Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Weschnitz (Begriffsklärung) aufgeführt.
Weschnitz
AlteWeschnitzunterhalbvonWeinheim.LinksderWachenbergmitderWachenburg,oberhalbdesFlusslaufsdieBurgWindeckAlte Weschnitz unterhalb von Weinheim. Links der Wachenberg mit der Wachenburg, oberhalb des Flusslaufs die Burg Windeck
Die Weschnitz wird um 764 als „Wisgoz“ erstmals erwähnt, um die Lage des Klosters Lorsch zu beschreiben.[4] Auch in zahlreichen weiteren Urkunden des Lorscher Codex wird auf die Weschnitz in dieser oder ähnlichen Schreibweisen Bezug genommen.[5]
Albrecht Greule sieht keine sichere Deutung des Namens, er könne mit dem indogermanischen Verb *ṷeis- „fließen“ in Zusammenhang stehen.[6] Im 15. Jahrhundert scheint die Endung -enz mit Namensformen wie „Wessecze“, „Weschentze“ oder „Weschentz“ aufgekommen zu sein. Eine mögliche Erklärung ist der Einfluss anderer Gewässernamen der Region wie Elsenz oder Alsenz.[7.1]
Die Weschnitz entspringt im Odenwald östlich des 536mü.NHN hohen Wagenbergs. Es gibt zwei Quellarme, der südliche und längere liegt am Ortsrand von Hammelbach, einem Ortsteil der Gemeinde Grasellenbach. Der nördliche Arm mit einer gefassten Quelle ist von einem Freizeitgelände mit einem Teich und einer Grillhütte umgeben. Hammelbach liegt auf einem Bergsattel, der die Einzugsgebiete der Weschnitz und des Neckarzuflusses Ulfenbach trennt.
Nördliche Fließrichtung einschlagend, erreicht die Weschnitz bald die Ortschaft Weschnitz, die ebenfalls auf einem Bergsattel liegt. Hier grenzt das Einzugsgebiet des Osterbachs an, der ein Quellbach des Mainzuflusses Gersprenz ist. Am rechten Talhang liegt der Wallfahrtsort Walburgiskapelle. Beim Ort Weschnitz wendet sich der Fluss nach Westen und durchbricht in einem zwei Kilometer langen, stellenweise schluchtartigen Tal den Trommrücken. Links liegt der 399mü.NHN hohe Krehberg, rechts der 435mü.NHN hohe Kohlwald; durch das Tal führt die B 460.
Ab Brombach fließt die Weschnitz in südsüdwestlicher Richtung über Krumbach nach Fürth. Ab Krumbach begleitet die B 38 den Fluss; Fürth ist der Endbahnhof der Weschnitztalbahn. Unterhalb von Fürth weitet sich das Tal innerhalb der Weschnitzsenke, die Weschnitz fließt über Fahrenbach, Lörzenbach, Rimbach und dann durch das Naturschutzgebiet Weschnitzaue von Rimbach und Mörlenbach. Ab Mörlenbach treten die Hügel der Weschnitzsenke wieder näher an den Fluss heran; die Weschnitz erreicht nach Reisen den Ort Birkenau.
In Birkenau verlässt der Fluss die Weschnitzsenke, wendet sich nach Westen, passiert die Landesgrenze zwischen Hessen und Baden-Württemberg und erreicht in einem windungsreichen, fast schluchtartigen Tal die Stadt Weinheim. Dieses Tal war wegen des starken Gefälles ein günstiger Platz für Mühlen; Ende des 19. Jahrhunderts war Weinheim einer der bedeutendsten Mühlenstandorte Süddeutschlands. Besonders markant ist der Silobau der Hildebrand’schen Mühle, ein Bauwerk des Historismus, das ähnlich gestaltet ist wie die Malakoff-Türme des Ruhrbergbaus und die Architektur der Burgenlandschaft an der Bergstraße aufgreift. Die Mühle war 1891/1892 die weltweit erste vollautomatische Großmühle.[8.1]
In Weinheim quert der Fluss die B 3 sowie die Bahnstrecke Frankfurt am Main–Heidelberg. Die Weschnitz verlässt den Schwemmkegel, den sie beim Eintritt in die Oberrheinische Tiefebene ausgebildet hat, in zwei Flussarme aufgespalten: Links die Alte Weschnitz, rechts die Neue Weschnitz. Beide Flussarme verlaufen, meist im Abstand von wenigen Hundert Metern, nach Nordnordwesten, unterqueren die A 5 und erreichen in Höhe von Hüttenfeld und Hemsbach wieder hessisches Gebiet. Nach rund 10 Kilometer vereinigen sich beide Flussarme im Naturschutzgebiet Weschnitzinsel. Die Weschnitz passiert die Klosterruine Altenmünster, den ersten Standort des Klosters Lorsch, und unterquert die B 460, die B 47 und die Nibelungenbahn.
Rund 2 Kilometer nördlich von Lorsch verlässt die Weschnitz an der Wattenheimer Brücke die Niederung am Rand der Rheinebene, knickt nach Westen ab und durchbricht einen Dünengürtel. Nach der Kreuzung der A 67 durchquert der Fluss die Gemeinde Einhausen und erreicht die Rheinniederung mit verlandeten Mäandern. Biblis umgeht der Fluss südlich und kreuzt dabei die B 44 und die Riedbahn. Nach der Brücke der Bahnstrecke Biblis–Worms wendet sich die Weschnitz nach Nordwesten und passiert den Ort Wattenheim und die Burgruine Stein. Die Weschnitz mündet unweit des stillgelegten Atomkraftwerkes Biblis bei Rhein-Kilometer 454,5 in den Rhein.
Liste der benannten, direkten Zuflüsse von der Quelle zur Mündung. Längen und Einzugsgebietsflächen nach den einschlägigen Kartendiensten für Hessen[2] und Baden-Württemberg.[9] Für die Gewässer der Rheinebene ist zusätzlich angegeben, ob es sich um Hoch- oder Tiefsysteme handelt. Hochsysteme sind eingedeicht und dienen in der Regel der Anbindung von Bächen aus dem Odenwald. Tiefsysteme sind nicht eingedeicht und dienen meist der Entwässerung der Flächen in der Rheinebene. Bei Hochwasser der Weschnitz wird die Vorflut der Tiefsysteme durch Schöpfwerke sichergestellt.
Steinbach, von links in Fürth, 3,97 km. Entspringt rund 600 m westlich der Weschnitzquelle, durchfließt Steinbach.
Schlierbach, von rechts in Fürth, 9,9 km und 18,61 km². Entspringt südwestlich der Neunkircher Höhe, entwässert den Westen von Lindenfels mit Schlierbach.
Rimbach, von links in Rimbach, 3,84 km, 6,21 km². Entsteht bei der Gehöftgruppe Fuhrhöfe.
Albersbach, von rechts am Südrand von Rimbach, 3,63 km. Entsteht westlich von Albersbach.
Zotzenbach, von links oberhalb des Wohnplatzes Weschnitz-Mühle, 5,65 km, 9,97 km². Entsteht als Mengelbach östlich von Ober-Mengelbach, durchfließt Zotzenbach.
→(Abgang der Alten Weschnitz), nach links am Weinheimer Bahnhof, rechts läuft die Weschnitz ab hier als Neue Weschnitz. Beide Zweige fließen bald zwischen Dämmen.
Neugraben, Tiefsystem mit Schöpfwerk, von rechts in die Neue Weschnitz an der Landesgrenze, 9,33 km, 28,68 km². Entsteht östlich von Sulzbach, entwässert Gebiete um Hemsbach und Laudenbach
Schwalbenzahl, Tiefsystem ohne Schöpfwerk, von rechts in die Neue Weschnitz, rechter Unterlaufarm des Neugrabens, 1,28 km.
← Rücklauf der Alten Weschnitz, von links am Südrand des Naturschutzgebiets Weschnitzinsel, 10,30 km, 3,31 km².
Stadtbach, Hochsystem, von rechts am Nordrand des Naturschutzgebiets Weschnitzinsel, 10,53 km, 24,61 km². Entsteht als Sonderbach südöstlich von Sonderbach, durchfließt Kirschhausen und die Stadt Heppenheim.
Landgraben, Tiefsystem mit Schöpfwerk, von links knapp nördlich des Naturschutzgebiets Weschnitzinsel, 23,58 km, 103,03 km². Entsteht als Apfelbach im Odenwald bei Rippenweier, durchfließt Großsachsen. Größter Teil des Laufes in der Rheinebene als Graben.
Allmendgraben Tiefsystem mit Schöpfwerk, von rechts in Höhe von Lorsch, 3,29 km. Entsteht am westlichen Stadtrand von Heppenheim.
Meerbach, Hochsystem, von rechts in Höhe von Lorsch, 13,19 km und 21,60 km². Entsteht westlich von Schannenbach als Schliefenbach, durchfließt Gronau, Zell und den Süden der Stadt Bensheim.
Sallengraben, Tiefsystem mit Schöpfwerk, von rechts nordöstlich von Lorsch, 2,30 km. Entsteht im Naturschutzgebiet Erlache bei Bensheim.
Halbmaasgraben, Tiefsystem mit Schöpfwerk, von rechts nach Wattenheim, 11,60 km, 36,33 km². Entsteht südwestlich von Einhausen, läuft bis etwas vor Wattenheim linksseits und unterquert dann die Weschnitz
Rimbach in der Weschnitzsenke vor der Tromm
In Rimbach
Weschnitzaue zwischen Rimbach und Mörlenbach
Pegel der Weschnitz bei Lorsch
Wattenheimer Brücke bei Lorsch
Neugestalteter Weschnitzlauf in Einhausen
Weschnitzhochwasser im Mai 2013 in Einhausen
Begradigte Weschnitz bei Biblis
Weschnitzmündung in den Rhein, im Hintergrund das KKW Biblis
In der Niederung am Rand des Odenwalds floss bis etwa 10.000 v. Chr.[10] der Bergstraßenneckar, ein Unterlauf des Neckars, der vom Neckarschwemmkegel bei Heidelberg längs der Bergstraße nach Norden verlief und erst bei Trebur in den Rhein mündete. Zuvor ein Zufluss des Neckars, wurde die Weschnitz mit der Verlegung der Neckarmündung in den Raum Mannheim zur Nachnutzerin der alten Neckarläufe. Bei Weinheim sind die alten Flussbetten des Neckars vom Schwemmkegel der Weschnitz überschüttet. Weiter nördlich sind die alten Flussläufe noch deutlich erkennbar,[11.1] beispielsweise im Naturschutzgebiet Erlache bei Bensheim.
Heute verlässt die Weschnitz an der Wattenheimer Brücke, zwei Kilometer nördlich von Lorsch, die Niederung mit den Altläufen des Neckars. Ob der dortige Durchbruch durch die Dünenkette auf natürlichem Wege entstand oder von Menschen künstlich geschaffen wurde, wurde lange kontrovers diskutiert. Nach heutigem Forschungsstand fließt die Weschnitz seit mindestens 5000 Jahren durch die Dünenlandschaft zum Rhein, was eine natürliche Entstehung des Durchbruchs wahrscheinlich macht.
Der Schifffahrtshistoriker Martin Eckoldt hielt es hingegen 1985 für sehr naheliegend, dass die Römer die Weschnitz umgeleitet hatten. Eckoldt verwies auf die Granitsäulen der Trierer Basilika, des unter Kaiser Konstantin gebauten Vorgängerbaus des Trierer Doms. Diese, bis zu 30 Tonnen schweren Säulen wurden zwischen 328 und 337 n. Chr. im Felsenmeer im Odenwald gebrochen. Ein Großteil der Wegstrecke vom Felsenmeer nach Trier konnte mit Schiffen auf Rhein und Mosel zurückgelegt werden. Eckoldt argumentierte, dass die Wattenheimer Brücke an der kürzesten Verbindung vom Felsenmeer zum Rhein liegt und eine künstliche Ableitung der Weschnitz es den Römern ermöglichte, auch auf der größeren Hälfte dieser Strecke Schiffe zu nutzen.[12.1]
Bei der Renaturierung der Weschnitz, die 1998/1999 und 2007 an der Wattenheimer Brücke durchgeführt wurde, wurden Holzpfähle freigelegt, von denen 84 geborgen werden konnten. Ein Teil der Pfähle konnte dendrochronologisch datiert werden, andere über die Radiokarbonmethode. Der älteste datierbare Pfahl wurde um oder nach 3578 v. Chr. gefällt; die anderen Datierungen decken den Zeitraum bis zum Frühmittelalter ab, wobei Datierungen aus der Römerzeit fehlen. Die Befunde widerlegen die These einer Ableitung der Weschnitz in der Römerzeit.[13.1]
Nachfolgende geowissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass die Weschnitz um 3000 v. Chr. das Flussbett verließ, das von der Wattenheimer Brücke nach Nordosten führt. Untersucht wurden Querprofile wenige hundert Meter unterhalb der Brücke und bei Hähnlein, rund 8 Kilometer weiter nördlich. Dabei wurde innerhalb einer größeren Rinne, die dem Bergstraßenneckar zuzuordnen ist, eine kleinere Rinne gefunden, die von der Weschnitz stammt. Die Sedimente beider Flüsse unterscheiden sich, da in den Einzugsgebieten unterschiedliche Gesteine anstehen. Die sich um mehrere hundert Jahre unterscheidenden Datierungen der Sedimente und des ältesten Pfahls an der Wattenheimer Brücke werden dadurch erklärt, dass bei den ersten Baumaßnahmen an der Wattenheimer Brücke altes Holz verwandt wurde.[10]
Der Parallellauf von Alter und Neuer Weschnitz zwischen Weinheim und Lorsch wurde zwischen 1535 und 1544 angelegt, da wegen des geringen Längsgefälles das Wasser nur zögerlich abfloss. Während die Fertigstellung der künstlichen Flussbetten mit langen Geraden nur vage datiert werden kann, ist der Baubeginn sicher bekannt, da die Regulierung nach der Anlage des Weschnitzzuflusses Landgraben erfolgte, für den der kurpfälzische Faut in Heidelberg, Hans von Gemmingen, am 5. Februar 1535 eine Bachordnung erließ. Pläne von 1770 weisen auf eine Begradigung der Weschnitz unterhalb von Einhausen hin;[7.2] im Bereich der Weschnitzmündung an der Burg Stein wurde der Flusslauf vor der Mitte des 17. Jahrhunderts verlegt und begradigt.[14]
Zur Zeit der Regulierung der Weschnitz zwischen Weinheim und Lorsch verliefen die Gewässer durch die Territorien von Kurpfalz, Kurmainz und des Hochstifts Worms. Während in späteren Jahrhunderten Flussbaumaßnahmen häufig an gegensätzlichen Interessen der betroffenen Territorien scheiterten, waren die Voraussetzungen Anfang des 16. Jahrhunderts günstig, da das kurmainzische Amt Starkenburg an die Kurpfalz verpfändet war und der Bischof von Worms, Heinrich von der Pfalz, seinem Bruder, dem Kurfürsten Ludwig V. von der Pfalz, wegen dessen Hilfe im Bauernkrieg verpflichtet war.[7.3]
Frondienst-Abschnittssteine markierten die Abschnitte, die einzelne Gemeinden zu säubern hatten (um 1780)
Die Bachordnung für den Landgraben von 1535, die sinngemäß auch für die Weschnitz galt, untersagte bei Androhung von Geldstrafen Handlungen, die den Abfluss des Wassers hemmen könnten. Zugleich wurde die Pflege des Gewässers geregelt; die Anlieger wurden zu Frondiensten verpflichtet, bei denen Sedimente aus dem Gewässerbett ausgehoben und am Ufer abgelagert wurden. Ähnlich war bei der Neuanlage von Gewässern verfahren worden. Dadurch entstand die Dammlage der Weschnitz. Wiederkehrende Dammbrüche und Konflikte um die Frondienste lassen darauf schließen, dass die Pflege der Weschnitz oft nachlässig betrieben wurde. Hierzu trugen auch die zahlreichen Kriege bei. So war das Hessische Ried im Dreißigjährigen Krieg zeitweise entvölkert, während der Koalitionskriege unterblieben zwischen 1792 und 1801 die Unterhaltungsarbeiten. Ein Vergleich von Maßangaben zur Breite des Flussbetts aus mehreren Jahrhunderten zeigt auf, dass als Verbreiterung des Flussbettes bezeichnete Maßnahmen keine Ausbauten waren, sondern nur einen vorherigen Zustand wiederherstellten.[7.4]
Aus Sicht der anfänglich meist kurmainzischen, später hessischen Unterlieger war die Regulierung der Weschnitz ein Nachteil, da das Wasser schneller abfloss und die Weschnitz unterhalb von Lorsch keine ausreichende Abflusskapazität hatte. Bei Lorsch sammelte sich das Wasser wie in einem Trichter, da dort die beiden Weschnitzarme, der Landgraben und zahlreiche von der Bergstraße im Osten kommende Gräben zusammenflossen. Man versuchte, durch den Abbruch von Mühlen ein höheres Gefälle und dadurch einen schnelleren Abfluss des Wassers zu erreichen. So wurde eine Sägemühle bei Lorsch und die Getreidemühle von Klein-Hausen (zu Einhausen) abgebrochen. Letztere, um 1563 durchgeführte Maßnahme entschärfte die Situation etwas, brachte aber keinen durchgreifenden Erfolg. Ein Gutachten von 1782 charakterisierte die Weschnitz als allgemeinen Feind, vor dem die Bevölkerung immer auf der Hut sein müsse. Andernorts vorhandene Vorteile eines Flusses wie Schifffahrt oder Mühlen seien kaum vorhanden.[7.5]
Nach dem Reichsdeputationshauptschluss 1803 gehörte die Weschnitz fast vollständig zu Hessen, nur der Abschnitt von Weinheim bis Laudenbach wurde badisch. Auch zwischen Hessen und Baden kam es zu zahlreichen Konflikten. Die hessische Gemeindeordnung hatte für die Orte an der unteren Weschnitz hohe Kosten zur Folge. Ab 1829 mussten die Weschnitz-Anlieger im Odenwald keine Frondienste am Flusslauf im Hessischen Ried leisten.[7.6]
Nach Angaben der Stadt Heppenheim von 1956 kam es nach 1800 alle 10 bis 20 Jahre zu katastrophalen Hochwassern der Weschnitz, bei denen Dämme brachen und große Flächen überflutet wurden.[7.7] Zur Lösung der Hochwasserprobleme wurden etliche Pläne entwickelt, so eine direktere Ableitung der Weschnitz von Biblis zum Rhein (1772), eine Ableitung von Weinheim zum Rhein bei Sandhofen (1850), eine Ableitung von der Wattenheimer Brücke zum Winkelbach bei Langwaden (1855) und eine etwas weiter westlich durch den Jägersburger Wald führende Verbindung zum Winkelbach (1899). 1941 abgeschlossene Planungen sahen den Bau eines Rückhaltebeckens oberhalb von Weinheim vor, für das die Weschnitztalbahn hätte verlegt werden müssen, zudem sollte Hochwasser in ein Becken im Wald bei Hüttenfeld abgeleitet werden. Ab den 1950er Jahren wurden Planungen von 1899 wieder aufgegriffen und realisiert. Statt der zuvor unkontrollierten Überflutungen sollten bei Hochwasser Flutpolder geregelt gefüllt werden.[7.8]
1958 wurde der Weschnitzverband gegründet, der bis 1970 ein umfangreiches Bauprogramm umsetzte, mit dem ein Hochwasser mit einer Jährlichkeit von 50 bis 100 Jahren schadlos zum Rhein geleitet werden kann. Dabei wurden Rückhaltebecken angelegt, Deiche verstärkt und Schöpfwerke gebaut. In der Gegenwart betreibt der Gewässerverband Bergstraße die Anlagen; er entstand 2001 durch den Zusammenschluss von Weschnitzverband und dem benachbarten Lauter-Winkelbach-Verband.[15]
Hauptabsperrbauwerk des Polders Lorsch
Der größte Retentionsraum ist der Polder Lorsch, der am Zusammenfluss von Alter und Neuer Weschnitz liegt und von 18 Kilometer langen Dämmen umgeben ist. Der Polder besteht aus vier Teilräumen, von denen drei zwischen Alter und Neuer Weschnitz liegen. Insgesamt können 3,6 Millionen Kubikmeter Wasser auf über 2 Quadratkilometer Fläche zurückgehalten werden.[16] Neben dem Polder Lorsch wurden in den 1960er Jahren sechs Rückhaltebecken mit 712.000 Kubikmeter im Odenwald gebaut, die teils an der Weschnitz, teils an ihren Zuflüssen liegen. 2011 und 2015 wurden zwei weitere Rückhaltebecken mit 144.000 Kubikmeter errichtet.[17]
In der Oberrheinebene ist die Weschnitz nahezu vollständig eingedeicht. Rückstauendes Rheinhochwasser kann den Wasserspiegel der Weschnitz auf einer Länge von rund 15 Kilometer, bis kurz vor Einhausen, beeinflussen. Da Rheinhochwasser länger andauern kann, sind die Deiche in diesem Bereich auf höhere Belastungen ausgelegt.[18]
Durch die Eindeichung der Weschnitz können sich bei Hochwasser Wasserspiegellagen von mehreren Metern über dem Gelände einstellen, so dass eine Entwässerung der angrenzenden Flächen nicht mehr möglich ist. Deshalb sind an etlichen Weschnitzzuflüssen Schöpfwerke erbaut worden. Das mit rund 5 m³/s leistungsstärkste, in den 1970er Jahren erbaute Schöpfwerk liegt unterhalb von Wattenheim und entwässert die Rheinniederung um Biblis.[19] Schöpfwerke waren bereits im 19. Jahrhundert geplant worden; um 1926 vereinbarten Hessen und Baden den Bau eines Schöpfwerks an der Landesgrenze, das die Vorflut des von Laudenbach kommenden Neugrabens sicherstellten sollte. Im Zuge des Generalkulturplans für das Hessische Ried wurden in der Zeit des Nationalsozialismus weitere Schöpfwerke gebaut.[7.9]
Renaturierung unterhalb der Wattenheimer Brücke, Juni 2007
1979 wurde das Wiesengelände mit dem Polder Lorsch als Naturschutzgebiet Weschnitzinsel ausgewiesen. Das Schutzgebiet ist Lebensraum von Wiesenbrütern und wird von Zugvögeln als Rastmöglichkeit geschätzt. 2018 wurden die Flussarme Alte und Neue Weschnitz um gut 2 Kilometer verkürzt und durch ein neues gemeinsames und renaturiertes Flussbett ersetzt. Dadurch sollte die Anbindung des Flusses an seine Aue verbessert und eine freie Entwicklung des Gebiets ermöglicht werden.[20]
Weitere Renaturierungen erfolgten an der Wattenheimer Brücke: Dort wurde 1998/1999 oberhalb der Brücke der Damm zurückversetzt; auf dem neuen Vorland entstanden ein Altarm und Überschwemmungsflächen. 2007 folgte ein rund 280 Meter langer Abschnitt unterhalb der Brücke, in dem ein geschwungener Flusslauf mit Nebenarmen geschaffen wurde.[21] In Einhausen wurden zwischen 2006 und 2018 Abschnitte der Weschnitz naturnah umgestaltet. Angesichts der Lage im bebauten Gebiet waren nur punktuell Aufweitungen des Gewässers möglich; in anderen Bereichen wurden die Böschungswinkel variiert.[22] Zwischen Einhausen und Biblis sollen ab 2026 die Deiche eines 6,5 Kilometer langen Flussabschnitts saniert werden. Dabei werden die Deiche teilweise zurückverlegt, so dass zusätzlicher Retentionsraum entsteht und die Strukturvielfalt der Weschnitz erhöht werden kann.[23]
Ferdinand Koob: Die Weschnitz und ihre Probleme in den vergangenen Jahrhunderten. (=Schriften für Heimatkunde und Heimatpflege im Starkenburger Raum, Band 19/20) Südhessische Post, Heppenheim 1956.
↑Karl Josef Minst (Übers.): Lorscher Codex. Urkundenbuch der ehemaligen Fürstabtei Lorsch. Band 1, Laurissa, Lorsch 1966, S. 50 doi:10.11588/diglit.20231#0056.
Ferdinand Koob: Die Weschnitz und ihre Probleme in den vergangenen Jahrhunderten. (=Schriften für Heimatkunde und Heimatpflege im Starkenburger Raum, Band 19/20) Südhessische Post, Heppenheim 1956.
12Elena Appel, Thomas Becker, Dennis Wilken, Peter Fischer, Timo Willershäuser, Lea Obrocki, Henrik Schäfer, Markus Scholz, Olaf Bubenzer, Bertil Mächtle, Andreas Vött: The Holocene evolution of the fluvial system of the southern Hessische Ried (Upper Rhine Graben, Germany) and its role for the use of the river Landgraben as a waterway during Roman times. In: E&G Quaternary Science Journal. 73(2024), S. 179–202 doi:10.5194/egqsj-73-179-2024.
August Mangold: Die alten Neckarbetten in der Rheinebene. In: Großherzoglich Hessische Geologische Landesanstalt (Hrsg.): Abhandlungen der Großherzoglich-Hessischen Geologischen Landesanstalt zu Darmstadt. Band 2, Heft 2, S. 64–114. Bergsträsser, Darmstadt 1892, urn:nbn:de:bvb:12-bsb11504768-8.
Martin Eckoldt: Schiffahrt auf kleinen Flüssen. Teil 2, Gewässer im Bereich des »Odenwaldneckars« im ersten Jahrtausend n. Chr. In: Deutsches Schiffahrtsarchiv 8(1985), S. 101–116 urn:nbn:de:0168-ssoar-52427-4.
Markus Helfert: Die Weschnitz und die ecclesia sancti Petri. Zur Gründung des Klosters in Lorsch im frühen Mittelalter und zur topographischen Lage des sogenannten Altenmünsters. In: Fleur Kemmers, Thomas Maurer, Britta Rabe (Hrsg.): Lege Artis. Festschrift für Hans-Markus von Kaenel. (=Frankfurter Archäologische Schriften, 25) Dr. Rudolf Habelt, Bonn 2014, ISBN 978-3-7749-3911-0, S. 99–117 (Download).
↑Roland Prien, Elena Appel, Thomas Becker, Olaf Bubenzer, Peter Fischer, Bertil Mächtle, Timo Willershäuser, Andreas Vött: A Roman Fortlet and Medieval Lowland Castle in the Upper Rhine Graben (Germany): Archaeological and Geoarchaeological Research on the Zullestein Site and the Fluvioscape of Lorsch Abbey. In: Heritage. 8(2025), Nr. 5 doi:10.3390/heritage8050180.
↑Historie beim Gewässerverband Bergstraße (Abgerufen am 24. Juli 2026).
↑Claus Kropp, Lars Großgott: Untersuchungsgebiet. In: Claus Kropp (Hrsg.): Zehn Jahre Monitoring an der Wattenheimer Brücke (Lorsch, Kreis Bergstraße): Ergebnisse und Trends. (=Laureshamensia. Forschungsberichte des Freilichtlabors Lauresham. Sonderausgabe, Band 2) Propylaeum, Heidelberg 2025, S. 4–9 doi:10.11588/propylaeum.1683.c24432.