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Antisemitismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Der wandernde Ewige Jude, farbiger Holzschnitt von Gustave Doré, 1852, Reproduktion in einer Ausstellung in Yad Vashem, 2007

Als Antisemitismus werden heute alle pauschalen Formen von Judenhass, Judenfeindlichkeit oder Judenfeindschaft bezeichnet. Der Ausdruck entstand 1879 als Eigenbezeichnung deutscher Judenfeinde um den Journalisten Wilhelm Marr. Er wurde nach dem Holocaust zum Sammelbegriff für alle Einstellungen und Verhaltensweisen, die Einzelpersonen oder Gruppen „den Juden“ zuordnen und ihnen negative Eigenschaften unterstellen, um die Abwertung, Ausgrenzung, Diskriminierung, Unterdrückung, Verfolgung, Vertreibung bis hin zur Vernichtung jüdischer Minderheiten (Völkermord) zu rechtfertigen. Vertreter und Anhänger des Antisemitismus werden „Antisemiten“ genannt.

Etymologisch ist der Begriff eine Fehlprägung, da er sich vom Wort Semiten ableitet, das eine Sprachfamilie bezeichnet, zu der unter anderem Araber, Äthiopier und Malteser gerechnet werden. Gegen diese richtet sich der Antisemitismus aber nicht, sondern ausschließlich gegen Juden.

Pauschale Judenfeindschaft hat eine rund 2500 Jahre lange Tradition, in der sich eine Vielzahl Bilder, Gerüchte, Klischees, Vorurteile, Ressentiments und Stereotypen von „dem“ oder „den“ Juden bildeten, überlagern und durchdringen. Anders als bei Fremdenfeindlichkeit werden sie mit angeblich unveränderlichen Eigenschaften von Juden begründet, oft auch ähnlich bezeichnet und dargestellt. So galten Juden ab der Antike als „Feinde der Menschheit“, ab dem 2. Jahrhundert als „Christus-“ oder „Gottesmörder“, ab dem Hochmittelalter als „Brunnenvergifter“, „Ritualmörder“ und heimliche „Verschwörer“, ab der frühen Neuzeit als „Wucherer“ oder „Parasiten“, „Ausbeuter“ und „Weltherrscher“. So werden Juden immer wieder als besonders mächtige Verursacher aller möglichen negativen Fehlentwicklungen und menschengemachten Katastrophen dargestellt. Diese irrealen, fiktiven Trugbilder (Chimären), die das Judentum ideologisch für verschiedene Zwecke verzerren, haben sich bis heute als sehr stabil und anpassungsfähig erwiesen.

Die Antisemitismusforschung hat keine allgemeingültige Definition des Phänomens aufgestellt, unterscheidet aber zumindest vier Hauptformen:

In allen Hauptformen treten religiöse, soziale, politische, kulturelle und verschwörungstheoretische Motive neben- oder miteinander auf. Zudem unterscheidet die Forschung latente und manifeste, oppositionelle und staatliche Ausdrucksformen.[1] Aktuelle Forschung ordnet Antisemitismus als spezifische Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ein.[2]

Begriff

Abwertung von „Semiten“

Der Ausdruck „Antisemitismus“ entstand als Neuschöpfung im 19. Jahrhundert. Er setzte den bereits älteren Begriff des Semitismus voraus, mit dem zunächst in der Vergleichende Sprachwissenschaft und später in der Völkerkunde Sprecher der „semitischen Sprachen“ (wie Akkadisch, Arabisch, Hebräisch) als eigene „Völkergruppe“ von der Völkergruppe der „Arier“ oder „Indogermanen“ unterschieden wurden.[3.1] Schon bevor das Wort Antisemitismus geprägt wurde, wurden unter diesem völkerkundlichen Paradigma den „semitischen Völkern“ negative Charaktereigenschaften zugeschrieben;[4] die Wortschöpfung selbst war nur eine bildungsbürgerliche Versprachlichung dieses Topos.[5.1] Noch 1886 verstand der französische Publizist Édouard Drumont in seinem Werk La France Juive unter sémites vorzugsweise Juden, in einigen Abschnitte aber Araber oder die Gesamtheit der Muslime.[6]

Erste Verwendungen

Das Kompositum antisemitisch ist erstmals um 1822 als scherzhafte Prägung von Karl Heinrich von Lang belegt, der damit semitische von nicht-semitischen Sprachen unterschied.[7] Der erste englische Beleg ist 1851 bei Thomas Carlyle bezeugt, der damit offenbar Konflikte um die Interpretation speziell der hebräischen Sprache bezeichnen wollte.[8] Nach Cornelia Schmitz-Berning blieben diese frühen Wortbildungen folgenlos.[9]

Annähernd im späteren Wortsinn verwendete es 1860 der Bibliograph Moritz Steinschneider: Er kritisierte anlässlich des Aufsatzes Zur Charakteristik der semitischen Völker von Heymann Steinthal[10] über einen Text von Ernest Renan, dass Renan „antisemitische Vorurtheile“ verbreite.[11] In jüdischen Lexika wurde die Neuschöpfung gelegentlich Renan selbst zugeschrieben und als Wechselbegriff für Antijudaismus definiert;[12] indes ist bei Renan eine Verwendung des Wortes nicht dokumentiert.[3.2]

Ein weiterer Beleg findet sich 1865 im Lexikonartikel Semitische Völker des Orientalisten Gustav Weil, der dort die These vertritt, typisch für semitische Völker sei eine „republikanische Verfassung“, die Monarchie dagegen „eine antisemitische Geburt“, gegen die die biblische Propheten und frühe Muslime gleichermaßen ankämpften.[13] Thomas Nipperdey und Reinhard Rürup verstehen diesen Gebrauch im Sinne von „unsemitisch“ und erachten auch diesen Beleg als „zufällige und folgenlos gebliebene Formulierung“.[14] Gideon Botsch und Werner Treß widersprechen: Das Wort sei vielleicht nicht im „spezifischen Sinn“ verwendet worden, finde sich aber gerade in einem Artikel, in dem auch „aggressive Assoziation[en]“ zum völkerkundlichen Konstrukt des „Semitismus“ zurückgewiesen werden sollten.[5.2]

Wilhelm Marr und die These einer neuen, nicht-religiösen Judenfeindschaft

Traditionell wurde stattdessen angenommen, das Wort sei vom Journalisten Wilhelm Marr geprägt worden, der damit einen „neuen Judenhass“, der politisch begründet war, vom negativ gesehenen religiös begründeten Antijudaismus differenzieren habe wollen.[15]

Die Aktivitäten des anti-jüdischen Kreises, in dessen Umfeld er sich bewegte, wurden nachweislich schon 1879 als „antisemitisch“ bezeichnet – aber nicht von Marr, der das Wort bis dahin noch nicht verwendet hatte,[16.1] sondern in der Allgemeinen Zeitung des deutschen Judentums, die eine von Marr angekündigte „antijüdische“ Wochenschrift als „antisemitisches Wochenblatt“ bezeichnete. Nipperdey und Rürup vermuten daher, dass das Wort zu dieser Zeit in Berlin bereits kurrent war.[3.3] Marr bezog den Begriff des Semitismus 1879, noch ohne ein Anti- davorzusetzen, auf das von Juden angeblich beherrschte Gesamtsystem von Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur.[17]

Entgegen einem verbreiteten Irrtum war es auch nicht Marr, der 1879 die Gründung der „Antisemitenliga“ anbahnte, sondern der Schriftsteller Hector de Grousilliers. Dieser definierte das Wort nicht politisch, sondern religiös: „Semiten“ seien nicht jüdische Deutsche per se, sondern eine „Bande“, zu der auch „solche Deutsche [gehörten], die […] ihr Christentum verleugne[ten]“.[16.2] Ulrich Wyrwa tut de Grousilliers Verwendung des Wortes als eine „rhetorische Floskel“ ab und versteht zumindest ihn doch als Vertreter eines nicht-religiös motivierten Judenhasses.[18] Aber auch Marr griff auch religiöse Aspekte des Judentums an, etwa in seiner Polemik gegen „Talmudjuden“, und argumentierte durchaus nicht rassistisch: Mit der „semitischen Race“ meinte er keine unveränderbare Erbbiologie, sondern das jüdische Volk.[19] Unter „Antisemitismus“ verstand Marr auch dezidiert den religiös begründeten Antisemitismus des Hofkaplans Adolf Stoecker.[20] In der öffentlichen Wahrnehmung wurde der Antisemitismus von 1879 gerade mit diesem christlich-sozialen Antisemitismus Stoeckers verbunden.[16.2] Dieser gehörte auch zu den Erstunterzeichnung der sogenannten „Antisemitenpetition“ von 1880/1881, die wesentlich dazu beitrug, den Begriff im deutschen Sprachgebrauch zu popularisieren.[21] In der Folge differenzierte sich die antisemitische Bewegung aus in eine christlich-soziale und eine „den Rassengegensatz schärfer betonende“ Richtung.[22] Die rassistische Aufladung des Begriffs wurde besonders geprägt durch den Philosophen Eugen Dühring, wurde aber nicht von allen Judenfeinden dieser Zeit geteilt.[21]

In der jüngeren Antisemitismusforschung ist man sich uneins, ob ab Ende des 19. Jahrhunderts ein „neuer“, rassistisch begründeter Antisemitismus angenommen werden müsse, der scharf von dem religiös begründeten Antijudaismus früherer Jahrhunderte zu unterscheiden sei. Hiervon hängt auch ab, ob Antisemitismusforscher den Begriff auch auf den früheren Antijudaismus anwenden oder nicht.[23]

„Anti-Semitismus“ und „Antisemitismus“

Die Worte Semitismus und Antisemitismus waren auch nach Gründung der Antisemitenliga noch nicht fest definiert.[3.4] Zum Beispiel war „Semit“ noch nicht fest etabliert als Bezeichnung nur von Juden, „Antisemitismus“ noch nicht als Bezeichnung für Feindschaft nur gegen Juden. Eugen Dühring etwa lehnte den Ausdruck „Semit“ ab, da damit Juden und Araber gleichgesetzt würden.[24] Die Orientalisten Paul de Lagarde und Adolf Wahrmund dagegen begründeten ihre Judenfeindschaft gerade damit, dass Juden „Semiten“ seien – „asiatische Heiden“[25] oder die vorwiegenden Vertreter des „Asiatismus in Europa“.[26]

Um die Jahrhundertwende definierten Lexika die Bedeutung von Semitismus, gegen den sich der Antisemitismus richtete, als rassistische statt religiöse Bezeichnung speziell von Juden.[27] Auch danach wurden im Begriff „semitische Völker“ mitgehört. Entsprechend wurde in der Zeit des Nationalsozialismus darauf gedrungen, auf das Wort zu verzichten: 1935 forderte das Reichspropagandaministerium des NS-Regimes die deutsche Presse auf, „das Wort: antisemitisch oder Antisemitismus zu vermeiden, weil die deutsche Politik sich nur gegen die Juden, nicht aber gegen die Semiten schlechthin richtet. Es soll stattdessen das Wort: antijüdisch gebraucht werden.“ 1943 verlangte der NS-Beamte Hans Hagemeyer von der deutschen Presse, die Bezeichnung Antisemitismus mit Rücksicht auf die arabische Welt zu unterlassen. Denn mit dem Begriff bekunde das feindliche Ausland, die Deutschen würden „Araber und Juden in einen Topf werfen“.[28]

Einige jüngere Antisemitismusforscher nehmen einen Zusammenhang des Begriffs Antisemitismus mit dem Konzept „semitischer Völker“ an und verquicken ihn mit einer weiteren Diskussion über den Begriff: Sie präferieren die Schreibung Anti-Semitismus mit Bindestrich, um darin die gemeinsame Rassifizierung von Juden und „semitischen Völkern“ zum Ausdruck zu bringen.[29]

Dieser Position wurde widersprochen: Die Philosophin Yolande Jansen und der Politikwissenschaftler Nasar Meer zum Beispiel präferieren selbst die Schreibung ohne Bindestrich, da es sich bei „Semiten“ lediglich um Konstruktionen der Geisteswissenschaften des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts sowie der ihnen folgenden Rassentheorien gehandelt habe, in der Realität weder „Semiten“ noch ein „Semitismus“ jemals existiert habe – so wie es auch nie ein Ariertum gab. Zugleich erachten sie eine Schreibung mit Bindestrich als zulässig, da Juden und Araber in diesen Rassentheorien in der Tat gemeinsam rassifiziert worden seien.[30] Dem widerspricht wiederum der Historiker Felix Wiedemann: Es gebe kaum Belege dafür, dass Juden und Araber bzw. das Judentum und Islam gemeinsam abgewertet und exkludiert wurden, was eine Schreibweise mit Bindestrich rechtfertigen würde. Zudem führe diese Schreibweise dazu, dass man an ein „(trans-)historisch greifbares Großkollektiv […] das sinnvoll als „Semiten“ adressiert werden könnte“, für real und wissenschaftlich erwiesen halte. Es sei aber immer eine Fiktion gewesen.[31.1] Die International Holocaust Remembrance Alliance votierte 2015 für die Schreibweise ohne Bindestrich und erklärte, Antisemitismus habe sich von Anfang an allein gegen Juden gerichtet.[32]

Da der Begriff Antisemitismus „die Sprachfamilie der Semiten als Rasse verstand und dabei jedoch nur Juden meine,“ bezeichnet die Politikwissenschaftlerin Svetlana Burmistr ihn als eine sprachliche „Missbildung“.[33] Der Soziologe Peter Ullrich spricht von einem „unglücklichen Neologismus“, auch weil von interessierter Seite oft argumentiert werde, dass zum Beispiel Araber nicht antisemitisch sein könnten, sie seien ja selber Semiten. Ullrich sieht hier Informationsdefizite oder Bauernschläue am Werk.[34] Laut Felix Wiedemann besteht über die „etymologische Sinnlosigkeit des Begriffs ‚Antisemitismus‘“ in der Antisemitismusforschung weitgehend Einigkeit. Hinter den skizzierten aktuellen Bemühungen, den Begriff wörtlich, also als Feindschaft gegen „Semiten“ zu verstehen, sieht er zum Teil politische Motive und Apologetik.[31.2]

Hauptformen

Antike Judenfeindschaft

Judenfeindschaft entstand in der Antike seit der Zerstörung des ersten Jerusalemer Tempels und Exilierung von Teilen der Israeliten (Babylonisches Exil 586–539 v. Chr.). Die exilierte Minderheit unterschied sich von der umgebenden Mehrheit durch ihre Ess-, Kleidungs-, Wohn- und Sabbat-Bräuche, mit denen sie sich der Assimilation entzog. Ihre Abgrenzungsmerkmale waren vor allem der Glaube an einen einzigen, unsichtbaren Schöpfergott (Monotheismus) mitsamt der Weigerung, andere Götter anzuerkennen, und an die Erwählung des Volkes Israel. Deswegen wurde das Judentum von Ägyptern, Griechen und Römern teils bewundert, teils abgelehnt und als Gefahr für den Zusammenhalt der bestehenden Gesellschaft empfunden. Auch die Sorge vor einer jüdischen Weltherrschaft kam damals schon auf.[35]

Seither gab es regionale Judenverfolgungen, etwa die Zerstörung der jüdischen Kolonie Elephantine unter Kambyses II. im Altpersischen Reich (410 v. Chr.)[36] und die Bedrohung des Tempelkults in Judäa durch den Seleukiden Antiochus IV. (167 v. Chr.).[37] Im Römischen Kaiserreich unter Caligula folgte auf jüdischen Widerstand gegen den Kaiserkult in Alexandria 38 n. Chr. ein schweres Judenpogrom.[38]

Ägyptische Autoren wie Manetho und griechische Autoren wie Apion fixierten ein negatives Judenbild, besonders das Klischee eines angeblichen jüdischen Menschenhasses, schriftlich und überlieferten es so späteren Bildungsschichten.[39] Die antike Judenfeindschaft beruhte wesentlich auf der Vorstellung von Juden als Fremden (Xenophobie), verstärkt durch die besonderen Merkmale der jüdischen Religion und Kultur. Sie gilt als historischer Vorläufer, jedoch nicht als Hauptursache des späteren Antisemitismus. Dieser entstand erst infolge der Abspaltung des Christentums vom Judentum.[35]

Antijudaismus

Als „Antijudaismus“ bezeichnet man eine vorwiegend religiös begründete Feindschaft von Christen gegen die jüdische Religion. Ausgangspunkt war die Trennung des Christentums vom Judentum ab der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels im Jahr 70. Gerade weil beide Gruppen sich auf die gleichen biblischen Überlieferungen bezogen und im Römischen Reich zeitweise gemeinsam verfolgt wurden, verschärfte sich ihre Konkurrenz. So verlagerten schon die ab 70 entstandenen Evangelien die Hauptschuld an der Kreuzigung Jesu von Römern auf Juden. Ungeachtet der projüdischen Haltung des Urchristentums wirkte antijüdische Polemik im Neuen Testament wie 1 Thess 2,15 EU, Mt 27,25 EU und Joh 8,44 EU als ständig erneuerter Vorwurf einer jüdischen Kollektivschuld am Tod Jesu weiter.[40]

Heidenchristen bestritten den biblischen Anspruch des Judentums auf die Erwählung zum „Volk Gottes“ und entwickelten bis 130 die Substitutionstheologie, die zur Lehre der ganzen Alten Kirche wurde. Zwar lehnte diese Marcions Lehre (~150) ab, der Erlöser Jesus Christus sei der Gegengott zum bösen Weltschöpfer JHWH, und bewahrten die jüdische Bibel als Altes Testament (AT). Sie legten dieses aber durchweg antijüdisch aus und bildeten mit Predigten und Adversus-Judaeos-Texten eine Fülle judenfeindlicher Stereotype aus.

Zentral wurde ab 160 der Vorwurf des Gottesmordes: Die Juden hätten den gottgleichen Sohn Gottes gekreuzigt und damit das denkbar größte, universale Verbrechen begangen. Zur Strafe habe Gott ihren Tempel zerstört und sie in fremde Länder zerstreut. Folglich könnten sie ihre Tora nicht mehr einhalten und keinen gültigen Gottesdienst mehr feiern. Sie seien gesetzlos, unmoralisch, blind und verstockt gegen die Erkenntnis Jesu als des wahren Messias, den die Bibel beweise.[41] Darum sei das Judentum bleibend verflucht. Juden könnten das Heil nur durch die christliche Taufe, also Aufgabe ihres Judeseins erlangen.

Als die Kirche im 4. Jahrhundert zur Staatsreligion des Römischen Reiches aufstieg, wirkte sich das etablierte christliche Feindbild sozialpolitisch aus: Juden erhielten einen verminderten Rechtsstatus. Augustinus von Hippo legte die lange gültige theologische Leitlinie dafür fest: Er erklärte die Juden zu „Büchersklaven“ der Christen, verbot aber auch, sie zu verfolgen und zu töten, um die von Gott gewollte Judenmission offenzuhalten.[42]

Im Hochmittelalter nahm die antijüdische Kirchenpolitik Züge einer systematischen Verfolgung an. Mit aus dem Gottesmorddogma entwickelten Legenden angeblicher Ritualmorde und Hostienfrevel wurden die Juden kriminalisiert und dämonisiert. Zudem wurden sie ab dem IV. Laterankonzil von 1215 auch räumlich in Judengassen, Judenvierteln oder Judenghettos isoliert und mit Kleiderordnungen markiert. Die Mitgliedschaft in einer Zunft und damit die Ausübung der meisten Handwerke wurde ihnen verwehrt.[43] Das führte immer wieder zu Judenpogromen, besonders oft an hohen christlichen Feiertagen, in den Kreuzzügen ab dem 11. Jahrhundert, während der Pestpandemie im 14. Jahrhundert (Pestpogrome) und der spanischen Reconquista im 15. Jahrhundert.[44]

In der Antisemitismusforschung war seit Joshua Trachtenbergs Buch The Devil and the Jews (1943)[45] lange das Narrativ verbreitet, dass nach dem Zinsverbot, das das Vierte Laterankonzil 1215 für Christen verhängt hatte, Juden aus anderen Berufen in den Geldverleih abgedrängt worden seien, den sie gegen hohe Schutzgelder an die Obrigkeit monopolisiert hätten. Daraus sei das langlebige Stereotyp des arbeitsscheuen, ausbeuterischen, geldgierigen und sich bereichernden „Wucherjuden“ entstanden.[46] Dieser Zusammenhang wird in der jüngeren Forschung als Mythos abgetan.[47] Tatsächlich waren die meisten mittelalterlichen Juden arm; davon, dass sie die in der Kommerziellen Revolution aufkommende Hochfinanz dominiert hätten, konnte keine Rede sein. Das Stereotyp des gierigen Wucherjuden basierte also nicht auf ihrem tatsächlichen ökonomischen Verhalten, sondern nur auf der religiös geprägten Vorstellung der Christen.[48]

Die Reformation schien zunächst eine Abkehr vom Antijudaismus anzubahnen. Martin Luther plädierte 1523 in seiner Schrift Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei dafür, die Dämonisierung der Juden und ihre soziale und berufliche Ausgrenzung zu beenden und sie in die christliche Gesellschaft aufzunehmen. Infolge fehlender Missionserfolge rief er jedoch 1543 in seiner Hetzschrift Von den Juden und ihren Lügen alle Fürsten zur Vertreibung der Juden, ihrer Verpflichtung zur Zwangsarbeit, Zerstörung ihrer Synagogen und Wohnungen auf. Dabei erneuerte er auch das Klischee des ausbeuterischen „Wucherjuden“ und überlieferte es in die Neuzeit (siehe Martin Luther und die Juden).[49]

Die Aufklärung übernahm einige antijudaistische Stereotype, etwa die Gegenüberstellung einer vermeintlich national begrenzten und materialistischen jüdischen Hassreligion entgegen einer universalen und idealistischen christlichen Liebesreligion. Im 19. Jahrhundert gingen christliche und rassistische Judenfeindschaft ineinander über. So belebten christliche und rassistische Judenfeinde gemeinsam die mittelalterlichen Ritualmordlegenden neu. Ab 1900 waren nationalistische Christen zugleich Antisemiten, so die evangelische Kirchenpartei Deutsche Christen der NS-Zeit. Erst ab etwa 1960 wandten sich einige Kirchen infolge des Holocaust allmählich von der traditionellen Substitutionstheologie und der Judenmission ab (siehe Kirchen und Judentum nach 1945).

Neuzeitlicher Antisemitismus

In den Säkularisierungsprozessen der Neuzeit traten religiöse Motive der Judenfeindschaft allmählich hinter ökonomische, politische und soziale Motive zurück. Diese überlagerten die tradierten Stereotypen, ohne sie abzulösen.[50] Das etablierte Klischee des Wucherjuden bezog sich auf den Sozialstatus von Juden, der seit dem Mittelalter von Berufsverboten und Verdrängung in verachtete Berufe des Handels und Geldverleihs geprägt war. So wurde das Judentum im Frühkapitalismus mit Börse, Finanzkapital und Geldgier gleichgesetzt.[51] Dabei bestärkte die Praxis der Fürsten, wohlhabende Hofjuden zu berufen, dieses etablierte Judenbild. Benachteiligte Stände und aufstrebendes Bürgertum lehnten die ohnehin ausgegrenzten Juden nun aus Sozialneid und Konkurrenz, als angebliche Verursacher von Wirtschaftskrisen oder als Vertreter absolutistischer Herrscher ab. Dies zeigte etwa der Justizmord an Joseph Süß Oppenheimer im Jahr 1737 und die Feindschaft gegen das 1760 entstandene Bankhaus Rothschild.[52] Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen zudem, dass solche tradierten judenfeindlichen Zuschreibungen selbst in modernen Finanzkontexten fortwirken und die moralische Bewertung identischer ökonomischer Handlungen beeinflussen können.[53]

Im 18. Jahrhundert übernahmen auch Vertreter der Aufklärung im Rahmen ihrer Religionskritik überlieferte judenfeindliche Stereotypen. Voltaire etwa behauptete: Die Juden seien „kraft ihrer eigenen Gesetze, natürliche Feinde dieser Nationen und schließlich der ganzen Menschheit.“ Das Judentum trage einen „unversöhnlichen Haß gegen alle Völker zur Schau“. Immanuel Kant sprach vom „Wuchergeist“ der Juden und bezichtigte sie des Betrügens, ähnlich später Johann Gottfried Herder und Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Das Klischee des Wucherjuden blieb also epochenübergreifend auch dort bestehen, wo vernunftgemäße Selbstbestimmung auch Juden den Weg zu sozialer Emanzipation ebnen sollte. Die Forschung führt Judenhass daher nicht auf Bildungsmängel zurück.[54]

Die Französische Revolution von 1789 begünstigte europaweit die Bildung von Nationalstaaten mit allgemeinen Bürgerrechten und damit eine jüdische Emanzipation. Diese entsprach dem Übergang von einem statischen Privilegiensystem zur dynamischen Klassengesellschaft, die auf Besitz und Leistung statt Geburtsrechten beruhte. In Deutschland bekämpften sowohl Adelige als auch Bauern, Händler, Handwerker und Kaufleute die Gleichstellung der Juden, ebenso die Nationalbewegung zwischen den Befreiungskriegen ab 1813 und den Revolutionen 1848/1849. Dieser nationale Antisemitismus richtete sich gerade gegen die zu Anpassung und Integration bereiten Juden.[55]

Politischer Antisemitismus sieht die als homogenes Kollektiv gedachten Juden als einflussreiche soziale Macht, die sich in politischer Absicht zu gemeinsamem Handeln zusammengeschlossen hätten, um die Herrschaft in einem Land oder gleich die Weltherrschaft zu erreichen. Dies soll durch eine geheime Planung in Gestalt einer „jüdischen Weltverschwörung“ geschehen. Ein Beispiel dafür sind die Protokolle der Weisen von Zion.[56] Eng damit verbunden ist der kulturelle Antisemitismus, der Juden auf kultureller Ebene für angeblich verderbliche Entwicklungen verantwortlich macht. Irritierende Neuerungen in Architektur, Kunst, Literatur oder Musik sahen Antisemiten als Folge des jüdischen Einflusses, der als dekadent bewertet, mit der kulturellen Moderne identifiziert und abgelehnt wurde. Als Beispiel dafür gilt die von der NS-Propaganda so bezeichnete „entartete Kunst“.[57]

Der europäische, besonders der deutsche Nationalismus sah in den Juden eine nicht zur eigenen Nation gehörende Minderheit, einen Fremdkörper. Er betonte angebliche ethnische Unterschiede, kulturelle Gegensätze und mangelnde Loyalität der Juden gegenüber der eigenen Nation. Doch ließ er ihnen die Perspektive von Assimilation und Religionsübertritt offen, um ihre Diskriminierung zu überwinden.

Post-Holocaust-Antisemitismus

Die Judenfeindschaft „nach Auschwitz“ bezieht sich direkt oder indirekt auf die Shoa und wird auch als „Schuldabwehr“-Antisemitismus bezeichnet.[57] Weil sie alte Stereotype der „jüdischen Rachsucht, Gier und Machtausübung“ zu „Holocaustausbeutung“, „nachtragender Unversöhnlichkeit“ und einem angeblichen „Kritiktabu wegen Auschwitz“ aktualisiert, spricht die empirische Forschung dabei nicht mehr vom „sekundären Antisemitismus“.[58]

Der militärische Sieg der Alliierten über den NS-Staat beendete den Holocaust und den Antisemitismus als deutsche Staatsideologie. In der Bundesrepublik Deutschland wurde Antisemitismus fortan öffentlich geächtet, bestand aber in erheblichen Teilen der Bevölkerung fort. Antisemitismus als Erinnerungsabwehr unterstellt, die Erinnerung an den Holocaust diene nur zur Diffamierung der nationalen Identität, Durchsetzung fortgesetzter Wiedergutmachungzahlungen an Israel und politischen Legitimation von dessen Politik im Nahen Osten.[59]

Israel-bezogener und antizionistischer Antisemitismus

Antizionismus entstand als Opposition zur vielgestaltigen jüdischen Bewegung des Zionismus und ist nicht zwangsläufig antisemitisch. Auch manche religiösen oder nichtreligiösen jüdischen Gruppen lehn(t)en – besonders in der Zeit der Gründung der zionistischen Bewegung durch Theodor Herzl auf dem ersten Zionistenkongress 1897 und noch während der Gründungsphase Israels – den Zionismus ab.[60]

Ab etwa 1950 machte die Sowjetunion den Ausdruck zum Mittel ihrer Propaganda, um sich mit arabischen Staaten gegen Israel zu verbünden. Westliche, linksgerichtete Gruppen, die einen Antiimperialismus vertraten, übernahmen den Begriff in diesem Sinn.[61]

Laut dem Antisemitismusforscher Robert S. Wistrich ist Antizionismus nicht von vornherein antisemitisch, greift aber seit 1948 zunehmend antisemitische Stereotype auf mit dem Ziel, den Staat Israel zu zerstören. Antizionismus habe sich zur gefährlichsten und wirksamsten Form des Antisemitismus der Gegenwart entwickelt, die linke, rechtsextreme, muslimische und christliche Israelfeinde verbinde.[62]

Laut Monika Schwarz-Friesel projiziert heutiger Antizionismus das Konzept des „kollektiven Juden“ auf den 1948 gegründeten Staat Israel und stuft ihn stereotyp als Terror- und Unrechtsstaat, Apartheids- und Rassismusregime, „Kindermörderstaat“ und ähnliches ein. Die Stereotype folgten dem Muster des altbekannten Judenhasses: Israel sei an allem Schuld, sei der Teufel unter den Ländern der Erde, man müsse diesen Staat boykottieren und letztlich auflösen. Diese Form nahm ab den 1960er Jahren enorm zu und gilt in der Forschung als aktuell öffentlich vorherrschende Variante des Judenhasses. Zu ihrer Akzeptanz trägt bei, dass die Vertreter ihren Hass als politisch legitime Israelkritik verdecken und bestreiten, Antisemiten zu sein.[63] Die Symbiose von klassischem und Israel-bezogenem Judenhass, seine Tarnung als legitime Gesellschaftskritik oder Israelkritik, die Betonung eines starken Anti-Rassismus, der als sozial und moralisch notwendig gedeutet wird, und das vehemente Abstreiten des eigenen Antisemitismus sind heute besonders bei linken und gebildeten Antisemiten verbreitet.[64] Diese Form des Antisemitismus herrscht auch in linken Subkulturen und im Kulturbetrieb vor, darunter in der Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions (BDS), in intersektionalen, antirassistischen, antiimperialistischen und antiklassistischen Denkrichtungen, in der Klimabewegung, der queeren Community, feministischen Bündnissen, Clubkultur, Hiphop, Punk und Hardcore.[65] Auch in postkolonialen Strömungen werden antisemitische Tendenzen beobachtet.[66]

In Israel lebt heute ein großer Anteil aller Juden weltweit; dieser Staat versteht sich seit dem Rückkehrgesetz von 1950 sowie gemäß dem Nationalstaatsgesetz als Zufluchtsort aller Juden.[67] Antizionismus oder „Israelkritik“, die klassische antisemitische Stereotype auf Israel überträgt, sein Existenzrecht bestreitet, NS-Vergleiche benutzt, Täter-Opfer-Umkehr vollzieht und Zionismus mit Rassismus gleichsetzt, wird darum oft als Tarnung (Camouflage) von Antisemitismus beurteilt.[68]

In islamischen und arabischen Staaten ist Antizionismus oft mit Islamismus verbunden. Sofern dieser den Islam antisemitisch interpretiert und dabei Motive aus dem europäischen Antisemitismus aufgreift, sprechen manche Forscher von einem „islamischen Antisemitismus“.[69] Im arabischen Raum entstand bereits mit der zionistischen Besiedlung Palästinas ab Ende des 19. Jahrhunderts ein antisemitischer Antizionismus. Dort wurden aus Europa importierte antisemitische Muster von islamistischen Bewegungen aufgegriffen und zunehmend zur Interpretation des Nahostkonflikts verwendet.[70] Auch bei Nichtmuslimen dient Antizionismus oft dazu, sich gegen Antisemitismusvorwürfe zu immunisieren, um Israel wie „die Juden“ zu dämonisieren, zu delegitimieren und zu isolieren. Die Israelfeindschaft verbindet linken Antiimperialismus, Rechtsextremismus und Islamismus und wirkt als potentielle Bedrohung aller Juden.[71]

Im Dezember 2024 erklärte die Politikerin und israelische Antisemitismus-Beauftragte Michal Cotler-Wunsh im Interview mit der Zeitung Der Standard: „Israel ist der Jude unter den Nationen, und der Hass auf Israel, der einzige jüdische Staat, ist bloß eine neue Form des alten Antisemitismus.“[72]

Der Präsident der Israelischen Akademie der Wissenschaften, der Informatiker David Harel, schrieb im Juni 2025 in der FAZ:

„Im Raum stehen derzeit drei israelkritische Narrative, die oft miteinander verwechselt werden, bewusst oder unbewusst. Ich möchte sie allgemeinverständlich übersetzen:

1. Antisemitismus bedeutet: „Die Juden sollen verschwinden.“

2. Antiisraelismus beziehungsweise Antizionismus bedeutet: „Der Staat Israel soll verschwinden.“

3. Kritik an Israels Maßnahmen bedeutet: „Die gegenwärtige Regierung soll verschwinden.“

Gegen die ersten beiden Narrative müssen wir entschlossen eintreten, umso mehr, wenn sie häufig als politische Kritik getarnt sind... Mit derselben Entschlossenheit plädiere ich dafür, das dritte Narrativ ernst zu nehmen.“[73]

Dieses „dritte Narrativ“ erläuterte Michel Friedman in einem Interview im August 2025: „Ich bin ein Gegner der israelischen Regierung, das hat mit diesem Krieg gar nichts zu tun, sondern mit ihren Angriffen auf den Rechtsstaat vor dem Krieg und mit diesen radikal religiösen Parteien in der Koalition. Für diesen Rechtsstaat haben jede Woche 100.000 bis 150.000 Menschen demonstriert. Das entspräche in Deutschland 1,5 Millionen Menschen. Selbst jetzt, während des Krieges, wird gegen die Regierung demonstriert. Da wurde mir klar, die israelische Demokratie geht nicht kaputt, denn eine Demokratie lebt von ihren aktiven Demokraten, den Menschen, die sie mittragen. In Deutschland hingegen haben wir aktive Berufspolitiker – und sehr viele gelangweilte, dekadente und gleichgültige Demokraten, was mir Sorgen bereitet.“ Auf die Frage nach der Unterscheidung von „heimischem“ und „importiertem Antisemitismus“ in Deutschland antwortete Friedman: „Antisemitismus ist Antisemitismus ist Antisemitismus. Wir haben traditionell in Europa einen rechtsextremistischen, aber auch einen linksextremistischen Antisemitismus. Den Ursprung aller Judenhassfantasien bildet der Antijudaismus der christlichen Kirche. Sie erfand die ersten globalen Fake News: Sie erzählte die große Lüge, Jesus sei von Juden umgebracht worden – und ihre Missionare trugen diese Legende in die ganze Welt. Sie haben aber recht: In den letzten Jahrzehnten wächst der islamistische Judenhass als eine weitere Bedrohung für jüdisches Leben. Ob von links, rechts oder islamistischer Seite: Jüdische Menschen werden angepöbelt, geschubst oder beschimpft. Was mich allerdings auch zutiefst erschüttert, ist die Gleichgültigkeit derjenigen, die das sehen und nichts tun. Man muss kein Held sein, um die 110 anzurufen und um Hilfe zu bitten.“[74]

Definitionen

Die verschiedenen Definitionsversuche des Phänomens spiegeln zum einen den Wandel der Formen des Judenhasses selbst, zum anderen den Fortgang der Forschung dazu.

1945 bis 1990

Nach 1945 vermieden Wörterbücher jede Antisemitismusdefinition, die (wie etwa das Brockhaus Conversationslexikon ab 1882) Juden jene Charaktereigenschaften unterstellte, die Antisemiten ihnen zuschreiben. Manche definieren Antisemitismus streng als rassistischen Judenhass, der sich qualitativ von anderen Formen unterscheide, wie es der singuläre Holocaust gezeigt habe. Dieser sei besonders gefährlich, da behauptete Rasseneigenschaften der Juden ihre Ausrottung als einzig denkbare Lösung erscheinen ließen. Diese Definition schließt jedoch die meisten virulenten Formen von religiös begründetem Judenhass (Antijudaismus) aus.

Andere moderne Definitionen ordnen Antisemitismus als bloße Variante eines ethnischen Vorurteils oder Fremdenfeindlichkeit ein, etwa das einflussreiche Merriam-Webster’s Collegiate Dictionary seit 1961: Antisemitismus sei „Feindlichkeit oder Diskriminierung gegenüber Juden als einer religiösen, ethnischen oder rassischen Gruppe“. Manche Historiker verallgemeinern dies zur „Abneigung gegen das Andere“ (dislike of the unlike). Dann wäre Judenhass nur durch die Objektgruppe von anderem Rassismus (etwa gegen Dunkelhäutige) oder Ethnozentrismus (etwa gegen Hispanics) verschieden. Diese Definition hatte zeitweise praktische, politische und juristische Vorteile, weil allgemeiner Minderheitenschutz vor Diskriminierung auch Juden stärker vor Verfolgung zu schützen schien. Manche Historiker betonen zwar eine höhere Intensität von Judenhass gegenüber anderem Minderheitenhass, vernachlässigen aber die Ursache dafür in dessen besonderer Eigenart. Folglich verfehlen sie auch den qualitativen Unterschied zwischen dem bloßen Zeigen eines antisemitischen Symbols wie dem Hakenkreuz und ausgeführter industrieller Judenvernichtung wie im KZ Auschwitz.[75]

Dagegen definierten die Autoren der Studie The Authoritarian Personality (1950) um Theodor W. Adorno Antisemitismus als „Ideologie mit stereotypen negativen Ansichten über Juden, die sie als bedrohlich, unmoralisch, kategorisch verschieden von Nicht-Juden, mit akuten feindlichen Haltungen darstellen und auf ihre Beschränkung, Ausschließung und Unterdrückung drängen, um die ‚Judenfrage‘ zu lösen“. Diese Definition ist laut Kenneth L. Marcus (Louis D. Brandeis Center for Human Rights Under Law) auch auf heutigen Antizionismus anwendbar: Ersetze man das Wort „Juden“ darin durch das Wort „Israel“, dann umfasse sie auch das Übertragen klassischer antisemitischer Stereotype auf den Staat Israel (den „Juden unter den Staaten“) und damit verbundene Forderungen zur „Lösung des Israelproblems“, das sich somit als Problem der Nichtjuden erweise.[76]

Ab 1966, also noch vor dem Sechstagekrieg von 1967, ergänzte das Merriam-Webster-Dictionary seine Definition: Antisemitismus könne auch „Opposition zum Zionismus“ und „Sympathie mit den Gegnern des Staates Israel“ bedeuten. Dies schloss theologisch begründete Ablehnung Israels, wie sie etwa die ultraorthodoxe Neturei Karta vertritt, Ablehnung jedes Nationalismus und gewöhnliche Kritik an substantieller Politik Israels aus. Der Definitionszusatz setzte sich nicht durch, machte aber auf die Verbindung von Antizionismus und Antisemitismus aufmerksam.[77]

Die Genozidforscherin Helen Fein ergänzte 1987 in ihrer Definition die soziologisch-kulturellen Aspekte: Antisemitismus sei „eine anhaltende latente Struktur feindlicher Überzeugungen gegenüber Juden als Kollektiv, die sich in Individuen als Einstellungen und in der Kultur als Mythos, Ideologie, Folklore und Bildsprache und in Handlungen manifestieren – soziale oder rechtliche Diskriminierung, politische Mobilisierung gegen Juden und kollektive oder staatliche Gewalt, was dazu führt und/oder dazu bestimmt ist, Juden als Juden zu distanzieren, zu verdrängen oder zu zerstören.“[78]

EUMC- und IHRA-Arbeitsdefinitionen

Die Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) verzeichnete ab 2001 eine Zunahme antisemitischer Tendenzen.[79] Um die strafrechtliche Behandlung solcher Tendenzen in den EU-Staaten zu erleichtern und zu vereinheitlichen, veröffentlichte die EUMC 2005 eine Arbeitsdefinition:

Antisemitismus ist demnach eine bestimmte Wahrnehmung, die sich als Hass auf jüdische oder nichtjüdische Individuen, ihr Eigentum, ihre Institutionen oder den Staat Israel richten kann. Er „klagt Juden häufig der Verschwörung zum Schaden der Menschheit an und wird oft benutzt, um Jüdinnen und Juden dafür verantwortlich zu machen, wenn etwas falsch läuft‘.“ Er drücke sich in Worten, Texten, Bildern und Taten aus und verwende dazu „unheilvolle Stereotypen und negative Charakterzüge“, etwa:

  • Aufrufe zum Töten oder Schädigen von Juden im Namen einer radikalen Ideologie oder extremistischen religiösen Sicht,
  • verlogene, entmenschlichende, dämonisierende oder stereotype Behauptungen über Juden oder die kollektive Macht von Juden, etwa eines Weltjudentums oder jüdischer Kontrolle von Medien, Regierungen usw.,
  • Juden kollektiv für reale oder vermeintliche Vergehen einzelner oder mehrerer Juden oder Nichtjuden zu beschuldigen,
  • Holocaustleugnung,
  • Juden als Kollektiv oder Israel zu beschuldigen, sie hätten den Holocaust erfunden oder dramatisiert,
  • jüdische Staatsbürger zu beschuldigen, sie seien loyaler gegenüber Israel oder vermeintlichen jüdischen Prioritäten weltweit als gegenüber ihren eigenen Staaten,
  • das Selbstbestimmungsrecht von Juden abzulehnen, etwa zu behaupten, Israel sei ein rassistisches Projekt,
  • doppelte Standards anzuwenden, also von Israel Verhalten zu fordern, das von keiner anderen demokratischen Nation erwartet wird,
  • klassisch-antisemitische Symbole und Bilder wie den Gottesmord-Vorwurf oder die Ritualmordlegende auf Israel oder Israelis anzuwenden,
  • Israels aktuelle Politik mit der Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus zu vergleichen,
  • eine Kollektivverantwortung der Juden für Israels Politik zu behaupten.

Kritik, die an Israel ähnlich wie an anderen Staaten geäußert wird, könne jedoch nicht als antisemitisch eingestuft werden.[80]

Die 34 Mitgliedsstaaten der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) übernahmen am 15. Mai 2016 die EUMC-Definition fast unverändert. Der Beschlusstext und Mitautoren des EUMC-Definitionstextes betonen, dass dieser „nicht für die Umsetzung in europäisches oder nationales Recht gedacht“ gewesen sei.[81] Auch die Arbeitsdefinition „Antisemitismus“ des European Forum on Antisemitism (EFA) beruht auf der EUMC-Definition von 2005.

Der Ministerrat Österreichs übernahm die IHRA-Arbeitsdefinition am 21. April 2017.[82] Die deutsche Bundesregierung übernahm sie im September 2017 und zählte dabei den ersten Beispielsatz zur Definition:[83][84]

„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen. Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.“

Die IHRA-Definition führt folgende aktuelle Beispiele von Antisemitismus im öffentlichen Leben, in den Medien, Schulen, am Arbeitsplatz und in der religiösen Sphäre auf, die unter Berücksichtigung des Gesamtkontexts folgendes Verhalten einschließen können, ohne darauf beschränkt zu sein.

„Beispiele:

  • Der Aufruf zur Tötung oder Schädigung von Juden im Namen einer radikalen Ideologie oder einer extremistischen Religionsanschauung sowie die Beihilfe zu solchen Taten oder ihre Rechtfertigung.
  • Falsche, entmenschlichende, dämonisierende oder stereotype Anschuldigungen gegen Juden oder die Macht der Juden als Kollektiv – insbesondere aber nicht ausschließlich die Mythen über eine jüdische Weltverschwörung oder über die Kontrolle der Medien, Wirtschaft, Regierung oder anderer gesellschaftlicher Institutionen durch die Juden.
  • Das Verantwortlichmachen der Juden als Volk für tatsächliches oder unterstelltes Fehlverhalten einzelner Juden, einzelner jüdischer Gruppen oder sogar von Nicht-Juden.
  • Das Bestreiten der Tatsache, des Ausmaßes, der Mechanismen (z. B. der Gaskammern) oder der Vorsätzlichkeit des Völkermordes an den Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Unterstützer und Komplizen während des Zweiten Weltkrieges (Holocaust).
  • Der Vorwurf gegenüber den Juden als Volk oder dem Staat Israel, den Holocaust zu erfinden oder übertrieben darzustellen.
  • Der Vorwurf gegenüber Juden, sie fühlten sich dem Staat Israel oder angeblich bestehenden weltweiten jüdischen Interessen stärker verpflichtet als den Interessen ihrer jeweiligen Heimatländer.
  • Das Aberkennen des Rechts des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung, z. B. durch die Behauptung, die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches Unterfangen.
  • Die Anwendung doppelter Standards, indem man von Israel ein Verhalten fordert, das von keinem anderen demokratischen Staat erwartet oder gefordert wird.
  • Das Verwenden von Symbolen und Bildern, die mit traditionellem Antisemitismus in Verbindung stehen (z. B. der Vorwurf des Christusmordes oder die Ritualmordlegende), um Israel oder die Israelis zu beschreiben.
  • Vergleiche der aktuellen israelischen Politik mit der Politik der Nationalsozialisten.
  • Das kollektive Verantwortlichmachen von Juden für Handlungen des Staates Israel.“[85]

Kritik an der IHRA-Arbeitsdefinition

Der Politikwissenschaftler und Soziologe Armin Pfahl-Traughber bemängelt an der Arbeitsdefinition fehlende Klarheit, Trennschärfe und Vollständigkeit und plädiert für deren grundlegende Überarbeitung. Es werde nicht deutlich, worin genau die „bestimmte Wahrnehmung“ bestehe. Antisemitismus sei keine Kritik, sondern Feindschaft „gegen Juden als Juden“. Zwar sei an der Definition begrüßenswert, dass artikuliert wird, dass sich die Judenfeindschaft der Gegenwart häufig genug über den Umweg der Israelfeindschaft ausdrücke, diese werde jedoch überbetont, die anderen Ideologievarianten des Antisemitismus kämen nur am Rande vor.[86]

Die American Civil Liberties Union in den USA kritisierten die Definition, da sie viel zu breit sei und dazu benutzt werden könne, von der Redefreiheit gedeckte Kritik an Israel zu unterdrücken.[87]

Auch der israelische Historiker Moshe Zimmermann kritisiert die „Schwammigkeit“ der IHRA-Definition. Sie erlaube es, jede Art von Kritik an Israel als antisemitisch zu bezeichnen. Das führe zu einer inflationären Verwendung des Begriffs und dazu, dass „dort, wo Antisemitismus wirklich zu finden ist, […] er möglicherweise nicht erkannt“ werde.[88]

Der Philosoph und Soziologe Peter Ullrich bezeichnet in einem Gutachten im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung den Anspruch der IHRA-Definition, alle mit der Begriffsklärung verbundenen Probleme lösen und zugleich allgemein anwendbar sein zu wollen, als „gescheitert“. Sie sei wenig präzise und in sich widersprüchlich und lasse zudem eklatante Leerstellen. Sie ermögliche es, missliebige Positionen zum Nahostkonflikt zu stigmatisieren und öffentlich zu benachteiligen, was Ullrich „angesichts ihres quasi-rechtlichen Status als Bedrohung der Meinungsfreiheit“ bewertet. Zudem verschleiere sie, dass die größte Gefahr von rechts komme.[89]

Im Dezember 2019 erklärte Kenneth S. Stern, er sei als Antisemitismusexperte des American Jewish Committee der Hauptautor der Arbeitsdefinition gewesen. Politisch rechtsgerichtete jüdische Gruppierungen hätten die Definition ab 2010 jedoch als Waffe gegen die Meinungsfreiheit verwendet.[90]

Im Dezember 2019 warnten 127 jüdische und israelische Intellektuelle das französische Parlament in einem offenen Brief, die „unklare und ungenaue“ IHRA-Definition anzunehmen. Diese bringe „bewusst Kritik und Opposition gegen die politischen Maßnahmen des Staates Israel mit Antisemitismus in Verbindung“ und führe eine „ungerechtfertigte Doppelmoral zugunsten Israels und gegen die Palästinenser“ ein.[91]

David Feldman schrieb im Dezember 2020, die IHRA-Definition sei mangelhaft, schwammig, verwirrend und nicht geeignet, jüdische Studenten und Lehrende an britischen Universitäten zu schützen. Sie biete auch keine klare Antwort, ob etwa Boykott-Aufrufe gegen Israel inhärent antisemitisch seien. Joe Mann, der „Antisemitismus-Guru“ der britischen Regierung, schrieb beispielsweise, Boykotte seien von der IHRA-Definition nicht erfasst.[92]

Am 11. Januar 2021 verurteilten mehr als siebzig britische Akademiker in einem offenen Brief die Einführung der IHRA-Arbeitsdefinition durch die Regierung und forderten die britischen Universitäten und Studenten auf, die „inhärent falsche“, „vage“ und „inhaltsarme“ Definition abzulehnen bzw. zurückzunehmen.[93]

Im Februar 2020 unterzeichneten mehr als 600 kanadische Akademiker eine Petition gegen die IHRA-Definition.[94]

Im Januar 2021 gab eine Reihe linker jüdischer Organisationen in den USA – Ameinu, Americans for Peace Now, Habonim Dror North America, Hashomer Hatzair World Movement, Jewish Labor Committee, J Street, New Israel Fund, Partners for Progressive Israel, Reconstructing Judaism und T’ruah – eine Erklärung heraus, in der sie die Annahme der IHRA-Definition ablehnen.[95]

Im März 2021 sprachen sich mehr als 150 jüdische Hochschullehrer in Kanada in einem offenen Brief gegen die Annahme der IHRA-Definition aus.[96]

Im April 2023 kritisierten 60 Menschenrechtsorganisationen und NGOs (darunter die American Civil Liberties Union, B’Tselem, Human Rights Watch, das American Friends Service Committee, Combatants for Peace, European Jews for a Just Peace, medico international und das Israeli Committee Against House Demolitions) die IHRA-Definition, da sie häufig dazu verwendet werde, Kritik an Israel als „antisemitisch“ zu verunglimpfen. Die Organisationen forderten die UNO in einer gemeinsamen Erklärung auf, die IHRA-Definition nicht zu übernehmen.[97]

Jerusalemer Erklärung

Bis März 2021 verfassten rund zwanzig Wissenschaftler die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus (JDA), die dann rund 360 weitere Wissenschaftler aus aller Welt unterzeichneten.[98] Sie soll eine kohärente und politisch neutrale Definition anbieten und damit die IHRA-Definition ergänzen und verbessern. Sie definiert Antisemitismus als „Diskriminierung, Vorurteil, Feindseligkeit oder Gewalt gegen Jüdinnen und Juden als Jüdinnen und Juden (oder jüdische Institutionen als jüdische)“ und liefert dazu 15 Leitlinien. Zentral ist für sie die Unterscheidung zwischen Antizionismus und Antisemitismus und die Einordnung des Kampfes gegen Antisemitismus in den größeren Kampf gegen andere Formen von Rassismus und Diskriminierung.[99] Unterstützende der IHRA-Arbeitsdefinition kritisieren, dies behindere den Kampf gegen israelbezogenen Antisemitismus. Fürsprache erfährt die JDA hingegen u. a. von palästina-solidarischen Personen und Gruppen oder der BDS-Bewegung.[100]

Nationale Strategien gegen Antisemitismus

Die Europäische Kommission setzt sich innerhalb der EU sowie international für die Bekämpfung von Antisemitismus ein. Die EU-Mitgliedstaaten verpflichteten sich 2020, durch neue nationale Strategien oder Maßnahmen im Rahmen bestehender nationaler Strategien und/oder Aktionspläne zur Verhütung von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Radikalisierung und gewaltbereitem Extremismus alle Formen von Antisemitismus zu verhüten und zu bekämpfen.[101][102] Die Kommission legte im Oktober 2021 erstmals eine „EU-Strategie zur Bekämpfung von Antisemitismus und zur Förderung jüdischen Lebens“ vor. Die drei zentralen Elemente der Strategie für den Zeitraum 2021 bis 2030 sind: (1.) Verhütung und Bekämpfung aller Formen von Antisemitismus, (2.) Schutz und Förderung jüdischen Lebens in der EU, (3.) Aufklärung, Forschung und Gedenken an den Holocaust.[101][103]

Die US-amerikanische Regierung unter Präsident Joe Biden gab im Mai 2023 ihre „U.S. National Strategy to Counter Antisemitism“ heraus. Sie beinhaltet: (1.) Sensibilisierung zu Antisemitismus und der daraus entstehenden Gefahr für Amerika sowie größere Anerkennung des jüdisch-amerikanischen Erbes, (2.) Verbesserung der Sicherheit für jüdische Gemeinden, (3.) Bekämpfung antisemitischer Diskriminierung, (4.) Aufbau gemeinschaftsübergreifender Solidarität und gemeinsamer Aktionen gegen Hass.[104]

Siehe auch

Literatur

Die Literatur für diesen Überblicksartikel beschränkt sich auf allgemeine Darstellungen zum Gesamtphänomen, zu Begriff und Definitionen des Antisemitismus. Spezialliteratur ist den verlinkten Spezialartikeln vorbehalten.

Begriff

  • Micha Brumlik: Antisemitismus. Reclam, Ditzingen/Stuttgart 2020, 100 Seiten. ISBN 978-3-15-020533-4.
  • Thomas Nipperdey, Reinhard Rürup: Antisemitismus. In: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe: Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Band 1: A–D. Klett-Cotta, Stuttgart 2004, ISBN 3-608-91500-1, S. 129–153
  • Georg Christoph Berger Waldenegg: Antisemitismus. Eine „gefährliche Vokabel“? Diagnose eines Wortes. Böhlau, Wien 2003, ISBN 3-205-77096-X

Definitionen

  • Peter Ullrich, Sina Arnold, Anna Danilina, Klaus Holz, Uffa Jensen, Ingolf Seidel, Jan Weyand (Hrsg.): Was ist Antisemitismus? Begriffe und Definitionen von Judenfeindschaft. Wallstein, Göttingen 2024, ISBN 978-3-8353-5070-0.
  • Dina Porat: Definitionen des Antisemitismus. Kontroversen über den Gegenstandsbereich eines streitbaren Begriffs. In: Marc Grimm, Bodo Kahmann (Hrsg.): Antisemitismus im 21. Jahrhundert. De Gruyter / Oldenbourg, Berlin 2020, ISBN 978-3-11-071003-8, S. 27–49

Haupttypen, Geschichtsüberblick

Commons: Antisemitism – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Antisemitismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Empirische Studien

Andere

Dokumentarfilm

  • Eine Geschichte des Antisemitismus, vierteilige Dokumentarreihe von Arte, Frankreich 2022: Teile 1, 2, 3, 4.

Einzelnachweise

  1. ↑ Armin Pfahl-Traughber: Antisemitismus in der deutschen Geschichte, Berlin 2002, S. 10–13
  2. ↑ Andreas Zick: Aktueller Antisemitismus im Spiegel von Umfragen – ein Phänomen der Mitte. In: Monika Schwarz-Friesel, Evyatar Friesel, Jehuda Reinharz (Hrsg.): Aktueller Antisemitismus – ein Phänomen der Mitte. De Gruyter, Berlin 2010, ISBN 978-3-11-023010-9, S. 225–246, hier S. 234 und öfter
  3. Thomas Nipperdey, Reinhard Rürup: Antisemitismus. In: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Band 1. Klett-Cotta, Stuttgart 1972, ISBN 3-12-903850-7.
    1. ↑ S. 130.
    2. ↑ S. 129 f.
    3. ↑ S. 138.
    4. ↑ S. 141.
  4. ↑ Thomas Nipperdey, Reinhard Rürup: Antisemitismus. In: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Band 1. Klett-Cotta, Stuttgart 1972, ISBN 3-12-903850-7, S. 131.
    Gideon Botsch, Werner Treß: Moderner Antisemitismus und Sattelzeit. Das Beispiel Paul de Lagarde. In: Heike Behlmer, Thomas L. Gertzen, Orell Witthuhn (Hrsg.): Der Nachlass Paul de Lagarde. Orientalistische Netzwerke und antisemitische Verflechtungen. De Gruyter Oldenbourg, Berlin, Boston 2020, ISBN 978-3-11-061546-3, S. 118.
  5. Gideon Botsch, Werner Treß: Moderner Antisemitismus und Sattelzeit. Das Beispiel Paul de Lagarde. In: Heike Behlmer, Thomas L. Gertzen, Orell Witthuhn (Hrsg.): Der Nachlass Paul de Lagarde. Orientalistische Netzwerke und antisemitische Verflechtungen. De Gruyter Oldenbourg, Berlin, Boston 2020, ISBN 978-3-11-061546-3.
    1. ↑ S. 118 f.
    2. ↑ S. 121.
  6. ↑ Bjoern Weigel: La France Juive (Édouard Drumont, 1886). In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 6: Publikationen De Gruyter Saur, Berlin 2013, ISBN 978-3-11-025872-1, S. 215.
  7. ↑ Karl Heinrich von Lang: Hammelburger Reise. Fünfte Fahrt. Oder: Meine Verwaltung in Neugescheid. Ansbach 1822, S. 5 (Volltext in der Google-Buchsuche).
    Vergleiche Gideon Botsch, Werner Treß: Moderner Antisemitismus und Sattelzeit. Das Beispiel Paul de Lagarde. In: Heike Behlmer, Thomas L. Gertzen, Orell Witthuhn (Hrsg.): Der Nachlass Paul de Lagarde. Orientalistische Netzwerke und antisemitische Verflechtungen. De Gruyter Oldenbourg, Berlin, Boston 2020, ISBN 978-3-11-061546-3, S. 119.
  8. ↑ Thomas Carlyle: The Life of John Sterling. Charles Scribner’s Sons, New York 1900, S. 3 (archive.org).
    Siehe antisemitic. In: Oxford English Dictionary. 2025, doi:10.1093/OED/9000501930.
  9. ↑ Cornelia Schmitz-Berning: Antisemitismus. In: Vokabular des Nationalsozialismus. 2. Auflage. Walter de Gruyter, Berlin, New York 2007, S. 34 (archive.org).
  10. ↑ Heymann Steinthal: Zur Charakteristik der semitischen Völker. In: Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft. Band 1, 1860, S. 328–340 (digitale-sammlungen.de).
  11. ↑ Moritz Steinschneider: Hebräische Bibliographie. Blätter für neuere und ältere Literatur des Judenthums. Band 3. A. Asher, Berlin 1860, S. 16 (digitale-sammlungen.de).
    Vergleiche Alex Bein: Die Judenfrage: Biographie eines Weltproblems, Band II. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1980, S. 164 f.
  12. ↑ Zum Beispiel Antisemitismus. In: Georg Herlitz, Bruno Kirschner (Hrsg.): Jüdisches Lexikon. Band 1. Jüdischer Verlag, Berlin 1927, Sp. 331 f. (archive.org).
  13. ↑ Gustav Weil: Semitische Völker. In: Karl von Rotteck, Karl Welcker (Hrsg.): Das Staats-Lexikon. Encyklopädie der sämmtlichen Staatswissenschaften für alle Stände. 3. Auflage. Band 13. Brockhaus, Leipzig 1865, S. 328 (archive.org).
  14. ↑ Thomas Nipperdey, Reinhard Rürup: Antisemitismus. In: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Band 1. Klett-Cotta, Stuttgart 1972, ISBN 3-12-903850-7, S. 129.
    Ebenso Ulrich Wyrwa: Vom Lessing-Verein zur Antisemiten-Liga. Zur Umdeutung des Toleranzbegriffs durch den Ingenieur und Schriftsteller Hector de Grousilliers (1842-1899). In: Études Germaniques. Band 299, Nr. 3, 2020, S. 521–532, hier 522, doi:10.3917/eger.299.052.
  15. ↑ Zum Beispiel Antisemitismus. In: John F. Oppenheimer (Hrsg.): Lexikon des Judentums. C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh 1967, Sp. 43 (archive.org).
    Anti-Semitism. In: Cecil Roth, Geoffrey Wigoder (Hrsg.): The New Standard Jewish Encyclopedia. Doubleday & Company, Garden City 1970, Sp. 121 (archive.org).
    David J. Fine: Solomon Schechter and the Ambivalence of Jewish Wissenschaft. In: Judaism. Band 46, Nr. 1, 1997, S. 3–24, hier 5 (archive.org).
  16. Mosche Zimmermann: Aufkommen und Diskreditierung des Begriffs Antisemitismus. In: Ursula Büttner (Hrsg.): Das Unrechtsregime. Internationale Forschung über den Nationalsozialismus. Band 1. Christians, Hamburg 1986, ISBN 3-7672-0962-4 (zeitgeschichte-hamburg.de [PDF]).
    1. ↑ S. 63 f.
    2. 1 2 S. 66 f.
  17. ↑ Peter Longerich: Antisemitismus. Eine deutsche Geschichte. Von der Aufklärung bis heute. Siedler, München 2021, ISBN 978-3-8275-0067-0, S. 94.
  18. ↑ Ulrich Wyrwa: Vom Lessing-Verein zur Antisemiten-Liga. Zur Umdeutung des Toleranzbegriffs durch den Ingenieur und Schriftsteller Hector de Grousilliers (1842-1899). In: Études Germaniques. Band 299, Nr. 3, 2020, S. 521–532, hier 530, doi:10.3917/eger.299.052.
  19. ↑ Peter Longerich: Antisemitismus. Eine deutsche Geschichte. Von der Aufklärung bis heute. Siedler, München 2021, S. 93 f.
  20. ↑ Armin Lange: Jew-Hatred in Antiquity: Cultural, Legal, and Physical Forms of Antisemitic Persecution. In: Idem u. a. (Hrsg.): An End to Antisemitism! Band 3: Comprehending Antisemitism through the Ages: A Historical Perspective. De Gruyter, Berlin, Boston 2021, ISBN 978-3-11-058232-1, S. 45.
  21. 1 2 Ulrich Wyrwa: Die Internationalen Antijüdischen Kongresse von 1882 und 1883 in Dresden und Chemnitz Zum Antisemitismus als europäischer Bewegung. In: Themenportal Europäische Geschichte. 2009 (clio-online.de).
  22. ↑ Antisemitismus. In: Brockhaus’ Konversations-Lexikon. 14. Auflage. Band 1. F. A. Brockhaus, Leipzig, Berlin, Wien 1898, S. 704 (archive.org).
  23. ↑ Armin Pfahl-Traughber: Antisemitismus in der deutschen Geschichte. Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, Berlin 2002, ISBN 978-3-322-91380-7, S. 152–154.
  24. ↑ Eugen Dühring: Die Judenfrage als Frage der Racenschädlichkeit für Existenz, Sitte und Cultur der Völker. Mit einer weltgeschichtlichen, religionsbezüglich, social und politisch freiheitlichen Antwort. 4. Auflage. H. Reuther’s Verlagsbuchhandlung, Berlin 1892, S. 3 (archive.org).
    Vergleiche Felix Wiedemann: Vom Semitismus zum Antisemitismus? Die Kategorie des Semitischen in den Wissenschaften des 19. Jahrhunderts und ihr Beitrag zur Judenfeindschaft. In: Historische Zeitschrift. Band 322, Nr. 3, 2026, S. 575–602, hier 591, doi:10.1515/hzhz-2026-0012.
  25. ↑ Paul de Lagarde: Juden und Indogermanen. In: Mittheilungen. Band 2. Dieterichsche Universitaetsbuchhandlung, Göttingen 1887, S. 330 (archive.org): „Wenn wir, mit Ausnahme der Fortschrittsleute strikter Observanz, alle mit einander die Juden nicht als Juden, sondern als Semiten, oder in seltneren Fällen als Phoenicier, ablehnen, so liegt in diesem Ausdrucke zugleich der Grund angegeben, warum wir es thun […]. Antisemiten, nicht Judenfeinde, sind wir, weil in Mitten einer christlichen Welt die Juden asiatische Heiden sind.“
    Vergleiche Thomas Nipperdey, Reinhard Rürup: Antisemitismus. In: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Band 1. Klett-Cotta, Stuttgart 1972, ISBN 3-12-903850-7, S. 130 f. mit FN 11.
    Gideon Botsch, Werner Treß: Moderner Antisemitismus und Sattelzeit. Das Beispiel Paul de Lagarde. In: Heike Behlmer, Thomas L. Gertzen, Orell Witthuhn (Hrsg.): Der Nachlass Paul de Lagarde. Orientalistische Netzwerke und antisemitische Verflechtungen. De Gruyter Oldenbourg, Berlin, Boston 2020, ISBN 978-3-11-061546-3, S. 122 f.
  26. ↑ Adolf Wahrmund: Das Gesetz des Nomadenthums und die heutige Judenherrschaft. H. Reuther’s Verlag, Karlsruhe, Leipzig 1887, Z.B. S. v (hathitrust.org).
    Vergleiche Thomas Nipperdey, Reinhard Rürup: Antisemitismus. In: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Band 1. Klett-Cotta, Stuttgart 1972, ISBN 3-12-903850-7, S. 130 f. mit FN 11.
    Felix Wiedemann: Vom Semitismus zum Antisemitismus? Die Kategorie des Semitischen in den Wissenschaften des 19. Jahrhunderts und ihr Beitrag zur Judenfeindschaft. In: Historische Zeitschrift. Band 322, Nr. 3, 2026, S. 575–602, hier 598 f., doi:10.1515/hzhz-2026-0012.
  27. ↑ Zum Beispiel Semitismus. In: Brockhaus’ Konversations-Lexikon. 14. Auflage. Band 14. F. A. Brockhaus, Leipzig, Berlin, Wien 1898, S. 847 (archive.org): „Semitismus, Bezeichnung für das ausschließlich vom ethnolog. Standpunkt aus betrachtete Judentum. Der S. begreift daher nur die Judenschaft als Volksstamm, aber nicht auch als Glaubensgenossenschaft […].“
    Semitismus. In: Meyers Großes Konversations-Lexikon. Band 18, 1909, S. 331 (zeno.org): „Semitismus, ungenaue Bezeichnung für die Gesamtheit der Juden als Volksstamm, ohne Rücksicht auf Religion“
    Vergleiche Thomas Nipperdey, Reinhard Rürup: Antisemitismus. In: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Band 1. Klett-Cotta, Stuttgart 1972, ISBN 3-12-903850-7, S. 135.
  28. ↑ Dina Porat: Definitionen des Antisemitismus, in: Marc Grimm, Bodo Kahmann (Hrsg.): Antisemitismus im 21. Jahrhundert, Berlin 2020, S. 30
  29. ↑ Siehe die Texte, die referiert wurden bei Felix Wiedemann: Vom Semitismus zum Antisemitismus? Die Kategorie des Semitischen in den Wissenschaften des 19. Jahrhunderts und ihr Beitrag zur Judenfeindschaft. In: Historische Zeitschrift. Band 322, Nr. 3, 2026, S. 575–602, hier 576 f. FN 6–8, doi:10.1515/hzhz-2026-0012.
  30. ↑ Yolande Jansen, Nasar Meer: Genealogies of „Jews“ and „Muslims“: social imagninaries in the race–religion nexus. In: Patterns of Prejudice. Band 53, Nr. 1/2, 2020, S. 1–14, hier 9–11, doi:10.1080/0031322X.2019.1696046.
  31. Felix Wiedemann: Vom Semitismus zum Antisemitismus? Die Kategorie des Semitischen in den Wissenschaften des 19. Jahrhunderts und ihr Beitrag zur Judenfeindschaft. In: Historische Zeitschrift. Band 322, Nr. 3, 2026, doi:10.1515/hzhz-2026-0012.
    1. ↑ S. 575–602, hier 600.
    2. ↑ S. 575–602, hier 601 f., 600.
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