Zum Inhalt springen

Rongo

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
RongoFranzösisch-Polynesien
Rongo von Mangareva im Metropolitan Museum of Art
Kūmara (Süßkartoffel)

Rongo, Rogo oder Ro‘o ist in der polynesischen Mythologie der Atua der Landwirtschaft, der kultivierten Nahrungsmittel – insbesondere der Süßkartoffel (polynesisch: Kumara) – und, mit Ausnahme Mangaias, auch der Gott des Friedens.[1] Die Inseln des polynesischen Dreiecks haben sich nach der Erstbesiedlung kulturell auseinanderentwickelt, daher können Name, Eigenschaften und Attribute Rongos regional unterschiedlich sein.

Nach der Überlieferung der Polynesier waren Rangi (der Himmelsvater) und Papa (die Erdmutter) die Eltern von acht Göttern (fünf nach der Mythologie der Cookinseln), darunter die vier polynesischen Hauptgötter: Tane, Tu, Tangaroa und Rongo. Das Paar Rangi und Papa lag in ewiger Liebe eng umschlungen, sodass ihre Kinder, die zwischen ihnen lagen, in unerträglicher Finsternis leben mussten. Die vier großen und mächtigen Götter berieten was zu tun sei. Rongo versuchte, die Eltern zu trennen, hatte aber keinen Erfolg, und auch Tangaroa scheiterte.[2] Tane schlug vor, Rangi in die Höhe zu heben, um Licht in die Welt zu bringen, und alle Götter stimmten zu, außer dem Sturmgott Tawhaki (oder Tawhirimatea). Schließlich gelang es Tane, Rangi anzuheben und einen Pfahl aufzurichten, der die Erde ewig vom Himmel trennt. Doch das Paar blickt sich noch immer unverwandt an. Rangi hat sich nie mit der Trennung abgefunden und jeden Morgen findet man die Tränen des Himmelsgottes als Tau auf der Erde.[3.1] Tawhaki war erzürnt über die Trennung seiner Eltern. Er gesellte sich zu seinem Vater in den Himmel und bestraft seitdem Erde und Meer mit heftigen Stürmen.[4.1] Tangaroa entwickelte sich zum Gott des Meeres, auf einigen Inseln, zum Beispiel Raiatea, sogar zum Schöpfer der Welt, Tane zum Herrn des Waldes und der wildlebenden Pflanzen, Tu zum Kriegsgott und Rongo zum Gott der Landwirtschaft.

Rongo war im gesamten polynesischen Raum der Schutzherr des Landbaus und aller für den Menschen nutzbaren Pflanzen. Im Besonderen war er mit der Süßkartoffel oder Kumara verbunden, einem Hauptnahrungsmittel auf vielen polynesischen Inseln. Eine Legende aus Neuseeland berichtet, dass Rongo in den Himmel aufstieg und die Süßkartoffel stahl, um sie der Menschheit zu bringen. Sein älterer Bruder entsandte daraufhin Schädlinge, die die Ernte der Menschen bedrohten.[5.1]

Auf vielen Inseln waren die saisonalen Erfordernisse für den Anbau der Kumara von strengen rituellen Auflagen beschränkt und mit zahlreichen Tabus belegt, die im Zusammenhang mit Rongo standen. Das betraf vor allem die Anbauzeiten, Anbaumethoden und Besitzrechte.[5.1]

Der Begriff rongo mit den unterschiedlichen Variationen in den polynesischen Dialekten bedeutet Klang, Geräusch, als Verb aber auch hören.[6] Das erklärt, dass Rongo auf einigen Inseln, zum Beispiel den Marquesas, auch als Schutzherr des Gesangs und der Rezitation von zeremoniellen Texten verehrt wurde.[7.1]

Spezifika der Inseln

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Mythologie der verschiedenen Maori-Stammeseinheiten (Hapū) hatte Rongo unterschiedliche Namen und Attribute, er tritt zum Beispiel als Rongo-ma-tane oder Rongo-maraeroa auf, auch als Ngāti Rongo auf der Coromandel-Halbinsel oder als Rongo Haua in der Rotorua-Region, obwohl es sich um ein und dieselbe Gottheit handelt.[8]

Neuseeland; Taumata Atua des Gottes Rongo

Das Pflanzen der Kumara erforderte aufwendige Riten zu Ehren Rongos und war stets mit Tabus umgeben, so durften zum Beispiel nur Männer die Arbeiten ausführen. Die zeremonielle Pflanzung der ersten Süßkartoffel durch einen Priester (Tohunga), der anstelle von Rongo handelte, war von rituellen Fruchtbarkeitsgesängen (Karakia) und Rezitationen begleitet. Anschließend wurden die Felder zu Tapu (gesperrt, spirituell gefährlich) erklärt. Unbefugte Personen, die sie bearbeiteten oder auch nur betraten, waren der Todesstrafe durch spirituelle Kräfte oder stellvertretend durch lokale Wächter verfallen. Zur Ernte waren aufwendige Sühnezeremonien erforderlich, um das Tapu der Kumara-Felder wieder aufzuheben, da die Erntehelfer die Feldfrüchte ausgruben und somit Rongo spirituell beeinträchtigten.[5.1]

Auf ihren Kumara-Feldern platzierten oder vergruben die Maori groteske, zu menschenähnlichen Formen behauene Steine, Taumata Atua genannt, die als Medium und Ruheplatz für Rongo dienten. Die einfach und kunstlos gefertigten Figuren sollten Rongo ehren, die Lebenskraft der Pflanzen bewahren und die Ernte sichern.[9.1]

In der Mythologie der Maori Neuseelands werden Ra, Rongo oder Rono sowie Tangaroa als Symbole für Sonne, Mond und Meer angesehen. Rono steht auch mit Rona in Verbindung, der Frau und Lenkerin des Mondes und Beherrscherin der Gezeiten.[10]

Auf den Marquesasinseln war Rongo unter dem Namen Ono bekannt und nicht nur der Schutzherr der Nutzpflanzen, sondern auch der Gott des Gesangs.[7.1]

Nach einer Sage der Marquesas entschlüpfte Ono aus einem Ei, das seine Mutter Kua-iana-nei nach dreimonatiger Schwangerschaft geboren hatte. Er verbrachte seine Kindheit unter der Obhut seiner Großväter, der Götter Li-po und Li-ao, die für seine Pflege und Erziehung verantwortlich waren. Später wohnte Ono auf der Insel Mohotane, die ihm aufgrund seiner Abstammung als rechtmäßiger Besitz zustand.[11]

Die wichtigsten Gottheiten Hawaiis waren Kāne (Tane), (Tu), Lono (Rongo) und Kanaloa (Tangaroa), eine Übernahme und Anpassung des Pantheons aus Tahiti. Die Reduzierung auf vier Hauptgötter führte dazu, dass nach Ankunft der Missionare die Hawaiier ihre Götter im Sinne des Christentums interpretierten. Kāne, Kū und Lono wurden als Repräsentanten der Trinität ausgewählt, während Kanaloa – in deutlichem Widerspruch zur polynesischen Mythologie – als Teufel in die Unterwelt verbannt wurde.[12.1]

Auf Hawaii trug Rongo den Namen Lono und war der Gott der Landwirtschaft. Der Sage nach soll er in den Wolken geboren und auf einem Regenbogen vom Himmel herabgestiegen sein, um sich eine menschliche Frau zu suchen. Er fand Laka, mit der er lange und glücklich zusammenlebte. Doch ein lokaler Häuptling machte Laka Avancen und warb um sie. Der eifersüchtige Lono, der glaubte, seine Frau sei ihm untreu, tötete sie in einem Wutanfall. Laka wurde zur Göttin erhoben, doch von Kummer über seine unbedachte Tat irrt Lono bis in alle Ewigkeit über die Inseln. Seine Tränen fallen als Regen zur Erde und sorgen für Fruchtbarkeit.[7.2] Das Thema der Vereinigung zwischen einer menschlichen Frau und einem göttlichen Wesen, das vom Himmel herabsteigt, bildet ein fundamentales Motiv innerhalb der polynesischen Mythologie und findet sich exemplarisch in einer ähnlich lautenden Legende von Bora Bora über den Gott Oro.

Zu Ehren von Laka hat Lono angeblich persönlich Makahiki[13] gestiftet, das vier Monate andauernde traditionelle Neujahrsfest der Ureinwohner Hawaiis. Makahiki war einst eine Periode der Ruhe, in der keine Stammeskriege stattfanden. Stattdessen war die Zeit angefüllt mit religiösen Festivitäten, die von sportlichen Ringkämpfen und Spielen, zum Beispiel Ulu maika, Festbanketten, Hula-Tänzen, Gesängen (Mele) und der Rezitation von Genealogien begleitet waren.

Das Symbol von Lono (Akua Loa)[14] war eine lange, kreuzförmige Stange mit Querbalken, an dem Federkränze und Tapa-Streifen befestigt waren, und wurde im Rahmen einer Prozession über die Insel getragen. Die Tänzer und Sänger sammelten dabei in einem großen Netz den Tribut in Form von Feldfrüchten ein. Es folgte ein Festessen bei dem die gespendeten Nahrungsmittel gemeinsam verzehrt wurden. Am Ende des Festes steuerte der Häuptling ein mit Opfergaben (Hoʻokupu) beladenes, geheiligtes Kanu aufs Meer hinaus. Bei seiner Rückkehr veranstaltete man ein Scheingefecht, bei dem Speere auf den Häuptling geworfen wurden, die er abwehren musste, um seine kriegerischen Fähigkeiten zu beweisen.[15] Das Makahiki-Fest wird auf Hawaii heute noch gefeiert, wenn auch in moderner Form.

Nach den Mythen der Cookinseln waren Rongo und der Meeresgott Tangaroa Zwillinge und die erstgeborenen der fünf Söhne von Rangi und Papa.[9.2][4.2] Nachdem die Kinder herangewachsen waren, entstand Streit zwischen ihnen, und sie beschlossen, die Schöpfung unter sich aufzuteilen. Tangaroa erhielt alles, was rot war, die heilige Farbe. Rongo gehörte der Sage nach zu Rarohenga, der Unterwelt, in der nach der Maori-Mythologie die Verstorbenen verweilen. Rongo erhielt bei der Erbteilung die größte Insel, Mangaia, deren oberster Gott er wurde. Seine Gemahlin war Taka, und ihre einzige Tochter war Tavake. Als Tavake erwachsen war, gebar sie drei Söhne: Rangi, Mokoiro und Akatauira. Rongo liebte seine Enkel und wünschte sie bei sich zu haben. Die Enkel jedoch wollten ihr eigenes Land, und so zogen sie mit einer geweihten Angel Mangaia und die kleineren Cookinseln vom Untergrundgrund in die „Welt des Lichts“. Rangi, Mokoiro und Akatauria ließen sich auf Mangaia nieder, wo sie zu den Stammvätern des Inselvolkes und ersten Häuptlingen wurden.[4.2][12.2] Der traditionelle Name der Insel Mangaia war A'u A'u, was „terrassiert“ bedeutet, eine Abkürzung von A'u A'u Nui o Rongo ki te Ao Marama, übersetzt ungefähr: „Großes terrassiertes Land Rongos im hellen Tageslicht“.

Rongo war die Hauptgottheit Mangaias, sowohl der Gott der Landwirtschaft, als auch der des Krieges. Zentren seiner Verehrung waren der Inland-Marae Akaoro und der Küsten-Marae Orongo, beide im Westen Mangaias gelegen. Mit den Marae assoziiert waren aus vergänglichen Materialien gebaute „Götterhäuser“ zur Aufbewahrung der Attribute des Gottes und weiterer sakraler Utensilien, u. a. Muscheltrompeten, die zu Ehren Rongos geblasen wurden.

Üblicherweise waren Feldfrüchte die Opfergaben für Rongo, vorwiegend Taro. In seiner Eigenschaft als Kriegsgott forderte er jedoch Menschenopfer. Wenn die Ngariki, einer der Stämme Mangaias, gesiegt hatten, mussten Rongo Menschen geopfert werden, um die neuen Herrscher auf den Marae einzuführen und zu bestätigen. Dass die ursprüngliche Verbindung des Gottes zur Fruchtbarkeit erhalten blieb, zeigt sich darin, dass die Körperteile des Menschenopfers in den Feldern vergraben wurden, damit die Nahrungspflanzen unter der neuen Herrschaft üppig gediehen.[16.1][17]

Auf der Insel Penrhyn (alter Name: Tongareva) gelten Atea und Hakahotu als die Ureltern, vergleichbar mit den Göttern Rangi und Papa der Maori, von denen der älteste Stamm in Tongareva seine Abstammung herleitete. Atea heiß übersetzt „Licht“ und bezeichnet in der Mythologie Tongarevas den Raum über der Erde, der sich bis zum Sternenhimmel erstreckt. Hakahotu bedeutet wörtlich „etwas in materielle Form bringen“ und steht in den Legenden für die solide Erde. Atea repräsentierte das männliche und Hakahotu das weibliche Prinzip.[18]

Auf Tongareva gab es vier Hauptgötter, die Nachkommen von Atea und Hakahotu in der ersten Generation: Kaveau, Te Maui, Matangi und Rongo-poa. Diese Götter waren für alle außer den Priestern unsichtbar. Um ihre Unsichtbarkeit für die gewöhnlichen Menschen zu kompensieren, fertigten die Priester materielle Darstellungen der Götter (To'o) aus Kokosnussblättern, Federn, Holz und/oder Menschenhaar an.

Rongo-poa war auf Tongareva einer der guten Götter, da er für das Wachstum der Nahrungspflanzen sorgte. Sein Symbol war ein großer Schmetterling. Flog der Schmetterling mit langsamen und mühevollen Flügelschlägen, so als trüge er eine schwere Last, war dies ein Zeichen für eine reiche Kokosnussernte.[19]

Auch auf Mangareva, der größten Insel des Gambier-Archipels, war Rongo für die Süßkartoffel zuständig. Er sorgte für Regen und das Wachstum der Nahrungspflanzen. Er war es, der die Früchte rot färbte, aber auch das Meer aufwühlte. Nach der mündlichen Überlieferung offenbarte sich Rongo als Nebel und als Regenbogen. Die Menschen wurden davor gewarnt, mit dem Finger auf einen Regenbogen zu zeigen, da dies den Tod bringen könnte.[20]

Commons: Rongo – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. John C. Moorfield: Te Aka: Maori-English, English-Maori dictionary. Pearson Education, Auckland 2011, ISBN 978-0-582-54836-7
  2. George Grey: Polynesian Mythology. John Murray, London 1855, S. 3
  3. Hans Nevermann: Götter der Südsee. Spemann-Verlag, Stuttgart 1947
    1. Page 85.
  4. Robert D. Craig: Dictionary of Polynesian Mythology. Greenwood Press, Westport (CT) 1989, ISBN 1-57607-894-9, Neuauflage 2024, S. 42–43
    1. Page 51.
    2. a b Page 42.
  5. Ian Barber: Gardens of Rongo: Applying Cross-Field Anthropology to Explain Contact Violence in New Zealand. In: Current Anthropology, Bd. 53, Nr. 6, Dezember 2012
    1. a b c Page 804.
  6. Edward Tregear: The Maori-Polynesian Comparative Dictionary. Anthropological Publications, Oosterhout NL, 1969, S. 423
  7. Roslyn Poignant: Ozeanische Mythologie. Emil Vollmer, Wiesbaden 1968
    1. a b Page 34.
    2. Page 35.
  8. Edward Tregear: Rongo-ma-Tane. In: Journal of the Polynesian Society, Bd. 17, 1908, S. 108
  9. Elsdon Best: Maori Religion and Mythology, Part 1. A. R. Shearer, Wellington NZ, 1976, ISBN 978-0-404-14412-8
    1. Page 179.
    2. Page 177.
  10. Francis Dart Fenton: Suggestions for a History of the Origin and Migrations of the Maori People. H. Brett, Auckland 1885, S. 122
  11. E. S. Craighill Handy: Marquesan legends. Bernice P. Bishop Museum Bulletin 69, Honolulu 1930, S. 104–107
  12. Te Rangi Hiroa (Sir Peter Buck): Vikings of the Sunrise. Whitcombe and Tombs, Wellington 1964
    1. Page 251.
    2. Page 163.
  13. makahiki. In: Hawaiian Dictionaries.
  14. Makahiki on Kaho‘olawe
  15. Patrick Vinton Kirch: How Chiefs Became Kings. Divine Kingship and the Rise of Archaic States in Ancient Hawai'i. University of California Press, Berkeley (CA) 2010, ISBN 978-0-520-30339-3, S. 60 f.
  16. Te Rangi Hiroa (Sir Peter H. Buck): Mangaian Society. In: Bernice P. Bishop Museum Bulletin 122, Honolulu 1934
    1. Page 162.
  17. Jared Diamond: Natural Experiments of History. Harvard University Press, 2011, ISBN 978-0-674-06019-7, S. 29–30
  18. Michael Patrick Joseph Reilly: Reading into the past: a historiography of Mangaia in the Cook Islands. Dissertation. Australian National University, Canberra 1991
  19. Te Rangi Hiroa (Sir Peter H. Buck): Ethnology of Tongareva. Bernice P. Bishop Museum Bulletin 92. Honolulu 1932, S. 85–87
  20. Te Rangi Hiroa (Sir Peter H. Buck): Ethnology of Mangareva. Bernice P. Bishop Museum Bulletin 157. Honolulu 1938 (Reprint 1971), S. 422