Tupolew Tu-114
| Tupolew Tu-114 Rossija | |||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|
Prototyp СССР-L5611, Monino 2012 | |||||||
| Typ | Turboprop-Verkehrsflugzeug | ||||||
| Entwurfsland | |||||||
| Hersteller | OKB Tupolew | ||||||
| Erstflug | 15. November 1957 | ||||||
| Indienststellung | 24. April 1961 | ||||||
| Produktionszeit | 1958–1964[1] | ||||||
| Stückzahl | 31 | ||||||
| Jahr | 1958 | 1959 | 1960 | 1961 | 1962 | 1963 | 1964 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 3 | 5 | 3 | 6 | 6 | 4 | 4 | |
Für die Flugerprobung wurden noch drei Prototypen und für statische Bodentests zwei weitere Flugzeuge gebaut.[2]
Rekorde
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Am 24. März 1960 wurde mit der Tu-114 ein erster Geschwindigkeitsweltrekord aufgestellt. Die Testpiloten Iwan Suchomlin und Boris Timotschuk erzielten mit der zweiten Vorserienmaschine (Werknummer 88402) mit 30 Tonnen Nutzlast auf einer Rundstrecke von 1000 km eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 871,38 km/h. Am 9. April 1960 erflog dasselbe Flugzeug mit derselben Besatzung einen weiteren Rekord: mit 25 Tonnen Nutzlast über eine Strecke von 5000 Kilometern mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 877,212 km/h.[7] Diese beiden Rekorde stellen bis heute offizielle FAI-Geschwindigkeitsrekorde für propellergetriebene Flugzeuge dar.[8] Im Vergleich dazu liegt die Geschwindigkeit einer Boeing 777 (Erstflug: 1994) mit 896 km/h (auf 10.670 Meter) nur wenig höher.
Einsatz im Linienverkehr
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der erste reguläre Passagierflug nach Abschluss der Erprobungsphase fand am 24. April 1961 auf der Route Moskau–Chabarowsk statt. In den folgenden 15 Jahren war diese Strecke das Haupteinsatzgebiet der Tu-114. Bis Juli 1961 gab es zwei Flüge je Woche, bis 1966 drei Flüge je Woche, bis 1969 zwei Flüge täglich und ab 1969 fünf Flüge täglich auf dieser Route. Ab April 1961 flog die Tu-114 auf Strecken von Moskau nach Wladiwostok, Tokio, Havanna, Montreal und Paris. Zu den weiteren Zielen zählten Neu-Delhi und ab Anfang 1966 Brazzaville im Kongo.[9] Bis Mitte der 1960er Jahre gab es in jedem Flugzeug einen Koch. Am 15. September 1960 flog eine Tu-114 Nikita Chruschtschow in die USA, wo er seine berühmte Rede mit dem Schuh[10] vor der UNO-Vollversammlung hielt.
Der Treibstoffverbrauch der Il-62 war etwa 50 Prozent höher als der der Tu-114: Die Il-62 hatte einen Treibstoffverbrauch von etwa 7 Tonnen pro Stunde, während die Tu-114 nur 4,5 Tonnen in der Stunde verbrauchte, in der ersten Stunde nach dem Start 5,6 Tonnen pro Stunde.
Allerdings war die Tu-114 für den Einsatz auf den meisten Flughäfen ihrer Zeit zu groß. Für die Tu-114 wurden spezielle übergroße Gangways zum Ein- und Aussteigen benötigt. Das begrenzte auch den innersowjetischen Betrieb auf die Strecken:
- Flughafen Moskau-Domodedowo–Taschkent,
- Domodedowo–Alma-Ata,
- Domodedowo–Anadyr,
- Domodedowo–Nowosibirsk
- Domodedowo–Juschno-Sachalinsk (1974)
- Domodedowo–Petropawlowsk-Kamtschatski (ab 1974)
- Domodedowo–Wladiwostok (ab 1974)
Flüge nach Havanna
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Februar 1962 verhängte die Regierung der USA ein totales Handelsembargo gegen Kuba. Im Mai 1962 begann die UdSSR unter dem Decknamen Operation Anadyr, auf Kuba mit Atomsprengköpfen bestückbare SS-4-Mittelstreckenraketen und 40.000 Soldaten der Sowjetarmee zu stationieren. Daraus entwickelte sich im Oktober 1962 die sogenannte Kubakrise. Um eine direkte Flugverbindung zum befreundeten Kuba zu haben, wurde 1962 mit Linienflügen Moskau-Havanna begonnen. Zwischenlandung war in Conakry (Guinea). Der erste Flug fand am 10. Juli 1962 statt, die Flugzeit betrug 21 Stunden 16 Minuten. Über Havanna führte die Tu-114 einen Demonstrationsflug durch. Im Rahmen des Kalten Krieges versagte Guinea auf Druck der USA bereits nach vier Flügen die Landegenehmigung – mit der Begründung, dass die Tragfähigkeit der Landebahn auf 150 Tonnen beschränkt sei. Daraufhin wurde Dakar (Senegal) für die Zwischenlandung genutzt. Aber auch hier wurde nach nur vier Flügen die Landegenehmigung verweigert – mit der Begründung, die Sowjets transportierten Waffen. Als Nächstes wurde Algier für die Zwischenlandung genutzt. Nach drei Flügen entfiel auch diese letzte Zwischenlandemöglichkeit in Afrika. Letztlich wurde auf Nonstopflüge über den Atlantik ausgewichen, wobei eine Zwischenlandung in Murmansk erfolgte, das relativ nahe bei Moskau liegt. Die Flugroute folgte der Küste von Finnland, Norwegen und Großbritannien, vorbei an Reykjavík, Südgrönland und Gander, New York und Varadero. Zur Einsparung von Treibstoff stieg das Flugzeug im Laufe des Fluges auf größere Höhen (step climb). Bei starkem Gegenwind reichte der Treibstoff jedoch nicht und die Tu-114 musste einige Male wegen Treibstoffmangels auf dem US-Luftwaffenstützpunkt in Nassau (Bahamas) zum Nachtanken landen. Trotz des Kalten Krieges gab es dabei keinerlei Probleme. Die Flugstrecke Murmansk–Havanna betrug 10.900 Kilometer, der erste Flug fand am 7. Januar 1963 statt (Flugzeit 13 Stunden 55 Minuten). Es gab wöchentlich einen Flug. Der Rückflug war wegen der günstigen Westwinde wesentlich unproblematischer. Teilweise wurde dabei eine Geschwindigkeit über Grund von 1100 km/h (593 Knoten) erreicht. Oft konnte deshalb auch ohne Zwischenlandung in Murmansk direkt von Havanna nach Moskau geflogen werden. Die Flüge wurden bis mindestens 1968 von der Tu-114 durchgeführt.
Für die Direktflüge nach Havanna wurde im Juni 1962 eine Modifikation mit einer Erhöhung der Treibstoffkapazität um 15 Tonnen durch zusätzliche Tanks und einer Begrenzung der Passagierzahl auf 60 Personen durchgeführt. Die Version erhielt die Bezeichnung Tu-114D, das „D“ steht für dalny (deutsch: Langstrecke) oder Diplomat.[11]
JAL Service
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Für die Strecke Moskau – Tokio hat Japan Air Lines mit Aeroflot eine Vereinbarung über den Einsatz der Tu-114 getroffen. Die Flugbesatzung bestand aus einem JAL-Mitglied und die Kabinenbesatzung bestand aus je fünf von Aeroflot und JAL. Die Bestuhlung wurde auf eine Zwei-Klassen-Anordnung mit 105 Sitzplätzen geändert, und die Flugzeuglackierung enthielt ein kleines JAL-Logo und einen Schriftzug auf dem vorderen Rumpf. Der Erstflug fand am 17. April 1967 statt. 1969 endeten die Flüge Moskau–Tokio Tu-114 und die vier beteiligten Flugzeuge wurden wieder auf die 200-sitzige Inlandskonfiguration umgerüstet.[12]
Außerdienststellung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Von den 31 produzierten Serienexemplaren wurden Anfang der 1970er Jahre 12 zur AWACS-Plattform Tupolew Tu-126 umgerüstet und die restlichen von 1967 bis 1975 gegen den Nachfolger, die Iljuschin Il-62, ausgetauscht und stillgelegt.
Im Jahr 1976 wurde beschlossen, die Tu-114 außer Dienst zu stellen, nachdem Schäden an den Triebwerksaufhängungen mehrerer Maschinen festgestellt worden waren. Der letzte Linienflug fand am 2. Dezember 1976 auf der Strecke Moskau–Chabarowsk–Moskau statt. Für Passagiertransporte im militärischen Dienst wurde die Tu-114 bis Mai 1983 benutzt, als der letzte Flug einer Tu-114 stattfand (Überführung der СССР-76490 nach Uljanowsk).[13]
Zwischenfälle
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Vom Erstflug 1957 bis zum Betriebsende 1983 kam es mit Tu-114 zu zwei Totalschäden von Flugzeugen. Bei einem davon kamen 21 Menschen ums Leben.[14] Vollständige Liste:
- Am 7. August 1962 wurde eine Tupolew Tu-114D der sowjetischen Aeroflot (Luftfahrzeugkennzeichen CCCP-76479) auf dem Flughafen Moskau-Wnukowo (Sowjetunion) bei Wartungsarbeiten irreparabel beschädigt, als das Bugfahrwerk plötzlich eingefahren wurde. Ein junger Ingenieur arbeitete an der Elektronik des Flugzeugs und schaffte es irgendwie, den Schutzmechanismus zu umgehen, der das Einfahren des Fahrwerks am Boden verhinderte. Über Personenschäden ist nichts bekannt, es gab jedoch keine Todesfälle.[15]
- Am 17. Februar 1966 kam es bei der Aeroflot zum einzigen tödlichen Flugunfall mit einer Tupolew Tu-114D (CCCP-76491). Die Maschine sollte zum Flughafen Conakry (Guinea) fliegen. Die Start- und Landebahn auf dem Flughafen Moskau-Scheremetjewo (Sowjetunion) war geräumt, aber nicht auf der gesamten Breite. Der Schnee an den Rändern der Startbahn schränkte die Sichtbarkeit der Befeuerung ein. Beim Start prallte die Tu-114 mit dem linken Hauptfahrwerk gegen eine Schneewehe. Der Kapitän lenkte das Flugzeug nach rechts, wodurch der Propeller Nr. 3 (rechts innen) auf die Landebahn aufschlug. Das Flugzeug stürzte neben die Startbahn und fing Feuer. Von den 66 Insassen kamen 21 ums Leben.[16]
Technische Daten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
| Kenngröße | Daten |
|---|---|
| Besatzung | 5 (Kapitän, Copilot, Navigator, Funker und Flugingenieur) |
| Passagiere | je nach Ausführung 120 / 170 / 220 |
| Länge | 54,10 m |
| Spannweite | 51,10 m |
| Höhe | 15,50 m |
| Flügelfläche | 311,10 m² |
| Flügelstreckung | 8,39 |
| Flügelpfeilung | 35° |
| Kabine | Länge: 40,30 m Breite: 3,92 m Volumen: 332,20 m³ |
| Frachtraumvolumen | 70,00 m³ |
| Leermasse | 91.000 kg |
| Zuladung | 73.000 kg |
| Nutzlast | normal 15.000 kg maximal 30.000 kg |
| Startmasse | normal 164.000 kg maximal 171.000 kg (Tu-114D: 182.000 kg) |
| Flächenbelastung | 527,14 kg/m² |
| Leistungsbelastung | 2,73 kg/PS |
| Antrieb | vier Turboprops Kusnezow NK-12MW |
| Leistung | je 11.186 kW (15.209 PS) |
| Tankvolumen | 99.600 l |
| Luftschraubendurchmesser | 5,60 m |
| Höchstgeschwindigkeit | 870 km/h in 8.000 m Höhe |
| Reisegeschwindigkeit | maximal 770 km/h wirtschaftlich 740 km/h |
| Landegeschwindigkeit | 205 km/h |
| Dienstgipfelhöhe | 12.000 m |
| Reichweite | 9.950 km mit maximalem Tankvolumen 6.200 km mit maximaler Nutzlast |
| Start-/Landestrecke | 2.850 m / 2.650 m (über 15-m-Hindernis) |
Erhaltene Exemplare
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Aktuell existieren noch drei Maschinen, die seit Jahrzehnten in verschiedenen Flugzeugmuseen bzw. -friedhöfen der ehemaligen Sowjetunion unter freiem Himmel stehen:
- СССР-L5611 (Prototyp, ehemalige Präsidentenmaschine Chruschtschows, in Monino, Lage)
- СССР-76485 (Krywyj Rih/Ukraine, Lage)
- СССР-76490 (Uljanowsk, Lage)
Aufgrund der langen Standzeiten und des schlechten Zustands gilt als unwahrscheinlich, dass eine der Maschinen wieder in flugfähigen Zustand versetzt werden kann. Eine seit 1978 im Eingangsbereich des Moskauer Flughafens Domodedowo ausgestellte Tu-114 (СССР-76464) wurde 2006 verschrottet, was Proteste von Flugzeugfans in aller Welt auslöste.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Heinz A. F. Schmidt: Sowjetische Flugzeuge. Transpress, Berlin 1971, S. 72.
- Jefim Gordon, Wladimir Rigmant: Tupolev Tu-114: The First Soviet Intercontinental Airliner. 2007, ISBN 978-1-85780-246-7 (englisch).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Globalsecurity: Tu-114
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Heiko Thiesler: Tu-114 fliegt interkontinental. In: Fliegerrevue Nr. 04/2015, PPVMedien, Bergkirchen, ISSN 0941-889X, S. 48–50
- 1 2 Flug Revue Mai 2009, S. 90–93, Die Schöne mit den langen Beinen – Tupolew Tu-114
- ↑ Aviastar: Tu-116
- ↑ Suchoi: Tu-116
- ↑ VVB Flugzeugbau (Hrsg.): 34000 km in 48 Stunden. In: Deutsche Flugtechnik, Nr. 10/1958, Verlag Technik, Berlin, S. 178/179.
- ↑ Expo 1958: Grand Prix für A. N. Tupolews Tu-114. In: Flügel der Heimat Nr. 10/1958, Sport und Technik, Neuenhagen bei Berlin, S. 19
- ↑ Karl-Heinz Eyermann, Wolfgang Sellenthin: Der Luftverkehr der UdSSR. 1967, S. 31
- ↑ Patrick Zwerger: Vor 60 Jahren: Der Rekordflug der Tupolew Tu-114. www.flugrevue.de, 24. März 2020, abgerufen am 13. Februar 2021.
- ↑ Moskau-Unglück: Schleier vor dem Bug in: Der Spiegel 9/1966
- ↑ Susanne Schattenberg: Eklat in der UN-Vollversammlung: Die Sache mit Chruschtschows Schuh. wissenschaft.de, 22. September 2005.
- ↑ Suchoi: Tu-114
- ↑ DID YOU KNOW JAPAN AIR LINES AND AEROFLOT ONCE USED THE TUPOLEV TU-114 FOR A JOINT OPERATION?
- ↑ O. Tchernikov, D. Samborsk: Tupolev Tu-114. A Flying Palace, http://samdimdesign.free.fr/HTML/Tu114/doc/history.html
- ↑ Unfallstatistik Tupolev Tu-114, Aviation Safety Network (englisch), abgerufen am 17. Dezember 2017.
- ↑ Unfallbericht Tu-114 CCCP-76479, Aviation Safety Network WikiBase (englisch), abgerufen am 26. Januar 2025.
- ↑ Unfallbericht Tu-114 CCCP-76491, Aviation Safety Network WikiBase (englisch), abgerufen am 26. Januar 2025.


