Paul Iribe

Joseph-Paul Iribe (geboren am 8. Juni 1883 in Angoulême; gestorben am 21. September 1935 in Roquebrune-Cap-Martin) war ein französischer Zeichner, Modeillustrator, Plakatkünstler, Zeitungsverleger, Filmregisseur und Bühnenbildner.[A 1]
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Herkunft und Ausbildung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Paul Iribe war der Sohn von Jean-Jules Iribe, einem Bauingenieur, der auch als Redakteur von Le Temps arbeitete.[1][A 2] 1871 musste Paul Iribe Frankreich 1871 verlassen.[2] Er traf in Spanien Josepha Maria Sanchez de la Campa y Salguero, die die Mutter von Paul und seinen Geschwistern Jeanne und Dominque wurde.[3]
Er ging in Paris zur Schule; seine Lehrer am Lycée Condorcet bescheinigten ihm eine „hohe Intelligenz gepaart mit einer Faulheit, die nur von seiner Zerstreutheit übertroffen werde“.[3] Durch die Vermittlung seines Vaters begann Paul eine Lehre als Schriftsetzer bei Le Temps. Danach arbeitete er im Büro des Architekten René Binet.[4] Seine Ausbildung schloss er (wahrscheinlich als Gasthörer) mit freien Kursen an der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris ab.
Laufbahn
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Seine Laufbahne als Karikaturist begann er bei Zeitungen wie Le Rire, Cocorico[5], Le Sourire und L’Assiette au beurre. Dabei benutzte er Pseudonyme wie Crépin, George Maine und Tobie Flip. Einige Zeichnungen wurden von seinem Freund Pierre Legrain angefertigt, aber mit Iribe signiert.[6] 1906 gründete er Le Témoin[7], ein nationalistisch ausgerichtetes Karikaturenblatt, das bis 1910 bestand.
1908 entwarf er auf Wunsch von Paul Poiret ein Werk mit dem Titel Les Robes de Paul Poiret racontées par Paul Iribe, das er illustrierte und dessen Herstellung er beaufsichtigte. Dieses Album, das sich durch einen völlig neuen Stil auszeichnete, wurde zum Vorbild für Modekataloge. Zusammen mit François Bernouard[8] gründete er 1909 seine erste Kunstzeitschrift, Shéhérazade, ein „monatliches Album mit unveröffentlichten Werken aus Kunst und Literatur“ im quadratischen Format, mit Jean Cocteau als Chefredakteur (der vier Ausgaben herausgab) und Francis Carco als Sekretär. Die Zeitschrift stellte 1911 (nach sechs Ausgaben) ihr Erscheinen ein.[9] Iribe arbeitete auch für das Journal des Dames et des Modes.
1913 arbeitete Paul Iribe als Innenarchitekt und entwarf Möbel für Paul Poiret und Jeanne Lanvin sowie für den Mäzen und Modeschöpfer Jacques Doucet. Ende 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, veröffentlichte er Le Mot[10] zusammen mit Jean Cocteau. Diese patriotische, sehr sorgfältig gestaltete Zeitschrift umfasste 20 Ausgaben und griff das Layout und den Geist seiner früheren Wochenzeitschrift Le Témoin auf. Die Veröffentlichung wurde nach einem Jahr mangels Lesern eingestellt. Anschließend fertigte er zahlreiche Zeichnungen für La Baïonnette.

Sein modernistischer Stil, geprägt sowohl von den Kunstbewegungen jener Zeit als auch von den Flächen und dem Minimalismus der japanischen Malerei, trug dazu bei, die Popularität der Modeillustration wiederzubeleben. Diese war schon seit einiger Zeit im Einsatz und war im Wesentlichen ein Werbemittel – ein Kunstwerk, das dazu diente, bei einem Publikum aus modebewussten und wohlhabenden Menschen Begehrlichkeiten für die neuesten Kleidungsstile zu wecken.[11] Iribes Werk zeichnet sich vor allem durch die Illustrationen aus, die er für Stilzeitschriften wie La Gazette du Bon Ton[12] anfertigte, wo seine charmanten Vignetten der neuesten Modetrends dazu beitrugen, die Entwürfe von Couturiers wie Paul Poiret zu bewerben. Der Reiz dieser Illustrationen lag in der Darstellung stilvoller Frauen, die den alltäglichen Aktivitäten eines wohlhabenden Lebensstils nachgingen. Iribes Karriere als Designer war äußerst produktiv: Er steuerte Texte und Bilder zum Magazin Vogue bei, entwarf Stoffe, Möbel und Teppiche und übernahm Innenarchitekturprojekte für wohlhabende Kunden.[11]
1919 ging er für acht Jahre in die Vereinigten Staaten, zunächst mit dem Ziel, dort eine internationale Agentur für künstlerische Gestaltung zu gründen. Anschließend ging er nach Hollywood, wo er von der Famous Players-Lasky, dem Eigentümer der Paramount Pictures-Studios, als künstlerischer Leiter für die Produktionen von George Fitzmaurice engagiert wurde. Später arbeitete er an der Seite von Cecil B. DeMille, zunächst an Anatol, der Frauenretter im Jahr 1921. Er wirkte insgesamt an 16 Filmen mit, darunter die erste Stummfilmversion von Die zehn Gebote. Er überwarf sich mit DeMille und kehrte schließlich nach Frankreich zurück. Iribe führte bei mehreren Filmen Co-Regie, darunter Vertauschte Frauen (1924).
Die Pariser Modeszene blieb ihm auch in den 1920er Jahren treu, als er aus den Vereinigten Staaten zurückkehrte. Zu dieser Zeit lernte er auch Coco Chanel kennen, deren Lebensgefährte und Verlobter er Anfang der 1930er Jahre wurde.[13]
Im Dezember 1933 nahm er die Herausgabe von Le Témoin[14], die er 1906 gegründet hatte, für 69 Ausgaben wieder auf. Der Ton dieser satirischen Zeitschrift, die von Edmonde Charles-Roux als „vertraulich und nutzlos“ eingestuft wurde, war entschieden nationalistisch, antisemitisch, antiparlamentarisch, antikommunistisch, antihitlerisch und fremdenfeindlich und zeigte sich besonders heftig während der Stavisky-Affäre und der Ereignisse vom 6. Februar 1934.[15]
In Zusammenarbeit mit der Automarke Matford und auf Initiative ihres Geschäftsführers Maurice Dollfus[16] gründete er die Revue des sports et du monde[17], eine renommierte zweimonatlich erscheinende Zeitschrift, die 29 teilweise farbig illustrierte Ausgaben umfasste und an der Coco Chanel und Jean Giraudoux mitwirkten.
Privatleben und Tod
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Iribe gehörte zu einem Pariser Bohemien-Kreis, einer kosmopolitischen Mischung aus Persönlichkeiten aus der Kunstszene und der gehobenen Gesellschaft. Zu den namhaften Mitgliedern zählten Misia Sert, ihr Ehemann, der spanische Maler José Maria Sert, Jean Cocteau und sein Liebhaber, der französische Schauspieler Jean Marais, Serge Lifar, ein Mitglied des Diaghilev-Balletts, sowie Coco Chanel. Es war eine libertine Gruppe, in der emotionale und sexuelle Intrigen an der Tagesordnung waren – allesamt angeheizt durch Drogenkonsum und -missbrauch.[18] Die Schriftstellerin Colette hegte ein instinktives Misstrauen gegenüber Iribe. Sie schrieb: „Er gurrt wie eine Taube, was die Sache umso interessanter macht, denn in alten Texten findet man, dass Dämonen die Stimme der Venus annehmen.“ Immer wenn Iribe sich ihr zur Begrüßung näherte, zeigte Colette eine Geste, die als Zeichen eines Exorzismus beschrieben wurde.[19] Iribes Beziehung zu Coco Chanel war besonders intensiv. Chanel fand, dass Iribes provokanter Witz und sein beruflicher Ehrgeiz zu ihr passten. Ihre Beziehung war eine romantische Liaison und eine Verbindung gleichgesinnter Seelen, die dieselbe rechtsgerichtete Politik teilten. Chanel finanzierte in den 1930er Jahren die Veröffentlichung von Iribes Zeitschrift Le Témoin.[20]
Iribe war zweimal verheiratet: Von 1911 bis 1918 mit der Schauspielerin Jeanne Dirys[21] und danach bis zu seiner Liaison mit Coco Chanel mit Maybelle Hogan; mit ihr hatte er zwei Kinder.
Er starb am 21. September 1935 in Roquebrune in der Villa La Pausa[A 3] von Coco Chanel während einer Partie Tennis an einer Embolie: Dies berichtete Paul Morand, der das Drama miterlebte, in den Seiten des Figaro, illustriert mit einem von Jean Cocteau gezeichneten Porträt.[22] Er wurde in Barbizon beigesetzt.
- Jeanne Dirys, 1911
- Chez le grand kouturier, 1914
- Birds from Les Ateliers de Martine, 1918
- Möbelstück mit Rosen, 1919
Werke
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bücher und Zeitschriften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Neben seinen Veröffentlichungen in Zeitschriften liegen noch folgende Werke online vor:
Filme
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als Regisseur wird er in drei Filmen genannt:
- Vertauschte Frauen (1924)
- Bräutigam auf Abbruch (1925)
- Heiraten ist kein Kinderspiel (1925)
Dazu kommen noch einige Filme als Bühnenbildner und als Artdirektor.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Raymond Bachollet, Daniel Bordet, Anne-Claude Lelieur: Paul Iribe, précurseur de l’Art Déco, 1883–1935. FeniXX réédition numérique, 1983, ISBN 978-2-307-49532-1 (google.de).
- Hal Vaughan: Sleeping with the Enemy; Coco Chanel’s Secret War. Knopf, 2011, ISBN 978-0-307-95703-0 (google.de).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- IRIBE Paul Joseph. In: Le Maitron. (französisch).
- IRIBE PAUL. In: Universalis. (französisch).
- Paul Iribe (1883–1935). In: Bridgeman Images.
- Paul Iribe. In: TMDB.
- Paul Iribe bei IMDb
- Iribe, Paul. In: Deutsche Biographie (Index-Eintrag).
- Angaben zu Paul Iribe in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
Anmerkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Die englische Sprachversion nennt als Geburtsnamen Paul Iribarnegaray, wofür es zwar eine Vielzahl aktueller Quellen, laut französischer Sprachversion aber keinen zeitgenössischen Nachweis gibt. Auch für den Ort des Todes gibt es abweichende Angaben; in vielen zeitgenössischen Quellen wird Villefranche-sur-Mer genannt.
- ↑ Die französische Sprachversion hält es – unbelegt – für möglich, dass auch Jean-Jules Bruder, Jules-Gustave Iribe, der Vater war. Genaues weiß man nicht, man war ja nicht dabei.
- ↑ Siehe dazu weiterführend den Artikel Villa La Pausa in der frankophonen Wikipédia.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Le Temps vom 4. August 1914; Nécrologie auf Gallica
- ↑ La chute de la colonne Vendôme. In: Terres d’Écrivains. Abgerufen am 1. Mai 2026 (französisch).
- 1 2 Siehe Literaturliste Bachollet, Bordet, Lelieur 1983, S. 20
- ↑ Siehe Literaturliste Bachollet, Bordet, Lelieur 1983, S. 21
- ↑ Angaben zu Cocorico (Toulon) in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
- ↑ François Solo: Dico Solo. Aedis, 2004, ISBN 978-2-84259-239-4, S. 430.
- ↑ Angaben zu Le Témoin (1906) in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
- ↑ Angaben zu Paul Iribe in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
- ↑ Schéhérazade ( vom 21. November 2010 im Internet Archive) (französisch)
- ↑ Angaben zu Le Mot in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
- 1 2 Siehe Literaturliste Vaughan 2011, S. 38
- ↑ Angaben zu La Gazette du Bon Ton in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
- ↑ Edmonde Charles-Roux: L'irrégulière ou, Mon itinéraire Chanel. Grasset, 1974, ISBN 978-2-246-00113-3.
- ↑ Angaben zu Paul Iribe in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
- ↑ Siehe Literaturliste Vaughan 2011
- ↑ Angaben zu Maurice Dollfus in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
- ↑ Angaben zu Revue des sports et du monde in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
- ↑ Siehe Literaturliste Vaughan 2011, S. 63
- ↑ Edmonde Charles-Roux: Chanel and Her World. Vendome Press, 1981, ISBN 978-0-86565-011-4, S. 251.
- ↑ Siehe Literaturliste Vaughan 2011, S. 79
- ↑ Angaben zu Jeanne Dirys in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
- ↑ Le Figaro vom 28. September 1935; Adieux à Paul Iribe auf Gallica
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Iribe, Paul |
| ALTERNATIVNAMEN | Iribe, Joseph-Paul; Iribarnegaray, Paul (Geburtsname, unsicher) |
| KURZBESCHREIBUNG | französischer Zeichner, Verleger und Filmregisseur |
| GEBURTSDATUM | 8. Juni 1883 |
| GEBURTSORT | Angoulême |
| STERBEDATUM | 21. September 1935 |
| STERBEORT | Roquebrune-Cap-Martin |