgeschlossene Promotion betreute.[6][7] Im Wintersemester 2015/2016 lehrte von Redecker als Gastdozentin an der New School for Social Research in New York. Sie hatte 2020/21 eine Marie-Skłodowska-Curie-Fellowship an der Universität Verona inne und forschte in diesem Rahmen zum autoritären Charakter.[8] Eva von Redecker ist assoziiertes Mitglied des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität Berlin[6] und seit 2024 Mitglied des Kuratoriums der Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin.[9]
Zum Sommersemester 2026 ist von Redecker designierte Vertretungsprofessorin für Philosophie an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK).[10]
Im Rahmen der COVID-19-Pandemie trat Eva von Redecker als Erstunterzeichnerin der Zero-Covid-Kampagne für eine Zero-Covid-Strategie ein[11], welche das Ziel verfolgte, das Coronavirus durch einen mehrwöchigen Total-Lockdown zu eliminieren.[12] Zur Europawahl 2024 war von Redecker Erstunterzeichnende der Kampagne Wir wählen links.[13] Mitte Juni 2024 forderte sie mit mehreren tausend weiteren Dozenten den Rücktritt der Bildungs- und Forschungsministerin Bettina Stark-Watzinger aufgrund ihrer damals stark kritisierten Erwägungen zur Sanktionierung von Hochschulangehörigen.[14]
Von Redecker wurde christlich erzogen, bezeichnet sich als ungläubige Christin und lebt offen lesbisch. Sie ist in der Prignitz in Brandenburg ansässig.[15]
Werk
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Revolutions- und Gewaltbegriff
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In ihrem Buch Praxis und Revolution plädiert Eva von Redecker für ein neues Revolutionsverständnis. Radikaler Wandel, so die vor dem Hintergrund einer materialistischen Sozialtheorie entwickelte These, vollzieht sich prozessual über die sukzessive Übertragung von abseitiger Praxis zu neuen Paradigmen. Daneben verfasste von Redecker eine Einführung in die Philosophie Judith Butlers, in der Butlers Gesamtwerk in verschiedenen Facetten als eine Analyse von „Gewalt vor der Gewalt“ verständlich gemacht wird, sowie eine Monografie über Hannah Arendts Moralphilosophie.
Phantombesitz
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In Revolution für das Leben und ihren akademischen Arbeiten[16] definiert Redecker das Konzept des „Phantombesitzes“ als historisch begründeter „Verfügungswillen […], wo gar kein institutionell abgesicherter Herrschaftsanspruch mehr besteht“. Demnach bestünden verschiedene Formen der Diskriminierung und Unterdrückung Benachteiligter intersektional fort und würden im neoliberalen Kapitalismus als Eigentum vormals rechtlich Privilegierter beansprucht.[17] Hierdurch ließen sich gesellschaftliche Backlashes wie auch individuelle Gewalttaten erklären.
Auch die Entwicklung generativer ‚KI‘ sieht von Redecker als Anspruch auf einen Phantombesitz an Intelligenz durch finanzstarke Personen und Unternehmen, der sich durch offene Einhegung geistigen Eigentums und die in Teilen des Longtermismus’ angestrebte digitale Unsterblichkeit vollziehe.[18]
Bleibefreiheit
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In ihrem Buch Bleibefreiheit definiert sie den meist räumlich verwendeten Freiheitsbegriff zeitlich um. In Zeiten der Klimakrise und umweltschädlichen Mobilitätsverhaltens erscheint es ihr zukunftsfähiger, Freiheit als die Möglichkeit, an einem Ort zu bleiben, zu verstehen, um Lebensgrundlagen zu erhalten. Erst auf diese Weise führe „Bleibefreiheit“ nicht zur Vereinzelung, sondern fördere gemeinsame Verantwortung für die Umwelt.[19] Ihre Umdeutung des Freiheitsbegriffes wurde kontrovers diskutiert.[20]
Faschismustheorie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In Dieser Drang nach Härte urteilt von Redecker, „die Sprache, mit der wir über den Faschismus reden, [scheine] kaputtgegangen zu sein“.[21] So habe die Verwendung als gegenseitiger Vorwurf zu einer Entwertung des diffusen Begriffes geführt, der angesichts nicht zu leugnender zeitgenössischer Phänomene eine Aktualisierung erforderlich mache. Faschismus sei nicht nur durch die sozialdarwinistische Naturalisierung des Konkurrenzkampfes zu definieren, sondern – im Gegensatz zum Kollektivismus als Merkmal früherer Definitionen – auch durch einen von Individualität und Eigentum geprägten „Anspruch auf Destruktion“, der sich letztlich in „liquidierendem Phantombesitz“ äußere.[22]
Veröffentlichungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Monographien
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus. S. Fischer, Frankfurt am Main 2026, ISBN 978-3-10-397724-0.
- Bleibefreiheit. S. Fischer, Frankfurt am Main 2023, ISBN 978-3-10-397499-7.[23]
- mit Maja Göpel: Schöpfen und Erschöpfen, hrsg. v. Margarita Tsomou und Maximilian Haas. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2022, ISBN 978-3-7518-0546-9.
- Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen. S. Fischer, Frankfurt am Main 2020, ISBN 978-3-10-397048-7.
- Praxis und Revolution. Eine Sozialtheorie radikalen Wandels. Campus, Frankfurt am Main 2018, ISBN 978-3-593-44016-3.
- englische Ausgabe: Praxis and Revolution. A Theory of Social Transformation. Columbia University Press, New York 2021, ISBN 978-0-231-19823-3.
- Gravitation zum Guten. Hannah Arendts Moralphilosophie. Lukas Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-86732-166-2.
- Zur Aktualität von Judith Butler. Eine Einleitung in ihr Werk. VS Verlag, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-531-16433-5.
Wissenschaftliche Aufsätze (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Vorwort, IX-XXIX in: Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main: S.Fischer (2022).
- Autoritäre Akkumulation. Hannah Arendt über Hobbes’ Leviathan und bürgerliche Geschichte, 897–914 in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 69:6 (2021).
- Hannah Arendt und das Anthropozän. Nachwort zur Neuausgabe, 197–215 in: Hannah Arendt: Fragwürdige Traditionsbestände im politischen Denken der Gegenwart, hg. v. Thomas Meyer, München: Piper (2021).
- Ownership’s Shadow. Neo-Authoritarianism as Defense of Phantom Possession, 33–67 in: Critical Times 3:1 (2020) doi:10.1215/26410478-8189849.
- Symbolic fairy godmothers, navigation, and reorienting oneself in philosophy, in: Audrey Lasserre, Jean-Louis Janelle (Hrsg.): Se réorienter dans la pensée. Femmes, philosophie et arts, autour de Michèle Le Dœuff. Rennes: Presses Universitaires des Rennes (2018).
- Gender Parody, 279–292 in: Bettina Papenburg (Hrsg.): Macmillan Interdisciplinary Handbooks Gender: Laughter. New York: Macmillan (2017).
- ‘Anti-Genderismus‘ and right-wing hegemony, 2–7 in: Radical Philosophy 198 (July/August 2016).
- Marx’s Concept of Needs in the Guise of Queer Desire, 31–46 in: Nikita Dhawan, Antke Engel, Christoph Holzhey, Volker Woltersdorff (Hrsg.): Global Justice and Desire. Queering Economy. London: Routledge (2015).
- Topischer Sozialismus. Zur Exodus-Konzeption bei Gustav Landauer und Martin Buber, 93–108 in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 11(1) (2014).
- Orlando calling. Il genere e l’unificazione degli individui sociali, 253–273 (übers. v. Verena De Monte) in: Federica Gregoratto, Filippo Ranchio (Hrsg.): Contesti del riconoscimento. Mailand: Mimesis (2014).
- Vorgriff mit Nachdruck. Zu den queeren Bedingungen zivilen Ungehorsams, 117–130 in: Friedrich Burschel, Andreas Kahrs, Lea Steinert (Hrsg.): Ungehorsam! Disobedience! Theorie und Praxis kollektiver Regelverstösse. Münster: Edition Assemblage (2014).
Essays
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Was wird jetzt aus der Freiheit?, 53 in: Die Zeit (13. Oktober 2021).
- Brief aus dem Wald, 2 in: Le Monde diplomatique D (11. Februar 2021).
- Lesbisches Sehen, 116–126 in: Stefanie Kuhnen (Hrsg.): Lesben Raus! Für mehr lesbische Sichtbarkeit. Berlin: Querverlag (2017).
- A Hommage to Care-sluts, in: Nyx. A Nocturnal 2. London: Goldsmiths University, Centre for Cultural Studies (2017).
Herausgeberschaft
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Lust an Komplexität und Irritation / Pleasures of Complexity and Confusion. 10 Jahre Institut für Queer Theory. Hrsg. mit Antke Engel und Jule Jakob Govrin. Berlin: Gender/Queer e. V. (2010), ISBN 978-3-00-053141-5.
- Judith Butler: Krieg und Affekt. Hrsg. mit Judith Mohrmann und Juliane Rebentisch, Berlin: Diaphanes (2009).
Sonstige Beiträge
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Mit Jan Groos: Relational Revolutions. In: Jan Groos, Christoph Sorg (Hrsg.): Creative Construction. Bristol University Press, 2025, ISBN 978-1-5292-3514-2, S. 230–244, doi:10.51952/9781529235142.ch012.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Literatur von und über Eva von Redecker im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Offizielle Webpräsenz
- Eva von Redecker – am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin
- Eva von Redecker auf Academia.edu
- Gespräch mit Carolin Emcke, Streitraum, »Der neue Faschismus«, Schaubühne am Lehniner Platz, 3. Mai 2026
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Peter Felixberger: „Wir leben in einer Destroy-Party, in der jeder noch greift, was er kann.“ Interview mit Eva von Redecker. In: Kursbuch. Band 218, Juni 2024, S. 98–107.
- ↑ Dirk Steinmetz: Philosophin Eva von Redecker. In: shz.de. 28. Dezember 2021, abgerufen am 12. August 2022.
- ↑ Philipp Bovermann: Der Schock, als die alte Eiche starb. In: Süddeutsche Zeitung. 27. Oktober 2020 (sueddeutsche.de [abgerufen am 24. März 2026]).
- ↑ Dr. Eva von Redecker. Humboldt-Universität zu Berlin, abgerufen am 17. September 2020.
- ↑ Eva von Redecker. SWIP Germany e. V., 22. Januar 2014, abgerufen am 24. März 2026.
- 1 2 3 Lebenslauf. Humboldt-Universität zu Berlin, abgerufen am 17. September 2020.
- ↑ Eva von Redecker: Lebenslauf. In: www.evredecker.net. Abgerufen am 11. August 2024.
- ↑ Eva von Redecker. In: fischerverlage.de. Abgerufen am 25. September 2021.
- ↑ Kuratorium - Helle Panke. Abgerufen am 30. Mai 2026.
- ↑ Denken als Form des Bleibens. HFBK, 18. November 2025, abgerufen am 22. März 2026: „[...] Auf Organisation konzentrierte sich auch Eva von Redecker (Philosophin und Autorin sowie ab April 2026 Vertretungsprofessorin für Philosophie an der HFBK Hamburg), die einen Auszug aus ihrem unveröffentlichten Buch präsentierte [...]“
- ↑ ZeroCovid. The aim is zero infections. In: zero-covid.org. 2021, archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 3. Februar 2021; abgerufen am 24. März 2026 (englisch).
- ↑ Thomas Gerlach: Vorschläge der Initiative „Zero Covid“: Halbtotalitäre Fantasie. In: Die Tageszeitung: taz. 14. Januar 2021, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 13. Januar 2023]).
- ↑ Wir wählen links! Abgerufen am 24. März 2026.
- ↑ Wegen möglicher Sanktionen: 1000 Dozenten fordern Rücktritt der Bildungsministerin. In: Der Tagesspiegel. ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 14. Juni 2024]).
- ↑ Eva von Redecker im Podcast-Gespräch: „Freiheit bedeutet, Zeit zu haben“. 18. August 2023, abgerufen am 24. März 2026.
- ↑ Eva von Redecker: Ownership's Shadow. In: Critical Times. Band 3, Nr. 1, 1. April 2020, ISSN 2641-0478, S. 33–67, doi:10.1215/26410478-8189849 (dukeupress.edu [abgerufen am 3. Oktober 2023]).
- ↑ Astrid Zimmermann, Marvin Ester: Es geht ums Überleben. In: Jacobin. 6. November 2020 (jacobin.de [abgerufen am 3. Oktober 2023]).
- ↑ Jung & Naiv: Philosophin Eva von Redecker über den neuen Faschismus - Jung & Naiv: Folge 811. In: YouTube. 3. März 2026, abgerufen am 4. März 2026 (66. Minute ff.).
- ↑ Antje Schrupp: Eva von Redecker: Bleibefreiheit. 16. September 2023, abgerufen am 18. September 2023.
- ↑ Eva von Redecker. Bleibefreiheit. In: Perlentaucher. Abgerufen am 17. September 2023.
- ↑ Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus. S. Fischer, Frankfurt am Main 2026, ISBN 978-3-10-397724-0, S. 14 f.
- ↑ Jung & Naiv: Philosophin Eva von Redecker über den neuen Faschismus - Jung & Naiv: Folge 811. In: YouTube. 3. März 2026, abgerufen am 4. März 2026.
- ↑ Tobias Rapp, Tobias Becker: Freiheit besteht aus erfüllter Zeit. Spiegel-Gespräch mit Eva von Redecker. In: Der Spiegel. Nr. 21, 20. Mai 2023, S. 98–101.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Redecker, Eva von |
| ALTERNATIVNAMEN | Redecker, Eva Katharina von |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Philosophin, Autorin und Publizistin |
| GEBURTSDATUM | 2. Februar 1982 |
| GEBURTSORT | Kiel |