China Speed

Das Schlagwort „China Speed” bezeichnet umgangssprachlich das Phänomen, dass die Volksrepublik China in verschiedenen Aktivitäten und Bereichen eine „höhere Geschwindigkeit” gegenüber anderen Wettbewerbern hat, die sich unter anderem in ihrer Innovationskraft und dem technischen Fortschritt in Bezug auf die Produktentwicklung zeigt.[2][3][4]
Begriff
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Ursprünge gehen auf die rapide Urbanisation und das Wachstum der Stadt Shenzhen zurück.[1][5] Deng Xiaoping sprach damals von dem „Shenzhen speed“.[6][7] Shenzhen, auch bekannt geworden als „Instant City“[6] (dt. etwa „Sofortstadt“), wird außerdem Jahrzehnte später als Chinas „Silicon Valley“ bezeichnet. Der politische Slogan „Zeit ist Geld, Effizienz ist Leben“ aus den 1980er Jahren wurde verbreitet.[8]
Der Begriff kann außerdem auf die China Railway High-Speed zurückgeführt werden, wird aber im Allgemeinen in der Wirtschaft und von Unternehmensberatern, aber auch in den Politikwissenschaften genutzt.
Hintergrund
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Volksrepublik China hat ihren wirtschaftlichen Aufstieg seit den 1970er Jahren entlang einer Öffnung erlebt. US-Präsident Nixon führte im Kalten Krieg der 1970er Jahre die ersten Gespräche mit dem Land.[9][10] China selbst durchläuft diese stürmische Entwicklung mit hohem Tempo in Bereichen wie der Urbanisierung oder dem Ausbau seiner Infrastruktur bereits seit Jahrzehnten.[11][12][13]
Verschiedene Staatsdoktrinen und Reformen, wie beispielsweise die Vier Modernisierungen[14] und die Reform- und Öffnungspolitik, sowie Wirtschaftspolicies und umfangreiche Fünfjahrespläne wurden verabschiedet. Ein Beispiel hierfür ist die „Go Out“-Strategie, die chinesische Unternehmen seit den frühen 2000er Jahren dazu einlädt, in anderen Teilen der Welt zu investieren und Unternehmen zu akquirieren.[15] Ein Beispiel hierfür ist die Übernahme des deutschen Unternehmens Kuka durch chinesische Investoren.

Die „chinesische Geschwindigkeit“ ist außerdem zu einem Kennzeichen der aufstrebenden chinesischen Automobilindustrie geworden. Hier spielen immer kürzere Entwicklungszyklen, schnellere Entscheidungsfindung, die umfassende Wiederverwendung von Plattformen, gemeinsam genutzte Komponenten und ein breiteres Industrie-Ökosystem eine Rolle.[16][17] All dies hat Einfluss auf den weltweiten Automobilmarkt, der seit den 2010er Jahren durch einen neuen Wettbewerb zwischen alten und neuen Autoherstellern sowie konventionellen und modernen Antriebskonzepten (Verbrennungsmotor, Hybrid und Elektrofahrzeug) geprägt ist. Hier spielen zahlreiche neue Schlüsseltechnologien eine Rolle, die unter anderem von China beherrscht werden. Das gilt auch für die Verfügbarkeit von Lithium als Rohstoff für den Bau von Lithium-Ionen-Batterien.
Zusätzlich betreibt China eine Politik der Doppelnutzung, auch bekannt als militärisch-zivile Fusion, um die Volksbefreiungsarmee (PLA) und weitere Einheiten zu modernisieren und mit anderen Armeen, speziell denen der USA, der NATO und Russlands, gleichzuziehen.[18][19] In diesem Bereich ist das Tempo merklich, was sich in den neuesten Aufrüstungsentwicklungen zeigt, die jedoch auch von anderen Ländern seit der Zeitenwende (Russisch-Ukrainischer Krieg ab 2014 und dem Russischer Überfall auf die Ukraine seit 2022) betrieben werden.
Xi Jinping (KPCh) artikuliert seit den 2020er Jahren außerdem die technologische Eigenständigkeit und Stärkung aus eigener Kraft.[20][21][22][23] Im Wettbewerb um die Vorherrschaft bei der modernen künstlichen Intelligenz (Große Sprachmodelle u. a.) kommt es zu weiteren Rivalitäten zwischen den USA und China.[24]
Kontroversen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Fachleute hinterfragen die hohe Geschwindigkeit kritisch. Die chinesische „Effizienz“ sei mit hohen politischen, sozialen und ökologischen Kosten verbunden.[25][26][27]
In ihren Analysen kommt die OECD zu dem Ergebnis, dass chinesische Firmen zwischen 2005 und 2024 im Durchschnitt drei- bis achtmal mehr staatliche Hilfen in Form von Subventionen erhalten haben als Firmen in den übrigen OECD-Staaten.[28]
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- C. Fred Bergsten, Bates Gill, Nicholas R. Lardy, Derek Mitchell: China: The Balance Sheet: What the World Needs to Know Now About the Emerging Superpower. Public Affairs, New York 2006, ISBN 978-1-58648-464-4 (englisch, archive.org).
- Nan Li (Hrsg.): Chinese Civil-Military Relations The Transformation of the People’s Liberation Army (= Asian security studies). Routledge, London ; New York 2006, ISBN 978-0-415-37932-8 (englisch, archive.org).
- Paul M. Kennedy: The Rise and Fall of the Great Powers: Economic Change and Military Conflict from 1500 To 2000. Knopf Doubleday Publishing Group, New York 2010, ISBN 978-0-679-72019-5 (englisch, archive.org).
- Daniel Yergin: The Quest. Energy, Security and the Remaking of the Modern World. The Penguin Press, New York 2011, ISBN 978-1-59420-283-4 (englisch, archive.org).
- Daniel Yergin: The New Map: Energy, Climate and the Clash of Nations. Penguin Books, an imprint of Penguin Random House LLC, New York 2021, ISBN 978-0-14-311115-3 (englisch).
- Yuyan Zhang: Reform, Opening-up and China’s Changing Role in Global Governance. Springer Singapore, Singapore 2021, ISBN 978-981-336-024-2, doi:10.1007/978-981-33-6025-9 (englisch).
- Greg Kennedy, Antulio J. Echevarria, Anna Brinkman-Schwartz (Hrsg.): Economic Warfare: A Foundation for Twenty-First-Century Strategic Practice. US Army War College Press, Carlisle, PA 2026, ISBN 978-1-58487-867-4 (englisch, armywarcollege.edu).
- Shanshan Mei, Judith Huismans: China’s Science and Technology Strategy in Perspective: Historical Evolution, Political Drivers, and Global Implications. RAND Corporation, Santa Monica, CA 2026 (englisch, rand.org).
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 Fan Yang: Temporality and Shenzhen Urbanism in the Era of “China Dreams”. In: Verge: Studies in Global Asias. Band 3, Nr. 1, 2017, S. 189, doi:10.5749/vergstudglobasia.3.1.0189 (englisch, jhu.edu [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- ↑ Huang Zhong, Cary Krosinsky: China Speed: Modern China’s Work Ethic and Sociology. In: Modern China. Springer International Publishing, Cham 2020, ISBN 978-3-030-39203-1, S. 93–106, doi:10.1007/978-3-030-39204-8_8 (englisch, springer.com [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- ↑ ‘China speed’ reflects alignment of historical timing, national determination - Global Times. In: Global Times. 15. März 2026, abgerufen am 25. Oktober 2026 (englisch).
- ↑ Volker Brühl: The economic rise of China – an analysis of China’s growth drivers. In: International Economics and Economic Policy. Band 22, Nr. 1, Februar 2025, ISSN 1612-4804, doi:10.1007/s10368-024-00640-w (englisch, springer.com [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- ↑ 'Shenzhen Speed': Thirty Years Later. In: Wall Street Journal. 7. September 2010, ISSN 0099-9660 (englisch, wsj.com [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- 1 2 Juan Du: The Shenzhen Experiment: The Story of China’s Instant City. Harvard University Press, Cambridge, Massachusetts 2020, ISBN 978-0-674-97528-6 (englisch, harvard.edu [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- ↑ Jiafan Cheng, Mingxing Chen, Shujuan Tang: Shenzhen – A typical benchmark of Chinese rapid urbanization miracle. In: Cities. Band 140, September 2023, S. 104421, doi:10.1016/j.cities.2023.104421 (englisch, elsevier.com [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- 1 2 1982: "Time is Money, Efficiency is Life". In: China Economic Net. 27. August 2010, archiviert vom am 9. April 2021; abgerufen am 25. Oktober 2026.
- ↑ Huang Zhong, Cary Krosinsky: China Speed: Modern China’s Work Ethic and Sociology. In: Modern China. Springer International Publishing, Cham 2020, ISBN 978-3-030-39203-1, S. 93–106, doi:10.1007/978-3-030-39204-8_8 (englisch, springer.com [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- ↑ Jian Shi, Zeren Langjia: China’s Ascent: A Strategic Perspective of Its Vision. In: The Changing Global Order: Challenges and Prospects. Springer International Publishing, Cham 2020, ISBN 978-3-030-21603-0, S. 65–84, doi:10.1007/978-3-030-21603-0_4 (englisch, doi.org [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- ↑ Shiuh‐shen Chien, Max D. Woodworth: China's Urban Speed Machine: The Politics of Speed and Time in a Period of Rapid Urban Growth. In: International Journal of Urban and Regional Research. Band 42, Nr. 4, Juli 2018, ISSN 0309-1317, S. 723–737, doi:10.1111/1468-2427.12610 (wiley.com [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- ↑ Peter H. Egger, Gabriel Loumeau, Nicole Loumeau: China's dazzling transport-infrastructure growth: Measurement and effects. In: Journal of International Economics. Band 142, Mai 2023, S. 103734, doi:10.1016/j.jinteco.2023.103734 (englisch, elsevier.com [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- ↑ Peter J. Rimmer: China's infrastructure and economic development in the 21st century. In: Futures. Band 29, Nr. 4-5, Mai 1997, S. 435–465, doi:10.1016/S0016-3287(97)00021-9 (englisch, elsevier.com [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- ↑ Guoqiang Tian, Xudong Chen: “Four Transitions” to Be Achieved in China’s Further Reform and Development. In: China’s Reform: History, Logic, and Future. Springer Nature Singapore, Singapore 2022, ISBN 978-981-19-5469-6, S. 203–227, doi:10.1007/978-981-19-5470-2_16 (englisch, springer.com [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- ↑ Yuan Jia-Zheng, Veronica Binda: China’s Outward Investment in Europe during the “Go Out” Policy Years: Trends, Drivers, and Strategies in the Automotive Industry, 2000–2018. In: Business History Review. Band 98, Nr. 4, 2024, ISSN 0007-6805, S. 821–853, doi:10.1017/S0007680524000576 (englisch, cambridge.org [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- ↑ Elizabeth Krear et al.: China’s Automotive Surge: The Six ‘S’ Framework: Underpinning China’s Global Competitiveness. Hrsg.: Center for Automotive Research. Ann Arbor, MI 2026 (englisch, cargroup.org [PDF]).
- ↑ Bratzel: Der „China-Speed“ ist vielfach höher als das Deutschland-Tempo. In: Badische Neueste Nachrichten. Badendruck GmbH, 6. Juli 2024, abgerufen am 25. Oktober 2026.
- ↑ Richard A. Bitzinger: China's Shift from Civil-Military Integration to Military-Civil Fusion. In: Asia Policy. Band 16, Nr. 1, Januar 2021, ISSN 1559-2960, S. 5–24, doi:10.1353/asp.2021.0001 (englisch, jhu.edu [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- ↑ Tai Ming Cheung: Innovate to Dominate: The Rise of the Chinese Techno-Security State. Cornell University Press, 2022, ISBN 978-1-5017-6434-9, doi:10.7591/j.ctv20pxxmn (englisch, jstor.org [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- ↑ Xi Jinping: 'Strive to Become the World’s Primary Center for Science and High Ground for Innovation'. In: DigiChina. Stanford University, 18. März 2021, abgerufen am 25. Oktober 2026 (englisch).
- ↑ Xin Su: The Genesis Logic and Practical Value of Xi Jinping’s Concept of Technological Innovation. In: SHS Web of Conferences. Band 179, 2023, ISSN 2261-2424, S. 05020, doi:10.1051/shsconf/202317905020 (englisch, shs-conferences.org [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- ↑ Erik Baark: Xi Jinping’s discourse on science, technology and innovation: an analysis of ideologies and theoretical contexts. In: Asian Journal of Technology Innovation. 3. März 2026, ISSN 1976-1597, S. 1–18, doi:10.1080/19761597.2026.2638246 (englisch, tandfonline.com [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- ↑ Analyse: Wie China das Silicon Valley herausfordert: Digitaler Kapitalismus - wie China das Silicon Valley herausfordert. In: Friedrich-Ebert-Stiftung. Abgerufen am 25. Oktober 2026.
- ↑ Kawsar Uddin Mahmud: From Silicon Valleys to Superpowers: The US–China Tech Rivalry in the Age of Artificial Intelligence. In: World Affairs. Band 189, Nr. 1, Januar 2026, ISSN 0043-8200, doi:10.1002/waf2.70049 (englisch, wiley.com [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- ↑ Tang Meng Kit: China’s Speed Dilemma: Efficiency vs Legitimacy (CO25131). In: RSIS Commentary. 16. Juni 2025 (edu.sg [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- ↑ Guangyu Hu: The Cost of Development in China. Springer Singapore, Singapore 2017, ISBN 978-981-10-4174-7, doi:10.1007/978-981-10-4175-4 (englisch, springer.com [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- ↑ John Knight: The Societal Cost of China's Rapid Economic Growth. In: Asian Economic Papers. Band 15, Nr. 2, Juni 2016, ISSN 1535-3516, S. 138–159, doi:10.1162/ASEP_a_00435 (englisch, mit.edu [abgerufen am 25. Oktober 2026]).
- ↑ China: Subventionen bis zu achtmal so hoch wie in anderen OECD-Ländern. In: tagesschau.de. 1. Juni 2026, abgerufen am 25. Oktober 2026.