Barbara Nemitz
Barbara Nemitz (* 8. Oktober 1948 in Göttingen) ist eine deutsche Bildende Künstlerin. Sie war von 1993 bis 2014 Professorin für Freie Kunst an der Bauhaus-Universität Weimar[1]. Ihre künstlerische Arbeit ist interdisziplinär und manifestiert sich in unterschiedlichen Medien und Methoden.

Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Barbara Nemitz wuchs in Göttingen auf. Die Familie zog 1957 nach Darmstadt, wo Nemitz 1967 die Abiturprüfung ablegte. Von 1969 bis 1973 studierte sie an der Hochschule für bildende Künste Hamburg[2]. Von 1969 bis 1972 studierte sie Politikwissenschaft an der Universität Hamburg. 1978 erfolgte ihr Umzug nach Berlin (damals „West“), wo sie seitdem lebt und arbeitet. 1993 erhielt Nemitz an der Bauhaus-Universität Weimar eine Professur für Freie Kunst.[3]
Werk
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Neben Werken der Malerei realisierte sie Inszenierungen mit musikalischen Elementen. In dem von ihr 1993 initiierten Projekt „KünstlerGärten Weimar“ standen Pflanzen im Zentrum der Freien Kunst:[4] „Gärten als Orte existentieller Grenzerfahrung“.[5] Seit 1969 verwendete sie den Siebdruck zur Addition bekannter Motive wie drei Affen, eine Palmeninsel, den Ausruf "O la la" auf vorgefundenen Textilien.[6] 1970 entwickelte sie das Verfahren der „Siebmalerei“.[7] Es basiert auf gemalten, gezeichneten oder geschnittenen Schablonen, die auf Siebgazen belichtet werden und dann ein Feld für abstrakte Farbdrippings bieten. Farbträger sind Acetat oder Viskose-Satin, Karton, Baumwollgewebe und Leinwand. Nemitz gab das Verfahren 1981 aus Gründen des Umweltschutzes auf. 1977–1982 realisierte sie raumfüllende Malerei in Berlin in Werkstätten und Ateliers im Künstlerhaus Bethanien. Die Neue Galerie – Sammlung Ludwig, Aachen (1979), und das Wilhelm-Lehmbruck Museum Duisburg (1980) u. a. präsentierten ihre großen und stark farbigen Landschaftsdarstellungen in Einzelausstellungen[8]. Den Verlust von Landschaft thematisierte sie 1982 in ihrer im Künstlerhaus Bethanien in Berlin-Kreuzberg gezeigten Rauminszenierung „Perlen im Sande der Mark“.[9] Die Künstlerin arbeitete mit der paradoxen Situation: Die 12 gemalten Landschaften lagen nur wenige Kilometer jenseits der Berliner Mauer und waren trotzdem den meisten Besuchern unbekannt.
In verschiedenen Ausstellungsprojekten hat Nemitz Erdboden bestickt. Bei Arbeiten im Außenraum befinden sich Pflanzen und Erde in ihrer natürlichen Umgebung, während die Fäden als Fremdkörper auftreten. Im Museums- oder Galerieraum kehrt sich dieses Verhältnis um. Hier wirken Erde und Pflanzen fehl am Platz, während sich das gestickte Ornament in seinem natürlichen Habitat befindet. Das Feld des Absurden bestellen nennt Nemitz ihre in Erde gestickten Werke, die bis zu 200 m2 Fläche umfassen können.[10] Zur Ausstellung „das Schöne leben. Barbara Nemitz“ 1997 im Heidelberger Kunstverein charakterisiert Hans Gercke:[11] Die zwischen 1982 und 1995 entstandene dreidimensionale Malerei auf Tüll wurde u. a. 1995 in einer Schau von den Kunstsammlungen zu Weimar im Neuen Museum Weimar (vorm. Landesmuseum) gezeigt. Gerhard Kolberg beschreibt diese Arbeiten im Katalog:[12] „Die Wirkung der bühnenbildartig im Raum geschichteten, mit der Spritzpistole bemalten sechs seidenen Tüllbahnen ist von einem hohen Aspektreichtum begleitet, der sich aus der Bewegung vor dem Bilde und aus der wechselnden Intensität und Qualität des Lichtes ergibt.“ In ihrem Werkkomplex Malerei mit erloschenen Farben (1991–1993) zeigt Nemitz Landschaften auf rauer Jute mit graubunten Pastellkreiden.[13] Seit Anbeginn ihrer künstlerischen Arbeit beschäftigt sich Nemitz mit der Farbe Rosa (vgl. 'Matterhorn', 1972.[14]). „Attraktiv für die Arbeit mit Rosa ist die ihr innewohnende Ambivalenz. Ihrer Hintergründigkeit näher zu kommen, und sie unmittelbar differenziert zu zeigen, ist der Antrieb für die künstlerische Auseinandersetzung damit.“[15] Archivierungen, kuratierte Ausstellungen, Collagen, Fotoarbeiten, Vorträge und das Buch Pink – The Exposed Color in Contemporary Art and Culture (Hatje Cantz Verlag 2006[16]) sind ihre dazu entstandenen Werke. Seit 2016 realisiert sie die Werkgruppe Ohne Titel.[17] Es ist ein Malerei-Konzept, dem eine historische Fotografie einer Ernteszene zugrunde liegt, das Nemitz seit 2016 in Ausschließlichkeit wiederholte.
Inszenierungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1985 realisierte Nemitz im SO36 in Berlin-Kreuzberg (siehe Abbildung) mit der Inszenierung „Schönheit und Schmerz“[18] einen Landschaftsraum, der mit der Großprojektion schwarzweißer Landschaftsfotografien, Musik und von der Decke hängenden Schaukeln für das Publikum ausstaffiert wurde. Weitere Aufführungen fanden in Köln, Düsseldorf, Wuppertal und Kassel statt.
- 1987 wurde sie von den Berliner Festspielen für ihre Produktion Nachtlandschaften – promenades nocturnes beauftragt. „Das Werk wird in einem weitläufigen Landschaftsgarten bei nächtlicher Dunkelheit aufgeführt. Auf Lichtungen verteilt leuchten große schwarz-transparente Gemälde durch das Dunkel. Hinter jedem Bild brennt Feuer. Ab- und zu sind Gesangfragmente von Abendliedern zu hören. Sänger wandeln einzeln durch den nächtlichen Garten.“[19]
Lehre
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1993 wurde Barbara Nemitz als Professorin für Freie Kunst an die neu gegründete Fakultät Gestaltung der heutigen Bauhaus-Universität Weimar berufen. Gemeinsam mit ihren Kollegen erarbeitete sie die inhaltliche und strukturelle Ausrichtung der Fakultät. Nemitz war mehrere Jahre Mitglied im Senat, Präsidentin des Konzils der Hochschule, Mitglied im Forschungsausschuss und gründete mit Kollegen den Promotionsstudiengang „Kunst und Design | Freie Kunst | Medienkunst“ mit dem Abschluss Doctor of Philosophy (Ph. D.). Sie verstand die Freie Kunst als medien- und spartenübergreifendes experimentelles Feld. Diesen Freiraum vermittelte sie in ihrer Lehre. Internationale Beziehungen zu Künstlern und Wissenschaftlern in Vorträgen, Werkrealisationen in Weimar und Symposien waren Bestandteile des vielfältigen Lehrangebotes. Schwerpunkte ihres Lehrangebotes waren: Garten, Landschaft, Natur und Vegetation[20]. An der heutigen Bauhaus-Universität entstand ihr umfassendes partizipatorisches Werk „KünstlerGärten Weimar“, das die lebende Pflanze als künstlerisches Medium in das Zentrum des Interesses stellte. Um die Villa Haar[21][22] entstand das Außengelände für Werkrealisationen der KünstlerGärten[23]. Eine der Aktivitäten war die Herausgabe des international vertriebenen Buchs „trans’Plant – Living Vegetation in Contemporary Art“. In diesem Zusammenhang hat Barbara Nemitz die internationale Projektreihe „GREEN SPACE“ entwickelt und realisiert:
- “GREEN SPACE – Le jardin souterrain”. Ausstellung mit 38 internationalen Künstlern, Wissenschaftlern und jungen Talenten der Bauhaus-Universität Weimar, offizieller Beitrag Thüringens zum 50. Jahrestags des Élysée Vertrags zwischen Deutschland und Frankreich, Ausstellungsort: Metrostation Saint-Germain-des-Prés, Paris 2013/14;
- „GREEN SPACE – light and shadow“. Weimar 2003;
- „GREEN SPACE“. Tokyo 2000.
Zu ihren ehemaligen Studenten zählen Tom Ackermann[24], Mario Bierende[25], Verena Hahn[26], Stephanie Hotz[27], Enrico Niemann[28][29], Adam Noack[30], Sebastian Wanke[31], Stefan Winkler[32].
Ausstellungen (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]aus:[33]
- 1979: Malereien. Neue Galerie-Sammlung Ludwig, Aachen.
- 1980: Bicentannial Los Angeles. Gallery Stage One, Los Angeles.
- 1980: Malereien. Wilhelm-Lehmbruck-Museum, Duisburg.
- 1982: Perlen im Sande der Mark. Künstlerhaus Bethanien Berlin.
- 1985: Schönheit und Schmerz. SO 36 Berlin.
- 1987: Nachtlandschaften. Berliner Festspiele GmbH.
- 1988: Bezaubernd plagt mich mein Verwirren. Von-der-Heydt Museum, Wuppertal.
- 1995: Barbara Nemitz. Kunstsammlungen zu Weimar, Landesmuseum Weimar.
- 1996: Museum Ludwig. National Art Museum of China (NAMOC), Peking
- 1997: Das Schöne leben. Heidelberger Kunstverein.
- 2000: La ville, le jardin, la mémoire. Académie de France, Villa Médici, Rom.
- 2000: Artworks Pertaining to Environmental Sculpture. Dorsky Gallery, New York.
- 2000: Terra. Gerhard Marks Haus, Bremen
- 2004: Something is Already Happening. Rosy Wilde, London.
- 2005: The Exposed Colour: Pink. University Art Museum of the Tokyo National University of Fine Arts and Music, Tokyo.
- 2012: Unrealized Projects. DAAD Galerie, Berlin.
- 2013: GREEN SPACE – Le jardin Souterrain. Metro Station Saint-Germain-des-Prés, Paris.
- 2019: EGO vs. ECO. Galerie Eigenheim, Berlin.
- 2020: BLÜHSTREIFEN – Gärten im Fokus der Kunst. Kunsthalle Erfurt.
Publikationen (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]aus:[34]
- Barbara Nemitz. Malereien. Neue Galerie-Sammlung Ludwig, Aachen 1979. Wilhelm-Lehmbruck-Museum, Duisburg 1980.
- Barbara Nemitz – Perlen im Sande der Mark. Künstlerhaus Betanken Berlin, 1982.
- Barbara Nemitz – Nachtlandschaften. Berliner Festspiele GmbH, 1987
- Barbara Nemitz. Kunstsammlungen zu Weimar, Landesmuseum Weimar, 1995, ISBN 3-926797-15-0.
- Barbara Nemitz – Das Schöne leben. Heidelberger Kunstverein, Heidelberg 1997, ISBN 3-926905-43-3.
- Barbara Nemitz – trans'plant. Living Vegetation in Contemporary Art. Hatje Cantz Publishers, Ostfildern 2000, ISBN 3-89322-971-X.
- gewachsen. Univ.-Verl. Weimar 2002.
- Wachsen, Jg. 8, Nr. 6. Univ.-Verlag, Weimar 2002.
- Barbara Nemitz – GREEN SPACE – Le jardin souterrain. Einführungstext, Ausstellungskatalog, Leipzig 2014
- Barbara Nemitz – Pink. The Exposed Color in Contemporary Art and Culture. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2006, ISBN 3-7757-1771-4.
- BLÜHSTREIFEN – Gärten im Fokus der Kunst. Ausstellungskatalog, Textbeitrag, Kunsthalle Erfurt. Jovis Verlag Berlin 2022.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Website von Barbara Nemitz
- Barbara Nemitz bei Kunstforum.de
- Barbara Nemitz auf der Website der Bauhaus-Universität Weimar
- Ego oder Öko? Gegen das Verschwinden in der Galerie EIGENHEIM. auf art-in-Berlin
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Bauhaus-Universität Weimar: Professur Freie Kunst. Abgerufen am 21. Februar 2022.
- ↑ https://www.hfbk-hamburg.de/de/
- ↑ Barbara Nemitz. In: Barbara Nemitz. Abgerufen am 21. Februar 2022 (deutsch).
- ↑ Der Garten ist der Ort der Handlung. Abgerufen am 21. Februar 2022 (deutsch).
- ↑ Künstlergärten Weimar. Abgerufen am 21. Februar 2022 (deutsch).
- ↑ Ausstellung „O, la la“, Kunsthistorisches Institut, Universität Bonn, 1984
- ↑ Barbara Nemitz. In: Barbara Nemitz. Abgerufen am 21. Februar 2022 (deutsch).
- ↑ Barbara Nemitz. In: Barbara Nemitz. Abgerufen am 21. Februar 2022 (deutsch).
- ↑ Barbara Nemitz. In: Barbara Nemitz. Abgerufen am 21. Februar 2022 (deutsch).
- ↑ Barbara Nemitz. In: Barbara Nemitz. Abgerufen am 21. Februar 2022 (deutsch).
- ↑ Hans Gercke: Das Feld des Absurden bestellen. in „das Schöne leben. Barbara Nemitz“. Hrsg.: Heidelberger Kunstverein e. V. Heidelberger Kunstverein, Heidelberg 1997, ISBN 3-926905-43-3, S. 5–20.
- ↑ Gerhard Kolberg: Im Waldesdom. Hrsg.: Kunstsammlungen zu Weimar. Roland Bersdorf Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-926797-15-0, S. 20–26.
- ↑ Barbara Nemitz. In: Barbara Nemitz. Abgerufen am 21. Februar 2022 (deutsch).
- ↑ Barbara Nemitz. In: Barbara Nemitz. Abgerufen am 21. Februar 2022 (deutsch).
- ↑ Barbara Nemitz. In: Barbara Nemitz. Abgerufen am 21. Februar 2022 (deutsch).
- ↑ Barbara Nemitz: Pink. The Exposed Color in Contemporary Art and Culture. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2006.
- ↑ Barbara Nemitz. In: Barbara Nemitz. Abgerufen am 21. Februar 2022 (deutsch).
- ↑ Barbara Nemitz. In: Barbara Nemitz. Abgerufen am 21. Februar 2022 (deutsch).
- ↑ Barbara Nemitz. In: Barbara Nemitz. Abgerufen am 21. Februar 2022 (deutsch).
- ↑ Bauhaus-Universität Weimar: Projekte. Abgerufen am 21. Februar 2022.
- ↑ Zur Villa Haar, den KünstlerGärten und der Stiftung Dr. Georg Haar: Hans-Joachim Leithner: Gestaltete Landschaften (= WeimarWissen. 2: Teilband 2.2.: Gärten in Weimar und Parkanlagen im Weimarer Umland.) Hrsg. Hans-Joachim Leithner. Weimar 2021, S. 39–46.
- ↑ Zur Villa Haar und den KünstlerGärten bei der Stiftung Dr. Georg Haar
- ↑ Barbara Nemitz und die KünstlerGärten in Weimar auf Website Barbara Nemitz
- ↑ Bauhaus-Universität Weimar: Green Shuttle_II_The Garden | SS 2009. Abgerufen am 21. Februar 2022.
- ↑ Bauhaus-Universität Weimar: Green Space | Tokyo 2002. Abgerufen am 21. Februar 2022.
- ↑ Bauhaus-Universität Weimar: Le jardin souterrain. Abgerufen am 21. Februar 2022.
- ↑ the exposed Color: Pink. Abgerufen am 21. Februar 2022.
- ↑ Bauhaus-Universität Weimar: Pure Painting II | SS 2005. Abgerufen am 21. Februar 2022.
- ↑ the exposed Color: Pink. Abgerufen am 21. Februar 2022.
- ↑ Bauhaus-Universität Weimar: Green Shuttle_II_The Garden | SS 2009. Abgerufen am 21. Februar 2022.
- ↑ Bauhaus-Universität Weimar: Le jardin souterrain. Abgerufen am 21. Februar 2022.
- ↑ Ausstellung „CHROMA“ – Junge Malerei aus der Bauhaus-Universität Weimar. Abgerufen am 21. Februar 2022 (britisches Englisch).
- ↑ Barbara Nemitz. In: Barbara Nemitz. Abgerufen am 21. Februar 2022 (deutsch).
- ↑ Barbara Nemitz. In: Barbara Nemitz. Abgerufen am 21. Februar 2022 (deutsch).
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Nemitz, Barbara |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Malerin |
| GEBURTSDATUM | 8. Oktober 1948 |
| GEBURTSORT | Göttingen |