Pahu

Pahu, regional oder veraltet auch pa’u, pasu, payu und peu, ist die in Polynesien verbreitete allgemeine Bezeichnung für Membranophone (Trommeln), deren traditionelle Form senkrecht auf dem Boden stehende Kesseltrommeln sind, die aus einem Baumstamm geschnitzt und mit einer Membran aus Haifischhaut bespannt wurden. Dieser von außen röhrenförmig aussehende Trommeltyp kommt mit wenigen Ausnahmen nur auf den ostpolynesischen Inseln vor und unterscheidet sich grundlegend von den in der Hand gehaltenen schlanken Trommeln kundu in Melanesien.
Die pahu dienten zur Begleitung von erzählenden Gesängen und Tänzen bei Ritualen der früheren polynesischen Religion und bei gesellschaftlichen Anlässen. Eine kurze Variante der Trommel wird bei einem rituellen Hula-Tanzstil (hula pahu) auf Hawaii eingesetzt. Allgemein entsprechen pahu mit ihrem tiefen dumpfen Klang bei allen Gelegenheiten in ihrer Funktion den ansonsten in Ozeanien traditionell verwendeten Schlitztrommeln und Bambusstampfrohren.
Bei den Maori in Neuseeland waren Trommeln unbekannt; sie schlugen früher pahū genannte Klanghölzer (Schlagbalken) als Signalinstrumente.
Herkunft und Verbreitung
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Laut Curt Sachs’ entwicklungsgeschichtlichem Modell in Geist und Werden der Musikinstrumente von 1928 gehen das Stampfen mit den Füßen auf die Erde oder auf ein über eine Grube gelegtes Brett oder dem Schlagen auf eine am Boden liegende Matte dem Schlagen einer Erdtrommel als dem in diesem Modell ältesten Membranophon voraus. Aus den durch Stampfen oder Klatschen produzierten ältesten Formen rhythmischer Äußerungen, für die Sachs auch Berichte aus Ozeanien zitiert, entwickelten sich die am weitesten in Ozeanien verbreiteten Schlitztrommeln, die ungeachtet ihres Namens zu den Idiophonen gehören. Transportable archaische Trommeln sind aus Baumstämmen gefertigte, an einem Ende mit einer Membran bespannte Zylindertrommeln, zu denen etwa die drei Meter langen heiligen Ritualtrommeln auf der indonesischen Insel Nias gehörten (Vorläufer der bis zu 140 Zentimeter langen heiligen Bechertrommeln fodrahi)[1].[2] Dieser Trommeltyp war Curt Sachs zufolge ab einer frühen Zeit in Melanesien und auf dem amerikanischen Doppelkontinent verbreitet.[3]
Bis auf wenige Bambustrommeln sind fast alle traditionellen Trommeltypen in Ozeanien aus einem Holzstück herausgearbeitet und stets einfellig. Eine grundlegende Unterscheidung lässt sich zwischen den röhrenförmigen und sanduhrförmigen Trommeln in Neuguinea, auf den übrigen Inseln Melanesiens sowie einigen östlichen Inseln Mikronesiens im Westen und den ostpolynesischen stehenden Kesseltrommeln pahu im Osten des Pazifischen Ozeans treffen.[4] In der Hand gehaltene Sanduhrtrommeln kommen weder im Westen Mikronesiens noch in Polynesien vor, auch nicht im Süden Melanesiens, wo sie durch Schlitztrommeln ersetzt werden. Die Zylindertrommeln pahu sind in Ostpolynesien die führenden Rhythmusinstrumente, in Zentralpolynesien werden sie zusammen mit Schlitztrommeln verwendet.[5]
Die in der Musik Neuguineas gespielte schlanke Sanduhrtrommel kundu besitzt eine aufgeklebte (Klebspannung) oder mit einer am Rand umlaufenden Schnur (Topfspannung) befestigte Membran. Eine seltenere Methode der Membranbefestigung, die nur regional im westlichen Neuguinea vorkommt, ist, das Trommelfell durch am Rand durchgeschlaufte Schnüre mit einem etwas entfernt umlaufenden Ring zu verspannen. Dieser Ring lässt sich durch von oben eingeschlagene Keile fixieren (Keilspannung). Der stehende Spieler hält die Trommel an einem mitten am Korpus angebrachten Handgriff oder umfasst die schlanke Mitte des Korpus, falls kein Handgriff vorhanden ist, und schlägt die Membran mit der anderen Hand. Die Trommeln der ostmikronesischen Inseln sind wie diejenigen von Neuguinea sanduhrförmig, besitzen aber keinen Handgriff. Des Weiteren mit den kundu verwandt sind die langen schlanken Bechertrommeln tifa, die in den indonesischen Molukken verbreitet sind und sich scharf von den ansonsten im Malaiischen Archipel gespielten Zylindertrommeln kendang und Rahmentrommeln rebana abgrenzen.
Die einzige Ausnahme vom Trommeltyp kundu in Melanesien ist eine auf dem Boden stehende zylindrische Trommel, über die Felix Speiser Anfang des 20. Jahrhunderts von den zu Vanuatu gehörenden Banks-Inseln berichtete. Die Trommel war 165 Zentimeter lang und wurde 40 Zentimeter tief in den Boden eingegraben. Die wesentlichen Merkmale dieser damals isoliert vorkommenden Trommel deuten Hans Fischer (1958) zufolge auf ihre Herkunft aus Ostpolynesien.[6] Die Trommel bestand aus einem ausgehöhlten rohen Kokospalmenstamm und als Membran dienten einige Lagen Bananenblätter, die mit einer Schnur festgebunden waren. Curt Sachs (1928) vermutet in dieser Trommel nicht eine frühe Form wie auf Nias, sondern vielleicht eine Rückbildung eines ausgereifteren Trommeltyps.[7]
Gegenüber den melanesischen Handtrommeln stehen die ostpolynesischen Trommeln alle fest auf dem Boden. Mit ihrer Form kommen sie nur in Ostpolynesien vor. Abgesehen von den melanesischen Banks-Inseln wurde der westlichste Vertreter des Trommeltyps pahu auf der zu Polynesien gehörenden Insel Tokelau (nördlich von Samoa) gefunden. Hier heißt die Trommel tokelauisch pasu und pukapuanisch payu. Deren Kenntnis geht auf den US-amerikanischen Polarforschen Charles Wilkes (1845) zurück, der während der United States Exploring Expedition um 1839 die Insel erreichte und die Haupteigenschaften der Trommel in seinem 1845 veröffentlichten Expeditionsbericht zusammenfasste:[8]
„… zwei Trommeln wurden gesehen … die andere hatte einen zylindrischen Korpus, senkrecht auf den Boden gestellt, mit einem Stück Haifischhaut fest darüber gespannt wie bei denjenigen von Hawaii: letztere wurde wie unsere Trommeln mit zwei Stöcken geschlagen und zur Begleitung von Tänzen verwendet.“
Die erste „Trommel“ beschreibt Wilkes nur als „Trog“, vermutlich meinte er einen hölzernen Stampftrog oder eine Schlitztrommel. Eine aus einem großen Baumstamm gefertigte Schlitztrommel namens longo erwähnt der neuseeländische Anthropologe Te Rangi Hīroa (Peter Henry Buck) in seiner Beschreibung der materiellen Kultur von Samoa 1930. Hīroa beruft sich auf einheimische Informanten, wonach es früher auch auf der westpolynesischen Insel Samoa eine itulasi genannte, mit Haifischhaut bespannte Trommel fremder Herkunft gegeben habe.[9] Über die itulasi ist so gut wie nichts bekannt, aber sie ist auf dem Frontispiz von John B. Stairs geographisch-historischer Beschreibung Old Samoa, or, Flotsam and Jetsam from the Pacific Ocean von 1897 als kurze Form einer senkrecht stehenden Zylindertrommel abgebildet. Erkennbar sind Spannschnüre für die Membran, die parallel bis zur Unterseite verlaufen. Im Text wird die Trommel nicht behandelt, der Verfasser beobachtete nur eine waagrechte, mit zwei Stöcken geschlagene Schlitztrommel und eine ebenso geschlagene, am Boden liegende Matte.[10] Im Samoanisch-Englisch-Wörterbuch des Missionars George Pratt (1862) werden das Wort itulasi und außerdem Verben gelistet, die das Schlagen der kleinen Schlitztrommeln pate und lali sowie der Bodenmatte bezeichnen.[11] Die einzige andere Trommel von Samoa heißt talipalau, sie wurde als Signalinstrument verwendet. Mit ihren zwei Membranen gilt die talipalau als Nachahmung europäischer Marschtrommeln.[12]
Auf Tonga soll es früher eine zylindrische Trommel gegeben haben, die tanofa genannt und bei gewissen religiösen Zeremonien verwendet wurde.[13]
Ansonsten ist über Trommeln etwa in der Musik von Tuvalu und im übrigen Westpolynesien nichts bekannt. Sie fehlten früher auch in der traditionellen Musik der Maori in Neuseeland. Die Maori verwendeten zur Erzeugung von Rhythmus oder außermusikalischen lauten Schlägen lediglich einige Idiophone: neben der Kalebassenrassel hue puruwai und den Klappern tōkere den Schlagbalken pahū, dessen Name von der ostpolynesischen Trommel übernommen wurde. Der als „Kriegsglocke“ und als Signalinstrument vor Versammlungen und bei Gefahren verwendete pahū war meist ein waagrecht aufgehängtes massives Holzbrett, das mit Stöcken geschlagen über mehrere Kilometer zu hören gewesen sein soll. Ein Besucher Neuseelands, der 1846 einen solchen Schlagbalken sah, schildert, dass dieser kaum noch geschlagen wurde, außer des Nachts vom Wachposten vor einem drohenden Überfall eines Feindes auf das Dorf.[14] In seiner Größe und Funktion wurde der pahū mit der samoanischen Schlitztrommel longo verglichen, das Maori-Wort dafür ist rongo, „ertönen“.[15]
Der Trommelname pahu ging in mehrere polynesische Sprachen auf entfernten Inseln für unterschiedliche Trommeln über. Er kann wie in der hawaiischen Sprache auch Alltagsgegenstände im Umfeld von Trommeln bezeichnen („Kasten, Kiste, Baumstamm, Behälter“).[16] Ob die Maori in weit zurückliegenden Zeiten eine Trommel besaßen oder weshalb der Trommelname in Neuseeland auf ein Idiophon übertragen wurde, ist unbekannt. Allgemein anerkannt ist die Theorie, dass Neuseeland von Polynesiern besiedelt wurde. Nach neueren Erkenntnissen erfolgte diese Migration, die mit einem nachweisbaren Import materieller Kulturgüter einherging, um 1300.[17] Auch einige Inseln in Melanesien könnten unter dem Einfluss einer ursprünglich polynesischen Bevölkerung gestanden haben, wofür die vereinzelten polynesischen Standtrommeln in Melanesien sprechen würden. Nachfolgend hätten die eingewanderten Polynesier die „melanesische Kultur“ angenommen, die wiederum als eine Subkultur in Neuseeland erkannt wird.[18]
Das Wort pahu steht mit der Übersetzung „lautes Geräusch“ im Wörterbuch Französisch-Uveanisch, das 1840 vom französischen Missionar Pierre Bataillon für die westpolynesische Insel Uvea verfasst wurde.[19] Auf den zu Mikronesien gehörenden Inseln Pohnpei und Ngatik am westlichen Rand des Pazifischen Ozeans sollen Handtrommeln des neuguineischen Typs früher peu oder pau geheißen haben.[20]
Nach der auf Hawaii allgemein bekannten Überlieferung wurde die Trommel pahu zu einer früheren Zeit durch einen König von den heute zu Französisch-Polynesien gehörenden Gesellschaftsinseln eingeführt. Sie kam demnach aus dem Süden, genauer von Tahiti, wie die ersten Siedler, die nach der Geschichtsschreibung um die Zeitenwende die Inseln von Hawaii besiedelten, soll aber laut Curt Sachs nicht zur ältesten Schicht von Trommeln gehören.[21] Eine Legende führt näher aus, dass vor ungefähr 600 Jahren, also um das 13. Jahrhundert, ein Prinz namens La’a oder mit vollem Namen La’amaikahiki (La’a-mai-Kahiki, „La’a aus Kahiki“) lebte, der ein abenteuerlustiger Seefahrer war und bereits zweimal eine Reise zu den Inseln im Süden von Hawaii hin und zurück unternommen hatte. La’a sei der Sohn des seefahrenden Häuptlings Moikeha gewesen. Als er sich bei der Rückkehr von seiner zweiten Reise der Küste von Hawaii näherte, schlug er laut die Trommel pahu. Die Inselbewohner bewunderten den tiefen mächtigen Klängen der Trommelschläge und folgten ihnen bis zum Landeplatz des Prinzen. Dort fanden sie einen Abschnitt eines ausgehöhlten Baumstamms, der mit einer Haifischhaut bespannt war. Der untere Teil dieser Trommel war kunstvoll beschnitzt. La’a brachte außerdem ein kāʻekeʻeke genanntes Stampfrohr aus Bambus mit. Als ein Förderer der Hula-Tänze sah er voraus, welche Bedeutung diese Musikinstrumente für die Tanzbegleitung zukünftig haben würden.[22]
Helen A. Roberts (1926) nimmt die Einführung der pahu durch La’a als historischen Fakt. Die pahu erscheint demnach als die später eingeführte der beiden auf Hawaii gebrauchten traditionellen Trommeln. Als älter und schon immer im Kulturbesitz der Hawaiianer befindlich gilt die kleine schalenförmige Trommel puniu, die meist aus einer mit Fischhaut bespannten Kokosnussschale oder, etwas größer, aus einem Flaschenkürbis besteht.[23]
Bauform
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die oben abgebildete pahu gehört zu den während der dritten Südseereise (1776–1779) von James Cook gesammelten Kulturgütern und wird heute im Ahmanson Building im Los Angeles County Museum of Art ausgestellt.[24] Sie ist typisch für die auf Hawaii gespielte kurze Form der pahu.
Der Korpus einer pahu wird aus einem Stammabschnitt üblicherweise einer Kokospalme (Cocos nucifera) geschnitzt und hat eine zylindrische, seltener eine nach oben leicht konisch schmäler werdende oder auf den Cookinseln auch fassartige Form. Der längere obere Teil bildet die Kesseltrommel, die bis zu einer von außen nicht erkennbaren Tiefe ausgehöhlt ist. Der meist klar abgegrenzte untere Bereich ist ebenfalls ausgehöhlt, zu durchbrochenen ornamentalen Formen ausgearbeitet und fungiert als verlängerte Basis, mit der die Trommel auf dem Boden steht. Daraus ergab sich die Kurzbeschreibung „polynesische Sockeltrommel“. Als Membran dient überwiegend Haifischhaut, seltener eine andere Fischhaut. Fixiert wird die Membran mit einer im übrigen Ozeanien praktisch nicht vorkommenden Schnurspannung. Die Schnüre sind am Rand der Membran befestigt und verlaufen parallel bis zu einem Spannring im unteren Bereich oder werden direkt am Sockel befestigt. Für die Verbindung mit der Membran lassen sich zwei Methoden unterscheiden: Bei der mutmaßlich älteren Methode, die von Tahiti, den Cookinseln und der südpazifischen Insel Tubuai bekannt ist, werden die Spannschnüre direkt durch Löcher in der Membran gezogen. Bei der wahrscheinlich jüngeren indirekten Methode, die auf Hawaii, auf den Marquesas, im Tuamotu-Archipel und auf Mangareva praktiziert wurde, verbindet eine separate, am Korpusrand umlaufende Schnur die Membran mit den nach unten führenden Spannschnüren.
Nach der Größe werden Trommeln mit einem großen schlanken Korpus zwischen 90 und 245 Zentimetern Länge, die im Stehen gespielt werden, und kleine Formen von etwa 50 Zentimetern Länge und einem größeren Durchmesser, die im Sitzen gespielt werden, unterschieden. Die erste, lange Form ist für Tubuai, den Tuamotu-Archipel und Mangareva typisch, die zweite, kurze Form für Hawaii und Pukapuka. Auf den Marquesas, Tahiti und den Cookinseln kommen oder kamen beide Formen vor.[25]
Marquesas
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ein kleines Exemplar der Marquesas, das sich im Museum Godeffroy in Hamburg befindet, ist 51 Zentimeter hoch und besitzt einen oberen Durchmesser von 30 und einen unteren Durchmesser von 36 Zentimetern. Der untere Teil ist durchbrochen geschnitzt, die Membran besteht aus Haifischhaut und für die Spannschnüre wurden Kokosfasern verwendet. Eine zweite ähnliche Trommel in diesem Museum ist 59 Zentimeter hoch und misst im Durchmesser oben 39 Zemtimeter und unten 46 Zentimeter. Ihre Membran besteht aus einer Fischhaut und ist mit einer geflochtenen Matte aus Kokosfasern geschützt.[26]
Der früheste europäische Bericht über die Marquesas stammt vom englischen Missionar William Pascoe Crook (1775–1846), der in An account of the Marquesas islands 1797–1799 auch als erster den Namen („pahhou“) für die Trommel mitteilt. Die genaue Beschreibung der Trommel wird durch die frühe Zeit vor einer weiteren europäischen Kontaktaufnahme besonders wertvoll. Crook unterschied bei den von Priestern verwendeten Trommeln zwei Größen: Die größeren waren 150 bis 180 Zentimeter lang und hatten einen Durchmesser von etwa 38 Zentimetern. Die kleineren Trommeln waren etwa 100 Zentimeter lang bei einem Durchmesser von etwa 18 Zentimetern. Ferner erwähnt Crook Trommeln mit einer Länge von 60 bis 70 Zentimetern und einem Durchmesser von 18 bis 38 Zentimetern, die für Veranstaltungen der Dorfgemeinschaft gebraucht wurden.
Von oben waren die Holzstämme bis zu drei Vierteln ihrer Länge ausgehöhlt, die dritte Gruppe von Trommeln höchstens bis zur Hälfte. Ein Loch in der Bodenmitte (für den Druckausgleich) stellte eine Verbindung zum ausgehöhlten unteren Teil her. Dessen Wand war mit großen Löchern durchbrochen. Die größeren Trommeln waren mit der Haut von Teufelsrochen und die kleineren Trommeln mit Haifischhaut bespannt. Die Haut wurde nass aufgezogen und bis zur Trocknung mit einer mehrfach umlaufenden Schnur fixiert. War die Membran trocken, wurde sie durch Sennit-Schnüre aus Kokosfasern ersetzt.[27]
Die enormen Größenunterschiede der im 18. und 19. Jahrhundert auf den Marquesas von Europäern gesammelten Trommeln, die zwischen 33 Zentimeter Länge für die kleinste und 244 Zentimeter für die größte Trommel betragen, sind für Polynesien ungewöhnlich. Der Membrandurchmesser der größten Trommel beträgt 48 Zentimeter und der Durchmesser der kleinsten Trommel 15 Zentimeter. Eine typische mittlere Größe war 66 Zentimeter lang und hatte einen Durchmesser von 38 Zentimetern. Als Holz für den Korpus wurde Calophyllum inophyllum (Alexandrischer Lorbeer, hartes und schweres Holz, lokaler Name temanu), Thespesia populnea (Portiabaum, festes und schweres Holz, lokaler Name mi’o) und Cordia subcordata (Familie Cordioideae, weiches, leichtes Holz, lokaler Name tou) verwendet.
Die meisten Trommeln sind im oberen Bereich mit dicht nebeneinander verlaufenden Querrillen verziert, die unter den Spannschnüren zu erkennen sind. Außerdem besitzen einige Trommeln auf der Sockelzone eingekerbte ornamentale Muster, die religiösen Figuren (tiki) und Formen entsprechen, wie sie für Tattoos auf den Marquesas typisch sind. Diese Verzierungen, Umwicklungen der Trommeln mit Rindenstoff (tapa) oder menschlichen Haaren und kunstvolle Verknüpfungen aus Sennit verweisen auf eine außermusikalische kultische Bedeutung der Trommeln. Für eine frühere kultische Verwendung spricht auch eine an den Korpus gehängte Knochenperle (ivi po’o),[28] die aus einem menschlichen Röhrenknochen figürlich geschnitzt wurde. Einen praktischen Nutzen, etwa um die Membran zu spannen, dürfte eine zu den tiki gehörende einzelne Knochenfigur nicht gehabt haben, zumal solche tiki auch an Schneckenhörnern (putona) angebracht waren.[29]
Hawaii
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die auf Hawaii vorkommende kleine Form maß Anfang des 20. Jahrhunderts etwa von 30 Zentimetern bis zu 90 Zentimetern in der Länge. Die kürzesten Trommeln hatten Durchmesser zwischen 18 und 20 Zentimeter. Für den Korpus wurde das Holz des Brotfruchtbaums (Artocarpus altilis, hawaiisch ’ulu) oder der Kokospalme (hawaiisch niu) verwendet. Den Stamm höhlte man früher mit Hilfe von Steinwerkzeugen, aber nicht mit Feuer aus. Die etwa ein Drittel der Länge große Sockelzone war und ist meistens mit geometrischen Strukturen gestaltet, die um unterschiedlich als Vielecke oder Ovale geformte Löcher Wellenlinien oder Zickzackmuster bilden. Dafür muss zuvor auch der untere Teil der Trommel vom anderen Ende ausgehöhlt werden. Der Sockelrand besteht aus einem umlaufenden stabilen Ring, damit die Trommel aufgestellt werden kann, ohne beschädigt zu werden. Vor dem Aufziehen der Haifischhautmembran (vom Tigerhai) wird um den Korpusrand ein aus Papiermaulbeerbaum hergestellter Streifen Tapa-Rindenbaststoff (hawaiisch kapa) aufgelegt. Dies dient dem Schutz der Membran, wenn sie sich bei Temperatur- oder Feuchtigkeitsschwankungen etwas bewegt.[30]
Die Spannschnüre führen in parallelen Abständen bis zu einer umlaufenden Kordel, die am Übergang zwischen Kesseltrommelkorpus und Sockelzone festgebunden ist. Sie bestanden früher aus Kokosfasern.[31] Pahu und andere wertvolle Gegenstände aus Holz wurden früher mit pā’ele, einer Mischung von Ruß mit pflanzlichen Ölen, eingerieben.
Grundsätzlich hat sich an der Form heutiger pahu nichts geändert, der Korpus wird allerdings maschinell angefertigt und die Gestaltung der durchbrochenen Sockelzone richtet sich nach den individuellen Vorstellungen der Hersteller. Als Material für den Korpus kommt neben Palmholz auch das weiche Holz der Amerikanischen Linde (Tilia americana, englisch basswood) zum Einsatz und als Membran wird Rindshaut verwendet. Es werden Größen zwischen 30 und 100 Zentimetern Länge und mit Durchmessern zwischen 20 und 60 Zentimetern hergestellt.[32]
Spielweise und kulturelle Bedeutung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Es gab besondere Trommeln, die nur für religiöse Anlässe verwendet und an einem Kultplatz aufbewahrt wurden. Priester oder zu einer ausgewählten erblichen Berufsgruppe gehörende Männer schlugen diese Trommeln an einem für sie reservierten Teil des Tanzplatzes, der für Frauen tabu war. Einige Mythen, etwa von Hawaii und Tahiti, verweisen auf eine Beziehung der heiligen Trommeln zum Königtum.[33] Paul Collaer (1974) erkennt in der Gestaltung der Sockelzone abstrahierte menschliche Beine und bemerkt, dass bei Trommeln verbreitete anthropomorphe Gestaltungen auf einen Ahnenkult hindeuten.[34]
Hawaii
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Die pahu produziert einen tiefen und weit hörbaren Ton, wie die Legende von ihrer Ankunft auf Hawaii bereits hervorhebt. Die nach der Überlieferung aus Tahiti von La’amaikahiki mitgebrachte erste Trommel war ein heiliges Musikinstrument, das folgerichtig zunächst nur in einem Tempel (heiau) der damaligen hawaiischen Religion eingesetzt wurde. Mit der durch die christliche Missionierung ab Anfang des 19. Jahrhunderts bewirkten Verdrängung der einheimischen Religion in Polynesien wurden deren Tempel zerstört, die Tänze zur Sünde erklärt und die pahu wurde zu einem nichtöffentlichen Teil der kulturellen Tradition einzelner Familien.[35] So sorgte 1863 der katholische Missionar René-Ildefonse Dordillon in Französisch-Polynesien für ein Gesetz, das traditionellen Liedgesang, das Spiel der Trommeln „auf heidnische Weise“, Tattoos, das Tragen von Pandanus-Halsketten und das Einreiben mit Kokosöl verbot. Da zu Tänzen stets Gesang und häufig Trommeln gehören, waren damit auch alle Tanzaufführungen untersagt.[36] Auf Hawaii überlebte Hula im Untergrund und trat nur gelegentlich zum Ärger der Missionare und ihrer christlichen Anhänger in Erscheinung. In den 1880er Jahren traten die ersten professionellen Hula-Tanzgruppen wieder öffentlich auf. Um diese Zeit, als Musik und Tänze wieder zu einer lebendigen Tradition wurden, begann zugleich deren Veränderung durch fremde Einflüsse.
Europäische und US-amerikanische Kolonisten legten im 19. Jahrhundert Zuckerrohrplantagen mit Hilfe von unter anderem chinesischen, japanischen und philippinischen Arbeitsmigranten an, die alle ihre Musiktraditionen mitbrachten. Allein die japanische Gemeinde machte um 1900 mit 61.000 Mitgliedern rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung aus.[37] Die indigene hawaiische Musiktradition blieb zwar im Kern bestehen, wurde aber in der multikulturellen Gesellschaft über die ethnischen Grenzen hinweg transportiert und angepasst. Durch ein seit den 1970er Jahren wachsendes hawaiisches Nationalbewusstsein behalten die traditionellen hawaiischen Musik- und Tanzaufführungen weiterhin auch für Jugendliche eine kulturelle Bedeutung[38] und die pahu gilt, als ehemalige Ritualtrommel nach wie vor für indigene Hawaiianer als sakrales Instrument.
Die pahu wird nicht mit Stöcken, sondern mit den Fingern oder einer Handfläche geschlagen, um einfache rhythmische Muster zu produzieren. Wenn der Musiker nur eine pahu spielt, steht sie vor ihm auf dem Boden. Üblicherweise schlägt der auf einem Stuhl sitzende Musiker die pahu mit der linken Hand und bedient zugleich auf die stets rechts von der pahu positionierte kleine und höher klingende Kokosnuss- oder Kalebassentrommel puniu, die er sich auf den rechten Oberschenkel gebunden hat. Zum Schlagen der puniu verwendet er eine aus Baumwolle geflochtene dicke feste Kordel (ka), die er in der rechten Hand hält.[39]
Hauptsächlich gebraucht werden pahu für das erzählende choreografierte Tanzgenre hula (auch mele hula), das sich durch seine rhythmische Begleitung von den unbegleiteten reinen Gedichtvorträgen oli eines einzelnen Erzählers oder Sängers unterscheidet. Innerhalb der hula werden mehrere Tanzstile anhand des mehr oder weniger sakralen Charakters der rezitierten poetischen Texte (mele) klassifiziert. Hula pahu („Trommeltänze“) galten früher als die sakralsten Tänze, die sich an die machtvollsten Gottheiten der hawaiischen Religion richteten. Dabei werden die Tänzerinnen von einem oder mehreren Musikern begleitet, die mit einer pahu oder meist mit einer Kombination aus pahu und puniu die poetischen Texte vortragen. Die Melodien der als alt geltenden hula, die in kommerziellen Tonaufzeichnungen seit Mitte der 1930er Jahre zu hören sind, verwenden überwiegend das Intervall einer kleinen Terz, Tonaufnahmen aus dem 1920er Jahren enthalten darüber hinaus auch Melodien mit einem Tonumfang von etwa fünf Ganztönen.[40] Die rhythmischen Strukturen basieren auf dem Wechsel von hoch tönenden Schlägen der puniu und tiefen Schlägen der pahu.

Ein weiterer, auf eine alte Tradition zurückgehender Hula-Stil ist hula ’āla’apapa,[41] der zu Ehren der Ahnenreihe der mächtigen Häuptlinge (aliʻi), die nach den Glaubensvorstellungen direkt von den Göttern abstammen sollten, aufgeführt wurde. Die auf dem Boden sitzenden Erzähler werden von einem ipu hula („Tanz-Kalebasse“) genannten Idiophon begleitet, das aus zwei zu einer Sanduhrform verbundenen Kalebassen besteht, die der Musiker wie ein Stampfrohr auf den Boden stößt oder mit den Händen schlägt. Der Musiker konnte auch mit der linken Hand das ipu halten und mit der rechten Hand die daneben stehende pahu schlagen.[42]
Weitere Musikinstrumente zur Begleitung anderer Tänze waren früher unter anderem der einsaitige Mundbogen ‘ūkēkē und die Nasenflöte ‘ohe hano ihu. Mit der Annexion Hawaiis durch die Vereinigten Staaten 1898 wurden unter dem Einfluss europäischer Musik pahu und ipu hula durch die spanische Gitarre und die portugiesische Ukulele zur Begleitung von Tänzen ersetzt. Christliche Missionare setzten außerdem Änderungen bei den Kostümen der Tänzerinnen durch.[43]
Die in der Zeit vor der Christianisierung aufgeführten hula waren rituelle Körperbewegungen von Priestern (kahuna), die diverse heilige Kleidungsstücke und Gegenstände trugen. Diese hula gehörten zu Zeremonien an Tempelplätzen und waren mit vorgetragenen Erzählungen und den Trommelschlägen der pahu zu einem Ritualtheater verbunden. Mit der Wiederbelebung und Erneuerung von hula ab Ende des 19. Jahrhunderts entstand das Genre hula pahu als ein identitätsstiftendes Ritual und Symbol der hawaiischen kulturellen Tradition. Der heutige Unterhaltungstanz enthält Elemente der religiös-rituellen Bewegungen, die sich in manchen Choreografien erkennen lassen.[44]
Marquesas
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Auf den Marquesas gehörten Schneckenhörner pu und Trommeln pahu zu zahlreichen Ritualen und gesellschaftlichen Anlässen. Ihre daran ablesbare kulturelle Bedeutung tritt auch in den Überlieferungen hervor. Einige alte marquesanische Erzählungen (ha’akakai) beschreiben die Bedeutung von Musikinstrumenten. So heißt es in einer Legende über den polynesischen Gott (atua) des Meeres, der auf den Marquesas Tana’oa genannt wurde (und dem Gott Tangaroa der Maori entspricht), es gäbe vier Dinge von Wert („Kostbarkeiten“): Stab, Trommel, Fächer und Schneckenhorn („Blasmuschel“). In dieser Legende erhält die Trommel den Eigennamen Taa-Toti („Hier sind die Schätze, es ist die Trommel Taa-Toti.“)[45] und in einer anderen Legende wird das Schneckenhorn als Takahatu angesprochen. Wertvollen Musikinstrumenten einen Personennamen zu geben, ist auch auf anderen ostpolynesischen Inseln Brauch, bis heute etwa auf den Cookinseln, Hawaii und den Gesellschaftsinseln.[46] In der Aufzählung der ungehörigen Dinge, die ein Mann namens Kae in der gleichnamigen Erzählung anstellt, heißt es abschließend: „… er schlägt schließlich gar die große Festtrommel.“ Daraufhin wird er gefangen genommen und in eine Grube geworfen, um gebraten zu werden, ist die Konsequenz der Geschichte.[47]
Die in Ostpolynesien allgemein früher als sakral aufgefassten geflochtenen Fasern Sennit (’aha) dienten in vielen Bereichen als konstruktive Verbinder und zugleich als Dekoration. In den im Jahr 1850 festgehaltenen Anmerkungen in einem Tahitianisch-Englisch-Wörterbuch werden ’aha pahu als eine für Trommler heilige Verschnürungsmethode erwähnt, um die Membran am Korpus zu verspannen.
Aus dem Bericht des englischen Missionars William Pascoe Crook von 1799 geht hervor, dass zwei Trommelgrößen für religiöse Zeremonien verwendet wurden. Die Ritualtrommeln wurden demnach mit der Handfläche auf die Membran und mit dem Handballen auf die Kante geschlagen: die große Trommel mit einer gleichbleibenden Schlagfolge oder mit einer Unterbrechung nach zwei oder drei Schlägen. Die kleinere Trommel füllte mit gleichbleibend schnelleren Schlägen die Zwischenzeiten.[48]
Die dritte Gruppe von Trommeln, die Crook von den Ritualtrommeln unterscheidet, wurde bei weltlichen Feiern (ko’ina) der Dorfgemeinschaften gebraucht. Dazu gehörten Erntedankfeiern und Veranstaltungen für soziale Begegnungen. Bei den größten ko’ina kamen Crook zufolge bis zu 10.000 Menschen von mehreren Inseln zusammen.[49]
Der französische Missionar Père Chaulet (1830–1912), der von 1858 bis zu seinem Tod auf den Marquesas lebte, hielt detailliert die zu seiner Zeit verschwindenden Glaubensvorstellungen der polynesischen Religion auf den Marquesas fest. Dazu gehört die Beschreibung verschiedener Gottheiten, die mit Musikinstrumenten zu tun haben:
- Ateoma und Ihutaaiheko erteilten Unterricht, wie die Trommeln ausgehöhlt werden sollen.
- Aitoka verstand es zu flechten und Ornamente für die Trommel und anderes herzustellen.
- Hipaki war der Gott der Trommler (utu pahu) und der Trommelhersteller.
- Puhatiivovi war der Gott der Dekoration, einschließlich der Ausschmückung der Tempeltrommeln mit Rindenstoff (tapa) und Flechtbändern (Sennit).
- Tukitia und Huki werden als etua no te tuki pahu („Götter für das Schlagen der Trommel“) beschrieben.
Die Götter kümmerten sich nicht nur um die fertige Trommel als Ritualobjekt, sondern begleiteten auch die handwerklichen Aspekte ihrer Herstellung, denn die vorgestellte Wirkmacht (mana) eines Ritualobjekts wird wesentlich durch die Art seiner Herstellung beeinflusst, also durch die Macht, die der Handwerker mit ritualisierten Arbeitsabläufen dem anzufertigenden Gegenstand beigibt. Ferner bestimmten die Götter das Spiel und den erzeugten Klang der Trommel. Ein Selbstzweck war das Trommelspiel nicht, es ist auch nicht bekannt, dass es früher andere instrumentale Musik gab. Trommeln hatten immer die Funktion, bestimmte Gesänge und Tänze zu begleiten.[50]
Die Bewohner der Marquesas glauben wie andere Polynesier, dass einige ihrer Musikinstrumente in Klänge übertragene Sprache verständlich übermitteln können. Zur Kategorie der „sprechenden Musikinstrumente“ gehören ita’apu (Mundbogen), pa hakahau (Einfachrohrblattinstrument aus Bambus), poikohe (Bambusnasenflöte), vivo (Bambuslängsflöte), pa’akau (Holztrompete), tioro (Bambusrahmenmaultrommel) und pahu. Bei der Begleitung von Liedern und Tänzen stand die pahu seit jeher in engem Bezug zur gesprochenen Sprache. In Wörterbüchern und Reiseberichten vom 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts sind zahlreiche Wörter gelistet, mit denen Trommelklänge (tani, „Klang, Schrei, Ruf“) bezeichnet wurden. Allein in René-Ildefonse Dordillons Wörterbuch von 1904[51] sind 13 Wörter aufgeführt, die „Klang der Trommel“ bedeuten. Die Ende des 20. Jahrhunderts bei einigen Musikern noch bekannten Klangbezeichnungen könnten für den damaligen Trommelunterricht gebraucht worden sein. Ein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lebender Trommler namens Tame war für seine Fähigkeit legendär, einen blinden Tänzer mit seinen Trommelschlägen dirigieren zu können. Das Wissen über die sprachlichen Zuordnungen von Trommelschlägen ist verlorengegangen. Die Musikethnologin Jane Freeman Moulin konnte ab den 1980er Jahren einige Rhythmusmuster den Bezeichnungen in Dordillons Wörterbuch zuordnen. Aus der Reihung dieser Wörter entstanden längere rhythmische Einheiten.[52]
Zweifellige Trommeln
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Spätestens seit den 1880er Jahren werden auf den Marquesas wie auf anderen polynesischen Inseln nach europäischen Vorbildern auch zweifellige Zylindertrommeln verwendet, die mit zwei Stöcken oder mit einem weichen Schlägel geschlagen werden. In manchen von Tahiti beeinflussten Musikstilen werden auf den Marquesas tariparau oder ta’iparau genannte Basstrommeln zusammen mit einer kleinen einfelligen Trommel fa’atete, die mit zwei Stöcken geschlagen wird, und mit Schlitztrommeln to’ere gespielt. Von einem Tal auf der Insel Hiva Oa ist außerdem eine Rahmentrommel bekannt.[53]
Auf der zu den nördlichen Cookinseln gehörenden Insel Pukapuka haben die moderne Basstrommel pau und die mit Ziegenfell bespannte Trommel tangipalau die einfellige payu ersetzt. Die pau begleitet den Trommeltanz ula pau, bei dem die Teilnehmer in Nachahmung europäischer Militärparaden in Zweierreihen auftreten.[54]
Trommelensembles begleiten auf den südlichen Cookinseln den Trommeltanz ‘ura pa‘u[55] mit mehreren Schlitztrommeln (pātē oder tōkere oder ōve), zweifelligen, mit Haifischhaut bespannten Trommeln pa‘u und kleinen einfelligen, mit Ziegenhaut bespannten Trommeln pa‘u mango. Hinzu kommt als Idiophon ein Ölkanister (tini) oder heute häufiger eine kleine, hoch tönende Schlitztrommel tini-tōkere.[56]
Ein ähnliches Trommelensemble auf Tahiti besteht aus mehreren senkrecht stehenden Schlitztrommeln tō‘ere, die die rhythmische Struktur vorgeben, einer einfelligen, mit zwei Stöcken geschlagenen Standtrommel fa‘atete, deren Schläge zwischen den Rhythmus der Schlitztrommeln fallen, einer einfelligen, mit den Händen geschlagenen Trommel pahu tupa‘i rima und einer zweifelligen Basstrommel tariparau für den Grundschlag. Der Anfang des 20. Jahrhunderts eingeführte Ölkanister (tini) wird nicht mehr verwendet.[57]
Auf Manihiki, einem Atoll der Cookinseln, begleitet ein stets mit männlichen Musikern besetztes Trommelensemble (pupu pahu) den Unterhaltungstanz hupahupa mit der zweifelligen Zylindertrommel pahu matarua, der einfelligen pahu matatahi, der hölzernen Schlitztrommel koriro und einer großen, mit zwei dünnen Stöcken geschlagenen Keksdose tini.[58] Ergänzt wird die Musik von einzelnen Rufen oder seltener Gesang. Ansonsten bestehen die meisten Ensembles aus Gitarre und Ukulele, die fast immer rhythmisch ergänzt werden: meist durch die zweifellige pahu matarua, seltener durch die einfellige Trommel. Hinzu kommt Gesang. Wird mit diesem Ensemble Tanz begleitet, so heißt der sich vom hupahupa unterscheidende Tanzstil kaparima.[59]
Der allgemein mit diesen Ensembles gespielte Trommeltanz interpretiert anders als der hula auf Hawaii keine Erzählungen und entstand vermutlich erst in europäischer Zeit.[60] Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde der in Ostpolynesien weit verbreitete Tanz in westlichen Ländern zu einem Klischee für die Südsee. Weitere Namen für diesen Tanz und seine Varianten sind unter anderem ‘ōte‘a auf Tahiti und upaupa auf Tokelau nordwestlich der Cookinseln. Der Tanzstil gilt als „tahitisch“.[61]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Paul Collaer: Ozeanien. In: Heinrich Besseler, Max Schneider (Hrsg.): Musikgeschichte in Bildern. Band 1: Musikethnologie. Lieferung 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1974
- Nathaniel Bright Emerson: Unwritten Literature of Hawaii. The Sacred Songs of the Hula. Government Printing Office, Washington 1909, Kapitel XII: The Hula Pahu.
- Hans Fischer: Schallgeräte in Ozeanien. Bau und Spieltechnik – Verbreitung und Funktion. (Sammlung musikwissenschaftlicher Abhandlungen, Band 36). Verlag Heitz, Baden-Baden 1958
- Helen Heffron Roberts: Ancient Hawaiian Music. Bulletin 29, Bernice P. Bishop Museum, Honolulu (Hawaii) 1926 (online)
- Adrienne L. Kaeppler, Elizabeth Tatar: Hula Pahu: Hawaiian Drum Dances. 2 Bände: I. Adrienne L. Kaeppler: Ha'a and Hula Pahu: Sacred Movements. II. Elizabeth Tatar: The Pahu: Sounds of Power. (Bishop Museum Bulletin in Anthropology 3) Bishop Museum Press, Honolulu 1992
- Sibyl Marcuse: Musical Instruments: A Comprehensive Dictionary. A complete, autoritative encyclopedia of instruments throughout the world. Country Life Limited, London 1966, S. 390, s. v. „Pahu“
- Jane Freeman Moulin: Gods and Mortals: Understanding Traditional Function and Usage in Marquesan Musical Instruments. In: The Journal of the Polynesian Society, Band 106, Nr. 3, September 1997, S. 250–283
- Jane Freeman Moulin: Kaputuhe: Exploring Word-Based Performance on Marquesan Musical Instruments. In: The Galpin Society Journal, Band 55, April 2002, S. 130–160
Diskografie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Hawaiian Drum Dance Chants: Sounds of Power in Time. Smithsonian/Folkways SF 40015. CD mit historischen Aufnahmen zusammengestellt von Elizabeth Tatar, 1989
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Hawaiian „Pahu“ Drum. Smithsonian Music (Hawaii, vor 1885)
- Pahu Hula (drum). In: Metropolitan Museum of Art (Hawaii, 19. Jahrhundert. Alte Form der direkten Verschnürung)
- Drum (pahu Hula) ( vom 19. Oktober 2015 im Internet Archive) The British Museum (Hawaii, 18. Jahrhundert. Alte Verschnürung und anthropomorphe Sockelzone, typische Figuren mit nach außen gerichteten angewinkelten Knien)
- Pahu pai-okaili-mano, pahu hula. In: Staatliche Museen zu Berlin (Hawaii, vor 1886. Angekauft von Eduard Arning)
- Hula pahu – The Sacred Dances: Maluaki`iwaikealoha. Youtube-Video (Bühnenaufführung eines hula pahu als Sitztanz mit mehreren Standtrommeln pahu und einem Paar Stampfrohre. Die Tänzerinnen spielen die kleine Kalebassentrommel puniu.)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Margaret J. Kartomi, Andrew C. McGraw: Fodrahi. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Band 2, Oxford University Press, Oxford/New York 2014, S. 339
- ↑ Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. Zugleich eine Einführung in die Instrumentenkunde. (Handbücher der Staatlichen Museen zu Berlin) 2. Auflage. Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter, Berlin/Leipzig 1923; Nachdruck: Olms, Hildesheim 1983, S. 68
- ↑ Curt Sachs: Geist und Werden der Musikinstrumente. Reimer, Berlin 1928 (Nachdruck: Frits A. M. Knuf, Hilversum 1965), S. 38f, 58
- ↑ Raymond F. Kennedy: Music of Oceania. In: Music Educators Journal, Band 59, Nr. 2 (Music in World Cultures), Oktober 1972, S. 59–72, hier S. 61
- ↑ Mervyn Mclean: Towards the Differentiation of Music Areas in Oceania. In: Anthropos, Band 74, Heft 5/6, 1979, S. 717–736, hier S. 719
- ↑ Hans Fischer, 1958, S. 30f, 35
- ↑ Curt Sachs, 1928, S. 58f
- ↑ Charles Wilkes: Narrative of the United States exploring expedition: during the years 1838, 1839, 1840, 1841, 1842. Band 5. Lea Blanchard, Philadelphia 1845, S. 16
- ↑ Te Rangi Hīroa: Samoan Material Culture. Bulletin 75, Bernice P. Bishop Museum, Honolulu (Hawaii) 1930, S. 578
- ↑ John B. Stairs: Old Samoa, or, Flotsam and Jetsam from the Pacific Ocean. Religious Tract Society, London 1897; Nachdruck: R. McMillan, Papakura (Neuseeland) 1983 (Frontispiz)
- ↑ George Pratt: A Grammar and Dictionary of the Samoan Language: with English and Samoan Vocabulary. 1. Auflage, The London Missionary Society, London 1862; 3. Auflage 1893; 4. Auflage: Malua Printing Press, Malua 1911, S. 53
- ↑ Richard Moyle: Samoan Musical Instruments. In: Ethnomusicology, Band 18, Nr. 1, Januar 1974, S. 57–74, hier S. 69
- ↑ Hans Fischer, 1958, S. 34
- ↑ Johannes C. Andersen: Maori Music with its Polynesian Background. Lieferung 6. In: The Journal of the Polynesian Society, Band 42, Nr. 2, Juni 1933, S. 197
- ↑ Johannes C. Andersen: Maori Music with its Polynesian Background. Lieferung 5. In: The Journal of the Polynesian Society, Band 42, Nr. 1, März 1933, S. 163
- ↑ pahu. In: Hawaiian Dictionaries.
- ↑ Migration, colonisation and Polynesian-settlement of Aotearoa. University of Otago
- ↑ Vgl. I. W. Keyes: The Ngatimamoe: The Western Polynesian-Melanesoid sub-culture in New Zealand. In: The Journal of the Polynesian Society, Band 76, Nr. 1, März 1967, S. 47–75
- ↑ Pierre Bataillon: Langue d'Uvea ( Wallis). Grammaire, dictionnaire uvea-français, dictionnaire français-uvea-anglais. Librairie Orientaliste Paul Geuthner, Paris 1932, pahu: „bruit sonore“ (verfasst 1840)
- ↑ Hans Fischer, 1958, S. 32
- ↑ Curt Sachs, 1928, S. 59
- ↑ Orme Johnson: Musical Instruments of Ancient Hawaii. In: The Musical Quarterly, Band 25, Nr. 4, Oktober 1939, S. 498–506, hier S. 502f
- ↑ Helen Heffron Roberts, 1926, S. 49
- ↑ Adrienne L. Kaeppler: Polynesian music, Captain Cook, and the Romantic movement in Europe. In: Music Educators Journal, Band 65, Nr. 3, 1978, S. 54–60, hier S. 60
- ↑ Hans Fischer, 1958, S. 34f
- ↑ Johannes Dietrich Eduard Schmeltz, Robert Krause: Die ethnographisch-anthropologische Abtheilung des Museum Godeffroy in Hamburg. Friederichsen, Hamburg 1881, S. 248 (Digitalisat der Österreichischen Nationalbibliothek)
- ↑ Jane Freeman Moulin, 1997, S. 264
- ↑ Tiki ivi poo. Humboldt Forum
- ↑ Jane Freeman Moulin, 1997, S. 256f
- ↑ Candace Kaleimamoowahinekapu Galla, Louise Janet Leiola Aquino Galla, Dennis Kana’e Keawe, Larry Lindsey Kimura: Perpetuating Hula. In: Pacific Arts, Band 14, Nr. 1/2, 2015, S. 129–140, hier S. 134
- ↑ Nathaniel Bright Emerson: Unwritten Literature of Hawaii: The Sacred Songs of the Hula. Bureau of American Ethnology, Washington, D.C. 1909, Kapitel XXI: The Music and Musical Instruments of the Hawaiians, S. 141
- ↑ Hawaiian Pahu. pasifikadrums.com
- ↑ Hans Fischer, 1958, S. 35
- ↑ Paul Collaer, 1974, S. 134
- ↑ Fern Gavelek: Crafting the Sacred Pahu Drum. In: Ke Ola. Hawai’is Island's Community Magazine, März–April 2010
- ↑ Jane Freeman Moulin: Chants of Power: Countering Hegemony in the Marquesas Islands. In: Yearbook for Traditional Music, Band 26, 1994, S. 1–19, hier S. 5
- ↑ Adrienne L. Kaeppler: Acculturation in Hawaiian Dance. In: Yearbook of the International Folk Music Council, Band 4, 1972, S. 38–46, hier S. 41
- ↑ Amy Ku’Uleialoha Stillman: Hawaii. In: Grove Music Online, 31. Januar 2014
- ↑ Hawaiian Artist – Pahu Drum. Youtube-Video; Nathaniel Bright Emerson, 1909, S. 142
- ↑ Amy Ku’uleialoha Stillman: Sound Evidence: Conceptual Stability, Social Maintenance and Changing Performance Practices in Modern Hawaiian Hula Songs. In: The World of Music, Band 38, Nr. 2 (Historical Performance Practices Across the Pacific), 1996, S. 5–21, hier S. 13
- ↑ Amy Ku’Uleialoha Stillman: Hula ‘Āla‘apapa —–an introduction. Hawaiian Music and Hula: The Writings, 23. August 2009
- ↑ Amy Ku‘Uleialoha Stillman: Hawaii. 1. Indigenous native Hawaiian performance. In: Grove Music Online, 31. Januar 2014
- ↑ Philippa Pollenz: Changes in the Form and Function of Hawaiian Hulas. In: American Anthropologist, Band 52, Nr. 2, April–Juni 1950, S. 225–234, hier S. 227, 229
- ↑ Adrienne L. Kaeppler: Recycling Tradition: A Hawaiian Case Study. In: Dance Chronicle, Band 27, Nr. 3, 2004, S. 293–311, hier S. 297, 300f
- ↑ Karl von den Steinen: Marquesanische Mythen. (Fortsetzung). In: Zeitschrift für Ethnologie, Band 66, Heft 1/3, 1934, S. 191–240, hier S. 225
- ↑ Jane Freeman Moulin, 1997, S. 255
- ↑ Karl von den Steinen: Marquesanische Mythen. In: Zeitschrift für Ethnologie, Band 65, Heft 4/6, 1933, S. 326–373, hier S. 359
- ↑ Jane Freeman Moulin, 1997, S. 264f
- ↑ Jane Freeman Moulin: Chants of Power: Countering Hegemony in the Marquesas Islands. In: Yearbook for Traditional Music, Band 26, 1994, S. 1–19, hier S. 10
- ↑ Jane Freeman Moulin, 1997, S. 267–269.
- ↑ René-Ildefonse Dordillon: Grammaire et dictioninairde e la langue des îles Marquises. 2 Bände. Imprimerie Belin Frères, Paris 1904
- ↑ Jane Freeman Moulin, 2002, S. 135, 148, 152–155
- ↑ Jane Freeman Moulin, 2002, S. 148
- ↑ Kevin Salisbury: Polynesia. II. Eastern Polynesia. 1. Cook Islands. (i) Northern. (a) Pukapuka. In: Grove Music Online, 2001
- ↑ Vgl. Te Kuki ‘Airani. The Cook Islands: Songs, Rhythms and Dances. Ethnic Series. Pan Records. PAN-2099-CD. Feldaufnahmen von Ad und Lucia Linkels, 1998, Titel 16: ‘Ura Pa‘u, Titel 19: Das Cook Islands Drum Orchestra spielt mit zwölf Schlitztrommeln und drei Membrantrommeln.
- ↑ Mervyn Mclean: Polynesia. II. Eastern Polynesia. 1. Cook Islands. (ii) Southern. (b) Instruments. In: Grove Music Online, 2001
- ↑ Amy K. Stillman: Polynesia. II. Eastern Polynesia. 3. French Polynesia. (i) Society Islands. In: Grove Music Online, 2001
- ↑ Tini ist von englisch tin („Blech, Blechdose“) abgeleitet. Die „Keksdose“ (cabin bread tin) entspricht von der Größe einem Fünf-Liter-Ölkanister. Der Kanister liegt häufig auf einem Gestell waagrecht vor dem Musiker, der ihn mit zwei dünnen Stöcken schlägt, und klingt ähnlich wie eine kleine Trommel.
- ↑ Helen Reeves Lawrence. The Material Culture of Music Performance on Manihiki. In: Jukka Siikala (Hrsg.): Culture and History in the Pacific. (1990) Helsinki University Press, Helsinki 2021, S. 217–232, hier S. 218f
- ↑ Adrienne L. Kaeppler: Polynesia. I. Introduction. 3. Dance. In: Grove Music Online, 2001
- ↑ Helen Reeves Lawrence: Is the „Tahitian“ Drum Dance Really Tahitian? Re-Evaluating the Evidence for the Origins of Contemporary Polynesian Drum Dance. In: Yearbook for Traditional Music, Band 24, 1992, S. 126–137, hier S. 129–131