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Tim Shallice

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Tim Shallice (* 11. Juli 1940 in Manchester) ist ein Neuropsychologe und Gründungsdirektor des Instituts für Kognitive Neurowissenschaften am University College London. Seit 1994 war er Professor im Bereich Kognitive Neurowissenschaften der Scuola Internazionale Superiore di Studi Avanzati (SISSA) in Triest, ist aber mittlerweile emeritiert.[1][2]

Er begann sein Studium 1957 mit einem Baylis-Stipendium für Mathematik am St John’s College (Cambridge) in Cambridge. 1961 erreichte er beim Mathematik-Tripos der Universität Cambridge den 2. Platz und 1962 im Naturwissenschaften-Tripos (Psychologie) den 1. Platz. Er promovierte 1965 an der University of London. Zwischen 1964 und 1965 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Psychologie der University of Manchester. 1965 und 1966 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter (Nachwuchsforscher) des Science Research Council am University College London. Zwischen 1966 und 1972 war er hier Dozent am Fachbereich Psychologie. Von 1972 bis 1977 war er Senior Research Fellow für Neuropsychologie am Queen Square Institute of Neurology am University College London (UCL). Zwischen 1977 und 1978 war er Leitender Psychologe am National Hospital for Nervous Diseases, das ebenfalls dem UCL zugeordnet ist. Von 1978 bis 1986 war er Senior Wissenschaftler des Medical Research Council in der Abteilung für Angewandte Psychologie in Cambridge. 1986 bis 1900 hatte er hier eine Sonderstelle als Wissenschaftler des Medical Research Council inne. Von 1990 bis 2005 war er Professor im Fachbereich Psychologie des University College London. Hier war er 1996 bis 2004 auch Direktor des Instituts für kognitive Neurowissenschaften. Von 1994 bis 2010 war er Professor an der Scuola Internazionale Superiore di Studi Avanzati (SISSA) in Triest, ab 2011 ist er hier Seniorprofessor.

Brodmann-Areale des medialen Frontallappens in verschiedenen Querschnitten (Links und Mitte: parasagittaler Schnitt. Rechts: midsagittaler Schnitt)

Er hat als Mathematiker und Psychologe die Grundlagen der kognitiven Neuropsychologie maßgeblich mitgestaltet, indem er viele ihrer Methoden und Annahmen in seinem Buch „Von der Neuropsychologie zur mentalen Struktur“ formalisierte. Er befasste sich zudem mit zahlreichen Kernproblemen der Kognitiven Psychologie und Neuropsychologie, darunter Exekutivfunktionen, Sprache und Gedächtnis.

Er wird als einer der bedeutendsten Theoretiker der kognitiven Neuropsychologie bezeichnet. Er hat vor allem den Grundstein für Forschungen im Bereich der exekutiven Funktionen und der kognitiven Kontrolle gelegt. Gemeinsam mit dem Psychologen Donald Norman entwickelte er ein Modell zur Aufmerksamkeitssteuerung exekutiver Funktionen. Eine Komponente des Norman-Shallice-Modells ist das übergeordnete Aufmerksamkeitssystem (Supervisory Attentional System-Modell), das zur Erklärung der Planung zielgerichteter Handlungen entwickelt wurde. Sein Hauptinteresse galt den verschiedenen Kontrollebenen des Systems, seiner Informationsverarbeitungsstruktur und den spezifischen Rechenmechanismen einzelner Subsysteme. Empirisch untersuchte er kognitive Beeinträchtigungen neurologischer Patienten in Einzel- und Gruppenstudien aus kognitiv-neuropsychologischer Perspektive. Darüber hinaus führte er funktionelle Bildgebungsstudien sowie verhaltensbezogene und phänomenologische Untersuchungen an gesunden Probanden durch. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Problemlösen, episodisches, Kurzzeit- und semantisches Gedächtnis, Lesen, Schreiben, Benennen und räumliches Vorstellungsvermögen sowie deren Störungen. Er hat intensiv an der Entwicklung konnektionistischer und symbolischer Computermodelle verschiedener Prozesse mitgewirkt, darunter Neuronale Netzwerkmodellierung von Lese-, Rechtschreib- und Handlungsprozessen. In der Neuropsychologie hat er funktionelle Bildgebungsuntersuchungen exekutiver Funktionen und des Gedächtnisses durchgeführt. Gemeinsam mit Elizabeth Warrington entdeckte er die neurologischen Grundlagen des Kurzzeitgedächtnisses in einer der ersten Studien, die ein Syndrom mithilfe eines informationsverarbeitenden Modells und Methoden der experimentellen Psychologie charakterisierten. Im Laufe seiner Karriere analysierte er bisher unbeschriebene Syndrome und suchte nach Erklärungen durch die Entwicklung neuer Modelle. Er begründete zudem eine einflussreiche Theorie der Frontallappenfunktion, beschrieb verwandte Phänomene und trug zu einer Reihe neuropsychologischer Tests bei, darunter der Hayling- und der Brixton-Test sowie die Verhaltensbeurteilung des dysexekutiven Syndroms.

Er war auch einer der Wissenschaftler, die sich im gesellschaftspolitischen Kontext zu Foltermethoden positioniert haben. Als Mitglied der British Society for Social Responsibility in Science und eines der fünf Mitglieder des Internationalen Tribunals von 1981 über den Einsatz von Kunststoffkugeln im Norden Irlands hat er 1971 auch die umstrittenen Methoden des „Tiefenverhörs“ („interrogation in depth“), die von britischen Regierungsbeamten während des Nordirlandkonflikts angewendet wurden, kritisiert. Er bezweifelte, dass diese Techniken keine dauerhaften Auswirkungen auf die Gesundheit der Gefangenen hätten, und er bezeichneten diese Techniken als eine Form psychischer Folter. Diese Argumente trugen zum offiziellen Verbot von Tiefenverhören durch die britische Regierung und zur Einstellung öffentlich finanzierter Forschung zur sensorischen Deprivation in Kanada bei.[3]

Ehrungen/Positionen

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Er ist verheiratet mit Maria Tallandini-Shallice.

Publikationen (Auswahl)

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Monografien
  • Mit David C. C. Plaut: Connectionist Modelling in Cognitive Neuropsychology: A Case Study: A Case Study: A Special Issue of Cognitive Neuropsychology (Essays in Cognitive Psychology). Psychology Press, Hove 2015, ISBN 978-1-138-87703-0.
  • Mit Richard P. Cooper: The Organisation of Mind. Oxford University Press, Oxford 2011, ISBN 978-0-19-957924-2.
  • Mit Paul W. Burgess: Hayling & Brixton Stimulus Book (HAYL - The Hayling and Brixton Tests). Psychological Corporation, San Antonio 2006, ISBN 978-0-7491-3035-0.
  • Mit Paul Burgess: The Hayling and Brixton Tests Manual (HAYL - The Hayling and Brixton Tests). Psychological Corporation. San Antonio 2005, ISBN 978-0-7491-3034-3.
  • Symptomes & modeles en neuro-psychologie: Des schémas aux réseaux. Presses Universitaires de France (PUF), Paris 1995, ISBN 978-2-13-046194-4.
  • From neuropsychology to mental structure. Cambridge University Press, Cambridge, 1988.
Herausgeberschaften
  • Mit Jon Driver; Patrick Haggard: Mental Processes in the Human Brain. Oxford University Press, Oxford 2008, ISBN 978-0-19-923061-7.
  • Mit Giuseppe Vallar: Neuropsychological Impairments of Short-Term Memory. Cambridge University Press, Cambridge 1990, ISBN 978-0-521-37088-2.
Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge

Einzelnachweise

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  1. Tim Shallice auf Institute of Cognitive Neuroscience des University College Londonv, abgerufen am 1. Februar 2026.
  2. The Responsible of the Lab auf SISSA, abgerufen am 1. Februar 2026.
  3. Marcia Holmes: Prof. Tim Shallice on ‘interrogation in depth’ and sensory deprivation auf Hidden Persuaders, abgerufen am 2. Februar 2026.
  4. Professor Timothy Shallice auf The British Academy, abgerufen am 2. Februar 2026.
  5. Professor Tim Shallice FBA FMedSci FRS auf The Royal Society, abgerufen am 2. Februar 2026.
  6. Tim Shallice auf Academia Europaea, abgerufen am 2. Februar 2026.