Wright-Fisher-Modell
Das Wright-Fisher-Modell ist ein stochastisches Modell in der Evolutionsbiologie, Populationsgenetik und Phylogenetik. Es ermöglicht, die Entwicklung genetischer Variabilität innerhalb einer Population zu simulieren. Das Modell ist nach Sewall Wright und Ronald Aylmer Fisher benannt und von ihnen sowie Patrick Alfred Pierce Moran entwickelt.[1][2][3][4]
Mithilfe des Modells lässt sich bei Betrachtung von zwei Allelen in einer Population bestimmen, ob eines der beiden Allele dominiert und letztendlich fixiert.
Annahmen
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In diesem Artikel steht für die natürlichen Zahlen ohne die Null, während die Null enthält.
Betrachte zwei Allele und , die gemeinsam den Zustandsraum aufstellen. Weiter betrachte eine Population haploïder, ungeschlechtlich fortpflanzende Individuen. Es wird angenommen, dass die Anzahl der Individuen je Generation sehr groß ist, . Die Individuen der ersten Generation besitzen nach dem Zufallsprinzip eines der zwei Allelen. Jedes Individuum lebt nur für eine Generation. Die Individuen der nachfolgenden Generation wählen aus der vorangegangen jeweils einen beliebigen Vorfahren.[5]
Modell
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Sei und ein nicht-leerer meßbarer Raum. Dann heißt der stochastische Prozess mit Werten in Wright-Fisher-Ahnenprozess, wenn für alle und gilt, dass gleichverteilt auf ist und unabhängig von allen ist für und . Für wird mit dem Ereignis beschrieben, dass das -te Individuum der -ten Generation der Vorgänger des -ten Individuums der -ten Generation ist. Mit Gentypkonfiguration des Wright-Fisher-Ahnenprozesses wird der stochastische Prozess bezeichnet, wofür ein Wahrscheinlichkeitsmaß auf ist und wenn für alle und gilt.[Anm 1]
Eigenschaften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Setze den Zählprozess der Anzahl Individuen mit dem Allel in der -ten Generation. Jede Generation lässt sich als Bernoulli-Kette auffassen. Die Übergänge folgen einer Binomialverteilung mit Parametern , also mit die Frequenz des Allels in der -ten Generation.
Die beiden Prozesse und sind sowohl zeithomogene Markow-Ketten auf beziehungsweise als auch Martingale bezüglich der kanonischen Filtrierung. Ihre absorbierenden Zustände sind die Randwerte beziehungsweise . Die bedingte Varianz von ist und von ist , was bedeutet, dass die Frequenzfluktuation wesentlich bedeutender um den Median als an den Rändern ist.
Bezeichne mit den (zufälligen) ersten Zeitpunkt, wofür , d. h. wofür eines der beiden Allele fixiert. ist eine Stoppzeit, wofür dem Stoppsatz folgend gilt. Da , gilt außerdem , wobei die Indikatorfunktion. Es lässt sich zeigen, dass einer geometrischen Verteilung folgt und fast sicher endlich ist.[5][6][Anm 2] Der erwartete Fixierungseintritt wächst linear mit der Populationsgröße .[5][Anm 3]
Sowohl die Austauschbarkeit als auch die Martingaleigenschaft garantieren, dass das Wright-Fisher-Modell neutral ist. Es wird keine Selektion vorgenommen.
Erweiterung
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Beziehung zu Kingmans Koaleszenz
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Betrachte zwei Individuen einer selben Generation und setze die Zeitspanne bis zum letzten gemeinsamen Vorfahren. Indem die Zeitsprünge infinitesimal klein werden, lässt sich der Zählprozess mithilfe des Donskerschen Invarianzprinzips in eine Diffusion mit Dynamik entwickeln, wobei ein Wienerprozess. Diese Diffusion wird auch Wright-Fisher-Grenzprozess oder Wright-Fisher-Diffusion genannt.[Anm 4] Das Modell nähert sich damit der Koaleszenz von Kingman an. Indem mit dem reinen Sterbeprozess die Anzahl der Linien der Koaleszenz beschrieben wird, lässt sich die Dualität beobachten, wobei linkerhand der -te Moment gemeint ist. Es gilt somit für beliebiges . Ein Erzeuger des Zählprozesses ist von der Form und vom reinen Sterbeprozess von der Form . Indem und sei, folgt , womit eine Dualität zwischen Kingmans Koaleszenz und einem reinen Sterbeprozess hergestellt wird.[Anm 5]
Genmutationen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Modell lässt sich um Genmutationen erweitern. Die Dynamik des Wright-Fisher-Prozesses ändert sich zu mit die Mutierrate vom Allel zum Allel .
Erweiterungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Anmerkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Man beobachte, dass eine retrospektive Sicht damit einnimmt. Die Nachfolger wählen ihre jeweiligen Vorgänger aus. Eine prospektive Sicht lässt sich ebenfalls formulieren mithilfe des Vektors mit , sodass und wodurch die Vektoren jeweils austauschbar für festes sind.
- ↑ Entgegen dem Hardy-Weinberg-Modell, wo eine Fixierung nicht notwendigerweise eintritt. Beachte, dass dieses Modell eine unendliche große Population annimmt.
- ↑ Das lineare Verhältnis zwischen Populationsgröße und erwartetem Fixierungseintritt bedeutet, dass z. B. in einer Population von Individuen die Allelfixierung um die -te Generation herum geschieht.
- ↑ Es handelt sich dabei um einen Sonderfall der Jacobi-Diffusion, die selbst einen Sonderfall der Pearson-Diffusion darstellt. Beachte, dass der Prozess nicht den gängigen Stetigkeitsargumenten (z. B. Satz von Yamada-Watanabe) unterfällt.
- ↑ Dualitäten zwischen Markow-Prozessen sind rar, aber im gegebenen Falle ist einer der dualen Prozesse häufig einfacher in der Manipulation.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Stephan Morgenthaler: Génétique statistique (= Statistiques et probabilites appliquees). Springer, Paris Berlin 2008, ISBN 978-2-287-33911-0.
- Gerold Alsmeyer: Mathematische Populationsgenetik. Vorlesung im Sommersemester. 2008, Kap. 2 Das Wright-Fisher-Modell (uni-muenster.de [PDF; 554 kB; abgerufen am 2. Mai 2026]).
- Wolfgang Stephan, Anja Christina Hörger: Molekulare Populationsgenetik: Theoretische Konzepte und empirische Evidenz. 1. Aufl. 2019. Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg 2019, ISBN 978-3-662-59427-8, 2.1.1 Wright-Fisher-Modell.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- drawWrightFisher von Bernhard Haubold
- popG (archiviert & gespiegelt) – Simulation des Wright-Fisher Modells von Joe Felsenstein (s. a. PHYLIB)
- STUN: Forward-time Simulation on TUnable fitNess landscapes in recombining populations des Banklab
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Ronald Aylmer Fisher: The Genetical Theory of Natural Selection. Clarendon Press, Oxford 1930, OCLC 18500548, doi:10.5962/bhl.title.27468.
- ↑ Sewall Wright: Statistical Genetics in relation to Evolution (= Actualités Sci. Band 802). Hermann, Paris 1939.
- ↑ P. A. P. Moran: Random processes in genetics. In: Mathematical Proceedings of the Cambridge Philosophical Society. Band 54, Nr. 1, Januar 1958, ISSN 0305-0041, S. 60–71, doi:10.1017/S0305004100033193 (cambridge.org [abgerufen am 2. Mai 2026]).
- ↑ Nicole Bäuerle et al.: Ausbreitung von Gerüchten – mit Markov-Ketten modellieren. In: Stochastik in der Schule. Band 40, Nr. 3, 2020 (Online [PDF; abgerufen am 24. April 2026]).
- 1 2 3 Heike Bickeböller, Christine Fischer: Einführung in die Genetische Epidemiologie (= Statistik und ihre Anwendungen). Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-25616-8, S. 71.
- ↑ Götz Kersting, Anton Wakolbinger: Stochastische Prozesse (= Mathematik Kompakt). Birkhäuser Springer, Basel 2014, ISBN 978-3-7643-8432-6, S. 56 f.