Ulrich Doertenbach
Ulrich Doertenbach (* 10. November 1899 in Stuttgart; † 6. Juni 1958 in Würzburg) war ein Jurist, deutscher Diplomat, Vortragender Legationsrat, Mitglied der DNVP, NSDAP, später Präsident der Industrie- und Handelskammer Stuttgart und Textilfabrikant.
Leben und Beruf
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als ältester Sohn des Bankiers Max Doertenbach (1867–1933) und dessen Ehefrau Martha, geborene Benger, in Stuttgart geboren, wuchs Ulrich Doertenbach in gut situierten Verhältnissen auf. Sein jüngerer Bruder, Eugen Doertenbach (* 1901) schlug eine kaufmännische Laufbahn ein und wurde später Textilfabrikant. Ihrer beider Schwester, Luise Doertenbach wurde 1914 geboren.
Mitten im Ersten Weltkrieg legte Ulrich Doertenbach 1916 das Abitur ab und befand sich dann die nächsten zwei Jahre an verschiedenen Frontabschnitten des Krieges. Entlassen wurde er Ende 1918 aus dem Militär als Hauptmann d. R. Bereits zu dieser Zeit wurde er Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP). Ab 1919 studierte er Rechtswissenschaften und bestand im Herbst 1921 das Referendarexamen. Unmittelbar daran schloss er 1922 die Promotion zum Dr. jur. an.[1] Nach dem Studium erhielt er zum Herbst 1922 eine Anstellung bei der Württembergischen Vereinsbank in Stuttgart. Zwei Jahre später war er wissenschaftlicher Assistent im staatswissenschaftlichen Seminar der Universität Gießen. Von dort wechselte er zum Jahresende in das Württembergische Staatsministerium. Ein Jahr später begann er mit mehreren Neueinsteigern bei der kurz vorher gegründeten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Berlin. Mit ihm gemeinsam begannen dort der spätere Richter am Bundesverfassungsgericht, Karl Heck (1896–1997), der Mitverfasser des Grundgesetzes, Theodor Maunz (1901–1993) und der spätere Ministerialdirektor beim Bundesverkehrsministerium Friedrich Schiller (1895–1990). Doertenbach wurde hier Referent für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht.[2]
Diplomatisches Engagement
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Sommer 1926 erhielt Doertenbach eine Einberufung als Attaché ins Auswärtige Amt. Im Folgejahr trat er aus der DNVP aus. Nach entsprechenden Einstiegsbeschäftigungen mit Schwerpunkten für West- und Südosteuropa, legte er 1929 die diplomatisch-konsularischen Prüfungen ab. Danach begann sein Einsatz an der deutschen Gesandtschaft in Brüssel mit der Amtsbezeichnung eines Legationssekretärs. Nach zwei Jahren wechselte er nach Argentinien und wurde dort zum Legationssekretär ernannt. Ende 1933 wieder in Deutschland zurück, wurden Doertenbach kurzzeitig in der Zentrale verwendet, bevor er im Oktober 1935 an das Generalkonsulat nach Memel versetzt wurde. Mit den dabei insgesamt gesammelten Erfahrungen kehrte er in die Zentrale zurück und kam 1936 in der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes zum Einsatz.[3] Danach wurde er dem Skandinavien-Referat zugeordnet. Hier erhielt er 1938 die Ernennung zum Legationsrat.
Mit dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 wurde Doertenbach beim Oberkommando der III. Armee als Verbindungsbeamter des Auswärtigen Amtes im Frontbereich eingesetzt. Während dieses Einsatzes auf polnischem Territorium wurde er mit den, von den SS-Einsatzgruppen verübten Kriegsverbrechen und anderen Gräueltaten gegenüber Zivilpersonen, vor allem gegenüber Menschen jüdischer Herkunft, konfrontiert. Nach seiner Rückkehr ins Auswärtige Amt berichtete er seinem Vorgesetzten davon und schrieb das Bekanntgewordene nieder.[4] Ende des gleichen Jahres erfolgte dann seine Entsendung an die deutsche Gesandtschaft nach Stockholm. Hier wurde er 1940 zum Ende des Einsatzes, mit seinem Rückruf zum Gesandtschaftsrat ernannt.[5] Zu dieser Zeit stellte er den Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP, dem zum März stattgegeben wurde. Unmittelbar von Schweden aus kam er dann an der Botschaft in Italien zur Verwendung. Mit dem dort eingesetzten Botschafter, Otto Fürst von Bismarck (1897–1975) verband ihn ein vertrauensvolles Arbeitsverhältnis und er fand schnell Anerkennung unter den dortigen Mitarbeitern. Auch hier rissen, vor allem ab 1942, die Informationen, die unterschiedlichen Quellen entstammten, über die von der SS-Einheiten bei ihren Einsätzen in den östlichen Frontbereichen verübten Massaker nicht ab. Sowohl durch die Kontakte zu Diplomaten aus anderen Ländern, als auch unter Journalisten und im Mitarbeiterkreis der Botschaft selbst, waren diese Informationen nicht unbekannt. Er selbst erhielt im Sommer 1942, dann zusätzlich noch durch das Studium der englischen und amerikanische Presse, deutlichere Details zur Kenntnis. So auch über das Bestehen des Ghettos Theresienstadt und dort verübte Morde an jüdischen Personen.[6] Im kleinen, vertrauten Kreis wurden auch solche Informationen besprochen und lösten bei den Beteiligten Empörung aus.
Spätestens im Jahr 1943 war unter dem Personal der deutschen Botschaft in Rom bekannt, dass der dort eingesetzte Polizeiattaché, SS-Obergruppenführer Herbert Kappler (1907–1978) den Auftrag erhalten hatte, die Juden aus Rom deportieren zu lassen mit anschließender Vernichtung.[7] Kommissarischer Leiter der Botschaft war zu diesem Zeitpunkt Eitel Friedrich Möllhausen (1913–1988). Dieser Vorgang ist deswegen in guter Erinnerung geblieben, da Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop in einem Brief von Oktober 1943, heftige Kritik geübt hat, eine solche Information in offener Form über die diplomatischen Kanäle zu versenden.[8] Bei den Gesprächen unter dem Botschaftspersonal über diese Sachverhalte wurde auch darüber informiert, in welcher brutalen Form deutsche SS-Verbände in Italien, nach dem Sturz der Mussolini-Regierung, gegen italienische Antifaschisten vorgingen.[9] Eines solcher internen Gespräche fand beispielsweise am 2. August 1943 in der Privatwohnung von Doertenbach statt. Dabei gehörten zum Teilnehmerkreis auch von Bismarck, Botschaftsrat Albrecht von Kessel (1902–1976), Hans Bernd Gisevius (1904–1974) aus der Schweiz und der Gehilfe des Militärattachés, Friedrich-Karl von Plehwe (1912–1998). In dieser Gesprächsrunde wurde unter anderem auch darüber gesprochen, was getan werden müsste, um diesen Krieg und solche, von Deutschen verübten Verbrechen zu beenden.[10] Nach Auffassung des Teilnehmerkreises entsprach das in keiner Form der international akzeptierten Form einer Kriegsführung.
Im September 1943 kehrte Doertenbach wieder in die Zentrale nach Berlin zurück. Eingesetzt wurde er hier in der Politischen Abteilung als Leiter des Referates IV a (Italien). In dieser Position erhielt er durch Besucher seines Arbeitsbereiches, die von der Ostfront kamen, weitere Informationen über die dort, durch Deutsche verübten Kriegsverbrechen. Im November 1944 wurde er zum Vortragenden Legationsrat ernannt.[11]
In der Bundesrepublik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In den ersten Jahren der Nachkriegszeit wohnte Ulrich von Doertenbach in Stuttgart-Uhlenbach.
Er schlug einen beruflichen Weg als Industrieller ein und führte über mehrere Jahre einen Textilbetrieb in Stuttgart. Dabei engagierte er sich ganz besonders für die Herstellung guter Beziehungen zum Nachbarland Frankreich. Spätestens 1955 war er Präsident der Industrie- und Handelskammer Stuttgart. Engagiert arbeitete er in verschiedenen Wirtschafts- und Sozialausschüssen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft mit und wurde zum Gründungspräsidenten der Deutsch-Französischen Industrie- und Handelskammer. Bis 1958 war er außerdem Präsident des Württembergischen Automobil-Clubs (WAC).[12]
In mehreren Publikationen und Vorträgen aus dieser Zeit legte er ein Bekenntnis zur Sozialen Marktwirtschaft ab und war entschiedener Akteur bei der Verbesserung der deutsch-französischen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen.[13]
Am 6. Juni 1958 verstarb Ulrich Doertenbach in Stuttgart.
Familie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ulrich von Doertenbach war seit 1937 mit Erda von Roedern verheiratet. Aus dieser Ehe gingen vier Töchter und ein Sohn hervor.
Publikationen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Die dingliche Sicherung von Veredelungskrediten, o.O. und o.J.;
- Deutschland – Frankreich: Ludwigsburger Beiträge zum Problem der deutsch-französischen Beziehungen, Deutsche Verlags-Anstalten Stuttgart 1954;
- Festrede zum hundertjährigen Bestehen der Industrie- und Handelskammer Stuttgart am 28. November 1955, Industrie- u. Handelskammer, Stuttgart 1955;
- Paul Claudel zu seinem 100. Geburtstag, Deutsche Verlagsanstalten Stuttgart 1955;
- Die Handels- und Gewerbekammern 1855–1899, gemeinsam mit Walther Mosthaf, Finck Verlag Stuttgart 1955;
- Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft: Volltagung des Deutschen Industrie- und Handelstages am 24. April 1958 in Stuttgart, gemeinsam mit Gebhard Müller und Alwin Münchmeyer, Deutscher Industrie- und Handelstag Bonn 1958;
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Maria Bruns: Eine ganz unverhoffte Freude. Eindrücke aus der Gründerzeitder Institution 1924–1926 vom 25. Oktober 2024 (Online)
- Maria Keipert (Red.): Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871–1945. Herausgegeben vom Auswärtigen Amt, Historischer Dienst. Band 1, Schöningh, Paderborn u. a. 2000, ISBN 3-506-71841-X, S. 449f.
- Jobst Knigge: Das Dilemma eines Diplomaten. Otto II. von Bismarck in Rom 1940–1943. Humboldt-Universität Berlin, 2006. (Volltext);
- Eidesstattliche Erklärung von 1947, Institut für Zeitgeschichte München (Online)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Maria Keipert (Red.): Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871–1945. Herausgegeben vom Auswärtigen Amt, Historischer Dienst. Band 1, Schöningh, Paderborn u. a. 2000, ISBN 3-506-71841-X, S. 449f.
- ↑ Maria Bruns, Eine ganz unverhoffte Freude. Eindrücke aus der Gründerzeitder Institution 1924-1926 vom 25. Oktober 2024, in: https://mpil100.de/2024/10/eine-ganz-unverhoffte-freude-eindruecke-aus-der-gruendungszeit-des-instituts-1924-1926/;
- ↑ Maria Keipert (Red.): Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871–1945. Herausgegeben vom Auswärtigen Amt, Historischer Dienst. Band 1, Schöningh, Paderborn u. a. 2000, ISBN 3-506-71841-X, S. 450
- ↑ Eidesstattliche Erklärung von 1947, Institut für Zeitgeschichte München, in: https://www.ifz-muenchen.de/archiv/zs/zs-1022.pdf;
- ↑ Maria Keipert (Red.): Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871–1945. Herausgegeben vom Auswärtigen Amt, Historischer Dienst. Band 1, Schöningh, Paderborn u. a. 2000, ISBN 3-506-71841-X, S. 450.
- ↑ Eidesstattliche Erklärung von 1947, Institut für Zeitgeschichte München, in: https://www.ifz-muenchen.de/archiv/zs/zs-1022.pdf;
- ↑ Walter Riccius, Die Institution der Polizeiattachés. Deutsche Polizeiattaches von Beginn bis 1945, Dr. Köster Verlag Berlin 2025, ISBN 978-3-96831-071-8, S. 186f.;
- ↑ Jobst Knigge: Das Dilemma eines Diplomaten. Otto II. von Bismarck in Rom 1940-1943. Humboldt-Universität Berlin, 2006. (Volltext);
- ↑ Eidesstattliche Erklärung von 1947, Institut für Zeitgeschichte München, in: https://www.ifz-muenchen.de/archiv/zs/zs-1022.pdf
- ↑ Jobst Knigge: Das Dilemma eines Diplomaten. Otto II. von Bismarck in Rom 1940-1943. Humboldt-Universität Berlin, 2006. (Volltext);
- ↑ Maria Keipert (Red.): Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871–1945. Herausgegeben vom Auswärtigen Amt, Historischer Dienst. Band 1, Schöningh, Paderborn u. a. 2000, ISBN 3-506-71841-X, S. 450.
- ↑ Geschichte des Württembergischen Automobil Clubs (WAC) In: derWAC.com;
- ↑ Ulrich Doertenbach, Festrede zum hundertjährigen Bestehen der Industrie- und Handelskammer Stuttgart am 28. November 1955, Industrie- u. Handelskammer, Stuttgart 1955; Vgl. auch derselbe: Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft: Volltagung des Deutschen Industrie- und Handelstages am 24. April 1958 in Stuttgart, gemeinsam mit Gebhard Müller und Alwin Münchmeyer, Deutscher Industrie- und Handelstag Bonn 1958;
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Doertenbach, Ulrich |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Diplomat |
| GEBURTSDATUM | 10. November 1899 |
| GEBURTSORT | Stuttgart |
| STERBEDATUM | 6. Juni 1958 |
| STERBEORT | Würzburg |
- Person der deutschen Außenpolitik 1933–1945
- Jurist (Nationalsozialismus)
- DNVP-Mitglied
- NSDAP-Mitglied
- Person im Ersten Weltkrieg (Deutsches Reich)
- Industrieller
- Deutscher
- Geboren 1899
- Gestorben 1958
- Mann
- Jurist im auswärtigen Dienst
- Hauptmann (Württemberg)
- Deutscher Diplomat
- Person (Industrie- und Handelskammer)