Ассоциация коренных малочисленных народов Севера, Сибири и Дальнего Востока Assoziation der kleinen indigenen Völker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens
Die Assoziation der indigenen kleinen Völker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens (russisch Ассоциация Коренных Малочисленных Народов Севера, Сибири и Дальнего Востока Российской Федерации, englisch Russian Association of the Indigenous Peoples of the North, RAIPON) ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich für die Rechte indigener Völker in Russland einsetzt.
Die Organisation vertritt die Interessen von 41 kleinen Völkern.
Oberstes Gremium ist der Koordinationsrat, dem Vertreter der verschiedenen Völker angehören. Vorsitzender ist seit 2013 Grigori Ledkow aus dem Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen.
Der Sitz der Assoziation ist Moskau.
Die Gründung erfolgte 1989 beim ersten Kongress im Moskauer Kreml. Vertreter aus ganz Russland konnten erstmals öffentlich und unzensiert über die desaströse Lage ihrer Ethnien berichten. Zu den Teilnehmern gehörte auch der damalige Staatspräsident Michail Gorbatschow.
Der erste Vorsitzende wurde der von der fernöstlichen Halbinsel Sachalin stammende Schriftsteller Wladimir Sangi.
1993 wurde dieser durch Jeremej Ajpin, einen weiteren Schriftsteller, diesmal aus dem westsibirischen Volk der Chanten abgelöst. Sangi akzeptierte seine Abwahl jedoch nicht, sodass die Organisation unter leicht abgeändertem Namen neu gegründet werden musste. Jeremej Ajpin machte als Präsident von RAIPON keine besonders glückliche Figur und wurde deshalb 1997 durch den Nenzen Sergej Charjutschi abgelöst, der zuletzt im April 2005 für weitere vier Jahre im Amt bestätigt wurde.
Im Oktober 2012 erließ das russische Justizministerium ein sechsmonatiges Betätigungsverbot für RAIPON, weil die Organisation Aufforderungen zur Satzungsänderung angeblich nicht nachgekommen sei.[1] Es drohte die Auflösung der Organisation. Nach internationalen Protesten konnten im Januar 2013 auf einem außerordentlichen Kongress die Auflagen erfüllt werden. Am 13. März erfolgte die Zustimmung zum weiteren Bestehen der Organisation durch das Justizministerium.
Am 1. März 2022 veröffentlichte RAIPON eine Erklärung, in der sie die Entscheidungen von Präsident Wladimir Putin unterstützte und damit öffentlich Stellung zugunsten des russischen Überfalls auf die Ukraine bezog.[5]
Die Organisation engagiert sich vor allem im Bereich der Gesetzgebung. Wichtigste Forderung ist die Umsetzung verbriefter Landrechte in Gestalt sogenannter Territorien zur traditionellen Naturnutzung (russisch: Territorii tradizionnowo prirodopolsowanija / Территории традиционного природопользования). Dieses Anliegen verfolgt RAIPON praktisch seit seiner Gründung, die Umsetzung eines entsprechenden Gesetzes wird jedoch von der Regierung seit Jahren verschleppt, was der ehemalige RAIPON-Präsident Charjutschi in erster Linie der Erdöl-Lobby anlastet.
2001 wurde ein Schulungszentrum mit Unterstützung der kanadischen Inuit Circumstances Conference geschaffen[6]. 2004 wurde die Stiftung Batani mit Unterstützung der dänischen LTK Consult gegründet.
Die Rolle als Vertretung der indigenen Völker Russlands ist zwiespältig. Einerseits ist RAIPON die mit Abstand wichtigste Vertretung der Ethnien des Nordens und leistet als solche umfangreiche Arbeit, national wie international. Andererseits steht die Organisation traditionell dem russischen Staat und seiner Regierung nahe.
Ehemalige Mitglieder und externe Beobachter beschreiben RAIPON seit 2013 als vollständig vom russischen Regime kontrolliert,[7] nachdem mit Grigori Ledkow ein Abgeordneter der Regierungspartei Einiges Russland als Präsident eingesetzt wurde.[5]
Es wurde auch gezeigt, dass 88,1% der Führungspersonen von RAIPON öffentliche Ämter innehatten und viele von ihnen außerdem finanzielle Zuwendungen von staatlich verbundenen Rohstoffunternehmen erhielten.[8] Demnach wäre die Organisation als GONGO (von englisch Government organized NGO) zu beschreiben.
Das Aborigen Forum (russischАбориген-Форум) war ein informeller Zusammenschluss von Experten zu den indigenen Völkern des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens, das sich 2013 im Kontext der damaligen Führungskrise als Reaktion einiger Mitglieder auf die gefühlte Regierungshörigigkeit der Organisation geformt hatte. Es ist unter anderem für die erfolgreiche Кampagnе gegen den Konzern Nornickel in Ust-Awam bekannt.[9][10]
Das Forum, in dem bestehende Gesetzgebung analysiert wurde, setzte sich für die Rechte, Interessen und Kulturen dieser indigener Gemeinschaften ein,[11] hat sich aber sofort nach dem offiziellen Einschluss als Teil einer angeblichen „separatistischen und antirussischen Bewegung“ im Juli 2024 selbst aufgelöst. Obwohl bereits aufgelöst, wurde das Forum 2024 durch das Oberste Gericht der Russischen Föderation – zusammen mit mehr als 150 Organisationen mit Bezug zu indigenen Völkern und anderen Minderheitengruppen – in die Liste terroristischer Organisationen aufgenommen.[12]
Der selkupischen Klima- und Menschenrechtsaktivistin Darja Jegerewa, die seit dem 17. Dezember 2025 in Haft ist, wird die Mitarbeit im Aborigen Forum und damit die „Teilnahme an einer terroristischen Organisation“ – auf Grundlage von Artikel 205.5 Teil 2 des russischen Strafgesetzbuches – vorgeworfen,[13] wofür eine Freiheitsstrafe von zehn bis zu 20 Jahren droht.[14][15][16] Der RAIPON-Vorsitzende Alexander Nowjuchow unterstützt das juristische Vorgehen gegen Aktivisten des ehemaligen Aborigen Forums.[17]
↑Florian Naumann:„Putin baut an einem Fake-Imperium“ – warum Russland dafür Indigene ins Visier nimmt. In: Frankfurter Rundschau. 31.Januar 2026 (fr.de[abgerufen am 15.Februar 2026]).