Annette Humpe

Annette Humpe (* 28. Oktober 1950 in Hagen; weitere, auch auf Tonträgern verwendete Schreibweisen sind Anete oder Anette) ist eine deutsche Popsängerin und Musikproduzentin. Humpes Gruppe Ideal gehörte zu den stilbildenden Vertretern der Neuen Deutschen Welle. Seit 1983 arbeitete sie vornehmlich als Produzentin wie etwa für Die Prinzen, Lucilectric, Udo Lindenberg und Max Raabe. Ihr erfolgreichstes Projekt wurde die Band Ich + Ich, wo sie bei einigen Titeln auch als Sängerin fungierte.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Humpe verbrachte ihre Kindheit zusammen mit ihrer fünf Jahre jüngeren Schwester Inga Humpe in Herdecke an der Ruhr, wo ihre Eltern eine Konditorei betrieben.[1] Die Eltern spielten in ihrer Freizeit Flöte und Orgel.[2] Später zog sie nach Bad Pyrmont, wo sie 1971 am Humboldt-Gymnasium das Abitur bestand. Für die Schülerzeitung Unkraut-Ex schrieb sie eine Kolumne mit Schüttelversen.[3]
Nachdem sie an der Musikhochschule Köln sechs Semester Komposition und Klavier studiert hatte,[4] zog sie 1974 nach Berlin und sammelte erste Erfahrungen in Bands.[5] Der Schritt nach West-Berlin bedeutete für sie auch eine räumliche Distanzierung vom Elternhaus, da ihre Eltern Reisen durch die DDR scheuten.[2] Das damalige Berlin wurde für Humpe zu einem wichtigen künstlerischen Umfeld.[2]
Humpe unterstützte die linke Sammlungsbewegung Aufstehen.[6]
Annette Humpe ist Mutter eines 1992 geborenen Sohns, den sie alleine großzog und der ebenfalls künstlerisch tätig ist. Sie lebt in Berlin.[2]
Karriere
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1979–1982: Musikalische Anfänge und Durchbruch mit Ideal
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Erste kommerzielle Erfolge erzielte Humpe ab 1979 gemeinsam mit ihrer Schwester Inga in der Formation Neonbabies, die sie mit ihrer Schwester gegründet hatte. Um Geld zu verdienen, arbeitete Humpe tagsüber als Kellnerin in einer Kneipe.[7] Sie konnte sich zu dieser Zeit noch nicht vorstellen, später von Musik leben zu können.[2] Humpe gründete dann 1980 in Berlin zusammen mit Ernst Ulrich Deuker und Frank Jürgen Krüger (genannt „EffJott“) die Band Ideal, die einen Teil des Repertoires der Neonbabies übernahm, darunter auch den späteren Erfolgstitel Blaue Augen. Mit der Band Ideal, in der sie sang und Keyboard spielte, gelang ihr mit den Liedern Berlin und Eiszeit der nationale Durchbruch. Das Lied Berlin wurde zu einer Hymne auf das West-Berlin der frühen 1980er Jahre.[2] Fortan gehörte Humpe zu den bekanntesten Vertretern der Neuen Deutschen Welle. Humpes Auftreten bei Ideal wurde rückblickend als Gegenentwurf zu niedlichen oder sexualisierten Frauenrollen im Pop beschrieben: Sie schrieb Texte, komponierte, spielte Instrumente und nahm innerhalb der Band eine zentrale Rolle ein.[8] Ihre knappe, alltagssprachlich wirkende Popsprache wurde später besonders mit den frühen Ideal-Liedern Berlin und Blaue Augen verbunden.[9] Eng befreundet war Ideal mit der Band Trio, für die Humpe mehrfach als Backgroundsängerin tätig war (so bei Da Da Da ich lieb dich nicht du liebst mich nicht aha aha aha und Herz ist Trumpf).
1983–2003: Erfolge als Produzentin und Humpe & Humpe
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1983 löste sich Ideal nach drei Alben auf und Humpe trat erstmals als Produzentin in Erscheinung. Das Ende der Band hing auch mit der Belastung des Tour- und Bandlebens zusammen; Humpe wollte diese Form des Musikerinnenlebens nicht dauerhaft fortsetzen.[2] Für die Gruppe DÖF schrieb und produzierte sie die erfolgreichen NDW-Titel Codo … düse im Sauseschritt und Taxi. Interpretiert wurden die Titel von den beiden österreichischen Kabarettisten Joesi Prokopetz und Manfred Tauchen sowie ersterer Titel wiederum von ihrer Schwester Inga. 1984 produzierte Humpe die Band Palais Schaumburg.
Mit ihrer Schwester gründete sie 1985 die Formation Humpe & Humpe, die sie auch selbst produzierte. Bis 1987 erschienen zwei Alben der Band. Die Single Careless Love erreichte in den deutschen Singlecharts Platz 24. Nebenher produzierte Humpe weitere Künstler wie Rio Reiser und Heiner Pudelko. Für Rio Reiser produzierte sie dessen erste Soloplatte.[8] 1990 erschien mit Solo ihr für längere Zeit letztes Album, auf dem sie mit eigenen Kompositionen zu hören ist. Ab Anfang der 1990er Jahre verlagerte Humpe ihren Schwerpunkt weitgehend von der Bühne auf Songwriting, Arrangement und Produktion.[2] Ihre Ausbildung an der Musikhochschule war dabei auch bedeutend für ihr Selbstverständnis in der von Männern dominierten Produzentenszene.[2]
In den 1990er Jahren produzierte Humpe unter anderem die Bands Die Prinzen (u. a. Gabi und Klaus, Mann im Mond, Mein Fahrrad, Alles nur geklaut), Lucilectric (Mädchen, Hey Süsser, Liebe macht dumm, Fernsehen) und Die Allianz bzw. Band ohne Namen (Knockin’, Boys, Sex Control, Take My Heart) und war somit an ihrem Erfolg beteiligt.[4] Zu den von ihr produzierten oder mitgestalteten Hits dieser Phase gehörten auch Ein Herz kann man nicht reparieren von Udo Lindenberg, Küssen verboten von den Prinzen und Mädchen von Lucilectric.[2] Hinter den Kulissen blieb sie als Komponistin, Arrangeurin, Produzentin und beratende Akteurin für Künstler wie Rio Reiser, die Prinzen, Udo Lindenberg, Palais Schaumburg und Max Raabe einflussreich.[10]
1992 arbeitete Humpe als Songwriterin und mit Gesang mit Christa Fast an deren Album Die Nixe – The Mermaid.[11] An dem Album wirkten auch Bela B als Erzähler und mit Gesang, Annie Lennox mit Gesang und Bearbeitung und Peter Gabriel mit Gesang[12] mit.
1995 veröffentlichte sie unter dem Namen ‚Bamby‘ – erneut mit Beteiligung ihrer Schwester – das Album Wall of Sugar. Bis 2003 war sie zunächst ausschließlich als Komponistin und Produzentin tätig; so zeichnete sie für Udo Lindenbergs Lied Ein Herz kann man nicht reparieren (1991) und den späteren Titel Stark wie zwei (2008) verantwortlich.
2004–2010: Erfolg als Musikerin und Produzentin mit Ich + Ich
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]2004 gründete Humpe mit dem Sänger Adel Tawil die Formation Ich + Ich, für die sie komponierte und die sie auch koproduzierte; bei einigen Titeln, wie etwa Dienen, war sie als Sängerin zu hören. Das Duo verband deutschsprachigen Soul-Pop mit eingängigen Melodien und Texten über Zweifel, Sinnsuche und Liebe.[8] Für Humpe bedeutete das Projekt zugleich eine Rückkehr auf die Bühne nach mehr als 20 Jahren.[8] Ich + Ich wurde die erfolgreichste Produktion in Humpes musikalischer Laufbahn. Sowohl die ersten beiden veröffentlichten Studioalben Ich + Ich und Vom selben Stern als auch einige Singles erreichten vordere Chartpositionen. Das Album Vom selben Stern erreichte Platz 1 der Albumcharts und hielt sich über 50 Wochen in den Top 15. Bis 2007 trat sie zusammen mit der Band auf der Bühne auf. Auch bei Ich + Ich hielt Humpe sich stärker im Hintergrund, war aber für das Projekt als Autorin und Produzentin bedeutsam.[10] Gegenüber dem Spiegel sagte sie dazu: „Ich habe mich von der Bühne verabschiedet, bevor irgendjemand fragt: Was macht denn die Alte da auf der Bühne?“[13]
2009 veröffentlichten Ich + Ich als Vorabsingle ihres Albums Gute Reise den von Humpe geschriebenen und produzierten Song Pflaster, der auf Anhieb auf Platz 1 der deutschen Singlecharts landete. Ende August 2010 wurde eine „kreative Pause“ des Duos bekanntgegeben, um Soloprojekten nachzugehen.[13][14]
Seit 2011: Zusammenarbeit mit Max Raabe, Annett Louisan, Ich kann fliegen und 2raumwohnung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach dem Ende von Ich + Ich produzierte Humpe für Max Raabe das im Januar 2011 erschienene Album Küssen kann man nicht alleine, mit dem zusammen sie auch die Lieder schrieb. Für das im März 2011 herausgebrachte Studioalbum In meiner Mitte der Sängerin Annett Louisan war sie als Autorin für die Singles Verschwinde und Pärchenallergie beteiligt. 2012 schrieb sie für die Band Ich kann fliegen, die beim Bundesvision Song Contest 2012 für Niedersachsen antrat, den Titel Mich kann nur Liebe retten. Für das im Januar 2013 erschienene Album Für Frauen ist das kein Problem und im Oktober 2022 veröffentlichte Album Wer hat hier schlechte Laune setzte sie ihre Zusammenarbeit mit Max Raabe fort. 2015 trat Humpe in dem Essayfilm B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979–1989 auf, einer Dokumentation mit Mark Reeder, Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange und Alexander von Sturmfeder. 2017 arbeitete sie mit an dem Album Nacht und Tag der Band 2raumwohnung mit ihrer Schwester Inga als Sängerin.
2025 unterrichtete sie als Gastdozentin an der Universität Tübingen Songwriting.[15]
2026 wurde Humpe mit dem Jacob-Grimm-Preis ausgezeichnet. Durch Annette Humpes musikalisches Werk sei die die deutsche Sprache „cool, lässig und emotional“ geworden. Sie habe eine Popsprache entwickelt, die von Direktheit und unmittelbarer Eindringlichkeit geprägt sei und sich an der „Ausdruckskraft der Alltagskommunikation“ orientiere.[9]
Diskografie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Studioalben
| Jahr | Titel Musiklabel |
Anmerkungen |
|---|---|---|
| 1990 | Solo Mercury Records (Polygram) |
Erstveröffentlichung: 1990 |
Auszeichnungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1983: Adolf-Grimme-Preis mit Silber für die Regie bei Jetzt kommt die Flut: Liebe, Geld und Tod
- 1996: ECHO Pop in der Kategorie „Erfolgreichste Produzentin“
- 2005: 1 Live Krone für das Lebenswerk gemeinsam mit ihrer Schwester Inga Humpe
- 2009: Deutscher Musikautorenpreis
- 2011: ECHO Pop für ihr Lebenswerk, die Laudatio hielt Max Raabe
- 2011: Paul-Lincke-Ring der Stadt Goslar
- 2018: Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland[16]
- 2025: Preis für Popkultur (für ihr Lebenswerk)[17]
- 2026: Jacob-Grimm-Preis des Kulturpreises Deutsche Sprache für ihr Lebenswerk[9]
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Literatur von und über Annette Humpe im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Annette Humpe bei laut.de
- Annette Humpe bei IMDb
- Annette Humpe im Munzinger-Archiv, abgerufen am 25. Juni 2017 (Artikelanfang frei abrufbar)
- annettehumpe.de (Webarchiv 2021)
- ich-und-ich.de
- „Sängerin Annette Humpe: ‚Das ist doch alles Ego-Shit‘“, Spiegel Online, 19. Juni 2007, Interview mit Fotos
- Annette Humpe im Gespräch mit Hubertus Meyer-Burckhardt, NDR Info, (Webarchiv, 2019)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ „Ich fand eigentlich alle blöd“. In: Zeit Campus. 30. Mai 2011 (zeit.de).
- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Die Königin der Prinzen: Sängerin und Musikproduzentin Annette Humpe wird 75. In: Der Tagesspiegel. 22. Oktober 2025, abgerufen am 13. Mai 2026.
- ↑ F. Bajohr u. a. (Hrsg.), Mehr als eine Erzählung. Zeitgeschichtliche Perspektiven auf die Bundesrepublik. Göttingen 2016. in der Google-Buchsuche
- 1 2 Produzentin Annette Humpe – „Ich war eher bossy unterwegs“. Abgerufen am 15. September 2020 (deutsch).
- ↑ Musikerin und Produzentin Annette Humpe – Alles unter Kontrolle. Abgerufen am 15. September 2020 (deutsch).
- ↑ Anna Lehmann: #Aufstehen offiziell gegründet: Die doppelte Wagenknecht. In: taz.de. 4. September 2018, abgerufen am 1. Oktober 2020.
- ↑ Berlin Sounds Inside – Der Musiktalk mit Anja Caspary: Annette Humpe – Die NDW, Ideal und der Kopflose Businessman. Rundfunk Berlin-Brandenburg, abgerufen am 11. Juni 2025.
- 1 2 3 4 Christiane Rösinger: Kniend durch Gefühlsbrei. In: taz. 8. Februar 2006, abgerufen am 13. Mai 2026.
- 1 2 3 Ulrich Gutmair: Jacob-Grimm-Preis für Annette Humpe: „Da bleib ich kühl, kein Gefühl“. In: taz. 12. Mai 2026, abgerufen am 13. Mai 2026.
- 1 2 Susanne Messmer: Annette Humpe hat Geburtstag: Sie ist die Queen of Berlin. In: taz. 28. Oktober 2020, abgerufen am 13. Mai 2026.
- ↑ Christa Fast, Bela B., Annie Lennox, Peter Gabriel – Die Nixe – The Mermaid. Discogs, 2025, abgerufen am 13. April 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Steffen Gerlach: Peter Gabriel – Recording Compendium (7) 1991–1994. Endlich brachte Gabriel den Nachfolger zu So heraus: Das Album US. In der Folge veröffentlichte er auch ein Live-Album zur zugehörigen Tour, zwei CD-ROMs und war noch bei vielen anderen Musikprojekten dabei. Deutscher Genesis Fanclub 'it' / Genesis News Com – Christian Gerhardts, 28. Juni 2016, abgerufen am 13. April 2025 (deutsch).
- 1 2 Auszeit: Ich + Ich Nicht. In: Der Spiegel. 31. August 2010, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 13. Juni 2025]).
- ↑ FAZ, Bilder und Zeiten, Seite Z6: Wie bleibt man auf der Höhe der Zeit, Frau Humpe?
- ↑ Kursangebot SoSe25. In: Universität Tübingen. Archiviert vom ; abgerufen am 19. Juni 2025.
- ↑ Ordensverleihung zum Tag der Deutschen Einheit. In: bundespräsident.de, 2. Oktober 2018, abgerufen am 2. Oktober 2018.
- ↑ Preis für Popkultur – Lebenswerk Annette Humpe. In: Preis für Popkultur. Archiviert vom ; abgerufen am 19. Juni 2025.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Humpe, Annette |
| ALTERNATIVNAMEN | Humpe, Anete; Humpe, Anette |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Popsängerin und Musikproduzentin |
| GEBURTSDATUM | 28. Oktober 1950 |
| GEBURTSORT | Hagen |