Paulina Irby


Adeline Paulina Irby (* 19. Dezember 1831 in Morningthorpe, Norfolk; † 15. September 1911 in Sarajevo, Bosnien und Herzegowina, Österreich-Ungarn) war eine englisch-britische Reiseschriftstellerin, Flüchtlingshelferin und Frauenrechtlerin. Unter anderem gründete sie eine frühe Mädchenschule in Sarajevo und organisierte Hilfsmaßnahmen für Flüchtlinge auf dem Balkan.[1]
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Irby war die Tochter von Rear-Admiral Frederick Paul Irby (1779–1844) und seiner zweiten Frau Frances, geborene Wright. Der Vater war der zweite Sohn des Baron Boston und ihre Mutter stammte aus Mapperley Hall bei Nottingham. Ihr Bruder Colonel Howard Irby (1836–1905) war ein bekannter Ornithologe.[1]
1857 tat sich Irby mit Georgina Muir Mackenzie zusammen und brach zunächst zu einer Reise in Kurorte in Österreich-Ungarn und Deutschland auf.[2] 1858 wurden sie in Starý Smokovec, einem Kurort in der Hohen Tatra, als Spioninnen verhaftet und man warf ihnen „panslawistische Tendenzen“ vor. Es kam nicht zu einem Prozess, und keine von beiden war sich der zugrunde liegenden politischen Hintergründe bewusst, doch beide waren von dem Thema stark fasziniert. Sie reisten durch Albanien und Serbien, untersuchten dort die Lebensbedingungen und wurden Unterstützerinnen Serbiens und der Südslawen, da sie deren Lage unter der als schlecht empfundenen Herrschaft der osmanischen Machthaber beobachteten. Besonders besorgt waren sie über die Situation serbisch‑orthodoxer Frauen und Mädchen, die nur geringen Zugang zu gesellschaftlichen Positionen und Bildung hatten.[1] 1862 verfassten sie einen Reisebericht, Across the Carpathians[3] 1865 veröffentlichten sie anonym ihre auf einem Vortrag von Mackenzie basierende politische Studie Notes on the South Slavonic Countries in Austria and Turkey in Europe …[4][5] 1867 veröffentlichten die beiden einen weiteren Reisebericht, Travels in the slavonic provinces of Turkey-in-Europe.[6]
Irby und Mackenzie gründeten eine Organisation zur Sammlung von Spenden. Irby stand über viele Jahre in regelmäßigem Briefwechsel mit Florence Nightingale, die sie ermutigte und unterstützte und sie dazu anhielt, ihre Fakten für eine von Nightingale vermittelte Veröffentlichung in The Times sorgfältig zu belegen.[7] Irby und Nightingale hatten sich zuvor in der Kaiserswerther Diakonie kennengelernt.[8] Ihre Spendenaufrufe waren sehr erfolgreich, und sie eröffneten eine christliche Schule in Sarajevo, die von deutschen protestantischen Diakonissen betreut wurde.[9] Irby übernahm 1871 die Leitung dieser Schule, unterstützt von Priscilla Johnson McMillan.[1] Irby blieb im Briefkontakt mit Nightingale, und 1875, als Irby die Schule in Sarajevo schließen musste, wurde sie als mögliche Begleiterin von Nightingales Mutter in Betracht gezogen.[7]
1875, zeitgleich mit der Schließung, kam es jedoch zu einem Aufstand der christlichen Bevölkerung. Irby folgte den bosnisch‑serbischen Flüchtlingen, verteilte Lebensmittel an 3.000 Menschen und errichtete Schulen. Bis Juli 1876 war sie nach England zurückgekehrt und berichtete über ihre Aktivitäten.[5] Dies stieß auf besonderes Interesse, da die Öffentlichkeit über das Massaker von Batak und den Bericht von Emily Anne Smythe dazu sensibilisiert war. Irby wurde im Parlament erwähnt, und William Ewart Gladstone verfasste eine Einleitung zur zweiten Auflage von Travels in the slavonic provinces of Turkey-in-Europe. Sie erweiterte das, nun in zwei Bänden erscheinende Werk erheblich und verfasste vier zusätzliche Kapitel über das Gebiet des heutigen Bosnien.[5][10] 1878 bestanden 21 Schulen, die 2.000 christliche Kinder unterrichteten und Nahrung sowie Kleidung in Dalmatien und Slawonien bereitstellten.[1]
1879 konnte Irby die Schule zur Unterstützung christlicher Kinder in Sarajevo wiedereröffnen. Der Schule wird zugeschrieben, die nächste Generation von Lehrkräften ausgebildet zu haben.[11] Die österreichischen Behörden betrachteten Irby aufgrund ihrer pro‑slawischen Sympathien mit Skepsis,[1] doch 1907 erhielt sie ein Dankesschreiben, das von 200 bosnischen Würdenträgern unterzeichnet war. Als Irby 1911 in Sarajevo starb und ihr gesamtes Vermögen der Bildungsförderung in Bosnien vermachte,[12] wurde sowohl in Belgrad als auch in Sarajevo Trauer bekundet. Es heißt, dass 15.000 Menschen unabhängig von Geschlecht oder Glauben an ihrem Begräbnis teilnahmen.[11] Irby wurde mit dem St.-Sava-Orden sowie dem Takovo-Orden ausgezeichnet. Sie ist auf dem Sveti Arhangeli Georgije i Gavrilo-(„Heilige Erzengel Georg und Gabriel“)-Friedhof beerdigt.
Eine Straße in Sarajevo, Mis Irbina ulica, trägt ihren Namen.[13] Ebenso ist eine Straße in Belgrad, im Stadtbezirk Zvezdara, Ulica Mis Irbijeve, nach ihr benannt.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ a b c d e f Dorothy Anderson: Irby, (Adeline) Paulina (1831–1911). In: H. C. G. Matthew und Brian Harrison (Hrsg.): Oxford Dictionary of National Biography. Oxford 23. September 2004, doi:10.1093/ref:odnb/49020.
- ↑ Robert Elsie: Georgina Mackenzie and Paulina Irby: Travels in the Slavonic Provinces of Turkey-in-Europe. In: Albanian History. Private Website, archiviert vom am 29. Oktober 2013; abgerufen am 4. März 2026.
- ↑ Georgina Mary Sebright und Adelina Paulina Irby: Across the Carpathians. Macmillan & Co., London 1862 (archive.org).
- ↑ Anonym: Notes on the South Slavonic Countries in Austria and Turkey in Europe. Containing historical and political information added to the substance of a paper read at the meeting of the British Association at Bath, 1864. ed., with a preface, by Humphry Sandwith. William Blackwood & Sons, Edinburgh, London 1865 (kulturpool.at).
- ↑ a b c Omer Hadžiselimović: Two Victorian Ladies in Bosnia, 1862–1875: G.M. MacKenzie and A.P. Irby. In: Spirit of Bosnia. Band 7, Nr. 2, April 2012 (spiritofbosnia.org).
- ↑ Georgina Mary Sebright und Adelina Paulina Irby: Travels in the slavonic provinces of Turkey-in-Europe. Bell and Daldy, London 1967 (archive.org).
- ↑ a b Lynn McDonald: Florence Nightingale on Women, Medicine, Midwifery and Prostitution. Wilfrid Laurier Univ. Press, Waterloo, ON 2005, ISBN 0-88920-466-7, S. 847.
- ↑ Edward Tyas Cook: The Life of Florence Nightingale. Macmillan & Co., London 1913 (gutenberg.org).
- ↑ Noel Malcolm: Bosnia. Pan, London 2002, ISBN 978-0-330-41244-5, S. 131.
- ↑ Georgina Mary Sebright und Adelina Paulina Irby: Travels in the Slavonic provinces of Turkey-in-Europe. 2. Auflage. Daldy, Isbister & Co., London 1877 (Vol. 1, Vol. 2).
- ↑ a b Miss Paulina Irby, An Early Suffragist. In: The Common Cause. Band VII, Nr. 346, 26. November 1915, S. 443 (google.com).
- ↑ Tim Youngs: Travel writing in the nineteenth century filling the blank spaces. Anthem Press, London 2006, ISBN 1-84331-769-9, S. 29 (google.de).
- ↑ Adeline Paulina Irby – An Englishwoman who changed Sarajevo. The Srpska Times, 15. Februar 2019, abgerufen am 4. März 2026.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Irby, Paulina |
| ALTERNATIVNAMEN | Irby, Adeline Paulina |
| KURZBESCHREIBUNG | englisch-britische Reiseschriftstellerin, Flüchtlingshelferin und Frauenrechtlerin |
| GEBURTSDATUM | 19. Dezember 1831 |
| GEBURTSORT | Morningthorpe, Norfolk, England, Vereinigtes Königreich |
| STERBEDATUM | 15. September 1911 |
| STERBEORT | Sarajevo, Kondominium Bosnien und Herzegowina, Österreich-Ungarn |