Context Hacking
Context Hacking ist ein Begriff aus dem Bereich der Medienkunst, Netzkultur und politischen Intervention. Er bezeichnet eine künstlerische und aktivistische Praxis, bei der Methoden und Denkweisen der Hackerkultur auf soziale, kulturelle, mediale, institutionelle oder politische Kontexte übertragen werden. Der Begriff wurde von dem österreichischen Künstler und Theoretiker Johannes Grenzfurthner geprägt und ist eng mit der Arbeit der von ihm gegründeten Kunst- und Theoriegruppe monochrom verbunden.[1][2][3][4]
Begriff und Konzept
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Context Hacking versteht gesellschaftliche, kulturelle oder institutionelle Zusammenhänge metaphorisch als Systeme, deren Regeln, Codes, Schnittstellen und Machtverhältnisse analysiert und verändert werden können. Der programmatische Essay Context Hacking: How to Mess with Art, Media, Law and the Market von Frank Apunkt Schneider, Johannes Grenzfurthner und Günther Friesinger erschien zuerst in dem gleichnamigen Sammelband und wurde später online auf der Website von monochrom veröffentlicht. Darin beschreiben die Autoren den Begriff als Übertragung hackerischer Ziele und Methoden auf das Netz sozialer Beziehungen, in dem künstlerische Produktion stattfindet.[5]
Der Essay geht von einem Verständnis von Hacking aus, das nicht allein das Eindringen in Computersysteme meint, sondern das Öffnen, Verstehen, Umnutzen und Verändern vorgegebener technischer Systeme. Context Hacking überträgt diese Haltung auf soziale und kulturelle Artefakte. Kontexte wie Räume, Szenen, Subkulturen, Medienpraktiken oder politische Öffentlichkeiten werden dabei als regelhafte Umgebungen verstanden, die ähnlich wie Software bestimmte Handlungen ermöglichen, andere ausschließen und eigene „Nutzungsbedingungen“ erzeugen.[5]
Auch in medien- und kulturwissenschaftlichen Arbeiten wurde Context Hacking als Beispiel für eine Ausweitung des Hackingbegriffs über den Computer hinaus angeführt. Leslie Post nennt in der Arbeit Hacken als Kulturtechnik Context Hacking als eine Form, in der hackingbezogene Praktiken im Kunstkontext auftreten.[6]
In diesem Sinn zielt Context Hacking darauf, die Regeln eines Kontextes sichtbar zu machen, sie zu irritieren oder produktiv umzucodieren. Voraussetzung dafür ist nach Schneider, Grenzfurthner und Friesinger ein genaues Wissen darüber, wie ein Raum, eine Nische, eine Szene, eine Subkultur oder eine mediale beziehungsweise politische Praxis funktioniert. Erst dadurch könne ein Kontext verändert, „recodiert“ und in seinen Machtverhältnissen dekonstruiert werden.[5]
Der Essay stellt Context Hacking in die Tradition kontextbezogener Kunst und institutioneller Kritik. Er unterscheidet sich von diesen Ansätzen jedoch durch die explizite Bezugnahme auf Hackerkultur, Netzkultur und medienaktivistische Praktiken. Der Begriff steht damit in Beziehung zu Konzepten wie Kommunikationsguerilla, Culture Jamming, Tactical Media und Urban Hacking.[5]
Die Verbindung zu Urban Hacking wurde auch in medienwissenschaftlichen Arbeiten aufgegriffen. Angela Krewani verweist in ihrem Beitrag Urban Hacking and Its “Media Origins” auf den im Sammelband erschienenen Text von Frank Apunkt Schneider und Günther Friesinger über Urban Hacking als praktische und theoretische Kritik öffentlicher Räume.[7]
Verhältnis zu monochrom
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Kunst- und Theoriegruppe monochrom verwendet Context Hacking als Beschreibung ihrer Arbeitsweise. In diesem Zusammenhang bezeichnet der Begriff weniger ein geschlossenes künstlerisches Genre als eine Methode, unterschiedliche Medien, Öffentlichkeiten und institutionelle Räume je nach Projekt strategisch zu nutzen. Dazu gehören unter anderem Interventionen im Kunstbetrieb, Medienaktionen, Performances, Publikationen, Konferenzen, Computerspiele und Aktionen im öffentlichen Raum.
Als Beispiele für Context Hacking werden im Umfeld von monochrom unter anderem die Übernahme der Lord Jim Loge im Jahr 2006 sowie die fiktive Künstlerfigur Georg Paul Thomann genannt, die im Rahmen des österreichischen Beitrags zur Biennale von São Paulo 2002 eingesetzt wurde.[5]
Beispiele und verwandte Praktiken
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Neben Projekten von monochrom werden als vergleichbare Praktiken häufig Formen der Kommunikationsguerilla, des Culture Jamming und medienaktivistischer Interventionen genannt. Der Essay Context Hacking beschreibt solche Ansätze als Praktiken, die sich in bestehende kommunikative, institutionelle oder mediale Kontexte einschreiben, deren Regeln übernehmen und sie durch Verfremdung, Überidentifikation oder Identitätswechsel irritieren.[5]
Ein häufig angeführtes Beispiel für eine solche Praxis sind Aktionen von The Yes Men. Die Gruppe gibt sich in Medienauftritten oder auf Konferenzen als Vertreter von Unternehmen oder internationalen Organisationen aus, um deren politische und ökonomische Logik durch Überidentifikation offenzulegen. 2004 trat Andy Bichlbaum in einer Sendung von BBC World News als angeblicher Sprecher von Dow Chemical auf und kündigte eine Entschädigung für die Opfer der Katastrophe von Bhopal an. Die Aktion beruhte darauf, die Form, Sprache und Autorität eines Unternehmenssprechers innerhalb eines realen Nachrichtenkontextes zu übernehmen.[8]
Als weiteres verwandtes Beispiel gilt das Luther-Blissett-Projekt, das in den 1990er Jahren mit kollektivem Pseudonym, Medienfälschungen und offenen Erzählstrukturen arbeitete. Mitglieder des späteren Autorenkollektivs Wu Ming beschrieben die Aktionen als Experimente mit offenen Identitäten, kollektiver Autorschaft, Medienhoaxes und Mythopoesis. Dabei wurden Medienumgebungen nicht nur gestört, sondern über längere Zeit bespielt, um ihre Funktionsweisen sichtbar zu machen.[9][10]
Publikation und Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]2013 erschien der von Günther Friesinger, Johannes Grenzfurthner und Frank Apunkt Schneider herausgegebene Band Context Hacking: How to Mess with Art, Media, Law and the Market bei edition mono/monochrom.[11] Das Buch behandelt Context Hacking anhand von Beispielen aus Kunst, Medien, Recht und Markt. Die Zeitschrift Neural besprach den Band und ordnete ihn in den Zusammenhang von monochroms medienkünstlerischer und interventionistischer Praxis ein.[12]
Der Begriff wurde auch in akademischen und institutionellen Kontexten aufgegriffen. 2012 fand in Salzburg die Symposienreihe Context Hacking. Schmäh, Intervention und Inszenierung in der Kulturproduktion statt, koordiniert von Florian Bettel und Günther Friesinger im Umfeld der Universität Salzburg und der Universität Mozarteum Salzburg.[13] Die Reihe untersuchte in Vorträgen und Workshops, wie Spaß, Spiel und Humor in der Kulturproduktion eingesetzt werden können.[14]
In der wissenschaftlichen Rezeption wurde Context Hacking unter anderem in Arbeiten zu Medienkunst, Urban Hacking, Hackerkultur und Game Studies aufgegriffen. Die Dissertation Fahnenflucht aus digitalem Kriegsgebiet überträgt den von monochrom geprägten Begriff auf Videospiele und beschreibt Context Hacking als Erweiterung des Hackens über Eingriffe in Code hinaus auf Strategien, die vorgesehene Spielweisen überschreiten und emergentes Gameplay ermöglichen.[15] Auch in Arbeiten zu New Media Art wurde der Sammelband rezipiert, etwa in Tomás Laurenzos Dissertation Decoupling and context in new media art.[16]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Günther Friesinger, Johannes Grenzfurthner, Frank Apunkt Schneider (Hrsg.): Context Hacking: How to Mess with Art, Media, Law and the Market. edition mono/monochrom, Wien 2013, ISBN 978-3-902796-13-4.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ The story of Traceroute, about a Leitnerd's quest. In: Boing Boing. 14. April 2016, abgerufen am 1. Juni 2026.
- ↑ European Media Art Festival 2016. (PDF) Abgerufen am 1. Juni 2026.
- ↑ orf.at: "Context-Hacking mit Eigenblunz’n", 28. Januar 2013.
- ↑ Johannes Grenzfurthner: Die Transversale - Hannover.de. Abgerufen am 1. Juni 2026.
- 1 2 3 4 5 6 Frank Apunkt Schneider; Johannes Grenzfurthner; Günther Friesinger: Context Hacking: How to Mess with Art, Media, Law and the Market. In: monochrom. Abgerufen am 1. Juni 2026.
- ↑ Leslie Post: Hacken als Kulturtechnik. In: diplom.de. 2014, abgerufen am 1. Juni 2026.
- ↑ Angela Krewani: Urban Hacking and Its “Media Origins”. (PDF) Abgerufen am 1. Juni 2026.
- ↑ Meet the Yes Men who hoax the world. In: The Guardian. 13. Dezember 2004, abgerufen am 1. Juni 2026.
- ↑ Henry Jenkins: How Slapshot Inspired a Cultural Revolution: An Interview with the Wu Ming Foundation. 4. Oktober 2006, abgerufen am 1. Juni 2026.
- ↑ Max Haiven: An interview with Wu Ming 1 about the Qanon conspiracy fantasy, collective creativity, and the (ab)uses of enchantment. In: Theory, Culture & Society. Abgerufen am 1. Juni 2026.
- ↑ Context Hacking: How to Mess with Art, Media, Law and the Market. In: monochrom. Abgerufen am 1. Juni 2026.
- ↑ Günther Friesinger, Johannes Grenzfurthner, Frank Apunkt Schneider: Context Hacking. In: Neural. November 2013, abgerufen am 1. Juni 2026.
- ↑ Context Hacking. Schmäh, Intervention und Inszenierung in der Kulturproduktion. In: base Angewandte. Abgerufen am 1. Juni 2026.
- ↑ Öffentlichkeit und Mobilisierung. In: p/art/icipate. 21. März 2013, abgerufen am 1. Juni 2026.
- ↑ Robin Klengel: Fahnenflucht aus digitalem Kriegsgebiet. (PDF) Abgerufen am 1. Juni 2026.
- ↑ Tomás Laurenzo: Decoupling and context in new media art. (PDF) Abgerufen am 1. Juni 2026.