Shanidar
Koordinaten: 36° 48′ 9,7″ N, 44° 13′ 51,5″ O


Shanidar oder Schanidar ist eine Höhle im Norden des Iraks in der Provinz Erbil der autonomen Region Kurdistan. Sie liegt in 745 m Höhe am Großen Zab in den Ausläufern des Zagrosgebirges.[1] Die Höhle wurde bis zum Beginn archäologischer Ausgrabungen in den 1950er-Jahren im Winter von nomadisierenden kurdischen Stämmen bewohnt.[2] Internationale Bekanntheit erlangte die Höhle, als dort Überreste von Neandertalern gefunden wurden.
Funde aus den Grabungen in den 1950er-Jahren
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Zwischen 1953 und 1960 wurden in der Höhle unter Leitung des US-amerikanischen Archäologen Ralph Solecki (Columbia University, New York City) Ausgrabungen durchgeführt. Die Schichtenfolge reicht von der Neuzeit bis ins Mittelpaläolithikum zurück.[3]
Skelette
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]| Schicht | Kultur | Datierung |
|---|---|---|
| B1 | Altneolithikum | |
| B1 | Epipaläolithikum | 10.600±300 |
| C | Baradostien | 33.000–27.000 |
| D | Moustérien |
In Schicht D wurden insgesamt neun Neandertaler ausgegraben (Shanidar 1 bis 9).[4] Ihr Alter wird mit 45.000 bis 50.000 Jahren angegeben. Die Überreste von drei jungen männlichen Neandertalern waren besonders gut erhalten. Sie gehören zu den wenigen Fossilfunden östlich des Mittelmeerraumes und sind die einzigen menschlichen Reste in Fundschichten des Zagros-Moustériens. In jüngerer Zeit stellte sich heraus, dass das Verbreitungsgebiet der Neandertaler im Osten bis Südsibirien (Okladnikow-Höhle) reichte.
| Nr | Quadrat | Tiefe | Jahr | Beschreibung | Haltung | Erhaltung | Datierung |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | B7 | 4,34 | 1957 | erwachsener Mann | Strecker | fast kompletter Schädel | ca. 45.000 – 50.000 |
| 2 | D8 | 7,25 | 1957–1960 | erwachsener Mann | ? | — | 60.000? |
| 3 | A9 | 5,40 | 1957 | erwachsener Mann | — | fast komplettes Skelett | ca. 45.000 – 50.000 |
| 4 | B7 | 7,49 | 1960 | erwachsener Mann | rechter Hocker | — | älter als 45.000 |
| 5 | B8 | 4,48 | 1960 | erwachsen | ? | — | älter als 45.000 |
| 6 | B7 | 7,68 | 1960 | erwachsene Frau | ? | — | 60.000? |
Tabelle gemäß Steward 1977, Tafel 1
Verwahrort der Funde ist – mit einer Ausnahme – das Irakische Nationalmuseum in Bagdad. Das Fossil Shanidar 3 wurde dem National Museum of Natural History der Smithsonian Institution in Washington, D.C. übergeben.[5] Der Fund Shanidar 3 ist insbesondere im Zusammenhang mit der Anatomie des Neandertaler-Brustkorbs von Bedeutung, da seine Rippen gut erhalten sind in einer Rekonstruktion belegt wurde, dass die Brusthöhle durch eine vom anatomisch modernen Menschen abweichende Biegung der Rippen größer war als bei Homo sapiens und der Rumpf dadurch kompakter, stämmiger – „fassförmiger“ – war als der Rumpf von Homo sapiens.[6][7]
Erik Trinkaus nimmt an, dass die Schädel der Individuen 1 und 5 künstlich deformiert wurden[8] und dass Individuum 1 trotz Einschränkungen seines Hörvermögens und weiterer, schwerer körperlicher Einschränkungen dank seiner Gruppe in dieser überlebte.[9] Der rechte Arm von Individuum 1 war verkümmert, was zeitweise als mögliche Folge einer Amputation interpretiert wurde; diese Interpretation gilt heute jedoch als wenig überzeugend.[10]
Schicht B1 wurde auf 10600±300 BP datiert (W-667). Auf der Niederterrasse des Großen Zab, vor dem Ortseingang zum gleichnamigen Dorf Shanidar, liegt die protoneolithische Siedlung von Zawi Chemi.[11]
Vermeintliches Blumenbegräbnis
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Grab von Shanidar 4 (auch: Grab IV) wurde eine ungewöhnlich hohe Konzentration von Blütenpollen nachgewiesen, was 1975 von Ralph Solecki als Überreste von Blumen interpretiert wurde, die als Grabschmuck der Leiche gedient hatten;[12] gelegentlich wurde dies zudem als Beleg „für Schamanismus und ritualisierte Bestattungen“ interpretiert.[13] Bereits 1999 wurde gegen das vermutete „Blumenbegräbnis“ eingewandt, die Blüten könnten von den dort häufig vorkommenden Persischen Rennmäusen (Meriones persicus) in die Höhle verschleppt und in den Bestattungshorizont eingegraben worden sein.[14] 2023 wurde schließlich berichtet, dass in den Pollenklumpen, die aus dem Grab von Shanidar 4 geborgen wurden, Pollen unterschiedlicher Pflanzenarten enthalten sind und dass diese Pollen von Arten stammen, die zu ganz unterschiedlichen Zeiten im Jahr blühen. Diesen Befunden zufolge wurden also keine Blumen in der Höhle abgelegt, sondern Pollen von Solitärbienen in Bodennester geschleppt. Hinweise auf solche Nester haben sich in Sedimenten aus der Neandertalerzeit erhalten.[15]
Wiederaufnahme der Grabungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Seit April 2014 wird in Shanidar im Rahmen des Projektes „How resilient were Neanderthals and Modern Humans in SW Asia to climate change? Reinvestigating Shanidar Cave“ unter Graeme Barker (McDonald Institute for Archaeological Research, University of Cambridge) und Tim Reynolds (Birkbeck, University of London) wieder gegraben. Das Projekt kombiniert die Grabung in der Shanidar-Höhle mit einer Untersuchung der paläolithischen Besiedelung der Region.
- Bis 2019 wurden in unmittelbarer Nähe zu Skelett 4 die Überreste von drei weiteren Neandertalern entdeckt (bezeichnet als A, B und Z), die damals vorläufig auf ein Alter von 90.000 bis 60.000 Jahren datiert wurden.[16] Jahrzehnte zuvor war bereits Skelett 9 – ein Säugling – in unmittelbarer Nähe zu diesen vier Skeletten entdeckt worden, sodass dieser „Shanidar 4/Z cluster“ fünf mutmaßlich bestattete Individuen umfasst.
- 2020 wurde das als „Shanidar Z“ bezeichnete Skelett in der Fachzeitschrift Antiquity ausführlich vorgestellt, von dem die Forscher aufgrund stratigrafischer Merkmale annehmen, dass er absichtsvoll in der Höhle abgelegt wurde: „Die linke Hand hatte der Neandertaler unter seinen Kopf gelegt, wie ein Kopfkissen, die rechte war zur Faust geballt.“ Für eine Bestattung spreche zudem, dass man den Körper in einem durch Wasser geformten Kanal am Boden der Höhle, der dann gezielt vertieft wurde, entdeckt habe.[17]
- 2026 wurde auch das als „Shanidar A“ bezeichnete Teilskelett in einer Fachzeitschrift ausführlich vorgestellt. Seine Überreste bestehen aus einer nahezu vollständigen rechten Hand, zwei linken Rippen, dem Fragment einer rechten Rippe, einem linken Schulterblatt und sieben Zähnen, wobei „alle Skelettreste und sechs der Zähne einem einzigen Individuum zu[geordnet]“ wurden. Diese Funde wurden aus der bislang am tiefsten gelegenen, mutmaßlichen Grabstätte geborgen; möglicherweise war es der erste Verstorbene, der hier – auf dem Rücken liegend, mit dem Kopf nach Osten gerichtet – zur Ruhe gebettet wurde, ähnlich wie die direkt darüber liegende Leiche „Shanidar Z“. Allen aus diesem als „Shanidar 4/Z cluster“ stammenden Skeletten wurde nunmehr ein Alter von 75.000 bis 70.000 Jahren zugeschrieben.[18]
- Wissenschaftlich bedeutender als der neuerliche Beleg für eine Grablegung von Neandertalern ist jedoch der Nachweis von zwei Verletzungen, die bei dem im Alter von rund 45 Jahren gestorbenen Mann entdeckt wurden. Seine Zähne weisen Merkmale einer schweren und schmerzhaften Verletzung im Gesicht auf, die mindestens ein Jahr vor seinem Tod entstanden ist: Durch einen massiven Schlag ins Gesicht wurde ein Schneidezahn des Unterkiefers der Länge nach gespalten, sodass nur noch eine Hälfte davon übrig blieb und der Wurzelkanal offen lag, während die umliegenden Zähne nach innen verdreht waren; dies ließ sich anhand von Zahnstein-Anhaftungen rekonstruieren, die von normal ausgerichteten Zähnen abweichen. Die Schwere der Verletzung deute darauf hin, dass der Neandertaler nach der Verletzung wahrscheinlich von Angehörigen über längere Zeit hinweg mit weicher Nahrung versorgt werden musste.
- Einzigartig ist bei Shanidar A der Nachweis einer zweiten Verwundung am linken Schulterblatt, einer 15 Millimeter breiten, kreisförmigen Perforation. Die Leiter der Ausgrabung interpretierten dieses Loch 2026 als tödliche Verwundung durch einen Speer aus geschliffenem Holz, da eine Speerspitze aus Feuerstein oder Stein ein flaches oder eckiges Loch hinterlassen hätte. Der Speer drang vermutlich von vorne in die linke Brusthöhle ein und durchbohrte den Körper – einschließlich der Lunge und wahrscheinlich wichtiger Arterien –, bevor er ein Loch in das linke Schulterblatt schlug und einen schnellen Tod herbeiführte. Die Abschrägung um das Loch herum sei typisch für eine Austrittswunde. Das Team fand zudem winzige Knochensplitter, deren Gestalt mit anderen Merkmalen des Lochs darauf hindeute, dass der Speer von oben in einer Abwärtsbahn eingedrungen ist. Anhand dieser Fragmente konnte man sogar einen Teil des Lochs passgenau verkleinern. Ob der tödliche Stoß absichtlich geschah oder ein Jagdunfall war, lässt sich nicht entscheiden.[19]
- 2022 wurden Reste von erhitzten Pflanzen beschrieben, die als Beleg für das Herstellen von Mahlzeiten interpretiert wurden.[20]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Anagnostis P. Agelarakis: The Shanidar cave Proto-Neolithic human population: Aspects of demography and paleopathology. In: Human Evolution. Band 8, Nr. 4, S. 235–253, doi:10.1007/BF02438114
- Arlette Leroi-Gourhan: The Flowers found with Shanidar IV, a Neanderthal Burial in Iraq. In: Science, New Series 190 (No. 4214), 1975, S. 562–564.
- Dexter Perkins Jr.: Prehistoric Fauna From Shanidar, Iraq. In: Science. New Series 144 (No. 3626), 1964, 1565–1566.
- Ralph S. Solecki: Shanidar cave: a paleolithic site in northern Iraq. In: Annual Report of the Smithsonian Institution. 1954, S. 389–425.
- Ralph S. Solecki: Shanidar. The First Flower People. Verlag A. Knopf. New York, 1971
- Ralph S. Solecki: Shanidar IV, a Neanderthal Flower Burial in Northern Iraq. In: Science, New Series 190 (No. 4217) 1975, S. 880–881.
- Ralph S. Solecki, Rose L. Solecki, A. Agelarakis: The Proto-Neolithic Cemetery in Shanidar Cave. Texas A&M University Press, College Station, Texas, 2005
- Thomas Dale Stewart: The Neanderthal Skeletal Remains from Shanidar Cave, Iraq: A Summary of Findings to Date. In: Proceedings of the American Philosophical Society, 121/2, 1977, S. 121–165.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Erik Trinkaus: Shanidar. In: Encyclopædia Britannica. (englisch).
- Shanidar Cave Project, auf der Website der University of Cambridge.
- Revealed: face of 75,000-year-old female Neanderthal from cave where species buried their dead. Abbildung der Rekonstruktion
Belege
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Daten zur Höhle im Zagros.
- ↑ Ralph S. Solecki: Contemporary Kurdish winter‐time inhabitants of Shanidar cave, Iraq. In: World Archaeology. Band 10, Nr. 3, 1979, S. 318–330, doi:10.1080/00438243.1979.9979740.
- ↑ R. S. Solecki: Prehistory in Shanidar Valley, Northern Iraq: fresh insights into near Eastern Prehistory from the Middle Paleolithic to the Proto-Neolithic are obtained. In: Science. Band 139, Nr. 3551, 1963, S. 179–193, doi:10.1126/science.139.3551.179.
- ↑ Ralph S. Solecki: Shanidar. The First Flower People. Verlag A. Knopf, New York 1971.
- ↑ Matthew R. Goodrum: Ralph Solecki (1917–2019). In: Biographical Dictionary of the History of Paleoanthropology. The University Library at Virginia Tech with Virginia Tech Publishing, 2022, S. 6, Volltext.
- ↑ Robert G. Franciscus und Steven E. Churchill: The costal skeleton of Shanidar 3 and a reappraisal of Neandertal thoracic morphology. In: Journal of Human Evolution. Band 42, Nr. 3, 2002, S. 303–356, doi:10.1006/jhev.2001.0528.
- ↑ José M. López-Rey, Daniel García-Martínez und Markus Bastir: Shanidar 3 ‘rings the bell’: Virtual ribcage reconstruction and its implications for understanding the Neanderthal bauplan. In: Journal of Human Evolution. Band 199, 2025, 103629, doi:10.1016/j.jhevol.2024.103629.
- ↑ Erik Trinkaus: Artificial Cranial Deformation in the Shanidar 1 and 5 Neandertals. In: Current Anthropology. Band 23, Nr. 2, 1982, S. 198–199, doi:10.1086/202808.
- ↑ Erik Trinkaus, Sébastien Villotte: External auditory exostoses and hearing loss in the Shanidar 1 Neandertal. In: PLoS ONE. Band 12, Nr. 10, 2017, e0186684, doi:10.1371/journal.pone.0186684.
- ↑ Tim Ryan Maloney et al.: Surgical amputation of a limb 31,000 years ago in Borneo. In: Nature. Band 609, 2022, S. 547–551, doi:10.1038/s41586-022-05160-8.
- ↑ Ralph S. Solecki, Meyer Rubin: Dating of Zawi Chemi, an Early Village Site at Shanidar, Northern Iraq. In: Science. Band 127, Nr. 3312, 1958, S. 1446, doi:10.1126/science.127.3312.1446.a.
- ↑ Ralph S. Solecki: Shanidar IV, a Neanderthal Flower Burial in Northern Iraq. In: Science. Band 190, Nr. 4217, 1975, S. 880–881, doi:10.1126/science.190.4217.880.
- ↑ Robert Adler: One of the family? In: New Scientist. Nr. 2789, 4. Dezember 2010, S. 35.
- ↑ Jeffrey D. Sommer: The Shanidar IV ‚Flower Burial‘: a Reevaluation of Neanderthal Burial Ritual. In: Cambridge Archaeological Journal. Band 9, Nr. 1, 1999, S. 127–129, doi:10.1017/S0959774300015249.
- ↑ Chris Hunt, Emma Pomeroy, Tim Reynolds, Emily Tilby, Graeme Barker: Shanidar et ses fleurs? Reflections on the palynology of the Neanderthal ‘Flower Burial’ hypothesis. In: Journal of Archaeological Science. 2023, Band 159, S. 105822, doi:10.1016/j.jas.2023.105822.
Das „Blumengrab“ von Shanidar war wohl doch keins. Auf: spektrum.de vom 29. August 2023. - ↑ New remains discovered at site of famous Neanderthal ‘flower burial’. Auf: sciencemag.org vom 22. Januar 2019, doi:10.1126/science.aaw7586.
- ↑ Emma Pomeroy et al.: New Neanderthal remains associated with the ‘flower burial’ at Shanidar Cave. In: Antiquity. Band 94, Nr. 373, 2020, S. 11–26, doi:10.15184/aqy.2019.207.
Forscher graben mehr als 70.000 Jahre altes Neandertaler-Skelett aus. Auf: spiegel.de vom 18. Februar 2020. - ↑ Emma Pomeroy et al.: Evidence for funerary behaviour and lethal trauma in a new Neanderthal individual from Shanidar Cave. In: Scientific Reports. Band 16, Artikel-Nr. 30042, 2026, doi:10.1038/s41598-026-69193-z.
- ↑ Fatal Neanderthal wound may be earliest evidence of a wooden spear attack on a human ancestor. Auf: eurekalert.org vom 15. Oktober 2026.
Jagdunfall oder Mord? Speer tötete Neandertaler vor 75.000 Jahren. Auf: science.orf.at vom 16. Oktober 2026. - ↑ Ceren Kabukcu et al.: Cooking in caves: Palaeolithic carbonised plant food remains from Franchthi and Shanidar. In: Antiquity. Band 97, Nr. 391, 2023, S. 12–28, doi:10.15184/aqy.2022.143.
Oldest cooked leftovers ever found suggest Neanderthals were foodies. Auf: theguardian.com vom 23. November 2022.
- Geographie (Autonome Region Kurdistan)
- Geographie (Irak)
- Jungsteinzeit (Alter Orient)
- Höhle in Asien
- Fundstätte homininer Fossilien in Asien
- Archäologischer Fundplatz (Neandertaler)
- Archäologischer Fundplatz im Irak
- Moustérien
- Gouvernement Erbil
- Jungsteinzeitlicher Fundplatz in Asien
- Archäologischer Fundplatz (Alter Orient)
- Archäologischer Fundplatz in Asien