Bismutit kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem und entwickelt überwiegend kugelige, radialstrahlige oder massige bis pulvrige Mineral-Aggregate von meist weißer, grauer oder gelber Farbe. Es wurden aber auch schon grün, blau, braun und schwarz gefärbte Bismutite gefunden.
Erstmals gefunden wurde Bismutit in der „Grube Arme Hilfe“ bei Ullersreuth (Hirschberg (Saale), Thüringen). Als Erstbeschreibung des Minerals gilt die Publikation August Breithaupts von 1841.[9] Breithaupt erwähnte jedoch, dass schon vorher mehrmals kohlensaures Wismutoxid gefunden wurde, wobei dieses im Gemenge vorlag und nicht genau charakterisiert werden konnte:
„Schon mehrmals hat man angegeben, daß in der Natur ein kohlensaures Wismutoxyd vorkomme, aber in keiner Mineralogie ist eine Charakteristik zu finden. Zuletzt noch gab Hr. Gregor an, daß zu St. Agnes in Cornwall kohlensaures Wismut vorgekommen sey. Seine Untersuchung beweist jedoch, daß er einen gemengten Körper zerlegt hat. […] Auf der Eisensteingrube Arme Hülfe zu Ullersreuth bei Hirschberg im Reussischen Voigtlande findet sich unter anderem in einem hornigen dichten Brauneisenerz: gediegen Wismut, Wismutglanz und Hypochlorid, der erstere in eingesprengten oder kleinen Parthieen, der zweite in eingewachsenen nadelförmigen Krystallen und ebenfalls derb. Diese zwei metallischen, von Kupferkies begleitet werdenden, Mineralien sind zuweilen an ihren Rändern und an der Oberfläche, gewöhnlicher aber durch und durch in eine blassgraue oder grüne Substanz umgewandelt, die, wie ich gefunden habe, mehr oder weniger rein aus kohlensaurem Wismutoxyd besteht, und die deshalb, da sie doch jedenfalls ein eigenthümliches Naturproduct ist, den Namen: Bismutit führen möge.“
– August Breithaupt: Ueber das natürliche kohlensaure Wismutoxyd, 1841[9]
Breithaupt benannte das Mineral in Anlehnung an den hohen Bismut-Gehalt von über 80%.
In der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, erhielt das Mineral die System- und Mineralnummer V/C.09-020. Dies entspricht ebenfalls der Abteilung „Wasserfreie Carbonate, mit fremden Anionen“, wo Bismutit zusammen mit Beyerit, Kettnerit und Phosgenit eine unbenannte Gruppe mit der Systemnummer V/C.09 bildet.[2]
Die von der International Mineralogical Association (IMA) zuletzt 2009 aktualisierte[10]9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Bismutit in die neu definierte Klasse der „Carbonate und Nitrate“ (die Borate bilden hier eine eigene Klasse), dort aber ebenfalls in die Abteilung „Carbonate mit zusätzlichen Anionen; ohne H2O“ ein. Diese ist allerdings weiter unterteilt nach den in der Verbindung vorherrschenden Metalle. Das Mineral ist hier entsprechend seiner Zusammensetzung in der Unterabteilung „Mit Pb, Bi“ zu finden, wo es als einziges Mitglied eine unbenannte Gruppe mit der Systemnummer 5.BE.25 bildet.
In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Bismutit die System- und Mineralnummer 16a.03.05.01. Auch dies entspricht der Klasse der „Carbonate, Nitrate und Borate“ und dort der Abteilung „Carbonate - Hydroxyl oder Halogen“. Hier findet er sich innerhalb der Unterabteilung „Carbonate - Hydroxyl oder Halogen mit (AB)2(XO)3Zq“ als einziges Mitglied in einer unbenannten Gruppe mit der Systemnummer 16a.03.05.
Ersten Strukturmessungen zufolge schien Bismutit in tetragonaler Symmetrie zu kristallisieren. Allerdings ließ sich mit dieser Annahme die Struktur nicht vollständig lösen. Eine Röntgenstrukturanalyse zeigte, dass Bismutit im orthorhombischen Kristallsystem in der RaumgruppeImm2(Raumgruppen-Nr. 44)Vorlage:Raumgruppe/44 mit den Gitterparameterna=3,865Å, b=3,862Å und c=13,675Å sowie zwei Formeleinheiten pro Elementarzelle kristallisiert,[4] wobei die Elementarzelle jedoch eine ausgeprägte pseudotetragonale Anordnung zeigt. Dieses Strukturmodell wird seither üblicherweise zur Beschreibung von Bismutit herangezogen.
Untersuchungen mittels Neutronenbeugung (Pulver-Neutronenbeugung) deuten jedoch auf eine größere orthorhombische Elementarzelle in der Raumgruppe Pna21(Nr. 33)Vorlage:Raumgruppe/33 hin, mit den Gitterparametern a= 5,468 Å, b= 27,32 Å und c= 5,468 Å.[11]
Aktuelle Dichtefunktional-Rechnungen vergleichen die häufig angenommene Imm2-Struktur mit der niedersymmetrischen Pna21-Phase und kommen zu dem Ergebnis, dass letztere energetisch günstiger ist und die experimentellen Beobachtungen besser beschreibt.[12]
Als eher seltene Mineralbildung kann Bismutit an verschiedenen Fundorten zum Teil zwar reichlich vorhanden sein, insgesamt ist er jedoch wenig verbreitet. Weltweit sind bisher rund 900 Vorkommen dokumentiert (Stand 2026).[13] Neben seiner Typlokalität Ullersreuth in Thüringen fand man Bismutit in Deutschland unter anderem noch in Baden-Württemberg (Schwarzwald), Bayern (Fichtelgebirge, Spessart), Hessen (Odenwald), Niedersachsen (Harz), Nordrhein-Westfalen (Sauerland, Siegerland), Rheinland-Pfalz (Siegerland, Westerwald), Sachsen-Anhalt (Harz) und Sachsen (Erzgebirge).
In der Schweiz fand man Bismutit bisher vor allem in den Kantonen Graubünden und Wallis.
Weitere Fundorte liegen unter anderem in Argentinien, Armenien, Äthiopien, Australien, Bolivien, Brasilien, Chile, China, Finnland, Frankreich, Griechenland, Indien, Italien, Japan, Kanada, Kasachstan, der Demokratischen Republik Kongo, Madagaskar, Mexiko, Mongolei, Mosambik, Namibia, Norwegen, Papua-Neuguinea, Peru, Polen, Portugal, Ruanda, Rumänien, Russland, Schweden, Simbabwe, der Slowakei, Spanien, Südafrika, Tadschikistan, Tschechien, Ungarn, im Vereinigten Königreich (UK) und den Vereinigten Staaten von Amerika (USA).[14]
A. Breithaupt:XV. Ueber das natürliche kohlensaure Wismutoxyd. In: Annalen der Physik und Chemie. Band23, 1841, S.627–630 (strahlen.org/tw[PDF; 509kB; abgerufen am 21.März 2026]).
Clifford Frondel:Mineralogy of the oxides and carbonates of bismuth. In: American Mineralogist. Band28, 1943, S.521–535 (minsocam.org[PDF; 1,1MB; abgerufen am 21.März 2026]).
Hans Jürgen Rösler:Lehrbuch der Mineralogie. 4., durchgesehene und erweiterte Auflage. Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie (VEB), Leipzig 1987, ISBN 3-342-00288-3, S.715.
Petr Korbel, Milan Novák:Mineralien-Enzyklopädie (=Dörfler Natur). Edition Dörfler im Nebel-Verlag, Eggolsheim 2002, ISBN 978-3-89555-076-8, S.126.
Bismutite search results.In:rruff.net.Database of Raman spectroscopy, X-ray diffraction and chemistry of minerals (RRUFF);abgerufen am 21.März 2026(englisch).
123Stefan Weiß:Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
↑Hans Lüschen:Die Namen der Steine. Das Mineralreich im Spiegel der Sprache. 2. Auflage. Ott Verlag, Thun 1979, ISBN 3-7225-6265-1, S.188,344.
12345Joel D. Grice:A solution to the crystal structures of bismutite and beyerite. In: The Canadian Mineralogist. Band40, 2002, S.693–698 (englisch, rruff.net[PDF; 666kB; abgerufen am 21.März 2026]).
12Hugo Strunz, Ernest H. Nickel:Strunz Mineralogical Tables. Chemical-structural Mineral Classification System. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S.300 (englisch).
123456
Bismutite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (handbookofmineralogy.org[PDF; 52kB; abgerufen am 21.März 2026]).
1234Bismutite.In:mindat.org.Hudson Institute of Mineralogy,abgerufen am 21.März 2026(englisch).
12A. Breithaupt:XV. Ueber das natürliche kohlensaure Wismutoxyd. In: Annalen der Physik und Chemie. Band23, 1841, S.627–630 (strahlen.org/tw[PDF; 509kB; abgerufen am 21.März 2026]).
↑C. Greaves, S. K. Blower:Structural relationships between Bi2O2CO3 and β-Bi2O3. In: Materials Research Bulletin. Band23, Nr.7, Juli 1988, S.1001–1008, doi:10.1016/0025-5408(88)90055-4 (englisch).