Steinfischerei

Als Steinfischerei oder Steinzangerei (regional auch Steinzangen, bei Einsatz von Tauchern zuweilen auch Steintaucherei) wird die erwerbsmäßige Bergung von Findlingen und größeren Steinen aus Gewässern bezeichnet.[1] Die gehobenen Steine wurden unmittelbar verbaut oder zu Schüttsteinen sowie Pflaster- und Kantsteinen weiterverarbeitet und vor allem für Küstenschutzbauten, Molen, Leitwerke, Straßen, Mauern und Fundamente genutzt.[2][3] Das Gewerbe hatte vor allem dort Bedeutung, wo an Land nahe gelegene Steinbrüche fehlten und die im Meer lagernden Blöcke günstiger zu gewinnen waren als importierte Bruchsteine.[2][1] Heute ist die Steinfischerei weitgehend nur noch von historischer Bedeutung.[1]
Ein wirtschaftlicher Abbau lohnte sich nur dort, wo Steine entsprechender Größe in erreichbarer Tiefe und in ausreichender Menge lagerten.[4] Ein Schwerpunkt des Gewerbes lag in der Ostsee, insbesondere vor der Küste Schleswig-Holsteins, an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns, in dänischen Gewässern und im Öresund.[4][5][6][7]
Steinfischerei in der Ostsee
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]An der westlichen Ostsee wurden Steine zunächst aus flachen, küstennahen Bereichen geborgen; auf der schwedischen Seite des Öresunds ist diese Praxis spätestens seit der Mitte des 18. Jahrhunderts belegt.[8][7] Ein Reisebericht von Anders Tidström aus dem Jahr 1765 beschreibt, dass Steine bei Råå mit Eisenstangen aus zwei bis drei Faden Tiefe vom Meeresboden gehoben wurden.[7]
An der schleswig-holsteinischen Ostseeküste begann die Steinfischerei um 1800 als Ufer- und Flachwassergewerbe.[8] Zunächst wurden die Findlinge von Hand, später mit Hanf- oder Flachsseilen und Handwinden, um 1900 dann mit eisernen Zangen gehoben.[8] Seit 1918 kamen dort Helmtaucher zum Einsatz; ab den 1930er Jahren wurden vor allem Steine aus 6 bis 12 Metern, in Einzelfällen aus bis zu 20 Metern Tiefe geborgen.[8] Gleichzeitig entwickelte sich die Flotte von kleinen, flachgehenden Segelbooten zu Stahlfahrzeugen mit Ladekapazitäten von bis zu 200 Tonnen.[8]
An der Küste Mecklenburg-Vorpommerns wurden die Steine zunächst vom Strand und aus der Schorre von Hand gesammelt.[9] Nachdem der Steinabbau im Flachwasser als Ursache zunehmender Uferzerstörung erkannt worden war, durften Steine dort nur noch aus Wassertiefen von mehr als zwei Metern entnommen werden.[9][10] Für den Bau des Sassnitzer Hafens kamen bis zu drei Meter lange eiserne Zangen mit Holzgriffen zum Einsatz.[9] Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden auch hier Taucher eingesetzt; die Polizeiverordnung von 1906 verbot das Zangen in den Binnengewässern und am Außenstrand grundsätzlich und ließ unterhalb von sechs Metern nur noch besonders genehmigte Tauchereinsätze zu.[9][10]
Zu den besonders ergiebigen Steingründen Schleswig-Holsteins zählten nach Zeitzeugenberichten unter anderem das Brodtener Ufer, der Walkyriengrund, die Nordostküste Wagriens, die Sagasbank, die Ostküste Fehmarns sowie Seegebiete vor Schönberg und zwischen Eckernförde und Olpenitz.[4] Für Mecklenburg-Vorpommern ermittelte ein WWF-Gutachten 55 historische Entnahmestellen; deutlich konzentriert lagen sie an Hiddensee, Rügen und Usedom, während im westlichen Landesteil nur Prerow, Stoltera und Nienhagen eindeutig nachgewiesen wurden.[5] Zu den vielfach in Akten und Literatur genannten Entnahmestellen auf Rügen gehörten Wittow, Lohme, Ranzow, Jasmund, Sassnitz, Quitzlaser Ort, Granitzer Ort, Mukran und Thiessow.[5]
Auch im Öresund und vor Skåne blieb die Steinfischerei bis ins 20. Jahrhundert hinein bedeutsam; Genehmigungen betrafen dort unter anderem Entnahmen für Hafenanlagen, Küstenschutz und die Wellenbrecher des Falsterbokanals.[11]
Zur Bergung der Steine positionierte sich ein Schiff über der Fundstelle. Ein Helmtaucher stieg zum Meeresgrund ab und legte um einen passenden Stein eine mit einem Ladebaum oder einer Winde herabgelassene Zange. Anschließend wurde der Stein in den Laderaum des Schiffs gehievt.[8][9]
Die Arbeit des Tauchers war dabei ausgesprochen gefährlich, da er sich während des Hebevorgangs unter der schwebenden Last befand. Immer wieder kam es vor, dass ein Findling aus der Steinzange rutschte und beim Herabfallen den Taucher verletzte oder gar erschlug. Auch beim Greifen des Steins mit der Zange konnte dieser ins Rutschen kommen und den Taucher gefährden. Außerdem bestand die Gefahr, dass ein Stein, der beim Verladen vorzeitig aus der Zange gelangte, den Boden des Schiffes durchschlug und es zum Sinken brachte.
In Schleswig-Holstein wurde das Gewerbe wegen erschöpfter Vorkommen und sinkender Rentabilität bereits Mitte der 1970er Jahre eingestellt; für den Gesamtzeitraum von etwa 1800 bis 1976 werden dort rund 3,5 Millionen Tonnen entnommener Ostseefindlinge geschätzt.[4] In Dänemark wurde die Steinfischerei durch die Rohstoffgesetzgebung von 1996/97 stark eingeschränkt; seit dem 1. Juli 1999 war sie nur noch in eng begrenzten Einzelfällen zulässig, und seit 2009 ist sie gesetzlich verboten.[12]
Umweltauswirkungen der Steinfischerei am Beispiel der Ostsee
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Steinfelder in der Ostsee waren als wichtige Biotope Heimstatt einer vielfältigen maritimen Flora und Fauna. Findlinge und Blocksteine bilden in der Ostsee einen räumlich begrenzten, ökologisch aber besonders wichtigen Siedlungsraum für hartsubstratbewohnende Organismen wie Makroalgen, Miesmuscheln und deren Begleitgemeinschaften.[2][13] Da Makroalgen ein festes Substrat zur Anheftung benötigen, zerstört ihre Entfernung unmittelbar potenzielle Vegetations- und Lebensräume.[13] Besonders betroffen waren flache, lichtreiche Bereiche unter zehn Metern Tiefe, also gerade jene Zone, in der Makroalgen gute Wachstumsbedingungen haben.[6][13] Das großflächige Abernten der Felder hinterließ daher vielfach Sandflächen, auf denen sich neue Algenbestände nicht in gleicher Weise etablieren konnten.[13]
Die Wiederherstellung solcher Hartsubstrate ist seit dem frühen 21. Jahrhundert Gegenstand von Renaturierungs- und Kompensationsprojekten.[13][1] In Mecklenburg-Vorpommern ist die „Wiederherstellung mariner Block- und Steingründe“ seit 2017 als Maßnahmekategorie der marinen Eingriffsregelung verankert, war laut einem WWF-Gutachten aber bis 2020 noch in keinem Fall umgesetzt worden.[1] In Skåne ließ die Länsstyrelsen 2022 zehn historisch durch Steinfischerei oder Stentäkt belastete Meeresgebiete auf ihre Eignung für Steinrückführungen untersuchen.[14]
Für dänische Gewässer wurden für den Zeitraum 1900 bis 1999 trotz erheblicher Unsicherheiten rund 8,3 Millionen m³ Grab- und Meeressteine beziehungsweise etwa 83 Millionen einzelne Steine als entnommen geschätzt.[6] Dies entspricht einem Verlust von rund 55 km² für Makroalgen geeignetem Hartsubstrat.[6] Auf der Grundlage von Vergleichsdaten des restaurierten Riffs bei Læsø Trindel wurde die potenziell verlorene Makroalgenbiomasse auf etwa 15.000 bis 75.000 Tonnen aschefreier Trockenmasse veranschlagt.[13]
In Schleswig-Holstein kam die Steinfischerei 1976 zum Erliegen; ihre ökologischen Langzeitfolgen wurden jedoch erst in jüngerer Zeit systematischer untersucht.[4][13]
Erheblich früher wurde klar, dass mit den unmittelbar am Küstensaum gelegenen Steinfeldern natürliche Wellenbrecher entfernt worden waren, wodurch das dahinter liegende Land der Abtragung durch die Brandung stärker ausgesetzt war. Daher wurden die Ufersäume der Ostsee bereits 1873 weitestgehend für die Steinfischerei gesperrt.[15] Und auch ihre Ausübung in größeren Tiefen erforderte bald eine behördliche Konzession.[16] Die Zonen, die für die Sicherheit der Küste von Bedeutung waren, wurden zu Schutzbereichen erklärt und durch entsprechende Sperrbaken von See aus erkennbar markiert. Vor der vorpommerschen Küste wurde die Steinfischerei 1906 durch Polizeiverordnung verboten.[10]
Steinfischerei in Flüssen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Durch die Strömung bilden sich in Flussbetten Kieselsteine. Die Ernte größerer Brocken war daher früher auch hier von Interesse. Jedoch kamen Taucher in der Regel nicht zum Einsatz; vielmehr wurde zumeist die Watzone von Hand abgeerntet.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Zangen (Ingenieurwesen), die Entnahme von Steinen aus dem Küstenbereich
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Gesche M. Bock, Frank Thiermann, Heye Rumohr, Rolf Karez: Ausmaß der Steinfischerei an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste. In: Jahresbericht Landesamt für Natur und Umwelt des Landes Schleswig-Holstein. 2003 (schleswig-holstein.de [PDF; abgerufen am 21. November 2010]).
- Katharina Brauer, Katharina Burmeister, Jochen Lamp: Historische Steinfischerei an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns. Gutachten des WWF Deutschland, Stralsund Mai 2020 (wwf.de [PDF; 3,1 MB; abgerufen am 30. Mai 2022]).
- Stig A. Helmig, Mette Møller Nielsen, Jens Kjerulf Petersen: Andre presfaktorer end næringsstoffer og klimaforandringer – vurdering af omfanget af stenfiskeri i kystnære marine områder (= DTU Aqua-rapport Nr. 360-2020). DTU Aqua, Nykøbing Mors 2020 (dänisch).
- Andrea Johansson, Kajsa Werner, Felicia Ulltin, Timothy Ley, Martin Johnsson: Identifiering av havsområden lämpade för stenåterföring: En analys av skånska kustområden påverkade av stenfiske. Hrsg.: Länsstyrelsen Skåne. Malmö 2022 (schwedisch).
Einzelnachweise und Fußnoten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 4 5 Katharina Brauer, Katharina Burmeister, Jochen Lamp: Historische Steinfischerei an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns. WWF Deutschland, Stralsund Mai 2020, S. 6–7.
- 1 2 3 Gesche M. Bock, Frank Thiermann, Heye Rumohr, Rolf Karez: Ausmaß der Steinfischerei an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste. In: Jahresbericht Landesamt für Natur und Umwelt des Landes Schleswig-Holstein. 2003, S. 111–112.
- ↑ Katharina Brauer, Katharina Burmeister, Jochen Lamp: Historische Steinfischerei an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns. WWF Deutschland, Stralsund Mai 2020, S. 27.
- 1 2 3 4 5 Gesche M. Bock, Frank Thiermann, Heye Rumohr, Rolf Karez: Ausmaß der Steinfischerei an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste. In: Jahresbericht Landesamt für Natur und Umwelt des Landes Schleswig-Holstein. 2003, S. 114–115.
- 1 2 3 Katharina Brauer, Katharina Burmeister, Jochen Lamp: Historische Steinfischerei an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns. WWF Deutschland, Stralsund Mai 2020, S. 24–26.
- 1 2 3 4 Stig A. Helmig; Mette Møller Nielsen; Jens Kjerulf Petersen: Andre presfaktorer end næringsstoffer og klimaforandringer – vurdering af omfanget af stenfiskeri i kystnære marine områder (= DTU Aqua-rapport Nr. 360-2020). DTU Aqua, Nykøbing Mors 2020, S. 5 (dänisch).
- 1 2 3 Andrea Johansson; Kajsa Werner; Felicia Ulltin; Timothy Ley; Martin Johnsson: Identifiering av havsområden lämpade för stenåterföring: En analys av skånska kustområden påverkade av stenfiske. Hrsg.: Länsstyrelsen Skåne. Malmö 2022, S. 8–10 (schwedisch).
- 1 2 3 4 5 6 Gesche M. Bock, Frank Thiermann, Heye Rumohr, Rolf Karez: Ausmaß der Steinfischerei an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste. In: Jahresbericht Landesamt für Natur und Umwelt des Landes Schleswig-Holstein. 2003, S. 113.
- 1 2 3 4 5 Katharina Brauer, Katharina Burmeister, Jochen Lamp: Historische Steinfischerei an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns. WWF Deutschland, Stralsund Mai 2020, S. 8.
- 1 2 3 Katharina Brauer, Katharina Burmeister, Jochen Lamp: Historische Steinfischerei an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns. WWF Deutschland, Stralsund Mai 2020, S. 17–18.
- ↑ Andrea Johansson; Kajsa Werner; Felicia Ulltin; Timothy Ley; Martin Johnsson: Identifiering av havsområden lämpade för stenåterföring: En analys av skånska kustområden påverkade av stenfiske. Hrsg.: Länsstyrelsen Skåne. Malmö 2022, S. 10–11 (schwedisch).
- ↑ Stig A. Helmig; Mette Møller Nielsen; Jens Kjerulf Petersen: Andre presfaktorer end næringsstoffer og klimaforandringer – vurdering af omfanget af stenfiskeri i kystnære marine områder (= DTU Aqua-rapport Nr. 360-2020). DTU Aqua, Nykøbing Mors 2020, S. 9–10 (dänisch).
- 1 2 3 4 5 6 7 Stig A. Helmig; Mette Møller Nielsen; Jens Kjerulf Petersen: Andre presfaktorer end næringsstoffer og klimaforandringer – vurdering af omfanget af stenfiskeri i kystnære marine områder (= DTU Aqua-rapport Nr. 360-2020). DTU Aqua, Nykøbing Mors 2020, S. 20–23 (dänisch).
- ↑ Andrea Johansson; Kajsa Werner; Felicia Ulltin; Timothy Ley; Martin Johnsson: Identifiering av havsområden lämpade för stenåterföring: En analys av skånska kustområden påverkade av stenfiske. Hrsg.: Länsstyrelsen Skåne. Malmö 2022, S. 6, 8 (schwedisch).
- ↑ Verordnung der schleswig-holsteinischen Polizei vom 26. August 1873.
- ↑ Verordnung der schleswig-holsteinischen Polizei vom 25. Juni 1890.