Phänomen
Ein Phänomen (bildungssprachlich auch Phänomenon, Plural Phänomene oder Phänomena; von altgriechisch φαινόμενον phainómenon, deutsch ‚ein sich Zeigendes, ein Erscheinendes‘, lateinisch phaenŏmĕnon)[1] ist in der Erkenntnistheorie eine mit den Sinnen wahrnehmbare, abgrenzbare Einheit des Erlebens, beispielsweise ein Ereignis, ein Gegenstand oder eine Naturerscheinung. Davon abweichend wird mitunter nicht das Wahrgenommene, sondern eine Wahrnehmung selbst als Phänomen bezeichnet. Das entsprechende deutsche Wort lautet Erscheinung.
Im allgemeinen Sprachgebrauch werden vor allem Ausnahmeerscheinungen als Phänomene bezeichnet.[1]
Begriffsgeschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Begriff wurde für jegliche Art einer Erscheinung, ursprünglich nur für Lufterscheinungen gebraucht, dann aber von Vertretern des Skeptizismus auf die Metaphysik übertragen und dort gebraucht für das, was den Sinnen erscheint, im Unterschied zu dem Begriff und dem eigentlichen Gegenstand.
Das Wort φαινόμενον phainómenon stellt das Partizip Präsens Medium Nominativ Singular Neutrum des Verbs φαίνω phaínō, deutsch ‚zum Erscheinen bringen‘ dar.[1]
Ideengeschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Platon, Aristoteles
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Platon lehnt es ab, wissenschaftliche Erkenntnisse aufgrund der Beobachtung der wahrnehmbaren Welt vorzunehmen, da diese nur ein Ursprung von Illusionen darstellt.[2]
Aristoteles
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Aristoteles will Phänomene vor den Auswüchsen der Abstraktion retten, die die wissenschaftliche Erkenntnis von der realen Welt trennt.[2]
Immanuel Kant
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Immanuel Kant stellt Phänomen und Ding an sich gegenüber.[2] Während das Ding an sich der Erfahrung und der Erkenntnis unzugänglich ist, affiziert es doch die Sinnlichkeit, aus den so gewonnenen Empfindungen konstruiert das Bewusstsein die Phänomenona als Repräsentationen. Das Ding an sich ist nur indirekt, durch sie, Gegenstand der Erkenntnis, es ist uns nur als Noumenon, als gedanklich angenommene Ursache unserer Empfindungen, bewusst.[3] Da auch das Subjekt für sich selbst ein Noumenon darstellt, sind für Kants Philosophie die Phänomene real. Den Teil der Naturtheorie, welcher die Bewegung oder Ruhe der Materie bloß als solche Erscheinung der äußeren Sinne bestimmt, nennt Kant Phänomenologie.
Fichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Fichte erweitert Kants Vorstellungen. Nicht nur die Form, sondern auch die Materie der Dinge hat ihren Beginn durch die Möglichkeit der aktiven Selbstbestimmung im Ich und hebt so die passive Affektion in Dingen an sich auf.[3]
Brentano
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Brentano unterteilt in physische (= äußere) und psychische (= innere) Phänomene. Letztere haben laut ihm einen höheren Realitätscharakter, da sie dem Bewusstsein sofort zugänglich sind. Erstere haben nur den Status von Zeichen von etwas Wirklichem.[3]
Georg Wilhelm Friedrich Hegel
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Auch Hegel nimmt in ähnlichem Sinne diesen Ausdruck auf, wenn er die Darstellung der Erscheinungsweisen des Geistes in seiner stufenweisen Heranbildung zum in sich vollendeten Wesen eine Phänomenologie des Geistes nennt.
Edmund Husserl
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Edmund Husserl entwickelt eine Phänomenologie, die zwar zunächst davon ausgeht, dass das Phänomen der bloße Zugang zu den Sachen selbst ist,[2] allerdings eine starke transzendentale Wende nimmt und die Erscheinung selbst sowie ihre allgemeinen Erkenntnisbedingungen zum Gegenstand nimmt.
Scheler
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Für Schelers Auffassung sind Phänomene keine Erscheinungen, sondern apriori gegebene Tatsachen und können durch die phänomenologische Haltung als reine Wesenheiten erkannt werden, die eine Kombination von verständlichem Gehalt und rationaler Bedeutung sind.[3]
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 Phänomen – Schreibung, Definition, Bedeutung, Etymologie, Synonyme, Beispiele. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache, 1974, abgerufen am 14. Mai 2026.
- 1 2 3 4 philomag: Philosophischer Grundbegriff: Phänomen. Philomagazin Verlag GmbH, 28. April 2026, abgerufen am 14. Mai 2026.
- 1 2 3 4 Phänomen. In: Spektrum.de, Lexikon. Springer Verlag GmbH, 2008, abgerufen am 14. Mai 2026.