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Pavee

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Pavees mit geschmücktem Wagen (1954)

Als Pavee, englisch auch Tinker, Gypsie, Itinerant oder Irish Traveller sowie irisch lucht siúil genannt, wird ein Mitglied der gleichnamigen und als fahrend beschriebenen soziokulturellen Gruppe irischen Ursprungs bezeichnet, die vor allem in Irland, Großbritannien und den USA lebt.[1] Darüber hinaus findet man Pavees in kleinerer Anzahl auch in Australien und Kanada. Mit Reisen bzw. Fahren ist eine historisch durch ökonomischen, rechtlichen und sozialen Ausschluss bedingte und kulturell verfestigte Form dauerhafter Binnenmigration gemeint, die familienweise ausgeübt wurde und zum Teil noch wird.

Pavee ist eine der Eigenbezeichnungen irischer Reisender, die ebenso wie Minkiers[2] oder irisch an lucht siúil (‚die wandernden Leute‘) üblich ist.

Die weit verbreitete Fremdbezeichnung Tinker[3] verweist auf die englischen Begriffe tin für Zinn bzw. tinplate für verzinntes Eisenblech. Sie bezieht sich ähnlich dem deutschen Kesselflicker auf ein in dieser Gruppe historisch besonders verbreitetes Gewerbe, die Reparatur und Herstellung billigen Küchengeschirrs. Weitere Bezeichnungen sind pikeys, knackers und auch gypsies Zigeuner.[4] Die Pavee sind allerdings mit Roma-Gruppen ethnisch nicht verwandt. Die Ausdrücke gyppo[5] und pikey sind besonders in Großbritannien weit verbreitet und negativ belegt. In Irland wird der Begriff Itinerants (irisches Englisch: ‚Umherziehende‘ oder ‚Wandernde‘) für Pavees verwendet. Viele der Betroffenen legen heute jedoch Wert darauf, mit ihrer Eigenbezeichnung pavee oder der weit verbreiteten und eher neutralen Fremdbezeichnung travellers ‚Reisende‘ benannt zu werden. Zum Teil bezeichnen sie sich als gypsy.[6]

Geschichte und Kultur

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Die Pavee sind soziologisch mit den mitteleuropäischen Jenischen und spanischen Mercheros vergleichbar – alle drei Gruppen kombinieren traditionell das Altwarensammeln mit dem Wanderhandwerk und dem Hausierhandel. Auch der Überbegriff Travellers bzw. Gens de Voyage findet für sie und andere auf europapolitischer Ebene Anwendung.[7]

Die Pavee leben mit abweichender Sprache, Kultur und abweichendem Wertesystem innerhalb einer traditionell sesshaften Gesellschaft und Kultur. Innerhalb der Gruppen zu heiraten, auch aus wirtschaftlichen Gründen (Mitgift etc.), spielt eine wichtige Rolle und untersteht internen Regeln. Ehen werden früh arrangiert und jung geschlossen. Eine verordnete, formale und staatliche Bildung lehnen sie meist ab und tradieren Wissen und Werte in vormoderner Weise auf dem Weg der familiären und Gruppensozialisation.[8] Als Menschen ohne festen Wohnsitz und mit von außen wenig durchsichtigen Erwerbsweisen und kulturellen Besonderheiten sind sie seit langem mehrheitsgesellschaftlich stigmatisiert und dem Verdacht der staatlichen Institutionen ausgesetzt.

Zur historischen Herkunft der Pavee gibt es unterschiedliche Vorstellungen. Dass die Namen der Paveefamilien sich vom irischen Namensbestand nicht unterscheiden, spricht dafür, dass sie eine Teilgruppe der irischen Bevölkerung darstellen. Dies entspricht auch der Eigensicht der Pavee, wie von jüngeren Untersuchungen bestätigt wird. Demnach wäre davon auszugehen, dass die Angehörigen der Gruppe wie vergleichbare Gruppen in anderen Ländern (siehe oben) durch sozioökonomische Prozesse aus der Mehrheitsbevölkerung herausgefallen oder an ihren Rand geraten sind, nicht aber auf eine historische Gruppe anderer Ethnizität zurückgehen wie gelegentlich behauptet.

Zwei auf isolierte historische Einzelereignisse reduzierende und daher kaum plausible Herkunftsbestimmungen nennen die Rückeroberung Irlands durch Oliver Cromwell (1649–1653) bzw. die Große Hungersnot in Irland von 1845 bis 1852 (The Great Famine, irisch: An Gorta Mór) als Entstehungsgrund der Pavee.

Wie regelmäßig bei soziokulturellen und ethnisch-kulturellen Gruppen, die von mehrheitsgesellschaftlichen Betrachtern als auf eine faszinierende Weise abweichend und „exotisch“ wahrgenommen werden, bieten auch in diesem Fall Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts mythische Herkunftserklärungen an, so den Mythos von einer kryptischen Gruppe der Tarish als Vorläufer. Dabei handelt es sich mutmaßlich um eine rein literarische Erfindung der letzten Jahre.

Traditionell waren sie Hausierer, Wanderhandwerker (Blechschmiede, Kupferschmiede, Kesselflicker usw.) und Pferdehändler. Historisch spielte die Migration der Tinker eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Musik, Geschichten und Neuigkeiten. In Zeiten ohne moderne Medien und mit eingeschränkter Mobilität waren Traveller in entlegenen Gegenden wesentliche Übermittler von Kultur und Information. So beeinflussten sie stilistisch auch sesshafte Musiker und trugen auf diese Weise maßgeblich zur Entwicklung des Irish Folk bei.

Von William Shakespeare wird 1594 in seinem Werk Der Widerspenstigen Zähmung mit einer der Hauptfiguren, dem Tinker Sly, die Gruppe thematisiert. Eine weitere literarische Behandlung des irischen Tinker-Milieus im 18. Jahrhundert findet sich in John Millington Synges Zweiakter Die Kesselflickerhochzeit (The Tinker’s Wedding, 1909).

Großbritannien und Irland

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Der wirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegszeit markierte einen Wendepunkt im Leben der britischen und irischen Nomaden. Mit dem wachsenden Wohlstand hielten moderne Kraftfahrzeuge Einzug, die die traditionellen Pferdefuhrwerke verdrängten, und einige Familien erwarben erstmals feste Immobilien. Doch während die Modernisierung den Alltag erleichterte, verblasste gleichzeitig das romantische Klischee von bunten Kleidern, kunstvollen Holzwagen und überlieferten Tänzen. In der Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft wandelte sich das Bild: Aus den einst „romantisierten“ Wanderern wurden zunehmend unwillkommene Fremde. Die gesetzliche Lage verschärfte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts massiv. In den 1950er-Jahren verbot das britische Parlament das althergebrachte Übernachten am Straßenrand. Zudem erhielten die Gemeinden weitreichende Befugnisse, das Campieren auf öffentlichem Grund konsequent zu untersagen. Mit dem Caravan Sites Act aus dem Jahre 1968 wurden die Kommunen gesetzlich verpflichtet, spezielle Standplätze ausschließlich für Traveller bereitzustellen. Mit der Abschaffung dieser Verpflichtung 1994 durch den Criminal Justice and Public Order Act entfiel die staatliche Fürsorgepflicht. Viele öffentliche Stellplätze verfielen, was einen Teil der Nomaden dazu zwang, eigene, private Trailerparks zu gründen, um ihre Lebensweise überhaupt noch aufrechterhalten zu können.[9]

Der abweichende Lebensstil – das Zusammenleben im großen Familienverband und eine als nomadisch empfundene Lebensweise – sowie die Vorstellung einer mit dem Auftreten der Minderheit einhergehenden erhöhten Delinquenz erzeugen Konflikte zwischen den Travellern bzw. Pavee und der Mehrheitsbevölkerung, besonders in urbanen Zonen und aus raumplanerischen Gründen. Bewilligungen zum Erstellen von Wohnbaracken und Aufstellen von Wohnwagen werden oftmals nicht eingeholt, da Travellers schon im Vorfeld davon ausgehen, dass diese nicht erteilt werden. Die Pavee berufen sich dann, für die Legitimität ihrer Lager und Siedlungen, auf Menschen-, Minderheiten-, Gewohnheits- und Grundrechte. Zeitweise wurde die Taktik der rückwirkenden Bewilligung verfolgt, die im britischen Wahlkampf 2005 durch Michael Howard von der Konservativen Partei zum Nachteil der Traveller thematisiert wurde. So werden neuerdings verstärkt Traveller durch Zonenplanung und Bewilligungsverfahren an den Rand der Gesellschaft gedrängt, mit den entsprechenden negativen sozialen Folgen (Elendsquartiere etc.).[10] Im Oktober 2011 hat das oberste Gericht Großbritanniens die Auflösung der 2,4 Hektar großen Dale Farm in Essex (nahe Basildon) durch die Stadtverwaltung genehmigt. Von ursprünglich 400 irischen Travellern und Roma waren noch etwa 200 von der Räumung betroffen, da viele den Ort bereits verlassen hatten. Obwohl den Bewohnern das Grundstück gehörte, verfügten sie über keine Baugenehmigung, was zu einem langjährigen Rechtsstreit führte. Anwohner beschwerten sich über die Verschandelung der Landschaft und sinkende Immobilienpreise.[11]

Obwohl sie oft unter dem Sammelbegriff „Traveller“ zusammengefasst werden, legen die Gemeinschaften großen Wert auf ihre unterschiedlichen Wurzeln. Als „Gypsies“ bezeichnen sich jene Familien, die ursprünglich von den Roma abstammen. Der Begriff Traveller wird im engeren Sinne für jene Gruppen verwendet, die keine Roma-Vorfahren haben. Pavees (Irish Traveller): Diese irischen Nomadenfamilien haben eine ganz eigene Geschichte, sie zogen bereits lange vor der Ankunft der Roma durch die britischen Inseln. Von den rund 250.000 bis 300.000 Travellern, die nach verschiedener Medienberichterstattung heute in Großbritannien leben, führt nur noch ein kleiner Teil ein rein nomadisches Leben.[9] Unter der Labour-Regierung wuchs die Zahl der Wohnwagen von Landfahrern um 50 % auf insgesamt 18.000 an. Ein wesentlicher Grund war die rechtliche Stärkung der Minderheit: Unter Verweis auf die Menschenrechtskonvention konnten Siedlungen nur dann aufgelöst werden, wenn die Behörden den Betroffenen angemessene alternative Stellplätze anboten. Parallel dazu wurden die Kommunen angewiesen, ihr Platzangebot aktiv auszuweiten.[12] Viele Traveller arbeiten heute selbständig in einfachen Berufen, für die man keine Ausbildung braucht, wie Gärtner, Kammerjäger oder Reinigungskräfte. Sie bleiben in den britischen Medien als Pöbler, Säufer und damit als gesellschaftliches Problem. Der überwiegende Teil ist mittlerweile sesshaft geworden und lebt in festen Wohnungen.[9]

Einer aktuellen Umfrage zufolge lehnen 75 Prozent der englischen Bevölkerung ansässige Traveller in ihrer Nachbarschaft ab. Die Medien tun ihr Übriges, um das negative Bild der Traveller zu verankern, und die Boulevardpresse diskriminiert sie in der Öffentlichkeit.[10] Es ist statistisch komplex und umstritten, der Gruppe der Traveller, auch ein Synonym für Gauner, pauschal eine signifikant höhere Kriminalitätsrate im Bereich der Eigentums- oder Gewaltdelikte zuzuschreiben. Oftmals vermischen sich hier Vorurteile mit einer schwierigen Datenlage, da ethnische Herkunft in polizeilichen Statistiken nicht immer deckungsgleich mit der Lebensweise erfasst wird. Ein differenziertes Bild ergibt sich jedoch bei ordnungswidrigen Übertretungen und Konflikten mit dem Verwaltungsrecht. Hier stehen häufig Verstöße gegen die Landnutzungsrechte, das Baurecht sowie behördliche Auflagen im Vordergrund, die oft aus dem nomadischen oder halb-nomadischen Lebensstil resultieren. Besonders deutlich wird die Problematik beim Blick auf die Inhaftierungsraten im Vereinigten Königreich, der Anteil in britischen Gefängnissen der Gesamtbevölkerung liegt bei ca. 0,13 %, bei Traveller, Gypsies und Roma ca. 5,00 %. Ein oft niedrigerer Bildungsgrad und erschwerter Zugang zum Arbeitsmarkt erhöhen statistisch das Risiko für eine Straffälligkeit. Traveller erhalten aufgrund ihres fehlenden festen Wohnsitzes seltener eine Freilassung auf Kaution, was die Zahl der Untersuchungshäftlinge in dieser Gruppe künstlich erhöht.[13]

Im Rahmen der Volkszählung 2021 identifizierten sich in Großbritannien 71.440 Personen durch Ankreuzen eines Kästchens oder durch freies Ausfüllen als Roma oder irische Fahrende (0,12 % der üblichen Wohnbevölkerung von England und Wales). Die meisten, 94,9 %, der Traveller taten dies unter der übergeordneten Kategorie „Weiß“. Bei Menschen, die sich als Roma oder irische Fahrende identifizierten, wurde im Vergleich zur Bevölkerung von England und Wales ein schlechterer Gesundheitszustand in allen Altersgruppen und bei beiden Geschlechtern festgestellt. 56,8 % derjenigen, die sich als Roma oder irische Fahrende identifizierten, hatten keine Schul- oder Berufsausbildung, verglichen mit 18,2 % der Gesamtbevölkerung von England und Wales. Einfache Tätigkeiten und qualifizierte Handwerksberufe waren mit 24,6 % bzw. 18,2 % die häufigsten Beschäftigungsarten bei erwerbstätigen Personen, die sich als Roma oder irische Fahrende identifizierten. Doppelhaushälften waren die häufigste Unterkunftsart für diejenigen, die sich als Traveller identifizierten und in Haushalten lebten (28,3 %), gefolgt von Wohnwagen oder anderen mobilen oder temporären Bauten (21,6 %), im Vergleich zu 34,0 % bzw. 0,3 % in der Bevölkerung von England und Wales.[14]

Appleby Horse Fair

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Appleby Horse Fair mit Tinker-Pferden, 2013

In der ersten Juniwoche verwandelt sich Appleby-in-Westmorland in ein Zentrum einer jahrhundertealten Tradition. Die Appleby Horse Fair ist das wichtigste Ereignis im Jahr für die britischen und irischen Nomadengemeinschaften. Zu Tausenden reisen sie mit ihren Caravans an und besiedeln die umliegenden Felder und Wiesen, um Pferde zu handeln, alte Freundschaften zu pflegen und ihre Identität zu feiern. Der Höhepunkt des Marktes ist traditionell das Waschen der Pferde im Fluss Eden, bevor sie potenziellen Käufern vorgeführt werden – ein Motiv, das jedes Jahr Fotografen aus aller Welt anzieht. Während der 1920er-Jahre veränderte sich der Charakter eines althergebrachten Pferdemarktes, er wurde zu einem reinen Treffpunkt der Traveller-Gemeinschaft. Da Pferde durch die zunehmende Motorisierung an Bedeutung verloren hatten, drängten die örtlichen Bauern darauf, die Veranstaltung und die Lagerplätze zu verbiete, weil mangelnde Hygiene die öffentliche Gesundheit gefährde. Für die Sesshaften ist die jährliche Appleby Horse Fair eher eine Urlaubsreise. Dennoch bleibt die Verbundenheit zur Tradition stark. Die alljährliche Zusammenkunft in Appleby ist für viele das wichtigste Symbol ihrer kulturellen Eigenständigkeit und ein lebendiges Erbe einer vergangenen Ära.[9]

Die Gypsy Lore Society wurde 1888 in Großbritannien gegründet und hat seit 1989 hat ihren Sitz in den Vereinigten Staaten. Die Gesellschaft befasst sich traditionell mit vielen verschiedenen Gemeinschaften, die unabhängig von ihrer Herkunft und ihren Selbstbezeichnungen in verschiedenen Sprachen im Englischen als „Gypsies“ bezeichnet werden. Zu diesen Gemeinschaften gehören such die Nachkommen von Migranten vom indischen Subkontinent, die in drei große Untergruppen unterteilt wurden: Dom, Lom und Rom.[15] Die Gesellschaft unterscheidet die Roma- und Sinti-Gruppen in den Vereinigten Staaten:

  • Cale: Spanische Roma, oder Gitanos, eine kleine Gemeinschaft von nur wenigen Familien, die hauptsächlich in den Ballungszentren der Ost- und Westküste leben.
  • English Travelers: Eine recht unstrukturierte Gruppe, die bereits in England vor ihrer Auswanderung in die USA ab den frühen 1880er Jahren Gestalt annahm.
  • Irish Travelers: Eine nomadische Gruppe irischer Abstammung, die sich selbst nicht als „Gypsy“ bezeichnet, obwohl sie manchmal auch als „irische Roma“ bekannt ist.
  • Jenische: Eine größtenteils assimilierte Gruppe von ethnischen Deutschen, die fälschlicherweise als Roma identifiziert wurden und nach ihrer Einwanderung ab 1840 eine Berufskaste von Korbmachern bildeten und eine ganze Gemeinde in Pennsylvania gründeten.
  • Ludar: Roma aus dem Banat, auch „rumänische Roma“ genannt. Sie kamen nach 1880 an. Ihre Anzahl an Familien entspricht in etwa der der Roma, die genauen Zahlen sind jedoch unbekannt.
  • Roaders oder Roadies: In Amerika geborene Personen, die ein nomadisches Leben ähnlich dem der Roma und Sinti führten, aber nicht von diesen Gruppen abstammten. Die genaue Anzahl ist unbekannt, da nicht alle Familien untersucht wurden.
  • Roma: Roma osteuropäischer Herkunft, die nach 1880 in die USA einwanderten. Sie leben überwiegend in Städten und sind über das ganze Land verstreut. Eine der größeren Roma-Gruppen in den USA, vermutlich zwischen 55.000 und 60.000.
  • Romnichels: Englische Roma, die ab 1850 einwanderten. Sie sind über das ganze Land verstreut, leben aber tendenziell eher ländlich als andere Roma-Gruppen. Viele Familien befinden sich derzeit im Integrationsprozess, daher hängt die Schätzung ihrer Anzahl von den verwendeten Kriterien ab.
  • Scottish Travelers: Ethnisch schottisch, aber jahrhundertelang von der schottischen Gesellschaft getrennt, wo sie als Tinkers bekannt waren. Einige kamen nach 1850 nach Kanada und nach 1880 in nennenswerter Zahl in die Vereinigten Staaten. Über 100 verschiedene Clans wurden identifiziert, die genaue Anzahl ist jedoch unbekannt.
  • Sinti: Eine wenig erforschte frühe Gruppe deutscher Roma in den Vereinigten Staaten, bestehend aus wenigen Familien, die stark mit der nicht-Roma-Bevölkerung und der Romnichel-Bevölkerung assimiliert waren.
  • Ungarisch-Slowakische Roma: Eine überwiegend sesshafte Gruppe, die vorwiegend in den Industriestädten des nördlichen US-Bundesstaates lebt und einige Tausend zählt. Bekannt sind sie für das Spielen von „Zigeunermusik“ in Cafés, Nachtclubs und Restaurants.[16][17]

Der US Census führt die Irish Travellers nicht offiziell als eigene ethnische Gruppe, obwohl in den USA schätzungsweise zwischen 10.000 und 40.000 leben. Innerhalb der breiteren irisch-amerikanischen Diaspora erfahren sie oft keine Zugehörigkeit. Die Vorfahren der heutigen Travellers emigrierten meist während der Großen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts in die USA und bewahrten dort ihre traditionelle Lebensweise. Ein markantes kulturelles Merkmal ist ihre Sprache, wie in Irland nutzen sie Dialekte des Cant, Shelta oder Gammon, die Einflüsse aus dem Irischen, Englischen sowie dem Griechischen und Hebräischen vereinen. Die Gemeinschaft der Irish Travellers in den USA bewahrt eine starke katholische Identität und ein eigenständiges Brauchtum. Das tägliche Leben ist von einer klaren Aufgabenverteilung geprägt: Während Frauen primär für die Familie zuständig sind und oft früh durch arrangierte Ehen gebunden werden, sichern die Männer durch Reisetätigkeiten das Einkommen. Haupteinnahmequelle sind handwerkliche Dienstleistungen, die in der Öffentlichkeit teilweise skeptisch betrachtet werden. Neben diesen äußeren Tätigkeiten stützt sich die Gruppe auf ein einzigartiges, internes Wirtschaftsnetzwerk, dass auf Lebensversicherungen basiert und teilweise ein beträchtliches Vermögen ansammelt. Die Präsenz der Traveller erstreckt sich über weite Teile der USA, mit Schwerpunkten in Texas (vor allem bei Houston und Fort Worth) sowie in den Südstaaten South Carolina, Tennessee, Georgia, Arkansas, Mississippi und Florida. Kleinere Gemeinschaften bestehen zudem in den ländlichen Regionen von New York, New Jersey, Pennsylvania und Delaware. Die Identität dieser Gruppen ist oft eng mit ihrem ursprünglichen Siedlungsort verknüpft, was sich in Bezeichnungen wie „Texas Travellers“ oder „Ohio Travellers“ widerspiegelt. Das bedeutendste Zentrum der Gemeinschaft ist Murphy Village in South Carolina, dort leben rund 1.500 Menschen, wobei sich die gesamte Einwohnerschaft auf lediglich elf verschiedene Nachnamen verteilt. Die Entstehung von Murphy Village geht auf die 1960er-Jahre zurück, als sich Gruppen irischer Traveller, darunter die Familien Sherlock und O’Hara, auf einem Kirchengrundstück außerhalb von North Augusta ansiedelten. Benannt wurde der Ort nach dem katholischen Geistlichen Reverend Joseph Murphy, der die Gemeinschaft in ihrer Anfangszeit maßgeblich unterstützte und als deren Mentor fungierte. Murphy Village ist keine Wohnwagen- oder Mobilheimsiedlung, sondern hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Zentrum für immer mehr protzige Vorstadthäuser entwickelt. Irische Fahrende aus den USA errichten hier feste Häuser, die ihnen als Basis zwischen ihren Reisen und für Urlaube dienen. Das irische Pendant dazu ist Rathkeale in der Grafschaft Limerick.[18]

In der US-amerikanischen Medienwelt wurden die Traveller in den USA mehrfach thematisiert. Der Film "Traveller" aus dem Jahr 1997 ist eine der bekanntesten filmischen Auseinandersetzungen mit der Gemeinschaft der Irish Travellers in den USA und ist ein direktes Porträt der Community in South Carolina. Der Film zeigt die fiktive Gruppe der „Bohanons“ mit Darstellung der Arbeitswelt in der Form von Reparaturarbeitenm, z. B. dem Asphaltieren von Einfahrten und anderen handwerklichen Tätigkeiten, die oft an der Grenze zur Legalität oder Seriosität balancieren. Der Film „This Is My Father“ (deutscher Titel: „Die Legende von Long Island“ oder „Zeit der Grausamkeit“) aus dem Jahr 1998 setzte sich intensiv mit der irischen Identität, der Diaspora und der Rückkehr zu den Wurzeln auseinandersetzt. Ein amerikanischer Lehrer findet ein altes Foto seiner Mutter und reist nach Irland, um die Identität seines Vaters zu klären. Der Film beleuchtet genau die Spannungen, die zentrale Liebesgeschichte im Irland der 1930er Jahre scheitert an den harten sozialen Klassenunterschieden und der strengen Moral der katholischen Kirche.[19] Die US-Reality-Show „American Gypsies“ droht das weitverbreitete Unwissen über die Roma in regelrechte Vorurteile zu verwandeln. Die Fernsehserie „The Riches“ über eine irische Traveller-Familie in den USA wurde 2007 und 2008 in zwei Staffeln ausgestrahlt.[20]

Hier sind die irischen Landfahrer (Tinker) in großen Gruppen bei Zusammentreffen zu gemeinsamen Festen und Treffpunkten im Großraum Düsseldorf, Mönchengladbach, Neuss, wie u. a. auf Hochzeiten, verschiedenen traditionellen Festen, wie dem Saint Patrick’s Day oder dem mehrtägigen Puck Fair Germany Fest sowie bei traditionellen Gedenkmärschen aufgefallen.

Puck Fair, Killorglin, um 1900

Der Puck Fair Germany wächst von Jahr zu Jahr, so dass es schon fast an den Puck Fair aus der kleinen Ortschaft Killorglin, County Kerry herankommt. Mitte August findet dort ein außergewöhnliches, mehrtägiges Straßenfest statt. Symbolisch wird von den Einwohnern ein Ziegenbock zum König von Irland gekrönt. Um diese Zeremonie gibt es zahlreiche Ereignisse. In Deutschland wird kein Ziegenbock gekrönt, sondern ein altes Mufflon.

In den Ortschaften Korschenbroich, Willich, Kaarst und Meerbusch können jedes Jahr Zehntausende von traditionellen Pavee zusammenkommen. Presseberichte über ihr aggressives Verhalten fördern ein negatives Bild, zumal die Finanzierung ihres teilweise aufwendigen Lebensstils unklar erscheint.[21][22][23] So führt bereits das Erscheinen der Pavee in einer Region in der Presse zur Berichterstattung.[24][25] Nachdem die Besucher einer Hochzeit im August 2013 aus Bonn abgereist waren, musste die Stadt circa vier Tonnen Abfall vom Standplatz entsorgen. Kostenlos zur Verfügung gestellte Mobiltoiletten wurden von den Pavee umgeworfen. Der Umgang mit den Pavee und die durch sie verursachten hohen Kosten führten zu Diskussionen im Stadtrat.[26]

Als Tinker bezeichnet man auch die Pferde der Tinker.

Politische Bewegungen

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Organisationen wie das Irish Travellers’ Movement oder Pavee Point Travellers Centre setzte sich in Irland und Großbritannien für eine Anerkennung als gleichberechtigte ethnische Minderheit ein, die sie sowohl mit der jahrhundertealten Geschichte, mit Traditionen, Überlieferungen, eigener Sprache und Kultur als auch mit der wieder erstarkenden Diskriminierung und Ausgrenzung begründen. Sie senden auch Funktionäre zum vom Europarat finanzierten[27] European Roma and Traveller Forum in Straßburg, das Interessen auf transnationaler und nationaler Ebene, koordiniert und vertritt. Auch werden sie in der Antiziganismus-Forschung als Opfer anerkannt und einbezogen.[28]

Am 1. März 2017 erfolgte die Verkündung der Anerkennung der Irish Travellers als ethnische Minderheit in Irland durch den irischen Regierungschef, Taoiseach Enda Kenny.[29]

Die Traveller haben eine eigene Sprache, das Shelta (vermutlich aus der irischen Sprache siúltaauf Wanderschaft), auch Gammon oder Cant genannt. Die Bezeichnung Shelta wird von den meisten Pavee eindeutig bevorzugt, da Cant als englische Gaunersprache mit kriminalisierender Bedeutung und abwertend gemeint ist.

Es handelt sich um eine Mischsprache, die Elemente irisch-gälischen und englischen Ursprungs sowie Merkmale weiterer indogermanischer Sprachen aufweist. Aufgrund seiner Stellung als Mischsprache zählt Shelta, anders als das irische und das schottische Gälisch sowie Manx, nicht direkt zur Gruppe der goidelischen Sprachen. Das Vokabular entstammt hauptsächlich dem Irischen, während die Struktur mehr aus dem Englischen hervorgeht.

Der Sprachcode nach ISO 639-2 ist cel.

Persönlichkeiten

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Filme und Dokumentationen

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  • Sebastian Hesse: Reise ins Ungewisse. Irlands Landfahrer am Scheideweg. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2014, ISBN 978-3-95462-244-3.
  • D Hunter: Auf uns gestellt. Armutsklasse, Trauma und Solidarität. Autoethnographische Studie eines Travellers. Edition Nautilus, Hamburg 2023, ISBN 978-3-960543183.
  • Birte Kaufmann: The Travellers. Kettler, Dortmund 2016, ISBN 978-3-86206-581-3.
  • Brian Foster, Peter Norton: Educational Equity for Gypsy, Roma, Traveller Childeren, and Young People in the UK. In: The Equal Rights Review. Vol. 8. 2012. S. 86–112.
Commons: Irish Travellers – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. Traveller Health: A National Strategy 2002–2005 (Memento des Originals vom 6. April 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/itmtrav.ie
  2. James F. Clarity: Tullamore Journal; Travelers' Tale: Irish Nomads Make Little Headway In: The New York Times, 8. Februar 1999 (englisch). 
  3. Eilert Ekwall: The Etymology of the Word Tinker. In: English Studies. Vol. 18. 1936. Issue 1–6.
  4. Lucian Cherata: The Etymology of the words țigan (gypsy) and (r)rom (romany) In: Journal of Romanian Linguistics and Culture. Nr. 21/2019.
  5. Gyppo collinsdictionary.com.
  6. https://tysonfuryofficialmerchandise.com/
  7. Europäische Kommission (Hrsg.): Mitteilungen der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen, EU-Rahmen für nationale Strategien zur Integration der Roma bis 2020. 5. April 2011 eur-lex.europa.eu, abgerufen am 3. Oktober 2019.
  8. Presseheft Filmdokumentation Rules of the Road, 1993 (PDF; 5,4 MB).
  9. a b c d Lisa McMinn: Ein Traum vom Leben auf Achse. In: GEO. Band 06/2019. Gruner + Jahr, Hamburg 1. Juni 2019, S. 128 – 143.
  10. a b Paula Dear: Gypsy campaign raises ethics issue. BBC News, 11. März 2005, abgerufen am 30. Januar 2026 (englisch).
  11. England erlaubt Räumung von Traveller-Hochburg. Der Spiegel, 12. Oktober 2011, abgerufen am 30. Januar 2026.
  12. Ruth Rach: Sie werden uns nie los. Deutschlandfunk, 9. September 2010, abgerufen am 30. Januar 2026.
  13. Anna Savva: 9 myths and the truth about Gypsies and Travellers. Cambridgeshire Live, 29. April 2019, abgerufen am 30. Januar 2026 (englisch).
  14. Gypsy or Irish Traveller populations, England and Wales. The Departmental Fraud Officer Office for National Statistics, 23. Oktober 2023, abgerufen am 30. Januar 2026 (englisch).
  15. The Gypsy Lore Society. The Gypsy Lore Society, 1. Januar 2026, abgerufen am 31. Januar 2026 (englisch).
  16. T. Salo: Gypsy and Traveler Culture in America. The Gypsy Lore Society, 1. Januar 2002, abgerufen am 31. Januar 2026 (englisch).
  17. About Pavee Point. Pavee Point Traveller and Roma Centre, 1. Januar 2026, abgerufen am 31. Januar 2026 (englisch).
  18. Casey Egan: Who are the Irish Travellers in the US? IrishCentral, 10. Juli 2020, abgerufen am 31. Januar 2026 (englisch).
  19. Andrea Grun: Between Discrimination and Glorification: Irish Travellers, the Cinema and (Anti-)Traveller Racism. 1. Januar 2011, abgerufen am 31. Januar 2026 (englisch).
  20. Mona Nicoară: American Gypsies needs to catch up with the reality of Roma people's lives. The Guardian, 18. Juli 2012, abgerufen am 31. Januar 2026 (englisch).
  21. Streit um angebliche Tinker-Duldung. In: Kölner Stadt-Anzeiger.
  22. Bunt, laut und gesellig. In: Generalanzeiger. Bonn.
  23. „Tinker“ machen Stadt unsicher. In: Mindener Tageblatt. (kostenpflichtig, mt-online.de).
  24. Party in Wiesbaden – irische Traveller wieder da (Memento vom 16. August 2017 im Internet Archive) Hessenschau online; 15. August 2017
  25. Nomaden mit Problemen: Irische Traveller reisen durch Deutschland. In: Augsburger Allgemeine. 13. August 2017, abgerufen am 15. August 2017.
  26. Vier Tonnen Müll abtransportiert: Tinker-Randale hat Nachspiel im Rat (Memento vom 27. November 2015 im Internet Archive) express.de, 14. August 2013;
    Iren hinterlassen Chaos : Tinker-Sauerei müssen jetzt wir bezahlen (Memento vom 27. November 2015 im Internet Archive) express.de, 14. August 2013;
    Zelte hundertfach aufgeschlagen: Tinker sorgen für Angst und Schrecken (Memento vom 27. November 2015 im Internet Archive) express.de, 13. August 2013.
  27. Europarat
  28. Gesellschaft für Antiziganismusforschung
  29. Q&A: What does ethnic recognition mean for Irish Travellers? Sorcha Pollak & Kitty Holland in der Irish Times, 1. März 2017