Zum Inhalt springen

System Coignet

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wohnhäuser in der Berliner High-Deck-Siedlung, die mit dem System Coignet errichtet wurden, 2011

Der Ausdruck System Coignet bezeichnet in erster Linie ein Verfahren für die industrielle Herstellung von Betonfertigteilen, das in den 1950er Jahren entwickelt wurde und im sozialen Wohnungsbau als Plattenbau angewendet wurde. Bereits im 19. Jahrhundert und in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts verwendete man den Ausdruck System Coignet. Damit war ebenfalls ein Stahlbeton-Herstellungsverfahren des Bauunternehmens Coignet gemeint.[1] Besonders war hier die Verflechtung von Bewehrungseisen als Leinwandbindung.[2]

Das System Coignet stammt aus Frankreich und wird dort als procédé coignet bezeichnet.[3.1] Der Bauingenieur Edouard Fougea arbeitete seit 1920 im Bauunternehmen Edmond Coignet et Cie.[4] Die Firma Edmond Coignet et Cie bestand schon seit dem 19. Jahrhundert und war eng verbunden mit der Entwicklung des Stahlbetons. Edmond Coignet war der Sohn von François Coignet. 1940 übernahm der Bauingenieur Edouard Fougea die Leitung des traditionsreichen Bauunternehmens.[4]

Today a building should be assembled, not built (dt.: Heute sollte ein Gebäude montiert und nicht gebaut werden.) – M. Edouard Fougea, President, Constructions Edmond Coignet, Paris, France.[5]

Im Verlauf der 1950er Jahre trieb Edouard Fougea die Entwicklung eines eigenen Plattenbauverfahrens voran. Das von Fougea erklärte Ziel lautete „préfabrication totale“.[6] Bereits 1955 meldete das Bauunternehmen Coignet ein Patent für mehrschichtige Betonfertigteile an. Schon in der Fabrik wurden Fenster in die Fassadenelemente eingebaut.[3.2] In den 1960er Jahren lizenzierte Coignet das Bauverfahren ins Ausland. In mehreren Ländern gründete die Firma Joint Ventures mit lokalen Bauunternehmen. In der DDR übernahm man vom System Coignet die hydraulisch kippbaren Gussformen.[7] Die Bauakademie der DDR „orientierte sich an dem dänischen System Larsen & Nielsen und an den französischen Systemen Coignet und Camus.“[8]

Internationale Anwendung

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Wohnhäuser in Berlin-Märkisches Viertel, die mit dem System Coignet errichtet wurden, 1970

Bei der internationalen Konkurrenz hatten die französischen Bauunternehmen einen Vorteil, da sie einen großen Binnenmarkt in Frankreich hatten und das Bauprogramm für sozialen Wohnungsbau tendenziell wenige große Bauunternehmen beauftragte – anstatt viele kleine. So konnten die Bauunternehmen wie Camus, Balencey und Coignet europaweit eine Vormachtstellung etablieren.[9] In Deutschland gründeten Coignet und die Philipp Holzmann AG das Joint Venture Holzmann-Coignet Fertigbau GmbH.[10] In den Niederlanden war es das Joint Venture Indeco Coignet.[11] Zusammen mit Job Dura entwickelte man das Dura-Coignet bouwsysteem.[12] Beim Bau der Großwohnsiedlung Bijlmermeer kam das System Coignet zur Anwendung.[11][13] Weitere Länder waren Italien[14] und die USA.[15]

Das System Holzmann-Coignet kam in Frankfurt-Nordweststadt zur Anwendung.[16.1][17] In Berlin-Märkisches Viertel wurde System Coignet für den Bau der Wohnhausgruppen 911, 912 und 922 verwendet.[18.1] Es handelt sich dabei um die Wohnhäuser, die Georg Heinrichs und Hans Christian Müller geplant haben.[19][20] Berliner Fertigbau GmbH, die im Märkischen Viertel baute, war ebenfalls ein Joint Venture, an dem die Firma Coignet beteiligt war – gemeinsam mit der Firma Bauhütte.[18.2] Die High-Deck-Siedlung in Berlin-Neukölln entstand ebenfalls mit System Coignet.[21]

Besonderheiten der Konstruktion

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lasten werden sowohl über innenliegende Wände und Außenwände abgetragen. Dieses System mit tragenden Außenwandplatten wird als Schachtelbauweise bezeichnet.[22] Aus den Rändern der Deckenplatten ragen Bewehrungseisen als Schlaufen heraus. Bei der Montage werden die Moniereisen-Schlaufen auf einen Ringanker aus Bewehrungsstahl aufgefädelt und die Schlitze zwischen den Platten mit Beton gefüllt, sodass die Elemente kraftschlüssig miteinander verbunden sind.[16.2] Im Gegensatz zu beispielsweise System Camus tragen die Außenwände nur senkrechte Lasten ab und sind nicht als Windscheiben ausgeführt. Die nebeneinander stehenden Außenwandelemente sind in der Fassadenebene waagerecht nicht zugfest miteinander verbunden, sondern nur mit Zement vergossen. Dies ermöglicht eine Fassadengestaltung, die größere Aussparungen erlaubt, als Systeme, bei denen die Außenwandelemente miteinander waagerecht zugfest verbunden sind.[16.3]

Bei den dreischichtigen Außenwandtafeln hat nur die innere, dickere Betonwand eine tragende Funktion. Der typische Aufbau einer Außenwandplatte bestand 1955 aus einer 19 cm starken, tragenden Innenschale (béton de gravillon), einer 2 cm starken Dämmschicht aus Styrodur-Hartschaum (polystyrène expansé) und aus einer 4 cm starken Außenschale.[3.3] Im Laufe der folgenden Jahre entwickelte man mehrschalige Bauelemente, bei denen die tragende Innenschale 15 cm Beton stark war, die Dämmschicht 4 cm und die Außenschale 6 cm.[16.4]

Eine Besonderheit, worin sich der mehrschichtige Aufbau des System Coignet von den meisten anderen Plattenbausystem unterschied, war die Befestigung der Außenschale. Dies geschah bei System Coignet, indem äußere und innere Betonschicht miteinander am Rand fest vergossen waren. Die Hartschaum-Dämmschicht war auch an den Stoßkanten der Großtafeln von einer Schicht Beton geschützt. Der untere Rand einer Platte war mit Ankergruppen – die in den Beton eingegossen wurden – so stark ausgebildet, dass er das gesamte Gewicht der Außenschicht des Bauelements tragen konnte. Es waren keine Einzelanker in der Mitte des Bauteils notwendig.[23.1] Bei den mehrschichtig aufgebauten Außenwandelementen der meisten anderen Plattenbausysteme ist der Regelfall, dass die Dämmschicht ganz bis zum Rand des Bauelements reicht – sodass in der Kantenansicht der dreischichtige Aufbau sichtbar und klar zu erkennen ist. Systeme, bei denen – wie bei Coignet – die Dämmschicht allseitig von Beton umschlossen wurde, bilden die Ausnahme.[23] Allerdings führte auch diese Ausführung nicht dazu, dass die Verbindungsanker (broche de fixation) vor Korrosion geschützt waren. Anders als bei anderen Plattenbausystem verwendete System Coignet normalen Armierungsstahl – keinen rostfreien Stahl – für die Verbindungsanker.[23.2] Alle Elemente – sowohl Innen- als auch Außenwände – wurden in Betonfestigkeitsklasse B 300 ausgeführt.[16.4] B 300 entspricht der späteren Betonklasse B 25, somit also einer gebräuchlichen und günstigen Betonklasse.[24]

  • B. Campbell: The Coignet System In: Cement and Concrete Association (Hrsg.): Housing from the Factory – Proceedings of the Conference Held at Church House, London, on 4th and 5th October, 1962 Under the Auspices of the Cement and Concrete Association

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. Eugen Dyckerhoff: Ueber Betonbauten. In: Deutsche Bauzeitung Berlin. Band 22. Ernst Toeche, Berlin 1888, S. 242 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche): „In Frankreich war es zuerst Coignet in St. Denis bei Paris, welcher nach seinem Verfahren ‚aus Betons agglomérés, System Coignet‘ genannt, die größten Häuser herstellte, ebenso große Straßenkanäle in Paris und in anderen Orten.“
  2. IV: Die Beton-Eisen-Bauweise. In: Verein deutscher Portland-Cement-Fabrikanten, Deutscher Beton-Verein (Hrsg.): Deutsche Portland-Cement- und Beton-Industrie auf der Düsseldorfer Ausstellung 1902. August Scherl, Berlin 1902, S. 135 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche): „Andere Konstrukteure, wie Coignet, haben die Trag- und Verteilungsstäbe zu einem regelrechten Netzwerk verflochten.“
  3. Guy Lambert, Valérie Nègre, Emmanuelle Gallo, Denyse Rodriguez-Tomé: Ensembles urbains, 1940–1977 – Les ressorts de l’innovation constructive. Hrsg.: Centre d’Histoire des Techniques et de l’Environnement. Paris 2009 (sudoc.fr).
    1. S. 47
    2. S. 48.
    3. S. 86.
  4. a b M. Edouard FOUGEA – Officier de la Légion d'honneur. In: Travaux. Nr. 242, Dezember 1954, S. 833 (französisch, cnrs.fr [PDF]): « Officier d'Artillerie pendant La guerre de 1914–1918, décoré de la Croix de Guerre, M. Fougea débuta, en 1920, comme Ingénieur à la Société de Constructions Edmond Coignet, il en devint, en 1940, Président Directeur Général. »
  5. Construction to Set New record in '63. In: National Concrete Masonry Association (Hrsg.): Concrete Products. Band 66. Maclean-Hunter, 1963, S. 43 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  6. Peter Richter: Der Plattenbau als Krisengebiet – Die architektonische und politische Transformation industriell errichteter Wohngebäude aus der DDR am Beispiel der Stadt Leinefelde. Dissertation zur Erlangung der Würde des Doktors der Philosophie. Universität Hamburg, 2006, S. 25 (uni-hamburg.de [PDF]).
  7. Philipp Meuser: Politik mit Platten – Die industrielle Vorfertigung zwischen System und Serie. In: Philipp Meuser (Hrsg.): Industrieller Wohnungsbau in der DDR – 1953–1990. Vom seriellen Plattenbau zur komplexen Großsiedlung, Teil 1. DOM publishers, Berlin 2022, ISBN 978-3-86922-339-1, S. 97–107, hier S. 101.
  8. Christine Hannemann: Die Platte – Industriealisierter Wohnungsbau in der DDR (= Architext. Nr. 4). 3. Auflage. Schiler, Berlin 2005, ISBN 3-89930-104-8, S. 67 (architekturundwohnsoziologie.com [PDF; abgerufen am 20. November 2025]).
  9. Adrian Forty: Concrete and Culture – A Material History. Reaktion Books, London 2012, ISBN 978-1-86189-933-0, S. 117 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche): „Camus, Balencey, Coignet and the other French systems gave France in the 1950s and '60s pre-eminence in European concrete prefabrication. […] Although other Western European countries, notably Denmark and Sweden, also developed precast concrete panel systems, none had construction firms of the size and capitalization of the French, nor ready access to such a large guaranteed market, backed by the French state.“
  10. Großtafelsysteme bei der Philipp Holzmann AG – Bildarchiv der Philipp Holzmann AG. Abgerufen am 22. Januar 2026: „Gemeinsam mit der französischen Firma Edmond Coignet S.A. gründete die Philipp Holzmann AG am 14. Juli 1961 die Holzmann-Coignet Fertigbau GmbH.“
  11. a b Bijlmermeer (wijk), Amsterdam | www.amsterdamhv.nl. Abgerufen am 22. Januar 2026.
  12. COIGNET-SYSTEEM, BETON ALS BOUWMATERIAAL | kennisbank BestaandeWoningBouw. Archiviert vom Original am 23. April 2021; abgerufen am 22. Januar 2026.
  13. Bijlmer in tijd. In: BijlmerMuseum. 28. Januar 2014, abgerufen am 22. Januar 2026 (niederländisch).
  14. Giovanni Conca: Laveno Street Houses by Marco Zanuso – An Outstanding Experiment in Lightweight Prefabrication. In: Rivista Tema. Band 11, Nr. 1, S. 33, doi:10.30682/tema1101 (rivistatema.com [PDF; abgerufen am 22. Januar 2026]).
  15. Von United States – Department of Housing and Urban Development (Hrsg.): HUD Challenge. März 1971, S. 6 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  16. Kurt Berndt: Die Montagebauarten des Wohnungsbaues in Beton. Bauverlag, Wiesbaden, Berlin 1969.
    1. S. 50.
    2. „Raumgroße kreuzweise bewehrte, allseitig aufgelagerte Deckenplatten werden durch Ringanker, Kantenverzahnung und Fugenverguß zu Scheiben zusammengeschlossen. Kraftschlüssige Verbindung der Decken und Wände durch Bewehrungsschlaufen, Kantenverzahnung und Fugenverguß.“ S. 50.
    3. S. 50–53.
    4. a b S. 51.
  17. Hans Kampffmeyer: Die Nordweststadt in Frankfurt am Main. In: Dezernat Planung und Bau (Hrsg.): Wege zur neuen Stadt – Schriftenreihe der Dezernate Planung und Bau, Stadtwerke und Verkehr der Stadt Frankfurt am Main. Band 6. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1968, S. 41 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  18. Alexander Wilde: Das Märkische Viertel. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1989, ISBN 3-87584-288-X.
    1. S. 64.
    2. S. 72.
  19. Märkisches Viertel. In: KUZ Gesundheitstechnik E. Zielinski GmbH. Abgerufen am 22. Januar 2026.
  20. Rolf Rave, Hans-Joachim Knöfel: Bauen seit 1900 in Berlin. 4. unveränderte Auflage. Kiepert, Berlin 1983, ISBN 3-920597-02-8 (Eintrag 228.13): „MV Geschoßwohnungsbau […] Architekten: Hans Müller und Georg Heinrichs; Mitarbeiter: Peter Voigt […] Die Haus- und Grundrißform nimmt stark auf die Großtafelbauweise, System Coignet, Rücksicht.“
  21. High-Deck Estate. Abgerufen am 22. Januar 2026 (englisch).
  22. Fritz Rafeiner: Hochhäuser – Planung, Kosten, Bauausführung. Bauverlag, Wiesbaden, Berlin 1968, S. 43.
  23. Ralf Ruhnau, Nabil A. Fouad: Schäden an Außenwänden aus Mehrschicht-Betonplatten (= Schadenfreies Bauen. Band 19). 1. Auflage. Fraunhofer IRB Verlag, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-8167-9830-9 (inlibra.com [PDF; abgerufen am 22. Januar 2026]).
    1. S. 25.
    2. „Einige wenige Systeme sahen normalen Betonstahl (sogenannten schwarzen Stahl) für die Traganker vor, wie z. B. das Verankerungssystem Camus-Dietsch und Holzmann-Coignet (in den westlichen Bundesländern) und die Verbundanker der WBKs Rostock und Gera.“ S. 55.
  24. Betonklassen: Ein umfassender Leitfaden. Abgerufen am 22. Januar 2026: „Das Material ist nämlich leicht zu verarbeiten, relativ kostengünstig und sehr beständig. Dieser universelle Verbundwerkstoff weist daneben auch gute Festigkeitsparameter auf.“