In den Vereinigten Staaten gewährt der Civil Rights Act of 1875 gleichberechtigten Zugang zu allen Einrichtungen des öffentlichen Lebens unabhängig von der Rasse, Hautfarbe oder vorherigem Sklavenstatus, nicht jedoch vom Geschlecht.
Am 9. April erscheint in der Berliner regierungsnahen Zeitung Die Post ein Artikel mit der Überschrift Ist Krieg in Sicht?. Autor ist der Publizist Constantin Rößler, jedoch wird hinter diesem und zahlreichen weiteren Artikeln in den nächsten Wochen Otto von Bismarck vermutet. In diesen Artikeln droht er Frankreich mit einem Präventivkrieg für den Fall der weiteren Aufrüstung. Es folgt das klare Signal Großbritanniens und Russlands, Frankreich zu unterstützen. Sie sind nicht gewillt, einen weiteren Machtzuwachs des Deutschen Reiches zu akzeptieren, der eine Gefährdung ihrer eigenen Position bedeutet hätte. Bismarck schließt aus diesem Verlauf der „Krieg-in-Sicht-Krise“, dass Deutschland die Diplomatie des Gleichgewichtes betreiben und alternative Optionen wie die Politik der territorialen Kompensation oder die des diplomatisch unterstützten Präventivkrieges zurückstellen müsse.
22. April: Mit dem sogenannten „Brotkorbgesetz“ wird der Kulturkampf mit der römisch-katholischen Kirche im deutschen Kaiserreich verschärft. Kernstück des Gesetzes ist die Sperrung aller Staatszuschüsse an kirchliche Einrichtungen der katholischen Kirche, um die Anerkennung der Kulturkampfgesetze durch die Kirche zu erzwingen. Bischöfe und Geistliche, die schriftlich diese Anerkenntnis leisten, erhalten wieder die staatlichen Leistungen.
31. Mai: Das Klostergesetz, ein weiteres Kulturkampfgesetz, wird beschlossen und am 3. Juni verkündet. Es hebt alle geistlichen Orden und ordensähnlichen Kongregationen auf, ausgenommen sind diejenigen, die sich ausschließlich der Krankenpflege widmen.
1. März: Kálmán Tisza gründet im Königreich Ungarn die Liberale Partei. Sie vertritt eine an den Interessen der oberen magyarischen Gesellschaftsschichten orientierte Politik und ist weder an Demokratisierung noch an Gleichberechtigung der anderen Nationalitäten in den Ländern der ungarischen Krone interessiert, obwohl diese etwa die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, sondern ist die Partei der Magyarisierung.
1. Juli bis 18. August: Bei der Parlamentswahl in Ungarn gewinnt die Liberale Partei aufgrund des Klassenwahlrechts 333 von 414 Mandaten. Kálmán Tisza wird Ministerpräsident.
30. Januar: Mit einer Stimme Mehrheit wird das von Henri Wallon eingebrachte Amendement Wallon verabschiedet, wonach das zukünftige französische Staatsoberhaupt, der Staatspräsident, für sieben Jahre gewählt wird.
24. Februar: Mit dem Gesetz vom 25. Februar wird die Stellung des französischen Senats geregelt.
16. Juli: Der letzte der Gesetzestexte des Jahres 1875 (lois constitutionnelles de 1875) tritt in Kraft, die endgültig die republikanische Staatsform der noch jungen Dritten Republik festschreiben, die bislang in der Verfassung aufgrund der starken monarchistischen Strömungen nur unzureichend verankert war.
28. Juli: Bei den Unruhen in Göschenen werden vier italienische Tunnelarbeiter erschossen, nachdem beim Bau des Gotthardtunnels am Vortag ein Streik begonnen hat. Als Reaktion auf die Ereignisse erfolgt am nächsten Tag ein Armeeeinsatz, und danach eine unbewaffnete Bundesintervention unter der Leitung von Ständerat Hans Hold.
14. Januar: Alfons XII. zieht an der Spitze der monarchistischen Truppen in Madrid ein, stürzt die Erste Spanische Republik endgültig und stellt die Monarchie wieder her. Anschließend wendet er sich gegen die Carlisten unter dem Thronprätendenten Carlos María de Borbón und fügt ihnen am 7. Juli bei Treviño eine Niederlage zu. Unter Ministerpräsident Antonio Cánovas del Castillo wird in der Folge bis 1885 eine Politik verfolgt, die auf die Wiederherstellung der Privilegien des Adels und der katholischen Kirche zielt.
Tongzhi, der neunte Kaiser von China aus der Qing-Dynastie, stirbt am 12. Januar überraschend im Alter von 18 Jahren. Offizielle Todesursache sind die Pocken, aber vor allem unter den Europäern in China kursiert das Gerücht, er sei an Syphilis erkrankt, später sogar, seine eigene Mutter Cixi habe ihn vergiften lassen. Konkrete Belege für diese Theorien sind bisher nicht bekannt. Da Tongzhi keinen Sohn hat, adoptieren die Kaiserinwitwen Ci’an und Cixi einen entfernten Cousin. Am 25. Februar wird der dreijährige Guangxu inthronisiert und übernimmt das Mandat des Himmels unter der Vormundschaft der Kaiserinwitwen.
1. März: Der Civil Rights Act of 1875 gewährt gleichberechtigten Zugang zu allen Einrichtungen des öffentlichen Lebens (z.B. Hotels, Eisenbahnen, Fähren, Theater usw.) unabhängig von der Rasse, Hautfarbe oder vorherigem Sklavenstatus.
3. März: Der Page Act verbietet die Einreise von Prostituierten und von verurteilten Straftätern in die USA. Das Gesetz betrifft ausschließlich Menschen aus China, Japan und anderen ost- und südostasiatischen Ländern. Da die Absicht der Prostitution im Einzelfall kaum nachgewiesen werden kann und die Beamten der Einreisebehörde bei der Beurteilung der Bewerberinnen einen weiten Ermessensspielraum besitzen, führt die Regelung dazu, dass die Einreise von Chinesinnen und anderen Asiatinnen insgesamt weitgehend unterbunden wird.
6. August: Vier Verschwörer töten in Quito den wiedergewählten ecuadorianischen Präsidenten Gabriel García Moreno auf dem Weg von der Kathedrale zum Präsidentenpalast, als dieser seine dritte Amtszeit antreten will.
21. Januar: Die Banque de l’Indochine, eine Aktiengesellschaft im Besitz privater Großinvestoren, die in den französischen Kolonien im asiatisch-pazifischen Raum auch als Zentralbank mit Notenprivileg fungiert, wird in Paris gegründet.
14. März: Im Deutschen Reich wird das Bankgesetz verabschiedet, das unter anderem die Schaffung der Reichsbank ab 1. Januar 1876 vorsieht.
6. Oktober: Das Osmanische Reich kürzt die Zinszahlungen für seine Auslandsschulden um 50 Prozent. Die Gläubiger erhalten dafür mit 5 Prozent verzinste Obligationen mit dem Versprechen späterer Einlösung. Die zerrütteten Staatsfinanzen führen am 13. April 1876 zur Erklärung des Staatsbankrotts.
19. März: Die Rohrpost in Wien wird in Betrieb genommen, vorerst nur für Telegramme und Eilbriefe.
1. Juli: Der im Jahr zuvor in Bern unterzeichnete Weltpostvertrag zur Gründung des Allgemeinen Postvereins tritt in Kraft und erleichtert den internationalen Postverkehr.
1. Mai: Das deutsche Gesetz über den Markenschutz tritt in Kraft. Es schützt zunächst nur Bildmarken. Die Eintragung erfolgt zunächst beim zuständigen Amtsgericht.
22. April: Die erste Ausgabe der Publikation Die Emancipation – Zeitschrift für Frauen kommt in Wien als Probenummer auf den Markt. Herausgeber, verantwortlicher Redakteur und Hauptautor ist Hermann Feigl. Nach nur zehn Ausgaben stellt sie am 25. Mai ihr Erscheinen ein.
Die aus Kelsterbach stammenden Schlosser Philipp Helfmann und Balthasar Helfmann gründen in Frankfurt am Main die Baufirma Gebrüder Helfmann, aus der später das Unternehmen Hochtief AG hervorgeht.
9. Februar: Durch den 7,64 km langen Hoosac-Tunnel, Nordamerikas bis heute längsten Eisenbahntunnel außerhalb der Rocky Mountains, fährt erstmals ein Zug.
8. März: Henry Morton Stanley erreicht nach rund dreieinhalbmonatiger Reise auf der Lady Alice den Victoriasee und erkundet diesen bis zum 29. März auf einer 3170 km lange Fahrt. Im August trifft er am Hof des Königs Mutesa von Uganda ein. Er begleitet den König auf Kriegszügen und befährt den Tanganjikasee.
Unter der Leitung des deutschen Archäologen Ernst Curtius beginnen im antiken Olympia umfangreiche Ausgrabungsarbeiten, bei denen zahlreiche Skulpturen gefunden werden. Neben einigen Wissenschaftlern steht Curtius dort auch der Architekt Friedrich Adler zur Seite.
23. Februar: Die Besatzung der britischen Korvette Challenger lotet im Rahmen der Challenger-Expedition im Marianengraben den mit 8.164 Metern bis dahin tiefsten gemessenen Punkt der Weltmeere aus. Am 11. April erreicht die Expedition unter Kapitän Frank Tourle Thomson Yokohama.
25. August: Der International Congress of Americanists (Congreso Internacional de Americanistas) findet im französischen Nancy zum ersten Mal statt. Die Bezeichnung Amerikanistik wird dabei auf den amerikanischen Gesamtkontinent bezogen. Ziel der Gründungsveranstaltung durch die Pariser Société Américaine de France ist es, „einen Beitrag zur Entwicklung der ethnographischen, linguistischen und historischen Studien über die beiden Amerikas, vor allem für die Zeit vor Kolumbus, zu leisten“.
Die erste Wiener Donauregulierung wird nach rund fünf Jahren abgeschlossen. Dabei ist der bisherige Hauptarm der Donau als „Alte Donau“ vom jetzigen Hauptbett abgetrennt worden, das nun der Schifffahrt dient. Am linken Ufer befindet sich ein 450 Meter breites Überschwemmungsgebiet.
25. März: Trial by Jury, eine Operette mit Musik in einem Akt von Arthur Sullivan nach einem Libretto von W. S. Gilbert, hat ihre Uraufführung am Royalty Theatre in London. Das Stück ist nach ThespisGilbert und Sullivans zweite gemeinsame Opernproduktion. Das bei Kritikern und beim Publikum sehr beliebte Werk wird während der ersten Spielzeit 131-mal aufgeführt.
26. Oktober: Die Oper Le voyage dans la lune (Die Reise auf den Mond) von Jacques Offenbach mit einem Libretto von Albert Guillaume Florent Vanloo, Eugène Leterrier und Arnold Mortier nach Motiven aus den Romanen Von der Erde zum Mond (De la terre à la lune) und Die Reise zum Mittelpunkt der Erde (Voyage au centre de la terre) von Jules Verne wird im Théâtre de la Gaîté in Paris uraufgeführt. Verne lässt am 18. Oktober in Le Figaro eine Erklärung veröffentlichen, in der er verlangt, dass die Autoren ausdrücklich darauf hinwiesen, dass er nichts mit diesem Werk zu tun habe, verzichtet aber auf rechtliche Schritte.
11. Dezember: In Bremerhaven ereignet sich mit dem Anschlag auf dieMosel der bisher schwerste Mordanschlag in Deutschland. Eine vorzeitige Bombenexplosion beim Verladevorgang reißt 83 Menschen in den Tod und fordert etwa 200 Verletzte. Der Sprengkörper sollte auf hoher See das Schiff zum Sinken bringen und Mittel für einen Versicherungsbetrug sein.
Bei einem morgendlichen Spaziergang im Park des Schlosses Schönbrunn lernt der österreichische Kaiser Franz Joseph I. die 16-jährige Anna Heuduck kennen, die ein paar Jahre später für mehrere Jahre seine Geliebte wird.
23. März: Papst Pius IX. veröffentlicht die EnzyklikaGraves ac diuturnae an den Klerus und die Bevölkerung der Schweiz. Darin verdammt er die Altkatholiken (in der Schweiz: Christkatholiken) und die Anti-katholischen Ehegesetze und ermahnt die Geistlichen zum treuen Gehorsam.
um Fronleichnam: Im Zuge des Kulturkampfes wird die katholische Spandauer Prozession nach rund 40 Jahren vom Magistrat nicht mehr genehmigt.
Gründungsprotokoll 1875
8. September: In der Wohnung von Helena Blavatsky wird von 16 Personen die Gründung der Theosophischen Gesellschaft beschlossen. Diese spätere Geheimgesellschaft gewinnt erheblichen Einfluss auf religiöse und esoterische Bewegungen. Am 30. Oktober wird die Satzung verlesen, und am 17. November erfolgt eine zeremonielle Feier zur Gründung. Doch schon zu Jahresende erfolgen die ersten Austritte.
4. November: Ein Streckenwärter der Franz-Josefs-Bahn bei Schwarzenau verübt einen Anschlag auf einen Personenzug mit der Absicht, diesen noch vor dem Unfall zu „retten“, um eine Belohnung zu kassieren. Die Rettungsaktion misslingt jedoch und der Zug entgleist, wobei acht Menschen ums Leben kommen und weiteren neun schwer verletzt werden.
24. Februar: An der Küste von Queensland wird der Passagierdampfer Gothenburg von einem Zyklon überrascht und prallt auf Felsen des Great Barrier Reef. Das Schiff sitzt auf den Felsen fest und wird langsam geflutet. 113 Menschen sterben.
7. Mai: Beim Untergang des Dampfschiffes Schiller in der Nähe der Scilly-Inseln kommen 335 Menschen ums Leben.
1. Juni: Der Passagierdampfer Vicksburg der Dominion Line sinkt nach der Kollision mit einem Eisberg. 47 der 91 an Bord befindlichen Menschen kommen dabei ums Leben.
4. November: Der Raddampfer Pacific kollidiert südwestlich von Cape Flattery an der Küste des US-Bundesstaats Washington mit dem Segelschiff Orpheus und sinkt. 273 Passagiere und Besatzungsmitglieder sterben, darunter alle Frauen und Kinder.
6. Dezember Der Dampfsegler Deutschland läuft in der Höhe des Themse-Deltas auf eine Sandbank. 57 Menschen verlieren ihr Leben.
31. Dezember: Beim Untergang des Segelschiffes Harvest Queen der Black Ball Line nach einer Kollision mit der zur White Star Line gehörenden Adriatic vor der irischen Küste kommen alle 30 Menschen an Bord ums Leben.
Der Pont St.-Michel nach dem Hochwasser in Toulouse
23. Juni: Toulouse wird von der Garonne überflutet, wobei rund 1000 Häuser zerstört werden und rund 200 Menschen ums Leben kommen. Drei der vier Brücken der Stadt werden weggeschwemmt.
12. September: Die Ortschaft Saint-Chinian im französischen Département Hérault erlebt eine schwere Überflutung durch den Fluss Vernazobre, wobei fast 100 Menschen ums Leben kommen und fast 150 Häuser zerstört werden.
25. Dezember Der Einsturz des Treppenhauses im Schulhaus Hellikon in der Schweiz fordert 76 Tote.
Der Fuciner See, das größte Binnengewässer Mittelitaliens, wird endgültig trockengelegt und als Kulturland genutzt. Die Trockenlegungsarbeiten haben bereits 1854 im Auftrag des römischen Bankiers Alessandro Torlonia unter der Leitung des Schweizer Ingenieurs Franz Mayor de Montricher begonnen.
25. August: Matthew Webb durchschwimmt in 21 Stunden 45 Minuten als erster Mensch ohne technische Hilfen den Ärmelkanal und erreicht Calais.
November: Der englische Fußballverein Blackburn Rovers wird gegründet. Er absolviert am 18. Dezember sein erstes Spiel, das mit einem Unentschieden endet.