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Reconquista

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Ein ursprünglich maurisches Minarett in Ronda, das in einen Glockenturm umgewandelt wurde. Während die meisten Moscheen zerstört wurden, um an deren Stelle Kirchen zu errichten, wurden viele Minarette durch den Aufbau von Etagen für Glocken von den Katholiken adaptiert.

Reconquista, wörtlich „Zurückeroberung“, ist die spanische und portugiesische Bezeichnung für die (Wieder-)Erlangung der Vorherrschaft auf der iberischen Halbinsel durch die christlichen Nachkommen der Westgoten, die seit dem frühen 8. Jahrhundert von aus Nordafrika vordringenden muslimischen arabischen Eroberern verdrängt worden waren.

Ursprung

Im Jahr 711 war der Berber Tāriq ibn Ziyād mit seinem Heer in der Region von Algeciras/Gibraltar auf das europäische Festland vorgedrungen. Die seit dem 5. Jahrhundert im späteren Spanien und Portugal herrschenden Westgoten wurden im Juli 711 in der Schlacht am Rio Guadalete geschlagen, wobei auch König Roderich den Tod fand. Bis 725 hatten die „Mauren“ die Herrschaft übernommen. Als einziges westgotisches Reich verbleibt jenes von Asturien im Norden der Halbinsel unter dem Fürsten Pelayo (Pelagius). Im Jahr 722 besiegte er in der Schlacht von Covadonga die vordringenden Araber und konnte so seinem Fürstentum die Unabhängigkeit bewahren. In der Höhle von Covadonga (Picos de Europa) findet sich noch heute eine Gedenkstätte an dieses Ereignis, das als Beginn der Reconquista gilt.

Ein arabischer Vorstoß in das Frankenreich wurde durch Karl Martell 732 in der Schlacht bei Tours und Poitiers gestoppt, jedoch wurde ein Landstrich um Narbonne bis 759 gehalten. Im Verlauf der folgenden Jahrhunderte erlangten die christlichen Königreiche allmählich Herrschaft über weite Gebiete der iberischen Halbinsel. Zugleich bestanden aber auch enge wirtschaftliche und persönliche Verbindungen zwischen den Christen und den Muslimen. So entstammten die früheren Könige von Navarra der Familie Banu Qasi von Tudela, und arabische Herrscher hatten häufig Frauen oder Mütter, die gebürtige Christinnen waren. Während der Kampf gegen die Araber die christlichen Könige nicht davon abhielt, auch Handel mit ihnen zu betreiben und untereinander Kriege zu führen, schlossen christliche Heerführer wie El Cid Verträge mit den Königen der Taifas, um an der Seite der Muslime zu kämpfen.

Heiliger Krieg

Im Hochmittelalter wurde der Kampf gegen die Muslime von den christlichen Herrschern Europas als Kampf für die gesamte Christenheit aufgefasst. Die Reconquista ist der erste Heilige Krieg, der von christlicher und muslimischer Seite so wahrgenommen wurde, auch wenn er auf muslimischer Seite nicht so ernst genommen wurde. Ritterorden nach dem Vorbild der Tempelritter, wie der Santiagoorden, der Orden von Calatrava, der Alcántaraorden und der Orden von Montesa, wurden gegründet oder gestiftet; die Päpste riefen die europäischen Ritter zum Kreuzzug auf die Halbinsel. Die Christen ernannten den Apostel Jakobus den Älteren zu ihrem Schutzheiligen (er ist noch heute der Patron von Spanien), den sie auch Santiago Matamoros („Hl. Jakob, der Maurenschlächter“) nannten. Da sein Grab in Santiago de Compostela verehrt wird, wurde er zur Integrationsfigur des christlichen Spanien. Eine der größten christlichen Niederlagen (und äußerst wichtiges Motiv zur Reconquista) war zuvor die Eroberung und Zerstörung Santiagos 997 durch den Mauren-Heerführer al-Mansûr, der jedoch die Reliquien des Hl. Jakobus respektierte. 1037 wurde Santiago von den Christen rückerobert; manche datieren diesen Sieg als eigentlichen Beginn der Reconquista und benennen die vorige Eroberung Santiagos durch die Mauren als schweren politischen Fehler: dieser muslimische Sieg am Grab eines der Apostel habe erst den ungeheuren Zorn, Eifer und fortwirkenden Fanatismus der spanischen Christen entfacht. Nach 1037 wurde das maurisch beherrschte Gebiet in Schüben stets kleiner.

Begriffskritik

Vor allem von Seiten der unterlegenen Mauren bzw. Muslime wird die Reconquista nicht als "Rückeroberung", sondern als Eroberung (Conquista) verstanden, da der christliche Vormarsch seit dem Tod Almansors, dem Untergang des Kalifats von Cordoba und der Eroberung der weitgehend unbesiedelten Zwischenzone (Verwüstungsgürtel) im 11. Jahrhundert Gebiete betraf, die zum Teil seit dem 8. Jahrhundert von Muslimen besiedelt waren oder Städte, die überhaupt erst von Muslimen gegründet worden waren (z.B. Madrid).

Der Beginn der Reconquista bzw. eben Conquista wird daher von arabischer Seite oftmals erst mit dem Kreuzzug gegen Bobastro (1064) bzw. dem Fall Toledos (1085) angesetzt, woraufhin die andalusischen Muslime ihre marokkanischen Glaubensbrüder zu Hilfe riefen, die wiederum den Dschihad zur "Verteidung" proklamierten und die Christen vorübergehend stoppten.

Entscheidende Wende

Als der entscheidende Wendepunkt im Kampf zwischen den christlichen und den muslimischen Heeren gilt die Schlacht bei Las Navas de Tolosa am 16. Juli 1212, als die Truppen der verbündeten Königreiche von Kastilien, Aragón und León unter Alfons VIII. die Almohaden unter Kalif Muhammad an-Nasir besiegten. Am 16. September 1410 konnte ein Heer unter Führung Ferdinands I. von Aragón („Infante Don Fernando", auch „Don Fernando de Antequera“) die lange umkämpfte Stadt Antequera erobern.

Ende

Boabdil übergibt 1492 Granada an das spanische Königspaar (Historienbild von 1643

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts war das nasridische Sultanat von Granada das letzte arabische Herrschaftsgebiet, das noch verblieben war. Zwar besaß Kastilien die militärische Macht, das Sultanat zu erobern, aber die Könige zogen es zunächst vor, Tribut zu kassieren. Der Handel mit Granada bildete einen Hauptweg für afrikanisches Gold in das mittelalterliche Europa.

Um den 2. Januar 1492 kapitulierte schließlich der letzte arabische Herrscher in Al-Andalus, Muhammad XII. (Boabdil), vor den Heeren von Ferdinand II. und Isabella I. („Los Reyes Católicos“, die Katholischen Könige). Sie vereinigten den größten Teil der iberischen Halbinsel unter ihrer Herrschaft (Navarra wurde erst 1512 eingegliedert).

Die großen Gebiete, die damals hohen Offizieren und Adligen zugesprochen wurden, bildeten die Ursprünge der Latifundien im heutigen Andalusien und der Extremadura.

Der "Heilige Krieg" wirkte nach dem Fall Granadas noch außerhalb Spaniens fort; die Militärmaschinerie Spaniens fand ihr Ventil in der Entdeckung und Eroberung Amerikas und neue Ziele in der Christianisierung und Zerstörung zweier amerikanischer Hochkulturen, der Azteken und der Inkas. Spätestens mit dem Übergreifen nach Nordafrika und der spanischen Eroberung von Ceuta, Melilla, Penon und Oran wurde aus der Reconquista aber auch offiziell eine Conquista (Eroberung), auch die spanischen Eroberer Amerikas wurden Conquistadoren genannt.

Die Heirat von Christen mit Muslimen oder Juden verleitete christliche Eiferer zum Kampf für die limpieza de sangre, die ethnische Reinheit des Blutes (siehe Antisemitismus, Rassendiskriminierung). Die zunächst geduldeten Mauren und Juden wurden im 15. und 16. Jahrhundert systematisch drangsaliert, der Zwangstaufe zugeführt oder des Landes verwiesen. Selbst die zum christlichen Glauben übergetretenen "Conversos" waren vor Mißachtung, Nachstellungen und Verfolgung nicht sicher. Der spanisch-katholische Fanatismus jener Zeit, befördert von der Inquisition, erging sich jahrzehntelang als Schreckensregime gegen die Minderheiten.

Soziale Gruppen zur Zeit der Reconquista

Mit den Erfolgen und Niederlagen bildeten sich einige sozial Gruppen heraus:

  • die Mozaraber: Bezeichnung für Christen unter der muslimischen Herrschaft in Andalusien. Einige von ihnen wanderten während Verfolgungszeiten in den Norden ab.
  • die Muladi: Christen, die nach der Eroberung zum Islam konvertierten.
  • die Renegados: Einzelne Christen, die den Islam übernahmen und sich häufig am Kampf gegen ihre ehemaligen Glaubensgenossen beteiligten.
  • die Mudéjar: Muslime, die im von Christen (während der Reconquista) eroberten Gebiet (i.d.R. als Landarbeiter) blieben. Ihre charakteristische Architektur der Adobeziegelsteine fand häufig in Kirchen Verwendung, die von den neuen Herren in Auftrag gegeben wurden. Ihre Nachkommen nannte man nach 1492 Morisken.
  • die Morisken (Spanisch:Moriscos): Mauren, die nach dem Abschluss der Reconquista in Spanien blieben.
  • die Marranen: verächtliche Bezeichnung für Conversos ("Übergetretene"), d.h. zum Christentum konvertierte Juden, die in vielen Fällen trotz Verfolgung durch die Inquisition heimlich an ihren Traditionen festhielten.

An die Reconquista wird traditionell mit einer Reihe von Festen, mit Schaukämpfen von Mauren und Christen („Moros y Cristianos“), bunten Paraden in historischen Kostümen und Feuerwerken erinnert. Wichtige Feste finden in Villena und Alcoi (span.'Alcoy') statt.

Siehe auch: Liste von Kriegen, Liste von Schlachten, Geschichte Portugals, Zeittafel Portugal.

Literatur

  • Derek William Lomax: Die Reconquista. Die Wiedereroberung Spaniens durch das Christentum. Deutsche Übersetzung durch Holger Fliessbach. Wilhelm Heyne Verlag, München 1980. ISBN 3-453-48067-8