Warwara Fjodorowna Stepanowa

Warwara Fjodorowna Stepanowa (russisch Варвара Фёдоровна Степанова; wiss. Transliteration Varvara Fëdorovna Stepanova; Pseudonym: Warst[1]; * 23. Oktoberjul. / 4. November 1894greg. in Kaunas; † 20. Mai 1958 in Moskau) war eine sowjetische Malerin, Designerin und Theoretikerin. Ihr Werk ist dem Konstruktivismus zuzuordnen.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Warwara Stepanowa stammte aus einer kleinbürgerlichen Familie[2]. Ihre Mutter hieß Alexandra Iwanowa Stepanowa (geborene Vasiljewa, 1874–1950) und ihr Vater Feodor Iwanowitsch Stepanowa (1862–1936). In Kowno beendete Stepanowa das Gymnasium mit Auszeichnung durch eine Goldmedaille.[3] Ihre Ausbildung erhielt sie von 1910 bis 1911 an der Kasaner Kunstschule. 1912 zog sie nach Moskau. 1913 bis 1914 besuchte sie die Stroganoff-Kunstschule unter Ilja Maschkow und Konstantin Juon. Seit 1913 begann sie selbständig zu arbeiten und sich an Kunstausstellungen zu beteiligen.[4]
Bereits an der Kasaner Kunstschule lernte sie 1914 ihren Arbeitskollegen, Gefährten und späteren Ehemann Alexander Rodtschenko kennen. Nachdem Stepanowa 1914 ohne Abschluss nach Moskau zurückgekehrt war, arbeitete sie zunächst in verschiedenen einfachen Berufen, unter anderem als Näherin und Buchhalterin, und besuchte gleichzeitig Kurse an der Schule von Michail Leblan. Zwischen 1915 und 1917 war sie als Buchhalterin in einer Metallwarenfabrik tätig, anschließend als Sekretärin und Stenotypistin. Parallel dazu setzte sie ihre künstlerische Ausbildung in den Ateliers von Luon und Leblanc fort. 1916 begann ihr gemeinsames Leben mit A. Rodtschenko in Moskau. Im gleichend Jahr zog sie mit Rodtschenko zusammen, ihre gemeinsame Tochter Warwara kam 1925 zur Welt.
In den Jahren vor der Oktoberrevolution gehörte sie in Moskau mit Wassily Kandinsky, Alexandra Exter und Ljubow Popowa zur Russischen Avantgarde. Ab 1918 stand sie in Verbindung zur Abteilung für Bildende Künste (ISO, russisch Изобразительный Отдел) und nahm bis in die 20er Jahre an mehreren Ausstellungen teil. 1920 folgte sie Rodtschenko als Mitglied des INChUK mit der Teilnahme an der Ausstellung „5 × 5 = 25“. Die Erste Russische Kunstausstellung Berlin 1922 zeigte ihre Gemälde Komposition und Figuren sowie 2 Figuren, 4 Kompositionen und 12 Linoleumschnitte.
Zusammen mit Rodtschenko wurde sie eine engagierte Anhängerin der neuen konstruktivistischen Tendenzen. Sie machte Studien über Strukturprobleme anhand von Analysen der Bewegungsabläufe der menschlichen Figur. Diese Bewegungen wurden auf einfache, flache, geometrische Formen reduziert, wodurch eine ganze Reihe von Figuren entstanden, die an Roboter und Marionetten erinnern.
Designerin
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1917 wandte sich Stepanowa experimenteller, gegenstandsloser Lyrik zu, die stark auf lautmalerischen Elementen beruhte. 1918 entstanden mehrere grafisch-poetische Arbeiten, die auf diesen Gedichten basierten, darunter Beiträge für das Buch Rtny Chomle, Zigra ar, Globolkim. 1919 schuf sie Illustrationen für A. Krutschenychs Gly-Gly.[3]
Zwischen 1919 und 1920 fertigte Stepanowa eine Reihe halbfigurativer Gemälde an (u. a. Eine Figur, Fünf Figuren, Schachspieler, Musikanten, Trompetenspieler, Männliche und weibliche Figur) sowie grafische Temperaarbeiten zum Thema Zirkus. Von 1919 bis 1922 war sie stellvertretende Leiterin des literarisch-künstlerischen Sektors im ISO der Narkompros.[3]
Von 1920 bis 1923 gehörte sie dem Institut für künstlerische Kultur (INChUK) an und arbeitete zwischen 1920 und 1921 als wissenschaftliche Sekretärin sowohl der Gruppe der objektiven Analyse als auch der Konstruktivistengruppe. Zudem war sie von 1920 bis 1922 Mitglied des Präsidiums der ISO-Sektion der Vereinigung Rabis.[3]
In den Jahren 1920 und 1921 entstand eine Serie farbiger Gouachen, darunter In der Malerwerkstatt, Das Hinübertragen von Gemälden, Zwei Figuren und Figur mit Trompete. 1922 gestaltete sie Collagen für die Zeitschrift Kino-fot sowie Bühnenbilder und Kostüme für Meyerholds Inszenierung Tarelkins Tod. In dieselbe Zeit fällt auch eine Reihe von Holzschnitten zu Charlie Chaplin.[3]
Zwischen 1920 und 1925 unterrichtete Stepanowa an der ISO-Abteilung der Krupskaja-Akademie für Soziale Erziehung. Von 1923 bis 1927 war sie regelmäßige Mitarbeiterin der Zeitschriften LEF und Neuer LEF und veröffentlichte dort unter anderem den Artikel „Über die Arbeit der konstruktivistischen Jugend“ (LEF Nr. 3, 1923). 1924–1925 entwarf sie Sportbekleidung und wurde Professorin an der Textilabteilung der WChUTEMAS. 1925 entwarf sie außerdem die Ausstattung für den Abend des Buches an der Akademie für Soziale Erziehung sowie mehrere Werbeplakate nach Texten von Wladimir Majakowski.[5]
Seit Anfang der 1920er Jahre widmete sich Stepanowa stärker dem Design, dem Entwurf von Stoffen, Theaterkostümen sowie Inszenierungen. 1922 entwarf sie Kostüme und Bühnenset für Meyerholds Stück Tarelkins Tod. Ihre Entwürfe zeichneten sich durch ihr funktionales Modedesign aus.
Sie beschäftigte sich außerdem mit Textildesign und arbeitete zusammen mit Popowa 1923 bis 1924 für die Moskauer Erste Staatliche Textilfabrik[6]. Gemeinsam mit Rodtschenko entwarf Stepanowa funktionale Arbeitskleidung. Von etwa 150 geometrischen Stoffentwürfen gingen etwa 25 in die Produktion.[7]
Stepanowa war ein aktives Mitglied des INCHUK und der Lef-Gruppe. Sie unterrichtete ab 1924 Textilgestaltung an der Wchutemas (Höhere Staatliche Künstlerisch-Technische Werkstätten).[8] Von 1923 bis 1925 arbeitete sie für die Zeitschriften LEF und Nowyi LEF. Ab 1925 konzentrierte sie sich mehr auf die Grafik und gestaltete mit Rodtschenko Plakate, Bücher, Zeitschriften und Schriften. Sie entwickelten einen besonderen Stil im Bereich der Fotomontage mit expressiven, politischen Botschaften. In den 1930er Jahren entwarf sie für die Zeitschrift UdSSR im Aufbau.
Sonstiges
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Anlässlich ihres 124. Geburtstages am 22. Oktober 2020 wurde Stepanowa Mit einem Google Doodle geehrt.[9]
Ausstellungen (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1919: Fünfte und Zehnte Staatsausstellung
- 1921: 5 × 5 = 25
- 1922: Erste Russische Kunstausstellung, Galerie Van Diemen, Berlin
- 1925: Exposition internationale des arts décoratifs et industriels modernes, Paris
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Buch zur Ausstellung 16. Russische Avantgarde 1910–1930 Sammlung Ludwig, Köln. Kunsthalle Köln, 16. April–11. Mai 1986 (bearbeitet und mit einer Einführung von Evelyn Weiss). Prestel, München 1986, ISBN 3-7913-0766-5.
- Ada Raev: Vavara Stepanova. Konstruktivistin aus Überzeugung in: Katharina Sykora, Annette Dorgerloh, Doris Noell-Rumpeltes, Ada Raev: Die Neue Frau. Herausforderung für die Bildmedien der Zwanziger Jahre. Jonas Verlag für Kunst und Literatur, 1993, S. 67–82.
- Charlotte Fiell, Peter Fiell (Hrsg.): Design des 20. Jahrhunderts. Taschen, Köln 2012, ISBN 978-3-8365-4107-7, S. 668.
- Gerda Breuer: Her Stories in Graphic Design. Dialoge, Kontinuitäten, Selbstermächtigungen. Grafikdesignerinnen 1880 bis heute. Jovis Verlag GmbH, Berlin 2023, ISBN 978-3-86859-773-8, S. 333, 334.
- Alexander Nikolaewitsch Lawrentjew: Warwara Stepanowa Ein Leben für den Konstruktivismus. Weingarten: Kunstverlag, 1988, Weingarten Deutschland, 1988, ISBN 3-8170-2016-3
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Anhaltischer Kunstverein Dessau e. V. (Hrsg.): Alexander Rodtschenko Warwara Stepanowa. Fotografien und grafische Arbeiten. 28. Februar–16. April 2001. Dessau 2001, S. 2
- ↑ Ada Raev: Varvara Stepanova – Konstruktivistin aus Überzeugung. In: Katharina Sykora, Annette Dorgerloh, Doris Noell-Rumpeltes, Ada Raev (Hrsg.): Die Neue Frau. Herausforderung für die Bildmedien der Zwanziger Jahre. Marburg 1993, S. 68.
- ↑ a b c d e Alexander Nikolaewitsch Lawrentjew: Warwara Stepanowa Ein Leben für den Konstruktivismus. Hrsg.: Alexander Nikolaewitsch Lawrentjew. Weingarten: Kunstverlag Weingarten 1988, Weingarten Deutschland 1988, ISBN 3-8170-2016-3, S. 186.
- ↑ Alexander Nikolaewitsch Lawrentjew: Warwara Stepanowa Ein Leben für den Konstruktivismus. Hrsg.: Alexander Nikolaewitsch Lawrentjew. Kunstverlag Weingarten, Weingarten Deutschland 1988, ISBN 3-8170-2016-3, S. 186.
- ↑ Alexander Nikolaewitsch Lawrentjew: Warwara Stepanowa Ein Leben für den Konstruktivismus. Hrsg.: Alexander Nikolaewitsch Lawrentjew. Kunstverlag Weingarten, Weingarten Deutschland 1988, ISBN 3-8170-2016-3, S. 186.
- ↑ Magdalena Dabrowski: Ljubow Popowa – die Künstlerin als Konstrukteurin. In: Magdalena Dabrowski (Hrsg.): Ljubow Popowa. München 1991. S. 9–35.
- ↑ Charlotte Fiell, Peter Fiell (Hrsg.): Design des 20. Jahrhunderts. Taschen, Köln 2012, ISBN 978-3-8365-4107-7, S. 668.
- ↑ John E. Bowlt: Geniale Frauen. In: John E. Bowlt, Matthew Drutt (Hrsg.): Amazonen der Avantgarde. Alexandra Exter, Natalja Gontscharowa, Ljubow Popowa, Olga Rosanowa, Warwara Stepanowa und Nadeschda Udalzowa. New York 1999, S. 20–36
- ↑ 124. Geburtstag von Warwara Stepanowa. Abgerufen am 23. Oktober 2020.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Stepanowa, Warwara Fjodorowna |
| ALTERNATIVNAMEN | Степанова, Варвара Фёдоровна (russisch) |
| KURZBESCHREIBUNG | russisch-sowjetische Malerin |
| GEBURTSDATUM | 4. November 1894 |
| GEBURTSORT | Kaunas |
| STERBEDATUM | 20. Mai 1958 |
| STERBEORT | Moskau |