Biljana Plavšić

Biljana Plavšić (serbisch-kyrillisch Биљана Плавшић; * 7. Juli 1930 in Tuzla, Königreich Jugoslawien, heute Bosnien und Herzegowina; † 1. Oktober 2026 in Belgrad, Serbien[1]) war eine jugoslawische bzw. bosnisch-serbische Politikerin (SDS, SNS). Sie war von 1990 bis 1992 Mitglied des Präsidiums der Sozialistischen Republik Bosnien und Herzegowina, nach dem Zerfall Jugoslawiens von 1992 bis 1996 Vizepräsidentin und anschließend bis 1998 Präsidentin der Republika Srpska. Wegen ihrer Rolle im Bosnienkrieg und der ethnischen Säuberungen sprach sie der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien der Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Biljana Plavšić wuchs in einer Akademikerfamilie auf, ihr Vater war Direktor des Naturkundemuseums in Sarajevo. Sie selbst studierte Botanik, spezialisierte sich auf Pflanzenviren und wurde an der Universität Zagreb promoviert. Mit einem Fulbright-Stipendium unternahm sie in den 1970er-Jahren postdoktorale Studien an der Cornell University in den USA. Danach lehrte sie als Professorin für Biologie (Schwerpunkt: Morphologie der Pflanzen) an der Universität Sarajevo und war dort Dekanin der Fakultät für Naturwissenschaften und Mathematik. Sie war die Tante des jugoslawischen und serbischen Journalisten und Diplomaten Miroslav Lazanski.
Mit dem Ende der kommunistischen Ein-Parteien-Herrschaft in Jugoslawien trat sie der im Juli 1990 gegründeten, serbisch-nationalistisch ausgerichteten Serbischen Demokratischen Partei (SDS) in Bosnien und Herzegowina unter Radovan Karadžić bei, die für ein Weiterbestehen der Föderation Jugoslawien eintrat. Bei den ersten Mehrparteienwahlen im November 1990 wurde Plavšić mit 22 Prozent der Stimmen innerhalb der serbischen Volksgruppe als einzige Frau ins siebenköpfige Republikpräsidium (kollektives Staatsoberhaupt) von Bosnien und Herzegowina gewählt, das damals noch eine Teilrepublik von Jugoslawien war. Dieses Amt hatte sie von Dezember 1990 bis zur Auflösung der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien im April 1992 inne.
Die bosnisch-serbischen Parteien, welche die Unabhängigkeit Bosniens und Herzegowinas von Jugoslawien und damit die Trennung von Serbien mehrheitlich ablehnten, riefen im Januar 1992 die „Serbische Republik Bosniens und Herzegowinas“ aus. Als eine der beiden Stellvertreter (neben Nikola Koljević) des Präsidenten Radovan Karadžić wurde Plavšić im Dezember 1992 Vizepräsidentin dieses international nicht anerkannten, von der serbisch dominierten Bundesrepublik Jugoslawien abhängigen Staatswesens. In dieser Funktion war sie Mitglied des Oberkommandos der Streitkräfte der Republika Srpska. Sie ordnete „ethnische Säuberungen“ an. Im September 1993 wurde sie in der serbischen Zeitung Svet mit den Worten zitiert, muslimische Bosniaken seien „genetisch verändertes Material, das sich dem Islam zugewandt hat“. Von diesem Zitat distanzierte sich Plavšić in einem Interview 2011 vehement, diese Aussage sei durch eine Journalistin in die Welt gesetzt worden und frei erfunden.[2]
Infolge des Ende 1995 geschlossenen Abkommens von Dayton, das den Bosnienkrieg beendete, wurde die Republika Srpska neben der von ethnischen Bosniaken und Kroaten gegründeten Föderation eine der zwei offiziell anerkannten Entitäten des komplexen Gesamtstaats Bosnien und Herzegowina. Nachdem Radovan Karadžić im Juli 1996 auf internationalen Druck als Präsident der Republika Srpska zurückgetreten war, wurde Plavšić dessen Nachfolgerin. Sie wurde bei der ersten direkten Wahl in der Republika Srpska im September 1996 mit 59 Prozent der Stimmen in diesem Amt bestätigt. In der Folgezeit ging Plavšić zunehmend auf Distanz zu Karadžić, was zu einem Machtkampf führte. Plavšić verließ den damaligen Regierungssitz der Republika Srpska, Pale (bei Sarajevo), und führte die Regierungsgeschäfte von Banja Luka aus.
Sie wurde 1997 aus der Serbischen Demokratischen Partei ausgeschlossen und gründete daraufhin die Partei Srpski Narodni Savez (SNS, Serbischer Volksbund). Biljana Plavšić galt zunächst als radikale Nationalistin, machte während ihrer Amtszeit als Präsidentin jedoch den Weg für Reformen frei und nominierte im Januar 1998 den damals als gemäßigt geltenden Sozialdemokraten Milorad Dodik von der Allianz der Unabhängigen Sozialdemokraten (SNSD) als Ministerpräsidenten. Bei der Präsidentschaftswahl im September 1998 unterlag Plavšić mit 39 Prozent der Stimmen und wurde von Nikola Poplašen von der Serbischen Radikalen Partei (SRS) der Republika Srpska abgelöst.
Vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit (Unterstützung der Planung und Ausführung von Vertreibungen) angeklagt, stellte sie sich im Januar 2001.[3] Die Haftstrafe von elf Jahren, zu der sie verurteilt wurde, saß sie seit 2003 im Frauengefängnis Hinseberg in der schwedischen Provinz Örebro ab. Laut einem Artikel der Frankfurter Rundschau wurde sie einerseits als Kriegsverbrecherin dargestellt, ihr andererseits jedoch ein guter Charakter bescheinigt und Strafmilderung in Aussicht gestellt, wenn sie gegen Slobodan Milošević aussage. In einem Gespräch mit Journalisten Anfang 2009 wurde jedoch deutlich, dass die Strafverkürzung das hauptsächliche Motiv für ihre Reue („Das Wissen, dass ich für derartiges menschliches Leid und für die Verschmutzung des Charakters meines Volkes verantwortlich bin, wird immer mit mir sein“) gewesen ist, was auch die Journalistin bestätigte: „Sie gab zu, dass sie Reue über ihre vergangenen Taten nur bekundet habe, weil sie eine kürzere Gefängnisstrafe erhalten wollte. Sie sagte mir, dass sie Muslime noch immer hasse […]“.[4] Ebenso missfiel ihr die schwedische Gesellschaft aufgrund ihrer Gleichheitspraxis und der Pressefreiheit.
Am 27. Oktober 2009 wurde Plavšić nach der Verbüßung von zwei Dritteln ihrer Strafe wegen guter Führung vorzeitig aus der Haft entlassen. Den Beschluss zur Freilassung fasste die schwedische Regierung am 22. Oktober 2009, nachdem zuvor zwei Gnadengesuche abgelehnt worden waren. Entgegen der schwedischen Praxis sollte Plavšić nicht für den verbleibenden Zeitraum der ursprünglichen Strafe überwacht werden.[5]
Am Tag der Verurteilung Radovan Karadžićs durch den ICTY gab sie dem serbischen Ableger des russischen Medienportals Sputnik ein Interview, in dem sie erneut deutlich von den Aussagen aus ihrem Schuldbekenntnis vor dem ICTY abwich. Sie zweifelte die Legitimität und Unbefangenheit des internationalen Strafgerichtshofs an und äußerte die Ansicht, ohne die Republika Srpska und die Organisation der Serben in Bosnien hätten sich die Kriegsverbrechen gegen Serben aus dem Zweiten Weltkrieg wiederholt. Die Journalistin befand den Friedensvertrag von Dayton als ungerecht gegenüber den Serben, woraufhin Plavšić antwortete, dass sie nur bedauere, nicht mehr „ihr geliebtes Sarajevo“ betreten zu können. Die Belagerung von Sarajevo, die bei ihrer Verurteilung eine Rolle gespielt hat, sowie die sonstigen Opfer des Bosnienkrieges, wurden in dem Interview nicht erwähnt. Sie beharrte auf einem widerlegten Standpunkt, der schon während des Bosnienkriegs von Politikern der Republika Srpska immer wieder hervorgebracht wurde, wonach die bosnischen Muslime die Absicht gehabt hätten, einen Gottesstaat zu gründen. Sie bedauerte die zunehmende Verkleinerung des Staates Serbien (den sie als „Mütterchen“ bezeichnete) nach den Unabhängigkeitserklärungen von Montenegro und Kosovo und verglich die Verkleinerung des Territoriums mit „Mäusen, die von allen Seiten knabbern“. Sie verglich den Prozess gegen sich mit jenem gegen Albert Speer während der Nürnberger Prozesse und gab an, während ihrer Haftzeit schlechter als er behandelt worden zu sein. Sie erhob in diesem Zusammenhang Vorwürfe gegen Wärterinnen während ihrer Haftzeit, die sie unmenschlich behandelt hätten, und betonte, dass dies besonders durch Musliminnen geschehen sei.[6]
Schriften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Svedočim. Knjiga pisana u zatvoru. (Ich sage aus. Ein Buch geschrieben im Gefängnis. Autobiographie). Banja Luka 2004, ISBN 99938-753-1-7
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Jugoslovenski savremeni. Ko je ko u Jugoslaviji? (Jugoslawische Zeitgenossen. Wer ist wer in Jugoslawien?) 1970.
- Carl Bildt: Peace journey: The struggle for peace in Bosnia. London 1998, ISBN 0-297-84131-9.
- Biljana Plavšić in: Internationales Biographisches Archiv. 18/2003 vom 21. April 2003, im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar).
- Slavenka Drakulić: Keiner war dabei. Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht. Wien 2004, S. 168–176.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Darstellung des Falls Plavšić vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien ( vom 8. April 2016 im Internet Archive) (deutsch)
- Übersicht zum Fall Plavšić vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien ( vom 20. März 2016 im Internet Archive) (englisch; PDF; 135 kB)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Preminula Biljana Plavšić. In: n1info.rs. 1. Oktober 2026, abgerufen am 1. Oktober 2026 (serbisch).
- ↑ Ekskluzivno Prenosimo Nin-Ov Intervju: Biljana Plavšić: Mladiću, preuzmi krivnju i oslobodi Srbe ( vom 4. August 2018 im Internet Archive). In: Republika, 11. Juli 2011 (serbisch)
- ↑ ICTY – Case Information Sheet (englisch; PDF; 212 kB)
- ↑ Plavšić auf freiem Fuß ( vom 3. August 2012 im Webarchiv archive.today). In: FAZ.net, 27. Oktober 2009
- ↑ Krigförbrytaren Plavsic släpps. In: Dagens Nyheter. 22. Oktober 2009, archiviert vom am 25. Oktober 2009; abgerufen am 2. Oktober 2026 (schwedisch).
- ↑ Interview mit Plavšić ( vom 12. Dezember 2016 im Internet Archive). In: Sputnjik Srbija, 24. März 2016
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Plavšić, Biljana |
| ALTERNATIVNAMEN | Plavšić Banjac, Biljana; Плавшић, Биљана |
| KURZBESCHREIBUNG | bosnisch-herzegowinische Politikerin in der Republika Srpska in Bosnien und Herzegowina |
| GEBURTSDATUM | 7. Juli 1930 |
| GEBURTSORT | Tuzla |
| STERBEDATUM | 1. Oktober 2026 |
| STERBEORT | Belgrad |
- Präsident (Republika Srpska)
- Politiker (Republika Srpska)
- Politiker (SR Bosnien und Herzegowina)
- Politiker (20. Jahrhundert)
- Mitglied der Srpska Demokratska Stranka
- Verurteilte Person (Kriegsverbrechen in den Jugoslawienkriegen)
- Person im Bosnienkrieg
- Hochschullehrer (Universität Sarajevo)
- Botaniker (20. Jahrhundert)
- Bosnier
- Jugoslawe
- Geboren 1930
- Gestorben 2026
- Frau