Urban Hacking
Urban Hacking bezeichnet künstlerische, aktivistische oder experimentelle Eingriffe in städtische Räume, Infrastrukturen und Alltagsroutinen. Der aus dem Englischen stammende Ausdruck verbindet urban („städtisch“) mit hacking im übertragenen Sinn des Aneignens, Umcodierens oder Veränderns bestehender Systeme. Urban Hacking steht in Beziehung zu Formen des Culture Jamming, der Kommunikationsguerilla, der Aktionskunst, der Streetart und der künstlerischen Intervention im öffentlichen Raum, ist aber nicht mit diesen Begriffen gleichzusetzen.
Im Unterschied zu rein medialen oder werbebezogenen Formen des Culture Jamming bezieht sich Urban Hacking meist auf konkrete Orte, Objekte, Zeichen, Regeln oder Bewegungsabläufe im öffentlichen Raum. Ziel solcher Eingriffe ist es häufig, gewohnte Nutzungsweisen und Machtverhältnisse der Stadt sichtbar zu machen, zu irritieren oder spielerisch umzudeuten.
Begriff und Abgrenzung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Begriff wird nicht einheitlich verwendet. In der Kunst- und Medientheorie beschreibt er meist Strategien, bei denen städtische Räume als veränderbare Systeme verstanden werden. Dazu können Eingriffe in Beschilderungen, Stadtmöbel, Verkehrswege, Werbeflächen, Überwachungssituationen, digitale Kommunikationsräume oder soziale Routinen gehören. Das Museum Folkwang beschrieb den verwandten Begriff des „kulturellen Hackings“ im Rahmen des Projekts Hacking the City als Übertragung des aus der Computerpraxis stammenden Hacking-Begriffs auf kulturelle Codes, unter anderem durch Adbusting, Fakes, Irritation, Störung, Performance und verdeckte Aktionen.[1]
Vom Flashmob unterscheidet sich Urban Hacking dadurch, dass nicht notwendigerweise eine große Menschenansammlung oder eine choreografierte kollektive Aktion im Mittelpunkt steht. Urban Hacking kann auch objektbasiert, installativ, akustisch, digital, unsichtbar oder ohne dauerhafte Anwesenheit der Akteure stattfinden. Von Graffiti oder Streetart unterscheidet es sich dadurch, dass nicht zwingend ein Bild, Schriftzug oder dauerhaft sichtbares Zeichen entsteht; verändert werden kann auch eine Regel, ein Gebrauch, ein Klang, eine Wahrnehmungssituation oder eine soziale Erwartung.
Geschichte und theoretische Bezüge
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Urban Hacking steht in einer Traditionslinie künstlerischer und politischer Praktiken, die öffentliche Räume, Zeichenordnungen und Alltagsroutinen zum Gegenstand von Interventionen machen. Bezüge bestehen unter anderem zu Dadaismus, Situationismus, Détournement, Happening, Performance, Tactical Media, Adbusting und Kommunikationsguerilla.
Für den verwandten Begriff des Culture Jamming gilt Mark Derys Essay Culture Jamming: Hacking, Slashing, and Sniping in the Empire of Signs von 1993 als ein wichtiger Bezugspunkt.[2] Dery beschreibt Culture Jamming als Eingriff in Medien-, Konsum- und Zeichenwelten. Urban Hacking überträgt ähnliche Strategien stärker auf den Stadtraum und seine materiellen, sozialen und medialen Infrastrukturen.
Im deutschsprachigen Raum wurde der Begriff unter anderem durch das Wiener Festival paraflows 09 und den daraus hervorgegangenen Sammelband Urban Hacking: Cultural Jamming Strategies in the Risky Spaces of Modernity verbreitet. Das Festival stellte 2009 in Wien Projekte zur Nutzung, Intervention, zum Hacking und zur Bespielung urbaner Öffentlichkeit aus.[3] Der gleichnamige Sammelband wurde 2010 veröffentlicht und in der Fachzeitschrift Critical Sociology rezensiert.[4]
Formen und Methoden
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Urban Hacking umfasst unterschiedliche Formen der Aneignung, Störung oder Umdeutung städtischer Situationen. Dazu zählen unter anderem:
- die Veränderung oder Kommentierung von Werbeflächen, Schildern und Leitsystemen;
- die Umnutzung von Stadtmöbeln, Verkehrswegen oder architektonischen Elementen;
- performative Eingriffe in alltägliche Routinen, etwa in Warteschlangen, Bahnhöfen, Einkaufszonen oder Behördenräumen;
- akustische oder mediale Interventionen im öffentlichen Raum;
- temporäre Installationen, die gewohnte Bewegungen oder Blickrichtungen verändern;
- digitale oder netzbasierte Erweiterungen urbaner Räume;
- künstlerische Aktionen, die Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Legalität und Illegalität oder öffentliches und privates Handeln thematisieren.
Viele Arbeiten bewegen sich zwischen Kunst, politischem Aktivismus, Spiel, Stadtforschung und Medienkritik. Dadurch ist die Einordnung einzelner Aktionen häufig kontextabhängig.
Beispiele
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ein frühes und häufig genanntes Beispiel ist das Adbusting, bei dem Werbebotschaften verändert, verfremdet oder gegen ihre ursprüngliche Aussage gewendet werden. Solche Eingriffe beziehen sich zwar oft auf Medien- und Konsumkritik, können aber im Stadtraum als Formen urbaner Intervention auftreten.
Beim Festival paraflows 09 in Wien war Urban Hacking ein zentrales Thema. Die Ausstellung fand 2009 am Karlsplatz statt und versammelte zahlreiche Projekte, die sich mit urbaner Öffentlichkeit, Nutzung, Intervention und kulturellem Widerstand beschäftigten. Zu den dort angekündigten Arbeiten gehörte eine akustische Bespielung des Karlsplatzes mit Gähnlauten durch Adrian Lohmüller, die als „Epidemie der Trägheit“ beschrieben wurde.[5]
Das Projekt Hacking the City des Museum Folkwang in Essen war 2010 Teil von Mapping the Region der RuhrKunstMuseen im Rahmen von RUHR.2010. Es verstand die Stadt als Handlungsraum künstlerischer und kommunikativer Interventionen und lud unter anderem Bildende Künstler, Kommunikationsguerilleros, Webdesigner, Street-Artisten und Musiker ein, auf veränderte Strukturen von Öffentlichkeit, Mobilität und Kommunikation zu reagieren.[6]
Kommerzielle Kampagnen haben Ästhetiken des Urban Hacking ebenfalls aufgegriffen. Die 2009 gestartete Kampagne The Fun Theory von Volkswagen Sweden und DDB Stockholm verwandelte unter anderem eine Treppe in einer Stockholmer U-Bahn-Station in eine Klaviertreppe. Laut Berichten zur Kampagne benutzten dadurch 66 Prozent mehr Menschen die Treppe statt der danebenliegenden Rolltreppe. Eine weitere Aktion versah einen Abfalleimer mit Geräuschen, um Passanten zum Wegwerfen von Müll zu animieren. Die Aktionen dienten der Bewerbung der BlueMotion-Technologies von Volkswagen.[7]
Rezeption und Kritik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Urban Hacking wird sowohl als künstlerische Strategie als auch als Form städtischer Aneignung und politischer Kritik verstanden. Im Mittelpunkt stehen häufig Fragen nach öffentlichem Raum, Teilhabe, Kontrolle, Konsum, Überwachung und der Privatisierung urbaner Lebenswelten.
Kritisch diskutiert wird, dass subversive Formen des Urban Hacking von Werbung, Stadtmarketing oder Eventkultur übernommen werden können. Solche kommerziellen Aneignungen verwenden ähnliche Mittel der Irritation, spielerischen Umdeutung oder überraschenden Intervention, verfolgen aber andere Ziele als aktivistische oder künstlerisch-kritische Projekte. Der Übergang zwischen Kritik, Kunst, Unterhaltung und Werbung ist deshalb oft fließend.
Publikationen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Günther Friesinger; Johannes Grenzfurthner; Thomas Ballhausen (Hrsg.): Urban Hacking: Cultural Jamming Strategies in the Risky Spaces of Modernity (= Urban Studies). transcript, Bielefeld 2010, ISBN 978-3-8376-1536-4.
- Mark Dery: Culture Jamming: Hacking, Slashing, and Sniping in the Empire of Signs (= Open Magazine Pamphlet Series. Band 25). Open Media, Westfield, N.J. 1993.
- Rita Raley: Tactical Media (= Electronic Mediations. Band 28). University of Minnesota Press, Minneapolis 2009, ISBN 978-0-8166-5150-4.
- Henri Lefebvre: Die Produktion des Raums. Hrsg.: Annett Busch. Spector Books, Leipzig 2023, ISBN 978-3-95905-213-9.
- Michel de Certeau: Kunst des Handelns (= Internationaler Merve-Diskurs. Band 140). Merve, Berlin 1988, ISBN 978-3-88396-060-9.
- David Harvey: Rebel Cities: From the Right to the City to the Urban Revolution. Verso, London 2012, ISBN 978-1-84467-882-2.
- Marilyn DeLaure; Moritz Fink (Hrsg.): Culture Jamming: Activism and the Art of Cultural Resistance. New York University Press, New York 2017, ISBN 978-1-4798-0620-1.
- Claire Bishop: Artificial Hells: Participatory Art and the Politics of Spectatorship. Verso, London 2012, ISBN 978-1-84467-690-3.
- Naomi Klein: No Logo! Der Kampf der Global Players um Marktmacht. Ein Spiel mit vielen Verlierern und wenigen Gewinnern. Riemann, München 2001, ISBN 3-570-50018-7.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Hacking the City. In: Museum Folkwang. Abgerufen am 1. Juni 2026.
- ↑ Mark Dery: Culture Jamming: Hacking, Slashing, and Sniping in the Empire of Signs. Open Media, Westfield, N.J. 1993, ISBN 978-1-56584-070-6.
- ↑ Paraflows09 Festival in Wien zeigt „Urban Hacking“. In: Rathauskorrespondenz Wien. 16. Juli 2009, abgerufen am 1. Juni 2026.
- ↑ Younes Saramifar: Book review: Urban Hacking: Culture Jamming Strategies in the Risky Spaces of Modernity edited by Gunther Friesinger, Johannes Grenzfurthner and Thomas Ballhausen. In: Critical Sociology. Band 42, Nr. 6, 2016, S. 928–930, doi:10.1177/0896920516645714.
- ↑ Leo Matteo Bachinger: Künstler hacken die Stadt. In: Die Presse. 16. Juli 2009, abgerufen am 1. Juni 2026.
- ↑ Hacking the City. In: Museum Folkwang. Abgerufen am 1. Juni 2026.
- ↑ Volkswagen brings the fun: Giant piano stairs and other ‘Fun Theory’ marketing. In: Los Angeles Times. 15. Oktober 2009, abgerufen am 1. Juni 2026.