Aufgrund seiner geografischen Lage war Ahlat im Laufe der Geschichte eine Stadt und Region, für die viele Herrscher regionaler Staaten und benachbarter Mächte zu unterschiedlichsten Zeiten politisches Interesse und Machtansprüche zeigten und über gewisse Zeiträume auch durchzusetzen. Laut der Forschung wurde die Stadt Alt-Ahlat (Eski Ahlat, Harabeşehir) im historischen Verlauf von Hurritern, Assyrern, Urartäern, Persern, Griechen, Römern, Byzantinern und später für kurze Zeit von den Umayyaden, Abbasiden und Mervanoğulları (Marwaniden) regiert, gefolgt von den Seldschuken, Ahlatschahs (Armenshahs oder Sökmenoğulları), Ayyubiden, Harzemşahs (Choresm-Schahs), anatolischen Seldschuken, mongolischen İlchanen, Karakoyun- (Qara Qoyunlu) und Akkoyun- (Aq Qoyunlu) Turkmenen, Safawiden- und Osmanen.[39] Dabei war Ahlat vor allem im Mittelalter über längere Perioden nicht nur Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen und Machtansprüche, sondern auch ein Zentrum türkischer Kultur und wirtschaftlicher Bedeutung. In der osmanischen Zeit hatte Ahlat allerdings wegen seiner Entfernung zur Hauptstadt, seiner Nähe zur iranischen Region (Azerbaidschan), aufgrund von Epidemien, Invasionen, der in der Geschichte verzeichneten Erdbeben von 1246 und 1275–1276, der Entstehung neuer wirtschaftlich entwickelter Städte und des Mangels an einer zeitgemäßen Verkehrs-Infrastruktur sowie der Abwanderung von Bevölkerung in große Städte seine historische Bedeutung weitgehend verloren und ist zu einer „gewöhnlichen“ Stadt geworden. Trotz all dieser negativen Aspekte konnte Ahlat dennoch seine historische und kulturelle Identität weitgehend bewahren.[40]
Bei den Ausgrabungen in der Inneren (alten) Burg von Ahlat wurden in einem Teilgebiet, in dem sich die Höhlensiedlungen im Harabeşehir-Stadtteil von Ahlat befinden, Keramiken der 5.200 Jahre alten Karaz-Kultur freigelegt. Diese spät-kupfersteinzeitliche bis früh-bronzezeitliche Kultur stellt mit ihrer Architektur, Keramik und ihren Kleinfunden eine langlebige vorgeschichtliche Kultur dar, die überwiegend in Nordost- bzw. Ost- und teilweise in Südostanatolien vorkommt.[41][42] 7 % dieser Keramiken gehören zur Karaz-Kultur und zur Bronzezeit. Etwa 17 % sind Keramik aus der Eisenzeit, während der Rest aus mittelalterlicher Keramik besteht. Dies zeigt, dass es um 3200 v. Chr. eine Siedlung in der (alten) Ahlat-Zitadelle gab. Zudem findet sich reichlich Material aus der Eisenzeit nach der Karaz-Kultur. Und es gibt Keramikstücke, die typisch für die Urartäer sind. Diese Keramikfunde machen deutlich, dass es in Ahltat seit damals eine ununterbrochene Besiedlung gab.[43] Als Ergebnis von Forschungen auf den Hochebenen um die Vulkane Süphan Dağı und Nemrut Dağı wurde mittlerweile klar, dass dort im 2. Jahrtausend v. Chr. eine Transhumanz-Kultur existierte. Offenbar bestand auf dem Sütey-Plateau (Sütay Yaylası) im Norden von Ahlat im 2. Jahrtausend v. Chr. auch eine Siedlung. Vor allem in Yuvadamı 7 km nördlich von Ahlat wurden Siedlungsspuren von der frühen transkaukasischen Zeit bis zur Eisenzeit identifiziert. Das Sütey-Plateau liegt auf einer Höhe von 2200 m bis 2300 m Höhe am südwestlichen Rand des Süphan Dağı. Das Plateau mit seinen dicken und schwarzen Böden ist eine der wichtigsten Graslandregionen Ostanatoliens.[44]
Eine weitere wichtige Siedlung ist Harabe Hulik, ein Platz auf der Atom Yaylası (Atomplateau) nördlich von Ahlat, die die mittlere und späte Bronzezeit umfasst. Die Kulturen dieser Zeit sind durch bemalte „Aras boyalıları“ (Aras-bemalte) Töpferwaren gekennzeichnet. Diese im Flachland wenig verbreiteten Kulturspuren sind in den Hochebenen anzutreffen. Da diese Hochebenen über weite Weiden verfügen, also sehr geeignete Flächen für die Tierhaltung bieten, geht man davon aus, dass in der Zeit vor der Gründung des urartäischen Königreichs dort Stämme lebten, deren Hauptlebensgrundlage offenbar die Viehhaltung war.[45] Die rund um das Sütey-Plateau gefundenen Gräber und Töpferwaren sind vom Kurgan-Typ und zeugen von der Existenz einer Hochlandkultur. Es gibt allerdings keine Funde, die auf Dauersiedlungen der betreffenden Völker hinweisen. Daher nimmt man an, dass sie ein „Yaylak-Kışlak“-Leben zwischen Sommer- und Winteraufenthalt führten.[46]
Aus archäologischen Untersuchungen geht hervor, dass die Bevölkerung im Umfeld dieser Hochebenen im 2. Jahrtausend v. Chr. erheblich wuchs – und auch die Zahl der kleinen Dörfer zunahm – und weiterhin von Viehzucht und Landwirtschaft lebte, wobei Landwirtschaft nur in den niedrigen Abschnitten zwischen den hohen Bergen betrieben werden konnte. In kleinen landwirtschaftlichen Gebieten, die als landwirtschaftliche Taschen bezeichnet werden können, führte die Knappheit natürlicher Wasserressourcen in der Region zu Bewässerungsproblemen auf landwirtschaftlichen Flächen,[47] so dass später urartäische Könige nach und nach große Agarprojekte durchführen mussten, um das landwirtschaftliche Potenzial der von ihnen beherrschten Gebiete in der Region Ostanatolien zu steigern und den Ernährungsbedarf der Bevölkerung zu decken.[48] Bekannt wurden Reste solcher Bewässerungsprojekte in Form von urartu-zeitlichen keramischen Wasserrohren und steinernen Kanälen rund um Kefkalesi (bei Adilcevaz), beim Kırcagöl-Staudamm und am Aygır-See (Süphan Dağı).[49][50] Die für die Projekte benötigte Arbeitskraft wurde von den urartäischen Königen durch Massenumsiedlungen der Bevölkerung in neu geschaffene landwirtschaftliche Flächen bereitgestellt.[51] Mit der Bevölkerungszunahme war auch die Zahl der gehaltenen Tiere gestiegen, so dass die Weiden nicht mehr ausreichten. Die Viehhalter pendelten mit ihren Tieren deshalb saisonal zwischen Regionen mit reichlich Wasser und Weiden. Infolgedessen wurde das halbnomadische Leben zu einem obligatorischen Lebensstil auf dem Lande in der Ahlat-Region.[52]
In diesem Wirtschaftszweig, der auch in der folgenden urartäischen Zeit von Bedeutung war, wurden hauptsächlich Rinder, Schafe und Ziegen gehalten. Die Untersuchung der bei den Ausgrabungen in urartäischen Burgen gefundenen Knochen ergab, dass es sich um Rinder, Schafe und Ziegen handelte, wobei Schafhaltung aufgrund des hohen Anteils an Milch, Wolle und Fleisch sowie der Winterhärte der Tiere vorherrschte.[53] Das Van-See-Becken in Ostanatolien bildete damit einen der wichtigsten Teile der Region südlich von Kura und Aras Nehri (Araxes), in dem sich seit Beginn des 3. Jahrtausends v. Chr. zunächst die frühe hurritische Kultur als eine der Wurzeln frühbronzezeitlicher Zivilisationen ausgebreitet hat und eine kulturelle Union in Ostanatolien gründete, deren Sprache und Grammatik zur asiatischen Sprachfamilie gehörte. Vom Beginn des 13. Jahrhunderts v. Chr. bis zur Mitte des 9. Jahrhunderts v. Chr. spricht man in der Region Ostanatoliens von der sogenannte „Fürstenzeit“, in der es offenbar keine Zentralregierung gab: Kleine Fürstentümer von Stämmen hurritischer Herkunft führten dort im Allgemeinen ein halbnomadisches Leben. Damals zählte die Region um den Vansee zu den randlichen Einflussgebieten der Assyrer im nördlichen, auch als Zweistromland bezeichneten Mesopotamien.[54]
Über die Urartäer in Ahlat und die Zeit dort vor den Urartäern wurde bis in die 1930er Jahre nicht ernsthaft geforscht. Der assyrische König Salmanassar I. (1274–1245 v. Chr.) erwähnte ein Fürstentum Uruadri in Ostanatolien, das aus acht Stämmen und 51 Städten bestand. Auf einem Kriegszug zum Vansee-Becken unterwarf er in drei Tagen das gesamte Land Uruadri (Urartu). In assyrischen Dokumenten heißt die Region nicht Uruadri, sondern Nairi, ein Fürstentum, an das die Urartäer zeitweise ihre Macht abtreten mussten. Die zweite assyrische Inschrift mit Informationen über die Region stammt aus der Zeit des assyrischen Königs Tukulti-Ninurta I. (1244–1208 v. Chr.), der in der Inschrift erwähnt, dass er der König der vier Regionen der Welt sei und dass das Fürstentum Nairi 60 Oberhäupter habe. Ob Ahlat zu dieser Zeit bereits existierte, ist nicht bekannt, aber anhand der oben genannten Funde auch nicht unwahrscheinlich.[54][55] Abdurrahim Şerif Beygu definiert die Urartäer als vorchristliche „Orarto“ oder „Lortho“ vom Turan-Stamm (ein zentralasiatisches Gebiet der iranischen Mythologie jenseits des Oxus/Amudarja) und schreibt, dass sie um 900 aus dem Osten kamen und Ahlat beherrschten.[56] Schließlich war die Region in der Antike von großer Bedeutung im Handel der Urartäer mit den umliegenden Ländern, weil durch sie die „südliche Handelsroute“ des Königreichs führte. Urartäische Könige ließen die erste reguläre Landstraße der Region Ostanatolien bauen. Diese südliche Handelsroute führte über den Erciş-Adilcevaz-Ahlat-Tatvan-Bitlis-Zweig nach Nordsyrien. Das zur Herstellung von Bronze benötigte Zinn wurde auf diesem Wege befördert. In den Werkstätten der urartäischen Burgen bestand ein großer Bedarf an Zinn. Daher war die Handelsroute, die durch das Bitlis-Çayı-Tal südwärts führte, sowohl für die Bergbauindustrie als auch für andere wirtschaftliche Bedürfnisse des Urartäerreichs sehr wichtig. An dieser „Landstraße“, die von der Hauptstadt Tuspa (Van) ausging und sich nach Westen und dann nach Süden erstreckte, wurden auch Unterkunftsstationen gefunden. 7 km nördlich und 1 km landeinwärts der Fernstraße von Ahlat nach Adilcevaz bei Cevizderesi wurde eine kleine rechteckige Gebäudestruktur mit Außenmauern aus großen Steinblöcken entdeckt, bei der es sich laut Aynur Özfirat wahrscheinlich um eine urartäische Karawanserei handelt.[57] Die Existenz solcher Wohngebäude wird auch in assyrischen und achämenidischen Inschriften erwähnt, Unterkünfte namens „kalliu“, die sich an der „harrān šarri“ (Königsstraße) befanden.[58]
Besagte Fürstentümer hatten großen Einfluss auf Bildung und Organisation des urartäischen Königreichs in der Van-See-Region und seine Umwandlung in einen Staat, der einen Zeitraum von der Mitte des 9. Jahrhunderts v. Chr. bis zum Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. umfasste. Ahlat war damals ein Grenzfürstentum, das von den Urartäern beherrscht wurde, nachdem diese die Assyrer im Jahr 900 v. Chr. besiegt und einen Staat in Ostanatolien gegründet hatten. Ahlater Fürsten, Helatos I, II, III, IV und V, die in dieser Zeit an die Macht kamen, setzten die Bedeutung dieses Fürstentums bis 600 v. Chr. fort. Zu den Regionen dieses Staatswesens gehörten unter anderem die Hochebenen und Hänge von Bergen wie Nemrut Dağı, Süphan Dağı und Aladağ. Archäologische Funde in dieser Region werden mit oben genannten halbnomadischen Gesellschaften in Verbindung gebracht.[59][60][61][62]
Die Urartäer, die etwa 300 Jahre lang als wichtige Macht in der Region bestanden, wurden Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. von den Medern und Skythen abgelöst. Die Meder-Herrschaft begann dort um 590 v. Chr. Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. vertrieben urartäische Vasallen, darunter armenische Herrscher, mit Unterstützung der Perser die Meder aus der Region. 553 v. Chr. kam es dadurch zur Herrschaft der persischen Achämeniden (550–330 v. Chr.), die die Region bis ins späte 4. Jahrhundert v. Chr. beherrschten.[63] Als der persische Großkönig Darius I. (522–486 v. Chr.) Ahlat und Bitlis unter seine Herrschaft brachte, gründete er zugleich in ganz Ostanatolien eine Satrapie (Provinz) Armenia. Daher waren Stadt und Fürstentum Ahlat seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. keine unabhängige politische Einheit mehr. Allerdings ist über Ahlat für diese Periode die verfügbare Quellenlage äußerst dürftig. Noch während die Perser Ostanatolien beherrschten, eroberte (nach einer populären Legende) Badlis, General Alexander des Großen, 330/331 v. Chr. unter anderem die Regionen Bitlis und auch Ahlat bei einem Asienfeldzug, da er die Orte für strategisch wichtig hielt (umstritten), was auch in dem in persischer Sprache geschriebenen Geschichtswerk Šaraf-nāma (Şerefname) von Şerefhan (Sharaf al-Din Khan, auch Sharafkhan Bidlisi, Emir von Bitlis) erwähnt wird.[64][65]
Nach Alexanders Tod im Jahr 323 v. Chr. fiel die Region zwar an die Seleukiden, die diese Region aber offenbar nicht vollständig beherrschen konnten, so dass Ahlat von Alatos, dem Bey von Ahlat, unabhängig verwaltet wurde. Die Herrschaft dieser Alatos/Hilatos-Dynastie in der Region hielt bis 196 v. Chr. an, als sie unter dem Druck der Parther aus dem Osten, die die iranische Hochebene beherrschten, zusammenbrach. Ahlat wurde in den parthischen Staat aufgenommen und begann aufgrund seiner strategischen Lage während der Partherzeit als wichtiges Zentrum an Bedeutung zu gewinnen.[66][67][68][69] Während der Zeit der Sassaniden, die aufgrund ihrer Stärke im 3. Jahrhundert n. Chr. die Parther ersetzten, war die Region Schauplatz römisch-sassanidischer Auseinandersetzungen, was sich danach – mit der Teilung des Römischen Reiches in zwei Teile im Jahr 395 n. Chr. – in Form des byzantinisch-sassanidischen Kampfes fortsetzte. In diesem Zusammenhang wurde Ostanatolien und damit auch Ahlat als lokales Fürstentum verwaltet, das Byzanz angegliedert war.[65][70]
Informationen von Geographen des 10. Jahrhunderts über Ahlat und seine Umgebung sind eher unbedeutend, da der Van-See und seine Umgebung im Vergleich zu anderen Orten Ostanatoliens damals nicht sehr entwickelt waren. Erst in den folgenden Jahrhunderten ist eine deutliche Zunahme der Informationen über die Stadt und ihre Umgebung zu beobachten. Ibn Hurdâzbih, einer der frühen islamischen Geographen, gab die folgenden Informationen über Ahlat: In seiner Beschreibung der „armenischen Straße“ erwähnte er unter den vier „armenischen“ Regionen als viertes eigenes Gebiet das der Städte Şimşat (Palu), Ahlat (Hılât), Erzurum (Kâlikalâ), Erciş und Bâcuneys (?). Gleichzeitig erwähnt er, dass Kürdübeyl (Dubîl), Neşevey (Neşava), Sirâc, Begravend, Ahlat (Hılat) und Bâcuneys, die zuvor in den Händen der Griechen (Byzantiner) gewesen waren, später von den Persern eingenommen wurden. Außerdem berichtet er, dass es 11 Wege von Nusaybin nach Erzen (Ruinen, heute Yanarsu/Garzan in der Provinz Siirt) und Ahlat (Hılat) und vier weitere von Bitlis nach Ahlat (Hılat) gab.[83] Tuncer Baykara vermerkt, dass die armenische Bezeichnung „Armenianyye“ bzw. „Diyar-ı Armenian“ („Obere Provinzen“ oder „Obere Heimat“) für diese Gebiete nicht mit dem Armenien verwechselt werden sollte, dem wir heute begegnen. Es sind geografische Bezeichnungen unter anderem für die Umgebung nördlich des Van-Sees, und die Bezeichnung „Armenier“ meint lediglich die Bewohner des dortigen „armenischen“ Landes, und die dort lebenden Menschen könnten unterschiedlicher Rassen und Religionen und die „Armenier“, die diese Region beherrschten, Türken und Muslime sein,[84] ähnlich wie der Begriff „Ermen Şah“ nicht zwingend Armenischer Herrscher, sondern vielmehr einen „armenischen“ Herrscher turkmenischer, möglicherweise sogar kurdischer Ethnie bedeutete.[85]
Mesudi (Abu al-Hasan Ali bin al-Husayn bin Ali al-Masʿūdī, geb. 896 – gest. 956), ein Autor der islamischen Geschichte und Geographie, gibt nur die folgenden Informationen über das damalige Ahlat: Der Fluss Tigris entspringe in der Amid-Region von Diyarbakir. Dies seien die Wasserquellen in der Region Ahlat (Hilat) in Armenien. Neben den aus Meyyafarikin (Silvan) stammenden Flüssen Erzen, Seryat und Satiydema würden Flüsse wie Dusha und Habur, die aus dem Gebiet Armeniens stammen, in den Tigris münden.[86] Ebu’l-Kasım bin Havkal aus Nusaybin fügte seiner Arbeit eine Karte von Armenien, Aserbaidschan und Arran hinzu. Auf der Karte führt von Ardabil nach Bitlis am Fuße der Berge eine Straße, an der die Städte Sarah (Sirah), Merağa, Daharakan, Tabriz, Selmas, Hoy, Bergeri, Erciş (Arciş), Ahlat (Halat, Hılat) liegen, und der Van-See hieß damals „Ahlat-See“.[87]
Nach der Eroberung 914 durch Abu Sevâde (Kaysî Ebu Sevâde bin Abdulhamid, Emir von Manzikert) war Ahlat bei einem von Ioannes Kurkuas, einem der wichtigsten Generäle des Byzantinischen Reiches, organisierten Feldzug 928–929 erneut unter byzantinische Herrschaft geraten.[88][89][90] Byzantinische Armeen, die 931 in und um die Stadt umherschweiften, töteten und entführten hier unter Ermutigung der (christlichen) Armenier viele Muslime. Nach diesem Vorfall unternahm die islamische Armee eine Strafexpedition gegen die Armenier und tötete laut Quellen 100.000 Menschen.[82] Dennoch mussten Abu Savede und seine Leute die byzantinische Dominanz letztendlich hinnehmen.[91] 940 wiederum regierte im Auftrag der Hamdaniden, einer arabischen Dynastie, die am Ende der Abbasidenzeit im nördlichen Syrien und dem Nordirak zwischen 890 und 1003 herrschte, Ahmet Abu’l-Muizz in Ahlat. Mit dem Tod des Hamdaniden Seyfüd-devle bin Hamdan kam Ahlat und seine Umgebung jedoch wieder an die Byzantiner. Das Erstarken der von Abu Ali Hasan bin Marwan gegründeten Marwaniden (990–1096 bzw. 983–1085), einer kurdischen Dynastie und Vasallen der Hamdaniden, die am Ende der Abbasidenzeit zwei kleine Dynastien im nördlichen Syrien und dem Nordirak hervorbrachte, führte jedoch dazu, dass die Stadt Ahlat trotz der ansonsten regional hohen byzantinischen Dominanz in den Händen der Muslime blieb.[89][92] Unter Ebû Nasr Nasrüddevle Ahmed bin Mervan (Nasr ad-Daula Ahmad ibn Marwan 1011–1061) hatte Ahlat ein weitgehend angenehmes Dasein in Ruhe und Friede. Auch einige karitative Einrichtungen in der Stadt gehören in diese Zeit. 1071 mussten sich die kurdischen Marwaniden dem großen seldschukischen Sultan Tuğrul Bey unterwerfen, als nach dem Tod von Nasr ad-Daula Ahmad (1011–1061) Machtkämpfe innerhalb der Dynastie ausbrachen und dies zur Schwächung der Marwaniden führte. Von den Seldschuken wurde die Dynastie 1084 aus Diyarbakır vertrieben und 1096 endgültig gestürzt.[93]
Als türkische Völker über Persien nach Anatolien eindrangen, gehörten Städte um den Van-See, wie Manzikert (Malazgirt), Erciş, Bargiri, Van und Vestan, mit Ausnahme von Ahlat noch zum Byzantinischen Reich. Manzikert, das von Ahlat aus belagert wurde, konnte von den Türken zunächst nicht erobert werden, so dass die Stadt Ahlat weiterhin als Stützpunkt für ihre Feldzüge nach Anatolien genutzt wurde.[94][95] In der Folge kam es immer wieder zu Überfällen von und Scharmützeln mit seldschukischen Truppen auf byzantinischem Gebiet. Der seldschukische Kommandant Emir Hacib Gümüştekin, der im Jahr 1066 auf Befehl von Sultan Alparslan (seldschukischer Sultan 1063–1072) von Ahlat aus aufbrach, ging zusammen mit den Kommandanten Emir Afşin (Bekçioğlu Afşın Bey, türkischer General), Ahmetşah und einigen anderen Seldschuken-Emiren und turkmenischen Beys aus den Einzugsgebieten der Flüsse Murat und Tigris in die Region Al-Jazeera (Obermesopotamien) und eroberte einige Burgen in den Gebieten Ergani und Nizip, scheiterte aber in Nusaybin. Er überquerte danach den Euphrat und überfiel die Adıyaman-Regionen. Im Gegenzug versuchte der byzantinische Kommandant Aruandanos einen Überfall auf die seldschukischen Streitkräfte, wurde jedoch bei den Kämpfen in der Region der Burg Hoşin (bei Hilvan) besiegt, gefangen genommen und gegen 40.000 Goldmünzen Lösegeld wieder freigelassen. Nach diesen Aktionen kehrten Gümüştekin und die anderen Emire mit großer Beute und Gefangenen nach Ahlat zurück, das in der Folgezeit zur wichtigsten seldschukischen Militärbasis in Anatolien wurde.[96] Aufgrund seiner erfolgreichen Überfälle auf byzantinisches Gebiet kehrte auch Bekçioğlu Afşın Bey nach Ahlat zurück und organisierte von hier aus Überfälle weiter nach Westen ins Innere Anatoliens.[97][98]
Als der byzantinische Kaiser Romanos IV. (1068–1071) als Reaktion 1068 mit einem Heer nach Syrien zog, brach Afşin von seiner Basis in Ahlat ebenfalls auf, eroberte Niksar und erreichte die Stadt Amorion (zwischen Sivrihisar und Bolvadin).[99][100] Er zerstörte dieses wichtige byzantinische Bollwerk gegen die islamische Expansion und versklavte seine Bevölkerung. Romanos wollte Afşin den Weg abschneiden, musste aber wegen des bevorstehenden Winters nach Konstantinopel zurückkehren. 1069 setzten die Seldschuken ihre Überfälle von Ahlat aus auf Anatolien fort. Von Kaiser Romanos Diogenes erneut entsandte Streitkräfte wurden zumeist besiegt. Erst unter dem Kommando von Philaretos Brachamios konnte eine dritte Armee bei Kayseri operierende seldschukische Truppen zurückschlagen und ihre Operation mit dem Hauptziel, die seldschukische Militärbasis Ahlat einzunehmen, bis zum Euphrat fortsetzen. Als ein weiterer Versuch der Byzantiner unter Philaretos scheiterte, ernannte der Kaiser Manuel Komnenos (Manuel Komnenos Kouropalates) zum Kommandanten der ostanatolischen Armeen und schickte ihn mit einer großen Armee nach Anatolien. Auch diese Aktion misslang, und Afşin Bey zerstörte 1070 auf seinen Feldzügen von Ahlat aus zahlreiche byzantinische Burgen und Städte, wobei lediglich starke Festungen und große Städte den Angriffen standhielten. Nachdem Afşin den Winter am Meryem Gecidi (Pass bei Meryemköy zwischen Çıldır und Ardahan) in Anatolien verbracht hatte, kehrte er mit Beute beladen nach Ahlat zurück. Kaiser Romanos Diogenes schickte weiteres Militär nach Osten, unter anderem nach Georgien und in die Region Manzikert (Malazgirt), die von Seldschukensultan Alparslan erobert worden waren.[101]
Während der byzantinische Kaiser nach Manzikert zog, bewegte sich der Sultan ebenfalls von Aleppo aufwärts nach Ostanatolien. Er erreichte Diyarbakir über Urfa. Viele Muslime, darunter der Herrscher von Manzikert, der das Gemetzel der byzantinischen Armee überlebte, die von Silvan nach Manzikert vorrückten und die Burg eroberten, baten um Alparslans Hilfe, der auf diese Weise erfuhr, wo sich die byzantinische Armee befand. Noch auf dem Wege nach Ahlat, der Operationsbasis der Seldschuken, wurden die auf Ahlat zumarschierenden byzantinischen Truppen von Emir Sanduk, dem Kommandeur der seldschukischen Garnison von Ahlat, bei Manzikert besiegt.[102][103][104][105] Im z. T. verwirrenden bis chaotischen Verlauf der Schlacht bei Manzikert 1071 zwischen den byzantinischen Truppen unter Romanos IV. und den Seldschuken unter Alparslan flüchtete das Aufgebot des byzantinischen Adels, der Kaiser selbst wurde eingekreist, verletzt und geriet in Gefangenschaft. Im gleichen Zuge hatte Melikşah, ein Sohn Alp Arslans (ab 1072 Seldschuken-Sultan Melikşah I.), eine große seldschukische Armee unter dem Kommando von Fahrüddevlet (Ebü’l-Hasan Fahrüddevlet, persische Buyiden/Buwayhid-Dynastie) gegen die Marwaniden geschickt, die bislang von Diyarbakır aus die Region Ahlat beherrscht hatten, und zwang diese unter seldschukische Oberhoheit, so dass Ahlat vollständig von den Seldschuken beherrscht wurde.[106][107]
Nach der Schlacht bei Manzikert 1071 waren Menschenfluten vor den nachdrängenden Mongolen westwärts geflohen, darunter Massen von Turkmenen, die sich in Anatolien im Schutz der Seldschuken niederließen. Eine Gruppe von etwa 60.000 Turkmenen-Familien zog aus der Umgebung von Valaşcert (Eleşkirt), Sürmeli (bei Tuzluca) und Aras (bei Taşlıçay) nach Ahlat.[108] Über den Sieg der Seldschuken bei Manzikert schrieb Ibn al-Ezrak, dass die Leute von Ahlat und Manzikert, die an der Schlacht teilgenommen hatten, mit reicher Beute zurückkehrten und aufgrund dieser Beute ihren Reichtum beibehielten. Sultan Alparslan ernannte damals jeweils einen Gouverneur für Ahlat und Manzikert.[109] Allerdings waren die Bürger von Ahlat mit der Auswahl der Gouverneure nicht zufrieden und forderten den turkmenischen Kommandanten Sökmen Kutbî Kutbeddin İsmail bin Yakuti el-Selçuki (Sökmen El Kutbi, auch Sökmen I. al-Qutbi) auf, den damaligen Stadtkommandanten abzulösen.
Sökmen Kutbî Kutbeddin İsmail bin Yakuti el-Selçuki war ein Untergebener und Ghilman (Sklavenkommandant) des seldschukischen Prinzen Kutbüddin İsmâil İlarslan (ein Cousin von Malikşah I.). Sökmen El Kutbi regierte Ahlat zunächst im Auftrag von Kutbettin Ismail und trat nach dessen Tod 1095 in die Dienste dessen jüngeren Sohnes Mevdud, der unter den seldschukischen Prinzen in den Kampf um das Sultanat verwickelt war. Er übernahm die Verwaltung Ahlats, indem er den früheren Gouverneur aus der Stadt vertrieb, und legte damit 1099/1100 – noch in Abhängigkeit von Mevdud – den Grundstein für das Fürstentum der Sökmeniden-Dynastie (Ahlatschahs) in Ahlat,[110] deren erste Dynasten möglicherweise Kurden waren. Der Historiker und Geograph Robert H. Hewsen bezieht sich in seinem Werk „Armenia: A Historical Atlas“ auf die Ermenşahs als eine kurdische Dynastie: „Als die Georgier in Nordarmenien ein gewisses Maß an Vorherrschaft hatten, fielen die südlichen zentralen Teile des Landes in die Hände eines kurdischen Emirats, die sich selbst Shah-i Armen (1100–1207) nannten, was König von Armenien bedeutet.“ (übersetzt nach Robert H. Hewsen[111]) Auch der osmanischer Mystiker und Historiker Ahmed bin Lütfullah bezeichnet den Gründungsemir der Dynastie der Ermenşahs, die später „Sökmenoğulları“ genannt wurden, in seinem Werk Camiü’d-Düvel als Emir „Sekman El Kurdî al Qutbi“ (Sekman El Kutbi, der Kurde).[112]
Nachdem Muhammed Tapar (Sohn des Sultans Malik Schah) seldschukischer Sultan geworden war, vergab er 1111 Ahlat, Tabriz, Meyyafarikin (Silvan) und einige andere Städte als Dirlik (ikta, Lehen) an Sökmen Kutbî als Gegenleistung für dessen Unterstützung.[113] Ahlat (Hilat), eine der damals wichtigsten Städte im Südwesten Armeniens, fiel damit an Sökmen Kutbî Kutbeddin İsmail bin Yakuti el-Selçuki. Die Herrscher dieser Dynastie wurden auch als Ermenşah (armenischer Schah) bezeichnet, weil sie ein Fünftel des damaligen Armeniens regierten. Söhne von Sökmen dehnten ihr Land bis nach Erciş in der Nähe von Van aus.[114] Auf einem Feldzug seldschukischer Truppen nach Syrien gegen die Kreuzfahrer erkrankte Sökmen Kutbî, verließ deswegen die Armee und starb 1111 in Barbalissos/Balis/Emar. Sein Sarg wurde zuerst nach Silvan (Meyyafarikin, Martyropolis, Tigranocerta, ehemals Sitz armenischer Könige unter Tigranes II.) und dann nach Ahlat gebracht, wo er begraben wurde.[115]
Nach dem Tod von Sökmen el-Kutbi übernahm sein Sohn Zahireddin İbrahim die Regierung. Aufgrund interner Unruhen gingen dem Fürstentum Provinzen, Distrikte und Burgen verloren, darunter Silvan, Bitlis und Erzen (1115, 1121, 1124).[116] Nach Zahireddin İbrahims Tod (1126/1127) wurde sein Bruder Ahmet Herrscher in Ahlat. Nach dessen Ableben nach nur zehn Monaten folgte 1128 Nasıreddin Muhammed II. Sökmen, der Sohn seines Bruders İbrahim. Ahmets Mutter, İnanç Hatun, wollte ihren Enkel beseitigen, um die Herrschaft zu übernehmen, wurde aber von den obersten Beamten des Fürstentums erwürgt. Als der irakische Seldschuken-Sultan Gıyaseddin Massoud (* 1108; † 1152) nach seinem Sieg 1135 über den Kalifen Müsterşid die dynastischen Streitigkeiten nutzte, um das Land der Ahlatschahs zu annektieren, floh Nasıreddin Muhammed II. Sökmen. Mesud eroberte Ahlat, worauf sich Ahlatşah II Sökmen dem Sultan mit Geschenken unterwarf. Sultan Mesud traute seiner Loyalität jedoch nicht und vergab die Länder der Sökmeniden als Dirlik (Lehen) an seinen Bruder Selçuk, der ihn nach der Schlacht von Gürşenbe (Gürşenbe Savaşı) 1137 (?) um Lebensunterhalt gebeten hatte. Dieser allerdings brannte die Lehensorte nieder und drangsalierte die Bevölkerung. Aufgrund seiner Untaten konnte Selçuk in Ostanatolien als Regent nicht Fuß fassen. Der Herrscher von Mosul und Aleppo, Atabeg Imadüddin Zengi (Zengiden), nutzte die Situation, organisierte einen Feldzug nach Ahlat und heiratete 1133 Sökmens Tochter, um die Macht über die Stadt zu erhalten.[117][118]
1145 knüpften die Sökmeniden Verwandtschaftsbeziehungen zu den Ortoqiden und Saltukiden. Dadurch gingen 1146 nach dem Tod des Zengiden Imadeddin Zengi verschiedene Gebiete an die Sökmen-Dynastie. In deren Händen lagen danach die Regionen von Ahlat, Muş, Tatvan, Malazgirt, Adilcevaz (Zâtül-Cevz), Erciş, Van, Bargiri, Vestan, Tuğtâb, Sökmenabad, Maden, Hizan.[119] Das Sökmenli-Beylik erlebte erfolgreiche Jahre während der Herrschaft von Sökmen II. Sein Land wurde nicht nur von Besatzung befreit. Die Region Ahlat wurde zu seiner Zeit zu einem der wohlhabendsten Gebiete im Osten Anatoliens. Allerdings kam es zwischen 1154 und 1175 zu mehrfachen Auseinandersetzungen zwischen den georgischen König Giorgi III. (1156–1184) und den mit dem Saltukiden Izzeddin verbündeten Sökmeniden mit wechselndem Ausgang, aus denen die Ahlatschahs letztendlich aber mit reicher Beute nach Ahlat zurückkehrten, um in der Stadt Feste abzuhalten.[120][121]
In der Zeit der Sökmeniden hatte sich Ahlat zu einer Handelsstadt mit beträchtlichem Reichtum entwickelt. Ahlatschahs, die die Stadt beherrschten, übernahmen den Ost-West-Handel und machten Ahlat in kurzer Zeit zu einem offenen Marktplatz. Exporte von den südlichen und südöstlichen Grenzen Anatoliens und Waren aus dem Iran zum Beispiel wurden von Ahlat über den Hafen von Trabzon, den damalige Geographen „Antrabozan“ nennen, mit Schiffen nach Istanbul/Konstantinopel transportiert. Tatsächlich wurde überliefert, dass „Schiffe von Ahlat 1103 im Meer von Konstantin (Schwarzes Meer) sanken und die Leute von Ahlat, die auf diesen Schiffen waren, ertranken“[122]. Die Bevölkerung von Ahlat trat also tatsächlich über ihre Grenzen hinaus in Handelsbeziehungen mit Nachbarstaaten und wurde dadurch reich. Insbesondere aufgrund des sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritts, der in der Zeit der Ahlatschahs erzielt wurde, trug Ahlat den Titel „Kubbetü’l-Islam“ (Kuppel des Islam), wo Muslime in Sicherheit leben konnten, und die Stadt bekannt war als eine Quelle von Anbetern und Asketen sowie als Heimat von Imamen und Hafiz (Person, die den gesamten Koran auswendig gelernt hat).[123] Bedeutende Wissenschaftler auf dem Gebiet der Chemie und Mystik wurden in Ahlat ausgebildet (siehe unten).[124]
Die im Land der Ahlatschahs verbreiteten Ahis (Ahi-Bruderschaft/Gilde, Ahilik) setzten die Wissenschaft auf dem Gebiet der Kunst in die Praxis um. Viele monumentale Bauwerke, die vor allem in den Ländern der Seldschuken, Mengücüklü (Beylik des Mengücük Gazi, Kommandant von Alb Arslan) und Saltuklu (Saltukiden) errichtet wurden, gehen auf in Ahlat aufgewachsene Architekten zurück (siehe unten). Es gab wohl vor der Entstehung der Ahi-Organisation in ganz Anatolien bereits Ahi-„Gewerkschaften“ in Aserbaidschan und im Land der Ahlatschahs.[125][126] Sie kamen fast alle aus Aserbaidschan oder aus dem Land der Ahlatschahs. Dieser kulturelle Reichtum in Ahlat war das Ergebnis einer starken sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung, und zwar so sehr, dass Ahlat, wie aus archäologischen Überresten und Texten[127] hervorgeht, im 12. Jahrhundert zu einer der größten Städte der islamischen Welt wurde, mit einer Länge von elf Kilometern und einer Breite von fünf Kilometern und einer Bevölkerung von ungefähr dreihunderttausend. Der Grund für das starke damalige Bevölkerungswachstum lag unter anderem auch an der hohen Zuwanderungsrate der Oghuzen (Turkmenen), die nach der Schlacht von Manzikert in die Region gekommen waren, Ahlat zu ihrer Heimat machten und den Handel entwickelten. Darunter befanden sich Massen verschiedener Oghuzen-Stämme sowie des Kayı-Stammes, zu dem die Osmanen gehörten. Der Kayı-Stamm kam, wie andere Oghuzen-Stämme, im 11. Jahrhundert in großen Massen nach Anatolien und ließ sich in kleinen Gruppen in verschiedenen Teilen des Landes nieder.[128] Der Überlieferung nach entkam der Kayı-Stamm, der in der Region Mahan ein Nomadenleben führte, der mongolischen Invasion und wanderte nach Ahlat und Umgebung aus.[129] Mehmed Neşrî stellt in seinem Buch „Kitâb-ı Cihannüma“ fest, dass die Vorfahren der Osmanen und ihrer Oguz-turkmenischen Stämme mit der Eroberung Anatoliens nach Anatolien ausgewandert sind und 170 Jahre in der Region Ahlat gelebt haben.[130]
Als Sökmen II. am 10. Juli 1185 starb, hatte die damals gute wirtschaftliche und soziale Situation von Ahlat den Wunsch aller Nachbarstaaten, Ahlat zu beherrschen, bereits seit längerem verstärkt. Nicht zuletzt deswegen war es zwischen 1175 und 1185 zu Auseinandersetzungen mit dem kurdischen Ayyubiden Saladin (Ṣalāḥ ad-Dīn Yūsuf bin Aiyūb ad-Dawīnī) gekommen, dessen politisches Ziel die Abschaffung islamischer Kleinstaaten war. Da kein (reguläres) Mitglied der Dynastie den verstorbenen Sökmen II. ersetzen konnte, kam das Beylik nach seinem Tod auf Wunsch der Bevölkerung (1185) unter die Herrschaft von Seyfeddin Beytemur, einem Gulami (Sklavensoldat und/oder Söldner), wie 85 Jahre zuvor der Gründer des Beyliks, Sökmen El Kutbi.[131][132] Die Angriffe der Ayyubiden gegen Ahlat dauerten bis zum Tod Saladins im Jahr 1193. Seyfeddin Beytemur gelang es allerdings, die ayyubidische Bedrohung durch geschickte politische Aktivitäten zu minimieren. Unter anderem schloss er Bündnisse mit dem Atabeg von Mosul, Izzeddin Mesut, dem Sinjar-Herrscher Imadeddin Zengi und dem Ortoqiden von Mardin, Emir Husameddin Yavlak Arslan, um den einstigen Sitz armenischer Herrscher Silvan zurückzuerobern (der Ort erscheint im Laufe der Geschichte als Tigranokerta, Martyropolis, Meyyâfârikîn, Maipherkat, Mufarghin (Nouphargerd), Mipherkét, Muharikîn, Miyafarkin und Muphargin[133]). Er wurde aber von den Ayyubiden gefangen genommen und getötet (1193). Nach ihm wurde sein Mörder und Schwiegersohn Bedreddin Aksungur Hezar-ı Dinari (1193–1197), einer der Erzieher von Sökmen II., zum Oberhaupt des Beyliks. Er regierte in Ahlat und starb 1197.[134]
Als Şücaüddin Kutluğ, der später an seine Stelle trat, vom Volk getötet wurde (1198), starb auch Seyfeddin Beytemurs jüngerer Sohn el-Melik el-Mansur Muhammed.[135] 1205–1206 hatten Georgier (Abchasen) Ahlat attackiert, die Stadt geplündert, einige Bewohner getötet und die meisten Frauen und Kinder gefangen genommen. In diese Auseinandersetzung war neben Mugiseddin Tuğrulshah auch der Sökmendide el-Melikülmansur Muhammed, Seyfettin Beytemurs jüngerer Sohn, der damalige Regent von Ahlat (1205) involviert. Das Land wurde sehr verwüstet, weil Melikülmansur Muhammed noch sehr jung war und somit in der Armee keinen Einfluss hatte. Die Bewohner ermutigten sich daraufhin gegenseitig zum Widerstand. Alle islamischen Soldaten in dieser Region und viele Freiwillige versammelten sich gegen die Georgier, die beschlossen hatten, die Muslime im Dunkeln zu überfallen. Am Ende dieser Schlacht wurden viele Georgier getötet und gefangen genommen. Nur eine kleine Anzahl Georgier überlebte.[136]
1206–1207 nahmen Ahlat-Soldaten Melikülmansur Mohammed (1198–1206) gefangen, sperrten ihn ein und ersetzten ihn durch Izzeddin Balaban (1206–1207). Izzeddin Balaban ließ den Gefangenen kurz darauf beseitigen. Als daraufhin die Nachricht von der Ankunft des Seldschukensultans Gıyaseddin Keyhüsrev (Kai Chosrau I., * vor 1177; † 1211) eintraf, schickte Balaban zur Vorsicht als Bestechung seine Söhne und Verwandten mit Geschenken zum Treffen mit dem Besucher, um ihn milde zu stimmen. Er selbst folgte einen Tag später. Als sich Balaban dann zusammen mit Gıyaseddin Keyhüsrev der Stadt Ahlat näherte, stieg er von seinem Pferd, nahm die Satteldecke des Sultans auf den Rücken und ging zur Schwelle seines Hauses, und während der Sultan abstieg, legte Balaban vergoldete Kleider und sorgfältig gewebte Stoffe unter seine Füße und streute eine große Menge Geld darauf. Danach organisierte er ein Bankett und überreichte dem Sultan die Schlüssel der Burgen und die Liste der Waren in der Schatzkammer. Als der Sultan von Ahlat aus weiter nach Samsun (Canit) zog, übergab Melik Balaban dem Schatzmeister des Sultans wertvolle Gegenstände, darunter 30.000 Dinar, 10 arabische Pferde, 10 Maultiere mit Zaumzeug und Sattel, 10 Kamele, fünf männliche Sklaven und „mondgesichtige“ Konkubinen. Er reiste auch zwei Tage lang mit ihnen, um sie zu führen. Mit diesen Bestechungen gewann er das Vertrauen des Sultans und konnte straflos in sein Amt zurückkehren.[137]
In der Zwischenzeit marschierte Silvans ayyubidischer Herrscher Nadschmuddin Ayyub ibn Schadhi, der Vater Saladins, nach Ahlat, eroberte die Musa-Festung und einige Orte in Ahlat.[138] Izzeddin Balaban besiegte ihn zunächst und zwang ihn zum Rückzug. Trotzdem griff der Ayyubide Necmeddin 1207 Ahlat erneut an. Diesmal wurde Izzeddin Balaban besiegt und zog sich auf die Burg Ahlat zurück, bat aber zugleich den seldschukischen Herrscher von Erzurum, Mugiseddin Tuğrulshah, um Hilfe. Mit dessen Unterstützung wurde Necmeddin Eyyub besiegt und zum Rückzug gezwungen. Tuğrulşah tötete jedoch Izzeddin Balaban. Nach dem Mord am Herrscher von Ahlat bewegten die Bewohner der Stadt den Ayyubiden Necmeddin, den Mörder Tuğrulşah durch el-Melikü’l-Evhad als Regenten zu ersetzen. So beendete Necmeddin Eyyub 1207 das Fürstentum der Sökmeniden.[139][140] Nachdem der Herrscher von Erzurum, Tuğrul Schah (1156–1169), der das Land der Ahlatschahs besitzen wollte, Balaban, den Herrscher von Ahlat, getötet hatte, war Ahlat 1207 in die Hände des Ayyubiden Melik Necmeddin Evhad (gest. 1210) übergegangen, eines der Söhne von Melik Adil und Emir von Mayyafarik/Silvan. Damit endete der Ahlatschah-Staat, der mehr als ein Jahrhundert bestanden hatte. Als Al-Melikü’l-Evhad Ahlat verließ, um Manzikert zu überfallen, revoltierten die Einwohner Ahlats gegen ihn. Als er später nochmals zurückkehrte, eroberte el-Melikü’l-Evhad die Stadt erneut und tötete viele Einwohner, die sich ihm widersetzten, und verbannte eine Gruppe wichtiger Personen der Stadt nach Meyyafarikin (Silvan).[141][142] Die Georgier nutzten die Situation aus, stießen auf Ahlat vor und begannen, die Ahlat-Region zu plündern. Im Zeitraum 1210–1211 wurden die georgischen Überfälle auf Ahlat und seine Gebiete mit der Gefangennahme von Ivane, dem Oberbefehlshaber der georgischen Armee, beendet. Aber im selben Jahr starb auch el-Melikü’l-Evhad Necmeddin Eyyub.[143] Aufgrund der in der Zeit von al-Evhad begangenen Morde führte dies zu einem erheblichen Rückschritt im bürgerlichen Leben von Ahlat. Diese Situation war eine der großen Katastrophen, die die Bewohner der Stadt erlebt hatten.[144]
Nach dem Tod von el-Evhad kam die Region Ahlat unter die Verwaltung seines Bruders el-Melikü’l-Eşref Musa. Obwohl dieser den Titel „Ahlat Shah“ erhielt, lebte er dort nur zeitweise und gab Ahlat mit all seinen Städten (also die gesamte Region „Ermeniyye“/Armenien), Silvan (Meyyâfarikin), Hani und Cebel-Cur in der Region Diyarbekır an seinen Bruder Şehâbüddin Gâzi b el-Âdil. Şehâbüddin lebte bis Ende 1223 in Ahlat, überwarf sich allerdings mit seinem älteren Bruder al-Malikül-Eşref, der daraufhin Ahlat belagerte. Die Einwohner der Stadt übergaben diesem am 1. Juli 1224 die Stadt. Şehâbeddin Gazi flüchtete in die innere Burg. Nachdem ihm sein Bruder vergeben hatte, wurde die Region Ahlat allerdings von Gouverneuren regiert, die von el-Eşref ernannt wurden. Emir Hüsameddin Ali war der erste dieser Gouverneure.[145] 1226 kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Celaleddin, dem letzten Choresm-Schah (Harzem-Schah) aus der Dynastie der Anuschteginiden von Aserbaidschan, und dem seldschukischen Sultan aufgrund von Celaleddins Ambitionen auf die Stadt Ahlat. Als Celaleddin 1226 Ahlat belagerte, verloren viele von Celaleddins Soldaten und auch Stadtverteidiger ihr Leben. Zahlreiche wichtige Persönlichkeiten von Ahlat wurden gefangen genommen, und der Gouverneur der Stadt, Hüsameddin Ali, wurde während der Kämpfe verletzt. Harzemşah musste dennoch Ahlat im Dezember 1226 verlassen, als die Wintersaison näher rückte und eine schwere Kälte einsetzte.[146]
Im August 1229 belagerte Celaleddin Harzemşah erneut die Stadt Ahlat. Er verteilte diesmal seine Soldaten auf die umliegenden Dörfer, um die Belagerung auch im Winter fortsetzen zu können. Am 14. April 1230 gelang es den Soldaten aus Harzem, die Stadt einzunehmen. Danach fanden eine große Zerstörung und ein Massaker statt.[147] Vermittlungsbemühungen durch den seldschukischen Sultan Alaeddin Keykubat schlugen fehl, da Celalettin Harzemşah die Vorherrschaft der anatolischen Seldschuken abschütteln und einen unabhängigen Staat gründen wollte. So standen sich Alaeddin Keykubat zusammen mit dem Ayyubiden al-Malikül-Eşref und Celalettin Harzemşah mit Rüknettin Cihanşah, dem Herrscher der Seldschuken von Erzurum, in der Schlacht von Yassı Çemen in der Nähe von Erzincan im Jahr 1230 gegenüber. Der Kampf führte zu einer schweren Niederlage von Harzemşah und zu seiner Flucht, wobei er gezwungen wurde, Ahlat zu räumen und sich nach Diyarbakır zurückzuziehen. Darüber hinaus wurden auch noch die Mongolen unter Chormagan aktiv, fügten ihm im Winter 1230/31 eine Niederlage zu und begannen seine Besitzungen in Aserbaidschan zu erobern. Am 17. August 1231 erlitt er eine endgültige Niederlage. Auf der Flucht wurde er in einem kurdischen Dorf ermordet. Nach dem Krieg kam el Melikü’l-Eşref mit seinen Verbündeten nach Ahlat, erkannte die schlechte Situation der Stadt und übermittelte die Lage dem seldschukischen Sultan.[148]
Alaeddin Keykubat hatte daraufhin 1232 Kemaleddin Kamyar, Wesir und Sübaşı (Kriegsherr), nach Ostanatolien geschickt, um die von Celalettin Harzemşah verwüstete Region Ahlat wieder aufzubauen und die landwirtschaftliche Produktion wiederzubeleben. Er befahl, die Immobilien der Vermissten, Toten und Flüchtlinge zu registrieren und auch die Folgen der von den Mongolen verursachten Zerstörung zu beseitigen. Er befahl ihm, die armenischen Ländereien von Ahlat und Bitlis bis zum Territorium von Tiflis zu erobern, die notwendigen Vorkehrungen zu treffen, die Wiederaufbau- und Reparaturarbeiten abzuschließen, Getreide in den Lagern zu stapeln, die Arsenale mit Waffen zu füllen und die Burgen zuverlässigen Kommandeuren anzuvertrauen. Als Kemaleddin Kamyar Ahlat erreichte, wurde er von einigen Würdenträgern begrüßt, die in der Stadt geblieben waren und sich entschlossen hatten, die Stadt den türkischen Seldschuken anzuschließen. Kemaleddin Kamyar stellte fest, dass die Zerstörung in der Stadt größer war als erwartet und ihre Bevölkerung immens geschrumpft war. Daraufhin schickte der Sultan seinen Chefwesir und Finanzminister Ziyaeddin Karaaslan zusammen mit Müstevfî Sadeddin Erdebili und Pervane Taceddin, den Sohn von Herrscher Şerefeddin, zusätzlich nach Ahlat um die dortigen Bedürfnisse in den Griff zu bekommen und Steuern festzulegen. Die Delegation kam mit 10.000 Kriegerkavalleristen Ungläubiger, ihren Sklaven und ihren eigenen Männern und gründeten in Ahlat einen Rat. Man versuchte, alle Verluste der Bevölkerung auszugleichen, und diejenigen, die nach ihrer Flucht aus der Stadt wieder zurückgekehrt waren, erhielten ihr Land zurück sowie Waren, Saatgut und Vieh. Außerdem wurden die Steuern gesenkt und die Menschen zum Ackerbau animiert. Einnahmen und Ausgaben wurden von den Wächtern der lokalen Burgen festgelegt und die lokale Führung geregelt. So wurden Ahlat und seine Umgebung wieder aufgebaut und Emir Sinaneddin Kaymaz zum Oberhaupt von Ahlat und seiner Umgebung bestimmt.[149]
Allerdings waren ab 1230/1231 in der Van-See-Region auch immer häufiger Mongolen aufgetaucht, die jenem Staat ein Ende gesetzt hatten, den Celaleddin Harzemşah versucht hatte wiederzubeleben.[150] Im September–Oktober 1231 kamen sie auch in die Region Ahlat.[151] Der seldschukische Sultan versuchte, entsprechend notwendige Gegenmaßnahmen zu treffen, als umherschweifende Krieger aus Harzem (Choresmien/Choresm/Mittelasien, heute Provinz am Amudarja/Oxus in Usbekistan) unter der Führung des Mongolen Kır Han (Kayır Han, Kır Bey, Gouverneur von Otrar/Kasachstan, Onkel oder Vetter von Harzemshah Ala ad-Din Muhammad II) Tatvan angriffen und die Sicherheit auch in Ahlat und Umgebung sowie die Verbindungen zwischen Erzurum-Erzincan und Ahlat empfindlich gestört wurden. Es gelang Alaeddin Keykubad, die Führer aus Harzem in seldschukische Dienste zu verpflichten und sie sowohl gegen die nachdrängenden Mongolen als auch im Kampf gegen die Ayyubiden einzusetzen. Allerdings hatten sich mit der Eroberung Ahlats durch Alaeddin Kaikobad alle Ayyubiden-Herrscher gegen die türkischen Seldschuken verbündet. Deshalb schloss der seldschukische Sultan 1236 mit dem mongolischen Khan Ögeday (1186–1241, einer der Söhne Dschingis Khans) ein Abkommen, um sein Land entsprechend zu schützen. Gleichzeitig beschloss er, die Region Ostanatolien, die auch durch die Überfälle der Mongolen schwer geschädigt worden war, unter die Herrschaft der Seldschuken zu bringen, um den mongolischen Invasionen innerhalb der Grenzen seines Landes zu begegnen.[152] Zusammen mit anderen Ratsmitgliedern verließen daraufhin Ziyaeddin Karaaslan, Pervane Taceddin und Müstevfi Sadeddin Ahlat, als sie erfuhren, dass die Krieger aus Harzem von den Mongolen angegriffen wurden. Als die Mongolen später die Stadt Ahlat angriffen und auf allen Seiten anzündeten, kämpften einheimische und ausländische Soldaten und Beamten gemeinsam, ehe die Angreifer abzogen.[153]
An zunehmenden derartigen Angriffen und Feldzügen der Mongolen nach Anatolien unter Führung von Baidschu beteiligten sich auch georgische und armenische Kräfte. Deshalb wurde von Alaeddin Kaikobads Nachfolger Kai Chosrau II. beschlossen, mit einem Heer von 80.000 Mann einen Feldzug gegen diese Feinde zu starten. In der entsprechenden Schlacht 1243 am Köse Dağ wurde die seldschukische Armee allerdings besiegt und Ahlat von den Siegern der georgischen Prinzessin Tamara (Tochter von König Georg III. von Georgien) übergeben.[154][155] Als geologisch-tektonisches katastrophales Zwischenspiel ereignete sich in Ahlat 1246/1247 ein großes Erdbeben, bei dem die meisten Gebäude zerstört und die Stadt verwüstet wurden.[156] Am 12. September 1259 drangen die Mongolen in die Ahlat- und Hakkari-Berge ein und töteten jeden, den sie fanden. Ihr Führer Hülegü selbst kam am Sonntag, dem 6. Juni 1260 nach Ahlat.[157] und etablierte dort die Herrschaft der mongolischen Ilchaniden. Damals teilte der Mongole Hülagü Han Ostanatolien in zwei Militärprovinzen. Eine davon war die Provinz Van mit dem Zentrum Ahlat.[158] 1275–1276 erlebte Ahlat erneut ein schweres Erdbeben, wobei Häuser, Karawansereien und Basare zerstört wurden, die meisten Bewohner starben unter den Trümmern und nur sehr wenige überlebten. Das Erdbeben war bis Erciş, Diyarbekir, Silvan (Meyyâfârikîn, Miyafarkin) und Mardin zu spüren.[159][160] Abû’l-Farac schrieb, dass durch das Erdbeben in der neunten Stunde alle Gebäude sowie die Mauern zerstört wurden, die meisten Menschen starben.[161] Trotz all dieser Ereignisse gelang es Ahlat, seine Bedeutung zunächst zu bewahren und seinen wichtigen Platz unter den Städten Ostanatoliens zu behalten. Vermutlich wurde die Stadt damals vom Akkoyunlu-Turkmenen Boğatay Aka, dem Sohn von İnal Aka, regiert, und Geyhatu (Gaichatu), der 1291 den Thron der Ilchaniden bestieg, hielt dort seine Versammlungen (Kengesh) ab.[162][163]
Nach der Thronbesteigung von Ilchan Olcaytos Sohn Abu Said (1316–1335) wurde Sutay Noyan Gouverneur von Ahlat.[162] Dieses Gouverneursamt über das sogenannte „Vilayet-i Ermen“ (Provinz Armenien) dauerte unter Emir Çoban, der bald darauf die Macht des Staates übernommen hatte, bis zu dessen Tod im Jahr 1332. Nach ihm wurde Ali Padishah, einer der Häuptlinge der Uyrat, Gouverneur. Die drei Söhne von Sutay Noyan namens Barımbay, Hacı-Tuğay und Fulad setzten jedoch ihre lokale Herrschaft in einigen Teilen der Region Ahlat fort.[164] Grabsteine in Ahlat lassen vermuten, dass die Stadt wohlhabend und bevölkert war, besonders während der Regierungszeit von Olcaytu, Abu Said Bahadır Han und Gazan Mahmut Han.[165] Die beiden erstgenannten prägten sogar Münzen in Ahlat.[166] Hamdullah al-Mustawfi gab an, dass das frühere Einkommen von Ahlat, dem Zentrum von Großarmenien, während der Herrschaft von Abu Said Bahadır Khan (1316–1335) fast 200 Türmen (historische persische Währung) betrug. Große Weinberge und Gärten lieferten schöne, reichliche und haltbare Früchte, und man habe insgesamt 51.500 Türmen Steuern einziehen können.[167] Der ilchanidische Wesir, Arzt und Historiker Reşîdüddin Fazlullâh (Raschīd ad-Dīn, Wesir der Ilchane in Täbris, gestorben: 1318) schrieb auch, dass in Ahlat in diesen Zeiten so sehr Handel mit Ahlatäpfeln betrieben wurde, dass die Stadt ihren Ruhm und ihren Wohlstand trotz der vielen Katastrophen, die sie durchgemacht hatte, noch über Jahrhunderte fortsetzte.[168]
Nach dem Tod des Ilchaniden-Herrschers Abu Said Bahadır Khan (1335) wurde die Region Ahlat durch interne Kämpfe unter den Mongolen sowohl wegen Familienfeindschaft als auch aufgrund von Provokation anderer Emire stark in Mitleidenschaft gezogen und instabil: Obwohl Celâyir Şeyh Hasan, der Generalgouverneur der Mongolen in Anatolien (Gouverneur von Memâlik-i Rum), Mohammed aus der Linie Hülagü als Khan auf den Thron gesetzt hatte, blieb die wirkliche Macht in seinen Händen. Bekannt sind in diesem Zusammenhang Münzprägungen im Namen von Muhammed Han in Ahlat 1337–1338. Bei Auseinandersetzungen im Kampf um das Sultanat der Ilchhaniden zwischen Celâyir Büyük Şeyh Hasan und Çobanlı Küçük Şeyh Hasan kam es 1340–1342 in den Regionen Bulanık und Muş im Norden von Ahlat zu beispiellosen Plünderungen und Zerstörungen. Dabei entriss Çobanlı Küçük Şeyh Hasan seinem Gegner Celâyir Büyük Şeyh Hasan die Macht und ernannte Süleyman, Ziyâeddins Enkel und auch ein Nachkomme von Hülagü, zum Khan. Die Tatsache, dass 1340–1341 im Namen von Süleyman Han in Ahlat Geld geprägt wurde, macht klar, dass die Stadt unter die Herrschaft von Çobanlı Küçük Şeyh Hasan gekommen war.[169] Dafür spricht auch die Plünderung 1343 von Ahlat durch Kara Hasan, einen der engsten Emire von Celâyir Büyk Sheikh Hasan.[170] Die Ermordung von Çobanlı Küçük Şeyh Hasan im Dezember 1343 zerstörte die Ruhe und Ordnung in Ostanatolien erneut. Lokale Führer nutzten diese Situation und eroberten viele Ortschaften. Die Tatsache, dass Ahlat 1350 in den Händen von Bahaeddin war, dem Bruder des Bitlis-Herrscher Ziyâeddins, hängt mit dieser Situation zusammen.[171]
Als um 1387 Timur (Temür ibn Taraghai Barlas) in die Gegend von Ahlat kam, fanden es die Herrscher von Ahlat, Bitlis und Muş angemessen, sich Timur zu unterwerfen, im Gegensatz zu den Karakoyun-Turkmenen, die Erciş hielten. Deshalb schickte Timur seine Angriffstruppen gegen die Karakoyunlu, und nachdem er die Stämme in der Ebene von Muş geplündert hatte, kam er nach Ahlat. Dort begrüßte ihn der damalige Herrscher der Stadt, und Timur überließ ihm zusammen mit einem Geschenk die Provinz Ahlat.[172] Daraufhin erschien vor Timur Emir Hokan, der Emir von Adilcevaz, der ihm lange Zeit viele Dienste geleistet hatte, und erklärte seine Loyalität, worauf dieser die Provinz Ahlat Hokan als Siyürgal (Lehen) gab. Lokale Rivalitäten waren damit vorprogrammiert. 1394 ging der Emir auf die Jagd in und um die Stadt, um seine Macht und seinen Reichtum zu demonstrieren.[173] Als 1421 Timurs Sohn Schāh Ruch Mirza (1377–1447) mit seiner Armee für Ordnung sorgend die Karakoyunlu verfolgte, erreichte er Erciş, durchquerte die Region Ahlat und blieb einige Tage im Konak Meriktü (Merkitü) bei Ahlat.[174] Nachdem er allerdings die Region wieder verlassen hatte, kam es zu weiteren Fürstenrivalitäten und Kämpfen zwischen den lokalen Beys und den Führern der Karakoyunlu, vor allem mit İskender Mirza, dem Sohn von Kara Yusuf, der mehrmals (unter anderem 1423) vergeblich versuchte, die Burg von Ahlat einzunehmen, andererseits aber die Stadt niederbrannte und ihre Bewohner massakrierte. Er eroberte viele umliegende Städte, darunter auch Van.[175][176] Als eine Art natürliches Zwischenspiel brach 1441 der Vulkan Nemrud Dağı in der Nähe von Ahlat aus, Rauch und Flammen kamen an den Seiten unter dem schmelzenden Eis hervor, nach lauten Geräuschen sah man große Steine in die Luft fliegen, und die Menschen hatten große Angst, dass die Stadt zerstört würde. Danach kam es immer wieder zu Überfällen auf Ahlat. Es wird berichtet, dass İskender Mirza 1451 die Regionen Ahlat und Bitlis geplündert und zerstört und viele Menschen in Gefangenschaft geschleppt hatte.[177] Derselbe Herrscher griff 1457 Bitlis, Muş und Ahlat erneut an und eroberte, plünderte und verkaufte fünfzehnhundert Gefangene, darunter Frauen und Kinder. 1462 schickte er eine Streitmacht von zwölftausend Kämpfern unter vier Kommandanten, belagerte und eroberte Ahlat.[178][179] Der Akkoyunlu Uzun Hasan Beg, der den Platz von Cihanşah Mirza eingenommen hatte, schickte 1468–1469 ebenfalls eine bedeutende Streitmacht unter anderem zur Eroberung nach Ahlat.[180] Während Ahlat niemals unter Karakoyunlu-Herrschaft stand,[181] eroberte dagegen die Akkoyunlu-Dynastie von Bayındır Beg 1472 Ahlat und Bilecan (Blicayn) in der Region Ahlat nach sechsmonatiger Belagerung. Damals waren Ahlat, Bidlis, Muş und viele andere Orte bis Anfang des 16. Jahrhunderts direkt unter die Herrschaft der Akkoyunlu gekommen. Nach dem Tod des Feldherrn Bayındur Beg (1481) wurde Ahlat von seinem Sohn Muhammed Beg regiert. Er starb 1488. Als sich nach seinem Tod die Nachfolger um den Thron stritten, gerieten die Akkoyunlu zunehmend unter den Druck der aufstrebenden Safawiden, deren Gründer Ismail 1507 den letzten Regenten der Akkoyunlu stürzte.[182]
Damit gingen Ahlat und die Van-See-Region in die Hände der Safawiden über. Die Angliederung von Ahlat zusammen mit dem Emirat Bitlis an den in Aserbaidschan ansässigen Staat der Safawiden fiel mit den Jahren der Herrschaft von Schah Ismail (1501–1524), dem Gründer dieses Staates, zusammen. Im Herbst 1507, als Schah İsmail vom Feldzug gegen Dulkadirli Alaüddevle Bey, den Herrscher von Maraş und Elbistan, zurückkehrte, blieb er einige Tage in Ahlat und feierte hier ein Fest. Der Herrscher von Bitlis, Emir Şeref (Şeref Han), kam zum Lager des Schahs bei Ahlat und bot seinen Gehorsam an.[183] Damals ließ Schah Ismail in Ahlat Äpfel für sich sammeln, jene bekannten und beliebten Ahlat-Äpfel, die damals dort angebaut wurden.[184]
1516 hatte dann der osmanische Sultan Yavuz Sultan Selim (1512–1520) nach der Schlacht bei Tschaldiran (1514) mühelos Ahlat vom persischen Schah İsmail zurückerobert.[185] Mit der Errichtung der osmanischen Herrschaft in Diyarbakır war damals am 4. November 1515 das Gouverneursamt (Beylerbeylik) von Diyarbakir eingerichtet worden.[186] Einer der Sandschaks des Beylerbeyliks Diyarbakir war Bitlis, dem am 22. November 1515 der Titel „Provinz“ (Eyâlet) verliehen wurde und das sich über ein weites Gebiet bis nach Hınıs, Tekman, Muş und Hakkari erstreckte.[187] Safawidische Historiker schrieben dazu, dass Sultan Selim „einige Teile Aserbaidschans bis Ahlat eroberte“.[188] Damit war 1515 das Emirat Bitlis, zu dem auch Ahlat gehörte, in einer militärischen Aktion vom Staat der Safawiden getrennt und dem Osmanischen Reich angegliedert worden.[189] Die alte (urartäische?) Burg wurde aufgegeben, und am Seeufer mit dem Bau einer neuen Burg begonnen in der Überlegung, dass die Stadt von den Iranern hauptsächlich vom See her erobert werden würde. Während der Regierungszeit von Selim II. wurde diese Burg von einer äußeren Befestigung umgeben. Sie wurde von Suleyman dem Prächtigen erweitert und repariert.[185][190]
Damals begannen für Ahlat dramatische und blutige Auseinandersetzungen zwischen Osmanen und Safawiden, die bis zum Amasya-Vertrag von 1556 dauerten und in mehreren höhepunktartigen Phasen abliefen: die Ahlatkriege von 1515, 1534/35, 1548 und von 1552. Wütend über die Eroberung Ahlats durch die Osmanen hatte Schah Ismail einen seiner Kommandeure, Kurt Bey, zur Rückeroberung nach Ahlat und Bitlis geschickt, aber die Safawiden-Truppen mussten zurückkehren, nachdem sie auf den Widerstand der pro-osmanischen kurdischen Emire gestoßen waren.[191] Damit endete zunächst die achtjährige Herrschaft der Safawiden über Ahlat, und die Region kam unter osmanische Herrschaft. Der Kampf zwischen den Safawiden und den Osmanen um Ahlat endete damit allerdings nicht, sondern nahm während der Herrschaft von Schah Ismails Sohn Schah Tahmasp (1524–1576) und Yavuz Sultan Selims Sohn Suleyman dem Prächtigen (1520–1566) gewalttätige Formen an. Anfang der 1530er Jahre befand sich Ahlat erneut in Safawidenhand. 1531 hatte daraufhin Ulama Khan Tekelü, Gouverneur von Aserbaidschan unter den Safawiden, wegen Meinungsverschiedenheiten mit Schah Tahmasb gegen diesen safawidischen Schah rebelliert und war auf die osmanische Seite geflüchtet. Um sich die Unterstützung des osmanischen Sultans zu sichern, behauptete er, dass Şeref Khan, der damalige Herrscher von Bitlis, auf der Seite des safawidischen Schahs Tahmasp stünde. Er könne aber mit der Hilfe talentierter osmanischer Kommandeure nicht nur das Vansee-Becken mit Bitlis, Van, Ahlat und Vostan (armenische Provinz Ararat) erobern, sondern nach und nach auch das ganze aserbaidschanische Land.[192] Daraufhin schaffte der osmanische Sultan Süleyman I. das (eigentlich osmanische) Emirat Bitlis offiziell ab und berief Ulama Khan Tekelü mit dem Titel eines Paschas in das Bitlis-Gouverneursamt, damit dieser Bitlis zurückeroberte. Şeref Khan floh daraufhin ins Asyl zu den Safawiden in Tabriz.[189] Er überließ Ahlat und einige seiner anderen Burgen den prominenten Aghas des Ruzeki-Stammes und bat Schah Tahmasp um Hilfe. Im Gegenzug belagerten 1532 Ulama Han Tekelü und der osmanische Gouverneur von Diyarbakır, Fil Yakup Pascha, die Burg Bitlis, die immer noch unter der Herrschaft der Safawiden stand. Der safawidische Schah Tahmasp zog daraufhin nach Ahlat, worauf Ulama Khan und Fil Yakup Pascha die Belagerung der Burg von Bitlis abbrachen und sich zurückzogen, während Şeref Khan für Tahmasp drei Tage lang ein Bankett in Ahlat gab und dafür von Schah Tahmasp das Gouverneursamt der Provinzen Bitlis, Ahlat, Muş und Hınus mit einem Edikt vom 21. September 1532 erhielt.[193] Am 21. Oktober 1533 wurde Şeref Han jedoch im Kampf mit Ulama Pascha in Bitlis getötet.[194]
Als Ergebnis eines Irak-Feldzugs (Irakeyn Seferi 1533–1535) Süleymans I. konnte Ahlat zusammen mit Adilcevaz und Erciş wieder unter osmanische Herrschaft gebracht werden.[195] Dabei gelang es dem osmanischen Großwesir İbrahim Pascha (Makbul Ibrahim Pascha, * 1493; † 1536), der sich während der Wintersaison in Aleppo aufhielt, die Burgen von Ahlat und einige andere im Becken des Van-Sees, die sich den Safawiden unterworfen hatten, erneut zu erobern, wobei die kurdischen Burgwächter ihm die Burgschlüssel übergaben.[196] Auf dem Rückweg von diesem Feldzug gegen die Safawiden machte Sultan Suleyman zwischen dem 5. August und dem 29. September 1535 Station in Ahlat, zog aber dann nach Diyarbakır. Mit dem Abzug der osmanischen Streitkräfte aus Aserbaidschan kam es zur Wiederaufnahme der Safawiden-Überfälle auf das Van-See-Becken und auch auf Ahlat.[197] Die Safawiden eroberten Van und Erciş zurück. Schah Tahmasb übertrug die Verwaltung dieser Städte an Ahmed Sultan, den Sohn von Sofu aus dem Ustacalu/Ustādschlū-Stamm der Kizilbasch. Als Tahmasbs Halbbruder und Konkurrent Alqas Mirza deshalb Suleyan den Prächtigen um Unterstützung gegen seinen Halbbruder ersuchte, machte der Osmanensultan sich 1548 an der Spitze einer riesigen Armee auf einen erneuten Feldzug in den Iran, konnte aber nur die Festung Van einnehmen, während durch Schah Tahmasb eine beispiellose Zerstörung in Ostanatoliens erfolgte, indem er Afscharenführer Schah Kulu (Şahkulu, Anführer einer Safawiyya-Rebellion) unter anderem gegen die Stämme in der Region Ahlat schickte.[198] In diesem Zusammenhang fanden 1549 heftige Zusammenstöße zwischen den beiden Parteien statt; Schah Tahmasb hatte beschlossen, Ostanatolien zu zerstören, um zu verhindern, dass die osmanische Armee in den Iran eindrang, und versuchte, diese Entscheidung 1552 umzusetzen. Er schickte den stärksten Teil seiner Armee, die er in vier Zweige aufteilte, in die Region des Vansees. Einer der Kommandeure, Şemseddin Han, Sohn des ehemaligen Herrschers Şeref Han von Bitlis, zog nach Ahlat, wobei er fast hundert osmanische Soldaten getötet, fast dreißigtausend Schafe, zehntausend Rinder und Büffel sowie dreitausend Pferde erbeutet und jeden Ort, auf den er gestoßen war, niedergebrannt hatte. Wenig später stand Schah Tahmasb selbst vor Ahlat. Obwohl sein Berater, Müverrih Rumlu Hasan Beg, warnte, die alte Ahlat-Festung sei sehr hoch und sehr stark, zerstörten die Safawiden sie 1552 in kurzer Zeit vollständig. Bei ihren Plünderungs- und Kriegszügen verwüsteten die Safawiden auch die Festungen Erciş und Bargiri (1553), und nur die Festungen Van und Adilcevaz blieben in den Händen der Osmanen. Erst mit dem 1555/56 unterzeichneten Vertrag von Amasya wurden die einundvierzigjährigen Kriege beendet. Allerdings wurde Ahlat danach während der Osmanenzeit zu einer der unbedeutendsten Städte am Van-See.[199] Das Datum H. 963 / M. 1555–1556 auf der Inschrift am Tor der neuen Burg brachte mit deren Bau auf Befehl von Sultan Suleiman für Ahlat eine neue Ära ein.[200]
Während Van zu einem Provinzzentrum aufstieg, wurde das einst so wichtige Ahlat zu einem Kaza des Sandschak Adilcevaz herabgestuft. Infolge der Zerstörung der alten Burg im Jahr 1552 hatte Sultan Süleyman, der 1554 vom Feldzug nach Nachitschewan (derzeit eine Exklave Aserbaidschans, hauptsächlich umschlossen vom Iran und Armenien) zurückkehrte, Koca Zal Pascha und Mimar Sinan in Ahlat zurückgelassen und damit beauftragt, die unvollendete neue Burg Yavuz Sultan Selims von 1516 weiter auszubauen.[201] Aber trotz dieser Reparatur- und anderer unterstützter Bautätigkeiten konnte Ahlat seinen früheren Glanz nicht wieder erreichen. Die Volkszählung, die ein Jahr nach dem Amasya-Vertrag (1556) durchgeführt wurde, zeigt deutlich den erbärmlichen Zustand der Stadt. Demnach betrug die Steuerbevölkerung von Ahlat nur 128 Personen. Nach allen Angaben im Steuerbuch lebten 1556 in Ahlat etwa 1600 Menschen. Aufgrund der tragischen Katastrophen, die die Stadt nacheinander durchgemacht hatte, gab es in Ahlat damals keine mit Moscheen oder Medressen verknüpften Stiftungen. Alle zum genannten Zeitpunkt bestehenden Stiftungen gehören zu Zawiyas (Logen). Es scheint, dass die meisten von ihnen neu gegründet wurden. Die wichtigsten dieser Logen waren: Bayındır, Şeyh Necmeddin, Şeyh Abdülkadir, Şeyh Yoldaş, Şehidler, Şeyh Mohammed, Şeyh İbrahim, Şeyh Abdurrahman, Şeyh Ammar-i Ahlatı, Baba Merdân, Hacı Hüseyin, Karkalar (?). Einige der Logen befanden sich auch außerhalb von Ahlat.[202] Der osmanische Gelehrte Katib Çelebi, der im 18. Jahrhundert lebte, vermerkte allerdings, dass Ahlats Luft sehr angenehm und dass Ahlat eine Stadt mit Gärten und Weinbergen war. Weizen und Gerste waren die Hauptkulturen, die in Ahlat und Umgebung angebaut wurden, und in den Gärten wurden Früchte kultiviert, Aprikosen und die berühmten Äpfel, wobei ein Ahlat-Apfel hundert Dirham kostete und in Şirvan (Aserbaidschan) sehr begehrt war.[203] Evliya Çelebi, der Ahlat 1655 besuchte, räumte dieser Stadt zwar einen großen Platz in seinem Werk ein, bewertete sie aber offenbar weniger am damaligen Zustand, als wohl eher an ihrer glänzenden Vergangenheit anhand der vorgefundenen Ruinen.[204]
Die großen Unruhen, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts ausgebrochen waren (Celali-Revolten), die daraus resultierende Flucht der Landbevölkerung (Büyük Kaçgun) in sichere Regionen und die darauf folgende und einige Jahre andauernde Hungersnot in der Region des Van-Sees hatten auch schädliche Folgen für Ahlat, das im 18. Jahrhundert, wie viele Teile Anatoliens, von Derebeys (Ayans/Notable) regiert wurde. Nach der Tanzimatzeit war Ahlat einer der Kaza-Hauptorte der Provinz Van und während der Regierungszeit von Abdulhamid II. Kreisstadt in der Provinz Bitlis. Laut dem Bitlis-Jahrbuch von 1892–1893 bestand Ahlat aus sieben Vierteln, und die Stadt hatte sieben Moscheen, von denen sich zwei innerhalb der Festung befanden.[205] Vital Cuinet lieferte für die frühen 1890er Jahre folgende Daten: Ahlat war damals Kaza-Zentrum (Kreiszentrum) im Sandschak Bitlis und zugleich Nahiya (Amtsbezirk) mit 59 Dörfern (einschließlich Ahlat). Er gibt nur die Gesamtzahl der Bevölkerung für den Kreis bzw. den Amtsbezirks mit 23.659 Einwohnern an, nicht aber für die Stadt. Demnach lebten im Kaza Ahlat damals 16.635 Muslime, 6609 armenische Christen, 210 orthodoxe Griechen und 250 Yeziden.[206] Laut Volkszählung von 1856 hatte die Stadt damals 11.138 Bewohner.[207] 1955 lebten in Ahlat nur noch 4292 Einwohner, 1960 waren es bereits wieder 5080[208], und laut Volkszählung von 1985 hatte die Stadt damals 11.163 Bewohner.[209] Bis 2010 stieg die Bevölkerung der Stadt auf 18.182 Personen und des gesamten Kreises auf 35.411 Einwohner. Nach den vom türkischen statistischen Institut (TUIK) veröffentlichten Daten betrug die Bevölkerung von Ahlat (Kreis/İlce) im Jahr 2021 42.131 Menschen. Von 1929 bis 1936 war Ahlat ein Kreis der Provinz Van.[210] Die im Stadtsiegel abgebildete Jahreszahl 1922 dürfte auf das Jahr der Erhebung zur Gemeinde (Belediye/Stadtverwaltung) hinweisen.